Spielszene. (Bild: Pascal Gut)
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Spielszene. (Bild: Pascal Gut)

Drücken, bis die Daumen glühen

8min Lesezeit

Am Sonntag pilgerten Gamer aus der ganzen Schweiz nach Luzern, denn im Grand Casino fand das erste «Swiss E-Sports Tournament» statt. Der Preis war heiss, es ging um 3000 Franken – da mussten wir auf dem virtuellen Rasen mit dabei sein.

Pascal Gut

70. Spielminute im Fussballmatch zwischen dem FC Bayern München und Manchester United. Es steht 2:1 für die Engländer. Doch die Bayern stehen kurz vor dem Ausgleich, dominieren das Spielgeschehen und holen einen Eckball nach dem anderen heraus. Am englischen Goalie bringen sie den Ball aber einfach nicht vorbei. Dann der Konter in der achtzigsten Minute – Peng! 3:1 für ManU. Ein weiterer Konter folgt sieben Minuten später, der Angreifer wird im Strafraum brutal gestoppt. Der Schiri lässt nichtsdestotrotz weiterlaufen.

Das Spielfeld ist kleiner als in echt.
Das Spielfeld ist kleiner als in echt. (Bild: Pascal Gut)

In der Verlängerung noch mal eine brenzlige Szene im bayrischen Strafraum. Dieses Mal pflügt der Torhüter persönlich den ballführenden Angreifer um, wenn das mal nicht strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen wird. Doch den Schiri schert auch diese Aktion nicht. Kurz danach pfeift er ab. Anstatt Trikot-Tausch gibt's einen freundlichen Händedruck zwischen den Spielern – also, den echten Spielern.

Auch E-Sportler sind sportlich

Denn der Fussball rollt an diesem Sonntagnachmittag im Grand Casino Luzern ja nur virtuell auf den verschiedenen Bildschirmen, die im sogenannten Panoramasaal in mehreren Reihen aufgestellt sind. Hier findet nämlich das «Swiss E-Sports Tournament» statt, ein Fifa-18-Turnier, veranstaltet vom Verein RoyalCup. 160 Teilnehmer treten an, um das Preisgeld von 3000 Franken zu gewinnen.

Showdown im Casino: E-Sports-Turnier in Luzern.
Showdown im Casino: E-Sports-Turnier in Luzern. (Bild: Pascal Gut)

Gespielt wird eins gegen eins auf der Playstation 4. «Fifa 18» ist der Name des neuesten Ablegers der Fussballsimulation vom Spielehersteller Electronic Arts. Eine Partie dauert rund zwölf Minuten. Zuerst werden Mannschaften gewählt, Taktiken und Aufstellungen vorgenommen und dann kann es auch schon losgehen. Wer nun erwartet, der Panoramasaal werde an diesem Sonntagnachmittag von unsportlichen Nerds, die alle dicke Hornbrillen tragen, bevölkert – ganz wie es das Klischee suggeriert –, wird eines Besseren belehrt. Es ist eine durchmischte Gamerschar zwischen 18 und dreissig Jahren, wobei weibliche Teilnehmer kaum anzutreffen sind.

Schweigsame Kämpfer

Was dem Tennisspieler sein Racket ist, ist dem Gamer sein Gamepad oder sein Controller. Die meisten haben ihren eigenen Controller dabei, im Notfall kann ein Gerät auch ausgeliehen werden. Es herrscht eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre vor. Die nebeneinander vor dem Bildschirm sitzenden Kontrahenten sprechen kein Wort, geben kaum eine Regung von sich. Geradezu verbissen sitzen sie da und bearbeiten ihre Controller.

Geradezu verbissen sitzen sie da und bearbeiten ihre Controller.

Zu den beliebtesten Mannschaften, mit denen die Teilnehmer ihre Spiele bestreiten, zählen: Manchester United, Real Madrid, Juventus Turin, FC Barcelona und Bayern München. Wer nicht selbst gerade ein Match zu bestreiten hat, schaut den anderen über die Schulter, trinkt ein Red Bull oder unternimmt einen Abstecher unter die Gambler in den übrigen Räumen des Casinos.

Ungezwungen im Casino

Auch für das Casino-Personal handelt es sich um einen eher speziellen Event. «Hier ist alles ein wenig legerer als sonst», sagt ein gut gekleideter Casino-Angstellter lächelnd. Auch die Turnierteilnehmer äussern sich sehr zufrieden. «Mir gefällt die gemütliche Atmosphäre hier», sagt ein Spieler, der sich selbst eher als Fifa-Amateur bezeichnet. Sein Freund hingegen, der ebenfalls teilnimmt, sei mit vollem Einsatz bei der Sache. Vor lauter Anspannung hätten dessen Hände nach dem letzten Match richtig gezittert.

Aus der Winterthurer Gemeinde Neftenbach kommen die beiden Gamer Benjamin und Kari. Einen Game-Event dieser Grösse besuchen sie zum ersten Mal. Während Benjamin seine bisherigen beiden Spiele verloren hat, lief es Kari etwas besser, er konnte einen Sieg heimfahren. Beide spielen Fifa sonst im privaten Rahmen mit Freunden. Einen grossen Niveau-Unterschied können sie hier im Casino Luzern bisher nicht ausmachen. Wobei, dieser eine da, gegen den Kari eben doch verloren hat, ja gut, der sei schon richtig gut gewesen. Ambitionen auf den Turniersieg hegen die beiden nicht. «Wir sind wegen dem Spass hier», sagen sie.

Es kann nicht nur Gewinner geben

Etwas mehr Ambitionen hätte normalerweise Doni aus Zürich mitgebracht. Denn er ist ein erfahrener E-Sportler, der regelmässig an E-Sport-Turnieren teilnimmt. Just heute ist er allerdings gesundheitlich angeschlagen, was seine Konzentrationsfähigkeit schwer in Mitleidenschaft zieht. Ein Spiel hat er bereits verloren. «Normalerweise hätte ich das locker gewonnen», ist er überzeugt. E-Sport sei eben wie ein richtiger Sport. «Genug Schlaf und die richtige Ernährung sind wichtig.» Doni spielt rund zwei Stunden täglich, schätzt er. Aber da er inzwischen Vater ist, einem festen Job nachgeht und aktiver Fussballer ist, bleibt nicht mehr so viel Zeit fürs Gamen wie früher.

«Genug Schlaf und die richtige Ernährung sind wichtig.»

Doni, E-Fussballer

«Tip-top» gefällt das Turnier auch den beiden Bündnern Andri und Nate, «aber zuhause auf dem Sofa ist es trotzdem gemütlicher», sagen sie lachend. Nate ist extra von Davos nach Luzern gekommen, und Andri kam von Basel, wo er derzeit wohnt. «Jeder Match ist ein Kampf», sagt Nate lachend und Andri fügt hinzu, sie seien nur gekommen, um das allgemeine Niveau hier zu checken. Für Andri hat sich das Niveau als etwas hoch herausgestellt, zwei Mal musste er sich schon geschlagen gegeben, während Nate immerhin einmal gewonnen hat.

Die aufgestauten Gefühle machen sich Luft

Im Laufe des Nachmittags tauen die Gamer merklich auf und es wird geselliger. Jetzt zeigen sich auch schon mal die Emotionen. Kein Wunder, geht es nun darum, wer sich für die KO-Phase qualifizieren kann. Da flucht auch schon mal ein Spieler vor sich hin, verwirft seine Hände oder schreit sogar vor lauter Frustration auf. Viele nehmen es aber auch einfach mit viel Humor und witzeln über die Patzer ihrer virtuellen Kicker.

Gib alles!
Gib alles! (Bild: Pascal Gut)

Während für die Turnierteilnehmer die Verletzungsgefahr äusserst gering ausfällt, kommt schon mal der eine oder andere Controller aufgrund der sportlichen Belastung zu Schaden. «Eine Taste funktioniert nicht mehr», sagt ein Spieler grinsend und wedelt mit seinem Gamepad. Wenn Probleme auftauchen, dann sind sie meist technischer Natur. 

Hier gibt es keine Schläger

Diskussionen wie auf dem echten Fussballfeld sucht man hier vergebens. Die Gamer geben sich äusserst friedlich. Ebenso wenig braucht man sich vor irgendwelchen Hooligans in Acht zu nehmen. Auf der anderen Seite fehlt einem als aussenstehender Beobachter dann aber eben doch ein wenig das Herz und die Leidenschaft, welche im echten Fussball eben häufig zu überkochenden Emotionen führen. Hier im Panoramasaal ist heute eher Sparflamme angesagt.

In unserer Bildstrecke finden Sie noch mehr Eindrücke vom E-Fussball-Turnier.

 

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