Die neue Rotkreuzer Skyline: Michel Ebinger kann sich damit nicht identifizieren. (Bild: woz)
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Die neue Rotkreuzer Skyline: Michel Ebinger kann sich damit nicht identifizieren. (Bild: woz)

Rotkreuzer Original: «Hier geht die ganze Seele verloren»

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Rotkreuz wächst und wächst. Aus dem ehemaligen Bauerndorf mit Bahnhof wird zunehmend ein grosser Bahnhof – aus Hochhäusern, Fremden und Neubauten. Alles Alte und Identitätsstiftende wird abgerissen. So denkt Michel Ebinger, der ehemalige FDP-Kantonsrat und ein Dorf-Original.

Wolfgang Holz

Er ist kein Wutbürger. Eher ein kritischer, sympathischer Zeitgenosse mit viel Seele. Dorfseele. Denn, was um ihn herum geschieht in seiner Heimat Rotkreuz, dem früheren Kaff mit Bahnhof, macht ihm Sorgen.

«Wir haben hier keine Identität mehr», beklagt der 56-Jährige und meint damit das ungezügelte Wachstum in der mittlerweile auf über 10'000 Einwohner angestiegenen Gemeinde Risch. Genauer gesagt: Rotkreuz. Denn Risch ist ja nur noch historischer Namensgeber der Gemeinde mit vier Teilorten.

Wobei das Fremde eigentlich schon beginnt, wenn Ebinger die Storen in seinem Wohnzimmer zur Seite schiebt und nach draussen schaut. Dort stehen die seit Jahren fertiggestellten Wohnblocks der ersten Phase der Überbauung Lindenmatt. Zuger null-acht-fünfzeh-Architektur, Marke Hasenstall. Gesichtslos. Quadratisch, praktisch, renditeträchtig.

«Die Häuser hier finde ich gut, das ist eine mustergültige Überbauung», sagt Ebinger und kredenzt einen Espresso. «Es hat ja soviel Umschwung rund um die Häuser, ich fühle mich hier wohl. Und auch für Familien und Kinder ist das gut.»

Megamegamega-Blocks in der Lindenmatt

Und was ist mit den anderen Megamegamega-Blocks gleich gegenüber, der Potenzierung von Habitat-Verdichtung à la Züri-West, mit garantiertem Anonymitäts-Faktor? Sprich: Die Lindenmatt-Überbauung der jüngsten Phase?

«Wenn die Gerüste weg sind, sieht das schon viel besser aus», ist Ebinger überzeugt. Ja, was jetzt?! Ist Ebinger ein entwurzelter Wachstumsgegner oder nicht? Der Freisinnige, der das Zuger Attentat vor gut 15 Jahren überlebt hat, vertritt durchaus widersprüchliche Ansichten. Trotzdem bleibt er dabei: Rotkreuz hat seine dörfliche Unschuld verloren. Sein Gesicht. Seine Identität.

Rot, rot, rot: All die modernen Gebäude machen laut Michel Ebinger Rotkreuz nicht gerade heimeliger.
Rot, rot, rot: All die modernen Gebäude machen laut Michel Ebinger Rotkreuz nicht gerade heimeliger. (Bild: woz)

Szenenwechsel. Michel Ebinger lehnt sich, mit rustikalem Filzschlapphut auf dem Kopf, ans Geländer am Rotkreuzer Fussballplatz. Von hier aus kann man die neue Rotkreuzer Skyline jenseits der Bahngleise anglotzen: die Hochhäuser in der Suurstoffi von Novartis & Co. Ganz rechts sieht man das Holzhochhaus der früheren Luzerner Hochschule für Informatik, die nun nach Zug gezogen ist.

«Die neue Hochschule hätte nicht nach Rotkreuz kommen müssen, das bringt wieder viele neue Pendler und Verkehr», sagt Ebinger. Sagts und moniert, dass er, wenn er morgens mit dem Bus 51 am Busbahnhof ankomme, nur noch auf junge, Englisch sprechende Personen treffe. «Das hat mit dörflichen Heimatgefühlen nichts mehr zu tun, wenn nicht einmal mehr Deutsch gesprochen wird.»

«Hier gibt es so gut wie kein altes Rotkreuz mehr.»

Michel Ebinger

Wenige hundert Meter weiter – beim roten Kreuz von Rotkreuz. In der Tempo-20–Schleicher-Zone von Rotkreuz mitten Dorf. Dort, wo früher auch das «Kreuz», jenes Traditionswirtshaus, stand. Und wo sich die Profile bereits wie die Geier um ein weiteres Holzhaus scharen, das dem Abriss geweiht ist. Rundherum erröten die Gebäudefassaden angesichts der kreischenden Tabula-rasa-Modernität in dem früher eher schüchtern und bescheiden auftretenden Eisenbahnerdorf.

«Hier gibt es so gut wie kein altes Rotkreuz mehr», ist Ebinger gefrustet und zeigt auf das gesichtslose Haus schräg gegenüber. «Dort bin ich auf die Welt gekommen», sagt der Rotkreuzer. Besagtes Haus ist natürlich auch schon längst abgerissen worden. «Alles ist nur noch neu, neu, neu. Es geht die ganze Seele verloren.»

Der Forrenkreisel in Rotkreuz: Im Pendlerverkehr täglich überlastet.
Der Forrenkreisel in Rotkreuz: Im Pendlerverkehr täglich überlastet. (Bild: woz)

Und Ebinger ist mit seinem Wachstumsgebruddel noch lange nicht fertig. Szenenwechsel. Der Forren-Kreisel am Ortseingang von Rotkreuz. Dort, wo sich täglich trotz grosszügiger Verkehrsführung und modernsten Umbaus des Autobahnanschlusses Hunderte von Autos stauen, um ins Industriegebiet und vor allem in die Roche-City zu gelangen.

«Die Gemeinde muss endlich aufhören, immer weiter einzuzonen.»

Michel Ebinger

«Das ist eine Stauquelle. Die Gemeinde muss endlich aufhören, immer weiter einzuzonen, wir haben jetzt genügend Firmen und Arbeitsplätze hier», stellt Ebinger klar. Auch müsse man endlich der Tiefsteuerpolitik abschwören.

«Dadurch ist zu viel ungebremstes Wachstum entstanden, dessen Resultate wie teure Mieten und teurer Lebensstandard sich auf Dauer nur noch Reiche leisten können.» Überhaupt sei der ganze Kanton Zug viel zu schnell gewachsen.

Rot, rot, tot? Auch das ehemalige Gemeindehaus steht vor dem Abriss, um neuen Schulraum zu schaffen. Michel Ebinger bedauert dies sehr.
Rot, rot, tot? Auch das ehemalige Gemeindehaus steht vor dem Abriss, um neuen Schulraum zu schaffen. Michel Ebinger bedauert dies sehr. (Bild: woz)

Und doch. Ebinger wäre nicht Ebinger. Wenn er sich zwischendurch auch mal wieder selbst widersprechen würde. Oder eben einfach nur versucht, den Ball flach zu halten. Denn das Dorf ist trotz Tabula rasa eben immer noch ein Dorf. Trotz seiner Wohlstands- und Wachstumskritik am immer unheimeligeren Rotkreuz attestiert er den heimischen Politikern, «im Prinzip alles richtig gemacht zu haben.»

Schöne Ecken und Traditionen in Rotkreuz

Abgesehen davon findet er, dass es in Rotkreuz auch noch recht schöne Ecken und Traditionen hat. «Der Binzmühleweiher und die Gebäude drumherum sind gut erhalten.» Auch die Chilbi, die Bundesfeier und der Dorfmärt seien in Rotkreuz noch erfreuliche Ereignisse.

«Vielleicht sollte man versuchen, diese beiden Welten in Rotkreuz, die alte und die neue, besser miteinander zu vernetzen», könnte sich Michel Ebinger vorstellen. «Und vielleicht müssten eben auch die Vereine auf die Neuzuzüger mehr zugehen.»

Wehmütig wird Ebinger dann wieder, wenn es um das alte Gemeindehaus geht – wo jetzt noch die Ludothek beheimatet ist. Dieses soll ebenfalls abgerissen, um mehr Schulraum für die Oberstufe an der Meierskappler Strasse zu schaffen. Auch ein Resultat des ungebremsten Wachstums. Denn mehr Zuzüger brauchen eben auch mehr Platz für ihre Kinder in Form von Unterrichtsräumen. Ebinger: «Die Tradition von Rotkreuz geht langsam flöten.»

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