Einen Avatar wie in James Camerons Film kriegen die Zuger mit der digitalen ID zwar noch nicht? Aber auch der erste Schritt zur ID wurde verschoben. (Bild: zvg)
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Einen Avatar wie in James Camerons Film kriegen die Zuger mit der digitalen ID zwar noch nicht? Aber auch der erste Schritt zur ID wurde verschoben. (Bild: zvg)

Peinliche Panne: Die Pioniertat der Stadt Zug ist aufgeschoben

4min Lesezeit

Ab September wollte die Stadt Zug jeden interessierten Einwohner mit einer digitalen Identität auf Blockchain ausstatten. Mitte Oktober ist die Dienstleistung immer noch nicht erhältlich. Stadt und Informatiker schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Markus Mathis

«Grüezi, ich wohne in der Stadt Zug und würde gern eine digitale Identität beantragen», bringen wir unser Anliegen am Telefon vor. Am andern Ende der Leitung herrscht Grabesstille. Der freundliche Mitarbeiter der Stadt Zug muss seine Vorgesetzten fragen, was er antworten soll.

Denn: Die digitale Identität, Anfang Juli für den September angekündigt, ist nicht erhältlich. «Wir sind immer noch zuversichtlich sie in Zukunft anbieten zu können», lautet die Auskunft nach einer Weile. Dann können wir unsere E-Mail-Adresse bei der Einwohnerkontrolle hinterlassen und werden benachrichtigt, sobald es Neuigkeiten gibt.

App funktionierte nicht

«Es gab noch einige Schwierigkeiten bei der Mobile-App zu lösen. Genaueres weiss ich nicht», sagt Dieter Müller, Kommunikationsverantwortlicher bei der Stadt Zug und verweist für technische Auskünfte auf Mathias Bucher, Dozent am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern. Bucher koordiniert die Zusammenarbeit mit den Entwicklerfirmen Consensys-uPort aus Zug und ti&m aus Zürich.

Wozu die digitale Identität auf Blockchain?

In Estland ist es schon lange möglich, online abzustimmen, weil dort der Staat ein digitale Identität für seine Einwohner geschaffen hat. Der Zuger Ansatz will das E-Voting auch in der Schweiz möglich machen. Aber gleichzeitig will die Stadt Zug mit der Identitätskarte über Blockchain ihren Bürgern die Hohheit über ihre Daten zurückgeben. Ihre Blockchain-ID wird dezentral gespeichert, kann daher (auch vom Staat) nicht manipuliert werden und soll es ermöglichen, vielfältige Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, ohne sich jedesmal zu registrieren und eine Menge persönliche Details über die eigene Person preiszugeben.

Bucher schiebt seinerseits die Schuld auf die Stadt Zug, will nicht zitiert werden und empfiehlt zentralplus, die Sache «nicht an die grosse Glocke zu hängen». Ist ja auch peinlich, wenn man erst grosse Töne spuckt und dann nicht liefern kann.

Erste Phase: Online-Dienstleistungen

Denn das ist den Technikern passiert, wie unsere Recherchen ergaben. Als sie dann soweit waren und ihre Probleme behoben hatten, war der September vorbei, die Herbstferien angebrochen und wichtige Leute der Stadt in Urlaub.

«Es macht Sinn, wenn die Leiterin der Einwohnerdienste beim Projekt miteinbezogen wird», sagt Dieter Müller. Denn mit der digitalen Identität soll man in einem ersten Schritt einige online-Dienstleistungen in Anspruch nehmen können – damit Gebühren bezahlen oder öffentliche Räume mieten können, was in den Bereich der Einwohnerdienste fällt.

Weihnachtsgeschenk für Zuger Nerds

Ausserdem möchten auch die Stadträte die neue Errungenschaft erst persönlich in Augenschein nehmen, bevor sie an die Öffentlichkeit gelangt. «Die interne Testphase wird voraussichtlich Anfang November starten können», sagt Dieter Müller zum neuen Zeitplan für die Lancierung der Blockchain-Identität.

«Mit der Pilotphase für Einwohner ist gegen Ende Jahr zu rechnen.»

Dieter Müller, Kommunikationsverantwortlicher Stadt Zug

«Mit einem Start der Pilotphase für Einwohner der Stadt Zug ist gegen Ende Jahr zu rechnen.» Zuger Nerds können sich also selbst ein Weihnachtsgeschenk machen und sich als Betatester für die digitale Identität melden. Und so mithelfen, eine Probierversion des Blockchains voll funktionstüchtig zu machen.

Sportliche Ziele aufrecht erhalten

Nun ist die digitale Identität nicht nur dazu gedacht, den Quartiertreff für die Geburtstagsparty der Kinder zu reservieren. Vielmehr soll sie dem Crypto Valley Zug zum höheren Ruhm gereichen und beweisen, welch umfangreiche und praktische Anwendungen die Blockchain-Technologie der in Zug ansässigen Ethereum Foundation ermöglicht. Weiter will sich die Stadt Zug als Vorreiterin im E-Government und beim E-Voting positionieren – und dem in dieser Hinsicht ausserordentlich verschnarchten Bundesbern Druck machen. 

Diesbezüglich hält die Stadt Zug auch an ihrem Zeitplan fest. Bereits im Frühjahr 2018 soll eine Konsultativabstimmung abgehalten werden, an der das Stimmvolk mit seiner digitalen Identität teilnehmen kann. «Es kann dabei beispielsweise um veränderte Öffnungszeiten der Zuger Badis gehen», erklärt Müller, «oder um etwas anderes.» Wichtig sei nicht das Thema der Volksbefragung, sondern damit praktische Erfahrungen zu sammeln, um die Lösung weiterzuentwickeln.

Stadtverwaltung Zug: «Wir und die Blockchain» (2017)

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