Einmal jährlich findet in der Strafvollzugsanstalt Bostadel ein Konzert für Gefangene statt. Das stösst bei einigen Kantonsräten auf Unverständnis. (Bild: wia)
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Einmal jährlich findet in der Strafvollzugsanstalt Bostadel ein Konzert für Gefangene statt. Das stösst bei einigen Kantonsräten auf Unverständnis. (Bild: wia)

«Kuscheljustiz»: Politiker kritisieren Konzerte in Zuger Strafanstalt

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Seit zehn Jahren findet in der Zuger Strafanstalt Bostadel alljährlich ein Konzert für die Gefangenen statt. Drei bürgerliche Politiker finden: Geht überhaupt nicht! Sie drohen, sich gegen solche Veranstaltungen einzusetzen.

Während der letzten zehn Jahre wurde in der Strafanstalt Bostadel je ein Konzert anlässlich der Weihnachts-Jahresendfeier durchgeführt. Dies bestätigt der Zuger Regierungsrat aufgrund einer kleinen Anfrage der drei Parlamentarier Pirmin Andermatt (CVP), Florian Weber (FDP) und Beni Riedi (SVP).

Riedi ist erzürnt: «In einer solchen Anstalt sind Schwerverbrecher inhaftiert. Deshalb finde ich, dass dort auch ein entsprechender Entzug solcher Unterhaltungsmöglichkeiten stattfinden sollte», sagt er. Und ergänzt: «Für die Opfer und deren Angehörige ist das ein regelrechter Affront. Stellen Sie sich vor, die Eltern einer ermordeten Tochter lesen in den Medien, dass der Mörder ihrer Tochter ein Konzert aufgrund eines wohltätigen Anlasses geniesst und dies mit freundlicher Unterstützung der Kantone Zug und Basel-Stadt. Kein Wunder, hört man im Volksmund immer wieder den Ausdruck ‹Kuscheljustiz›.»

Die Lottospieler zahlen für Häftlingskonzerte

Konkret betrugen die Kosten laut Zuger Regierung jeweils 2’000 bis 2’800 Franken. «Diese wurden aus dem Insassenfonds bezahlt, welcher durch Bussgelder der Gefangenen geäufnet wird.» Auch seien durch die Anlässe keine zusätzlichen Personalkosten entstanden, beteuert der Regierungsrat in seiner Antwort. Aber, und dies ist ein weiterer Kritikgrund für Riedi, seien die Konzerte in den letzten zwei Jahren im Rahmen der Baloise Session durchgeführt worden. Deren Finanzierung erfolgte also laut Zuger Exekutive «im Rahmen eines wohltätigen Unterstützungsprojekts des Swisslos-Fonds Basel-Stadt».

«Wenn man Schwerkriminelle einsperrt, dann soll man sie nicht noch unterhalten.»

Beni Riedi, Zuger SVP-Kantonsrat

«Das heisst im Prinzip, dass Leute, die in Basel-Stadt Lotto spielen, diese Konzerte für Schwerverbrecher mitfinanzieren», so Riedi. Das heisst aber auch, dass der Kanton Zug, welchen der SVP-Politiker in seinem Amt ja vertreten muss, finanziell gar nicht involviert ist. «Mir geht’s nicht primär ums Finanzielle», sagt der SVP-Mann.

«Wenn man Schwerkriminelle einsperrt, dann soll man sie nicht noch unterhalten.» Ebenfalls bedenklich findet Riedi die Kommunikationsstrategie des Kantons. So habe dieser vor einigen Jahren zum ersten Mal eine Mitteilung veröffentlicht, dass ein solches Konzert stattfinde. «Alle weiteren Male hat man diese Veranstaltungen quasi im Geheimen durchgeführt. Es kam erst durch unsere Anfrage ans Licht, dass es diese Konzerte schon seit zehn Jahren gibt», so Riedi.  

Mit den Konzerten soll das soziale Verhalten gefördert werden

Grund für die alljährlichen Konzerte sei laut Regierungsrat, dass es im Strafvollzug gemäss Strafgesetzbuch darum gehe, das soziale Verhalten des Gefangenen zu fördern, insbesondere auch die Fähigkeit, straffrei zu leben.

«Der Strafvollzug hat den allgemeinen Lebensverhältnissen so weit als möglich zu entsprechen, die Betreuung der Gefangenen zu gewährleisten, schädlichen Folgen des Freiheitsentzugs entgegenzuwirken und dem Schutz der Allgemeinheit, des Vollzugspersonals und der Mitgefangenen angemessen Rechnung zu tragen», schreibt die Regierung. Kulturelle Angebote wie dieses seien in sämtlichen Straf- und Justizvollzugsanstalten, die einem der drei Strafvollzugskonkordate angehören, gängig.

Fast wie in der Welt da draussen

Patrick Zobrist ist Dozent für Soziale Arbeit an der Hochschule Luzern und Experte in Sachen Strafvollzug. Er stützt die Antwort des Regierungsrats: «Schon lange ist es Usus, dass der Strafvollzug so ausgestaltet ist, wie es den allgemeinen Lebensverhältnissen – also der Welt draussen – entspricht. Bereits vor hundert Jahren hat man nämlich gemerkt, dass eine isolierte Strafe bei Wasser und Brot nichts bringt», so Zobrist.

«Durch Monotonie entstehen erwiesenermassen mehr Konfliktsituationen. Sowohl unter den Gefangenen als auch mit dem Personal.»

Patrick Zobrist, Strafvollzugsexperte

Dass man heute versuche, eine Art Normalität in den Alltag der Gefangenen hineinzubringen, habe gute Gründe: «Für viele Leute ist der Strafvollzug eine grosse Stresssituation. Eine gewisse Normalität verhindert, dass Menschen psychisch völlig dekompensieren, sprich aggressiv oder suizidal werden.» Und er betont: «Durch Monotonie entstehen erwiesenermassen mehr Konfliktsituationen. Sowohl unter den Gefangenen als auch mit dem Personal. Solche Aktivitäten führen zu Abwechslung, was sich wiederum positiv auf die Stimmung auswirkt. Und dies reduziert Gewaltvorfälle.»

Zobrist betont: «Es geht bei einer Haftstrafe nicht darum, dafür zu sorgen, dass es den Menschen schlecht geht. Vielmehr werden ihre Handlungsspielräume eingeschränkt. Im Gefängnis sollen Straftäter ihr Leben wieder auf die Reihe bringen, lernen, sich an Regeln zu halten, und sich letztlich wieder auf ein Leben in Freiheit vorbereiten.»

Konzerte in Gefängnissen sind nichts Neues. 1968 trat der Sänger Johnny Cash im kalifornischen Folsom Prison auf:

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