Die grosse Halle in der Mall of Switzerland. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
Gesellschaft

Die grosse Halle in der Mall of Switzerland. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

zentralplus-Leser testen den neuen Konsumtempel

9min Lesezeit

Mit Pauken und Trompeten wurde diesen Mittwochmorgen die Mall of Switzerland eröffnet. Ein Team aus Redaktion und Lesern von zentralplus hat sie bereits am ersten Tag getestet. Schnell wird klar: Hier wird eine ganz bestimmte Klientel angesprochen.

Hier steht sie, eingeklemmt zwischen dem Autobahnzubringer Rontal, der Eisenbahn und Industriegebäuden: die neue Kathedrale der Innerschweiz.

Träume und Wünsche sollen hier in Erfüllung gehen. Grosse Versprechen wurden auf den Innerschweizer Plakatwänden gemacht. Für mich, für dich, ja eigentlich für jeden. Egal ob aus der Zentralschweiz, der Ostschweiz oder von ennet der Berge. Die «Mall of Switzerland». «Diini Mall».

Voller Erwartungen stürzen wir uns am Mittwochmorgen ins Getümmel. Wir, das sind die zentralplus-Leser Hatice Avci und Simon Peter sowie Reporter Claudio Birnstiel.

Die Zentralplus-Leser Simon Peter (links) und Hatice Avci. In der Mitte Claudio Birnstiel von zentralplus.
Die zentralplus-Leser Simon Peter (links) und Hatice Avci. In der Mitte Claudio Birnstiel von zentralplus. (Bild: Mall of Switzerland)

Der Andrang ist an diesem Morgen ziemlich gross. Und das mitten in der Woche. Der Eingangsbereich wirkt einladend. Man wähnt sich in einer Hotellobby mit Fauteuils und Bartischen. Daneben die «Reception», die mit Servicepoint angeschrieben ist. «Hier würde ich glatt mit meinen ausländischen Freunden herkommen», sagt Hatice Avci. «Die ersten Eindrücke sind super.»

Zeit, um gemütlich anzukommen, scheint aber niemand wirklich zu haben. Alle stürmen sie die Rolltreppen, die zur grossen Halle führen. Um sie herum sind zahlreiche Geschäfte angesiedelt. Das lange Warten hat ein Ende. Die Erlösung scheint endlich zum Greifen nah.

Für die Eröffnung rausgeputzt

Aus den Geschäften dringt Musik. Einige Läden haben eigens für die Eröffnungstage DJs engagiert. Diese sollen bis Samstag in den Geschäften für zusätzliche Konsumstimmung sorgen, wie man uns sagt. Die mehrheitlich jungen Besucher/innen rennen mit Smartphones und Selfiesticks durch die grossen Hallen.

Fast an jeder Ecke gibt es eine neue Attraktion. Selbstverständlich fast alles elektronisch und nicht nur für die Eröffnungstage gedacht. Es flimmert und leuchtet auf den Bildschirmen, es dröhnt aus den Lautsprechern.

Eine der vielen Attraktionen.
Eine der vielen Attraktionen. (Bild: bic)

Die Angestellten vor den Geschäften werden ihre Schnäppchenangebote rasch los. Schon bald sammelt sich bei uns ein ganzer Haufen von Rabattgutscheinen und Gratismüsterchen. Die Leute stehen Schlange vor den Glücksrädern. Man wähnt sich zwischenzeitlich tatsächlich in einer Kathedrale, wo gerade die Hostien verteilt werden. 

Angebote vor allem für Junge

Doch von Andächtigkeit keine Spur. Die Hallen und Gänge sind am Eröffnungstag ein Tollhaus. «Die Mall tut der konservativen Zentralschweiz gut», sagt zentralplus-Leserin Hatice Avci, die uns begleitet. «Die Schweiz macht mit der Mall endlich einen Schritt nach vorne», zeigt sie sich erfreut. In anderen Ländern seien solche Angebote längst normal.

«Früher musste ich dafür ins Ausland fahren. Jetzt gibt es die Angebote endlich vor der Haustür.»

Hatice Avci, zentralplus-Leserin

Es gebe in diesem Tempel Geschäfte, die man in der Schweiz sonst kaum sehe, sagt Hatice Avci. Besonders erfreut sie sich an Läden wie New Yorker oder Metro. Gerade für Teenager und junge Erwachsene seien diese super, sagt sie. Denn sie würden in der Innerschweiz fehlen.

Eine DJane in einem Kleidergeschäft.
Eine DJane in einem Kleidergeschäft. (Bild: bic)

«Früher musste ich dafür ins Ausland fahren. Jetzt gibt es die Angebote endlich vor der Haustür», führt sie aus. Ein Versprechen für die Zukunft und die kommenden Generationen also?

Der Selfiestick in der Kabine

Doch nicht nur die Produkte scheinen auf die Jungen ausgerichtet zu sein. Ein Beispiel dafür ist der in einer Kabine fix montierte Selfiestick. Das Smartphone eingespannt, kann man die gerade gekauften Klamotten umgehend zum Beispiel auf Instagram zur Schau stellen.

Dafür werden Sujets auf die Wände projiziert. Auswählen kann man Hintergründe wie die Copa Cabana, den Big Ben oder die Brooklyn Bridge. Selbstverständlich per iPad.

Der fix montierte Selfiestick.
Der fix montierte Selfiestick. (Bild: bic)

Leserin Hatice Avci auf der Brooklyn Bridge.
Leserin Hatice Avci auf der Brooklyn Bridge. (Bild: bic)

Viele Branchen vertreten

zentralplus-Leser Simon Peter, der uns ebenfalls begleitet, fällt auf, dass einzelne Marken, die sonst im Gewirr von «normalen» Geschäften untergehen, hier mit eigenen Läden präsent sind. Das Angebot scheint wirklich fast unendlich zu sein.

«Hier kann man sogar mit einem Mann shoppen gehen.»

Hatice Avci, zentralplus-Leserin

So gibt es in der neuen Konsumkathedrale neben Kosmetikstudios und Modegeschäften genauso einen Drogeriemarkt, einen Spirituosenladen, menschliches Kraftfutter, Elektronikgeschäfte, Reisebüros und eine Ausstellung von Tesla. Dies fällt auch unserer Leserin sofort auf. «Hier kann man sogar mit einem Mann shoppen gehen», sagt sie lachend. Ein Ort für alle eben.

«Modernstes Wegweisersystem»

Eher zurückhaltend wirkt Simon Peter. Vor allem fallen ihm neben den unzähligen Angeboten auch Defizite auf. «Es fehlen die Wegweiser und Hinweisschilder», moniert er. Man fühle sich teilweise ziemlich verloren. Tatsächlich finden wir auf keinem der zahlreichen grossen Bildschirme oder sonst irgendwo einen Lageplan.

Als wir verzweifelt die einzige Apotheke und die riesige Migros suchen, die beide etwas abseits vom grossen Trubel einquartiert sind, bekommen wir mehrmals einen papierigen Übersichtsplan in die Hand gedrückt. Viel anfangen können wir damit aber nicht wirklich. Und auch die netten, herausgeputzten Damen, die ihn uns aushändigen, scheinen sich selber noch nicht so wirklich auszukennen.

Auch als wir uns auf den Heimweg machen, finden wir den Wegweiser zur S-Bahn erst kurz vor dem entsprechenden Ausgang. Ziemlich mühsam, sind wir uns einig. Das moderne Wegweisersystem, wie es auf der Homepage der Mall bezeichnet wird, hilft uns spontan nicht wirklich weiter.

Wenige Gastroangebote

Erst als wir uns etwas von den vielen Eindrücken erholen wollen und ein gemütliches Café suchen, fällt auf, dass es davon ziemlich wenige gibt.

Erstaunlich, finden wir, wenn man die Grösse der Mall betrachtet. Zwar gibt es einige Geschäfte, die Waffeln, Glacé oder Ähnliches verkaufen, eine Beiz mit Sitzgelegenheiten, die zum Verweilen einladen, muss man aber gezielt suchen.

Mit ÖV gut erschlossen

Grundsätzlich scheinen es die Betreiber mit der Anbindung an den ÖV aber tatsächlich ernst zu meinen. Vielleicht auch, um die Mall für junge Leute ohne Auto gut erreichbar zu machen. Sie soll ja schliesslich ein Freizeitangebot sein.

Die S-Bahn-Haltestelle ist direkt an die Mall angebunden. Die Bushaltestelle befindet sich gleich vor dem Haupteingang. Sehr praktisch und komfortabel. 

«Mir gefällt die Anbindung an den ÖV.»

Simon Peter, zentralplus-Leser

«In anderen Einkaufszentren geht immer etwas für das Parkhaus drauf», sagt unser Leser Simon Peter. Das ist hier anders. «Mir gefällt die Anbindung an den ÖV», zeigt er sich erfreut.

Apropos ÖV: Sehr exklusiv finden wir auch die Schliessfächer für Jacken und Mäntel, die an verschiedenen Orten der Mall stehen. Mit dem persönlichen Swisspass kann man sie auf- und abschliessen (siehe Video).

«Nur» ein Einkaufszentrum

Zum Schluss sind wir uns einig: Die Mall ist sicherlich einen Ausflug wert. Die Zeit vergeht wie im Flug. Langweilig wird es einem beim ersten Besuch hier sicher nicht, stellen wir fest, als wir bei einem von drei mobilen Fotostudios noch ein Erinnerungsbildchen schiessen lassen.

Doch trotz der zahlreichen Unterhaltungsangebote bleibt es immer noch ein Einkaufszentrum, sagen unsere beiden Leser unisono. Eintritt könnte man dafür nie verlangen, sind sie sich einig.

Wie lange die Euphorie und Goldgräberstimmung wohl anhalten wird, fragen wir uns aber trotzdem. Die Zukunft wird es zeigen.

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