Bevor es losging zum Rundgang durch die Stadt: Vorne links Jacqueline Falk vom Kulturamt, Flüchtlings-Guide Okbaab Tesfamariam, daneben Bence Komlosi, «Architecture for Refugees». (Bild: woz)
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Bevor es losging zum Rundgang durch die Stadt: Vorne links Jacqueline Falk vom Kulturamt, Flüchtlings-Guide Okbaab Tesfamariam, daneben Bence Komlosi, «Architecture for Refugees». (Bild: woz)

Wo Fremde sich in einer unbekannten Stadt wohlfühlen

8min Lesezeit

Einheimische wissen, wo sie in einer Stadt hingehen können, um sich wohlzufühlen. Um integriert zu sein. Doch wie nehmen Fremde eine ihnen unbekannte Stadt wie Zug wahr – wenn sie womöglich Tausende von Kilometer aus ihrer Heimat flüchteten und niemanden kennen? Eine – im Prinzip – interessante Fragestellung der Zeitschrift Hochparterre und des Kulturamts Zug bei einer Veranstaltung am Freitagabend. Im Prinzip.

Wolfgang Holz

Locker steht Okbaab Tesfamariam im Halbdunkel vor der Bibliothek Zug in der St. Oswaldsgasse. Rund 30 Interessierte haben sich um den eritreischen Flüchtling geschart, der 2008 in die Schweiz geflohen ist. Okbaabs Deutschkenntnisse sind faszinierend. Eine Lehre als Logistiker hat er schon absolviert.

«Da war ich der Grossvater unter den Lehrlingen», erzählt er seinen Zuhörern – und im Nu hat er sein Publikum für sich gewonnen. Auf einem Rundgang durch Zug will er nun zusammen mit Bence Komlosi, dem ungarischen Architekten und Co-Founder von «Architecture for Refugees» zeigen, wie eine Stadt zur Integration beitragen kann.

Wo und wie Einheimische und Flüchtlinge oder Fremde generell sich in einer Stadt begegnen können. Solche Rundgänge macht Okbaab, der ein Hugo Boss-Cap und eine sportliche Windjacke trägt, regelmässig in Zürich.

Warum kein Flüchtling aus Zug?

Zürich? Ja, Zürich. Dort wohnt Okbaab. Dort kennt er sich auch aus. Aber Zug kennt er eigentlich gar nicht. Man hat einfach eine Tour zusammengestellt, die zu verschiedenen Plätzen in Zug führt. Zum Park bei der Studienbibliothek etwa. Zum Bahnhof. Zum Schulhofplatz bei der Burgbachschule. Allgemeinplätze, die es in jeder Stadt gibt. Auch in Zug.

Aber warum bloss hat man keinen Flüchtling aus Zug engagiert – das wäre doch wesentlich spannender und authentischer gewesen?

Auf dem Rundgang im Dunkeln – warum bloss hat man das Ganze denn nicht am helllichten Tag organisiert? – wird dann sehr deutlich, dass es bei Okbaabs Spaziergängen eigentlich um viel mehr geht. Nämlich darum, wie und wo Einheimische mit Fremden kommunizieren können. Und plötzlich wirds tatsächlich interessant.

«Integration ist keine einseitige Sache. Ich will mich als Mensch wertvoll fühlen können.»

Okbaab Tesfamariam

«Wenn ich in Zürich mit Leuten unterwegs bin, bringen es manche nicht mal fertig, ihrem Gegenüber «Hallo!» zu sagen», erzählt Okbaab und lächelt. Hier in Zug würde das schon viel besser funktionieren. In der Tat tauschen sich die Spaziergänger auf ihrem Weg von Stadtort zu Stadtort locker miteinander aus. Doch darum geht es eigentlich nicht. Denn Okbaab hat eine Mission. Eine Mission, die nicht allen schmeckt.

Locker und kontrovers: Okbaab Tesfamariam.
Locker und kontrovers: Okbaab Tesfamariam.

«Integration ist keine einseitige Sache, Integration heisst auch, dass ich möchte, dass man mich als Mensch mit meiner Kultur wahrnimmt und mit mir redet», sagt Okbaab. Sein Gesicht ist in der Dunkelheit kaum zu sehen, während er das sagt. Man hört nur seine Stimme. Eine Stimme wie aus dem Off unseres schlechten Gewissens. Betretene Gesichter der übrigen Spaziergänger.

«Ihr Eritreer seid euch ja auch nicht einig, sondern tief gespalten in drei Gruppen.»

Zugerin

Und dann setzt er noch einen oben drauf. «Man kann nicht immer nur Millionen für Flüchtlinge ausgeben, das ist ja nur Geld – ich will mich als Mensch wertvoll fühlen können.» Noch mehr betretene Gesichter.

Der Marsch der Integration

Dann gehts weiter in der Dunkelheit, auf dem Marsch der Integration. Auf dem Burgbach-Schulhof dann Lektion II der nicht beachteten Flüchtlingsseele. «Integration heisst nicht, sich anzupassen. Integration heisst, sich zu mischen, gerade auf so einem offenen Areal wie hier», sagt Okbaab. Und nun beginnt mitten im Dunkeln plötzlich eine ernste Diskussion.

«Ich kümmere mich um ein eritreisches Kind», sagt eine gut situierte ältere Zugerin. «Und da spüre ich auch, dass ihr Eritreer euch ja gar nicht einig seid, sondern tief gespalten in drei Gruppen.» Okbaab stimmt zu und erklärt dies mit den unterschiedlichen Kriegs- und Flüchtlingstraumata sowie mit den unterschiedlichen politischen Strömungen in seinem Land.

«Die Afghanen bleiben unter den Afghanen, die Eritreer unter den Eritreern – die mischen sich ja auch nicht.»

Andere Zugerin

Doch dann fügt eine jüngere Dame mit einem modischen Poncho hinzu, dass eben auch die ausländischen Personen, welche sie betreut, sich nicht mischen würden: «Die Afghanen bleiben unter den Afghanen, die Eritreer unter den Eritreern.» Wer also will und soll miteinander reden?

Volksparks und Wiesen in Zürich

Dann zur nächsten Station. Ein Mann möchte mit uns reden. Es handelt sich um Simon Kretz, Städtebauforscher und Architekt an der ETH Zürich. Und er ist einer der Redner, die später am Abend noch bei einer Podiumsdikussion in der Kantonsbibliothek über das Thema Stadt und Integration diskutieren werden.

So wie hier auf der Zürcher Josefswiese fühlen sich Ausländer und Fremde in einer unbekannten Stadt wohl: Wo Leben herrscht, wo man grillen, wo man spielen kann.
So wie hier auf der Zürcher Josefswiese fühlen sich Ausländer und Fremde in einer unbekannten Stadt wohl: Wo Leben herrscht, wo man grillen, wo man spielen kann. (Bild: zvg)

«In Zürich sind einfach Parks und Wiesen wie die Josefswiese Plätze, wo sich Ausländer gerne aufhalten. Wo sie gratis verweilen, Fussballspielen und grillen können. Und wo sich eben schon andere Ausländer aufhalten.» Endlich ein paar ideologie- und statusbefreite wissenschaftliche Informationen zum Thema.

Die Sache mit dem Kolonialismus und den Shopping Malls

«In London hat man beispielsweise versucht, Ausländer und Flüchtlinge in Bibliotheken zu rein zu bringen – ohne Erfolg», erzählt der ETH-Wissenschaftler. Der Grund: Viele Flüchtlinge hätten sich nicht zuletzt von der klassizistischen Architektur solcher Gebäude abgeschreckt gefühlt. «Das empfinden Menschen aus solchen Kulturkreisen oft als Kolonialismus.»

Dann habe man herausgefunden, so Kretz, dass Menschen aus anderen Kulturkreisen oft gar nicht so auf reine Bibliotheken stehen. «Sie wünschen sich kombinierte Angebote mit einem Markt beispielsweise.» Und dann wirds ganz erhellend: «Ausländer, Fremde und Flüchtlinge fühlen sich am wohlsten in Gebäuden mit viel Glas. In Shopping Malls beispielsweise, weil dort die Architektur internationalisiert ist und die Menschen den sozialen Code kennen, wie sie sich darin verhalten müssen.»

Na ja, Shopping Malls gibt es auf jedenfall in Zug. Das Zugerland. Und bald auch in Ebikon gibts eine neue. Die Mall of Switzerland.

In solchen hellen und verglasten Gebäuden wie der Mall of Switzerland in Ebikon, die nächste Woche eröffnet, fühlen sich Fremde offenbar wohl, weil sie den sozialen Code des Zugangs und Verhaltens kennen. (Bild: pze)
In solchen hellen und verglasten Gebäuden wie der Mall of Switzerland in Ebikon, die nächste Woche eröffnet, fühlen sich Fremde offenbar wohl, weil sie den sozialen Code des Zugangs und Verhaltens kennen. (Bild: pze)

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