Vaginas in ihren verschiedensten Formen. (Bild: Plakat aus dem Kinofilm «Die göttliche Ordnung»)
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Vaginas in ihren verschiedensten Formen. (Bild: Plakat aus dem Kinofilm «Die göttliche Ordnung»)

«Standard-Vagina» made in Luzern

11min Lesezeit 2 Kommentare

Immer mehr Frauen lassen sich die Schamlippen verkleinern – gerade auch in einer Luzerner Klinik. Ist das ein Befreiungsschlag der weiblichen Sexualität oder lassen sich Frauen eine «Barbie-Vagina», passend zum gesellschaftlich Porno-Ideal, schneidern? Wir gehen dem Trend nach.

Sieht meine Vagina normal aus? Eine Frage, älter als das Dr.-Sommer-Team von der «Bravo». Und seit sich in unseren Breitengraden die weibliche Bevölkerung im Intimbereich immer unbehaarter zeigt, stehen auch die inneren Schamlippen mit ihrer Farbe, Form und vor allem ihrer Grösse im Fokus.

Im Jahr 2016 haben sich weltweit mehr als 138’000 Frauen die Schamlippen operieren lassen: 45 Prozent mehr als im Jahr davor. Die internationale Gesellschaft für ästhetische und plastische Chirurgie spricht vom am schnellsten wachsenden OP-Trend – auch in der Schweiz (siehe Box).

Luzerner Kliniken mit dabei

Doch nicht nur bei unseren operationsbegeisterten Nachbarn aus Übersee ist die Labioplastik schwer im Kommen. Auch in Luzern lassen sich wöchentlich mehrere Frauen die inneren Schamlippen verkleinern.

Jürg Häcki, Plastischer Chirurg und Spezialist für Schamlippenverkleinerungen, führt diese Operation in seiner Lucerne Clinic mehr als 100-mal im Jahr durch und ist damit schweizweit einer der führenden Ärzte. 90 Prozent der bei ihm operierten Frauen geben im Fragebogen körperliche Beschwerden an. 10 Prozent wollen dies aus rein ästhetischen Gründen.

Die Nachfrage habe in den letzten Jahren merklich zugenommen, bestätigt Häcki. Er warnt aber davor, diese Frauen und ihren Wunsch deswegen nicht ernst zu nehmen. «Vor einer Operation steht immer ein grosser Leidensdruck», betont er. «Mit meiner eigenen Operationstechnik durchgeführt ist diese Operation nichts Schlimmes oder Gefährliches.» Statt einer Operation eine Therapie zu empfehlen, sieht Häcki nicht als Option. «Ich würde einer Frau, welche an zu grossen Brüsten leidet, auch keine Sexualtherapie empfehlen. Zudem würde sich die Frau von mir in ihrem Wunsch nicht ernst genommen fühlen.»

Sexuelle Selbstbestimmung

Er führe diesen «Trend» auf die wachsende sexuelle Selbstbestimmtheit der Frauen zurück. Zudem stelle die komplette Intimrasur den Schambereich nicht nur optisch in den Fokus, auch seien die Schamlippen dadurch stärkerer Reibung ausgesetzt – durch die Kleidung oder beim Sport.

Urs Bösch, Plastischer Chirurg an der Meon Clinic Luzern, der Labioplastiken ebenfalls regelmässig durchführt, erlebt einen Trend nur im öffentlichen Interesse. «Das Thema ist öfters in der Presse und daher präsenter», findet Bösch.

Die Hälfte aus ästhetischen Gründen

Angeborene Fehlbildungen oder Veränderungen der Labien durch die Geburt eines Kindes, durch Erkrankungen, Verletzungen, Hormonbehandlungen oder auch schlicht durch das Alter können Gründe für einen Wunsch nach einer Operation sein, erklärt Bösch.

«Mit dem Wort ‹Trend› stellt man Frauen, die sich einer Labioplastik unterziehen, unter Generalverdacht.»
Caroline Fux, Sex-Beraterin

«Die Hälfte der Frauen, die eine Schamlippenverkleinerung wünschen, kommen aus ästhetischen Gründen zu uns», so Bösch. Gerade in diesen Fällen empfinde er eine Aufklärung im Voraus besonders wichtig. «In allen Fällen muss jedoch im Voraus abgeklärt werden, welche anderen Möglichkeiten zu einer Verbesserung der Situation für die betroffene Frau führen können.»

Zwischen zehn und zwanzig Prozent der Frauen, die wegen einer Labioplastik auf Bösch zukommen, operiert er schlussendlich nicht. Dies oft aufgrund unrealistischer Vorstellungen.

Preislich kommt man bei einer Schamlippenverkleinerung mit 4’500 Schweizer Franken hin. Das sexuelle Empfinden bleibe erhalten, bei gut 60 Prozent der Patientinnen werde es sogar verbessert, da das Gewebe um die Klitoris gestrafft und damit die Stimulation verbessert wird, erklärt Häcki.

Laute Kritik

Und während sich das alles – so unkritisch betrachtet – doch eigentlich ganz gut anhört, gibt es zahlreiche Bewegungen und Organisationen, welche die Schamlippenverkleinerung aus rein ästhetischen Gründen als sehr problematisch betrachten. Zahlreiche Feministinnen argumentieren, dass sich Frauen damit einem Trend in Bezug auf ihre Sexualität unterwerfen und dass sie damit ins Mädchenhafte zurückgedrängt werden. Von sexueller Befreiung könne nicht die Rede sein, wenn Frauen sich beschneiden lassen, um einem gesellschaftlichen Idealbild zu entsprechen.

«Meine Beobachtung ist, dass sich viele Frauen im Vorfeld oft kaum liebevoll mit ihrem Geschlecht beschäftigen und kaum andere Vulven – ausser die in Pornos – gesehen haben.»
Caroline Fux

Gruppierungen wie die «Courageous Cunts» (zu Deutsch «Mutige Mösen») demonstrieren lautstark gegen Schönheitsoperationen im weiblichen Intimbereich. Gerade in den sozialen Medien – besonders auf Instagram #thisisavagina, Fruits de Femme, ProjectPussy, The Vulva Gallery und zahlreiche weitere – wird die Vielfältigkeit des weiblichen Geschlechts mit Bildern gefeiert. Und auch im neusten Schweizer Kinohit «Die göttliche Ordnung» hat die Individualität der Vulva Platz.

Traurige Entwicklung

Cécile Moser vom feministischen Schweizer Online-Magazin fempop betont: «Schamlippenverkleinerungen aus ästhetischen Gründen finden wir ein absolutes No-Go. Noch immer werden Frauen in vielen Ländern in diesem Bereich brutal verstümmelt. Dass sich eine solche Praxis, natürlich in ganz anderer Umsetzung, in unseren Breitengraden als auch immer beliebter zeigt, ist sehr bedenklich. Hier bedarf es Aufklärungsarbeit, intensiver Gespräche und halt noch immer des Abbaus von Tabus.» Zudem hält Moser fest: «Und sollte sich ein Sexualpartner über das Aussehen der Genitalien beschweren, sollte man diesen wechseln, und nicht die Schamlippen.»

Einiges an Kritik kommt auch von Frauenrechtsorganisationen. Christa Stolle, Geschäftsführerin von Terre des Femmes, schreibt beispielsweise in einem Kommentar bei der «taz»: «Dass zumeist junge Mädchen entscheiden, dass sie ‹untenrum› nicht hübsch genug seien, und bis zu 4’000 Euro dafür sparen, eine schmallippige, haarlose, farblich unauffällige, geschlossene und somit kindliche Designermöse wie aus dem Hause Mattel geschnitzt zu bekommen, ist traurig.»

Schweizer Studie

Im September 2013 wurde an die insgesamt 1’740 Mitglieder der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Schweizerischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie eine umfassende, anonymisierte Online-Umfrage verschickt.

Ergebnisse: Der mit Abstand am meisten nachgefragte Eingriff betrifft erwartungsgemäss die Reduktion der inneren Schamlippen. Die funktionell begründeten Reduktionen der inneren Schamlippen nahmen in dieser Zeit kontinuierlich ab, die ästhetisch begründeten Eingriffe kontinuierlich zu – von 20 auf 40 Prozent.

«Dass Ärztinnen aus diesem Wunsch Profit schlagen, den Anschein erwecken, dass ein Abtrennen von Schamlippen auch für die Patientin einer ‹Routine› gleichkommen könne, und die Illusion erzeugen, eine nicht normierte Vagina sei eine Fehlbildung, ist katastrophal», teilt Stolle in ihrem Kommentar weiter aus.

Konkrete Fälle betrachten

Die Psychologin und Sex-Beraterin Caroline Fux warnt erstmal davor, einen Anstieg solcher Operationen leichtfertig als «Trend» zu betiteln: «Mit dem Wort ‹Trend› stellt man Frauen, die sich einer Labioplastik unterziehen, unter Generalverdacht, dass sie sich nicht mit ihrem Körper auseinandersetzen, sondern sich aufgrund von Pornoidealen eine ‹Designer-Vagina› schneidern lassen.» Das sei nicht fair allen Frauen gegenüber, die eine solche Operation nach einer oft langen Leidensgeschichte machen lassen.

«Kleinere Geschlechtslippen machen generell kleinere Geschlechtslippen.»
Caroline Fux

Es sei extrem wichtig, dass man jeden einzelnen Fall ganz konkret für sich betrachte. «Wenn eine Frau Schmerzen hat, oder wenn die Schamlippen sie behindern und sie jedesmal beim Anziehen Schamlippen-Origami veranstalten muss, dann bin ich die Letzte, die sie von einer Operation abbringen würde», so Fux. Dass es mehr Fälle gibt, in welchen eine Operation sinnvoll sei, schliesse sie nicht aus.

Aufklärerische Szene aus dem Film «Die göttliche Ordnung».
Aufklärerische Szene aus dem Film «Die göttliche Ordnung». (Bild: Daniel Ammann)

Aufklärung vor Operation

Caroline Fux
Caroline Fux
Wichtig sei aber grundsätzlich, die Reihenfolge einzuhalten: Eine Sexualberatung solle stets die erste Anlaufstelle sein, wenn eine Frau ihr Geschlecht nicht schön findet. Beraterisch sei da bei einigen Chirurgen in Bezug auf die Sexualität aber noch Luft nach oben.

«Viele Ärzte haben schlicht nicht das Know-how, um auf sexologische Fragen einzugehen», weiss Fux. «Manche nehmen sich auch nicht die Zeit, einen kosmetischen Wunsch zu hinterfragen.» Eine sorgfältige Abklärung im Vorfeld einer Operation sollte jedoch Aufgabe des Arztes sein. 

«Meine Beobachtung ist, dass sich viele Frauen im Vorfeld selten liebevoll mit ihrem Geschlecht beschäftigen und kaum andere Vulven – ausser die in Pornos – gesehen haben. Doch es gibt so viele verschiedene Vaginas, wie es Frauen gibt», gibt Fux zu bedenken.

Bei rein ästhetischen Gründen, wenn eine Frau sich nicht selbst anfassen und anschauen mag, würde sie erst mal von einem Eingriff abraten. Eine Operation als erster Weg, eine Unsicherheit zu kompensieren, sei meist nicht hilfreich. «Kleinere Geschlechtslippen machen generell kleinere Geschlechtslippen», so Fux. «Sie krempeln nicht einfach eine Sexualität von mies auf toll um.»

«Standard-Vulva»?

Im Positionspapier «kosmetische Operationen im Genitalbereich» von Terre des Femmes findet sich folgende Erklärung:

Durch die immer stärker verbreitete Intimrasur werden die weiblichen Genitalien sichtbar und damit vergleichbar. Infolgedessen entwickelte sich durch entsprechende Abbildungen in Zeitschriften und Werbung ein Schönheitsideal in Bezug auf die weiblichen Genitalien. So sind beispielsweise in Werbungen, die Frauen in Unterwäsche abbilden, kaum Schamlippen in Form einer Wölbung zwischen den Beinen sichtbar.

Bei der Standard-Vulva, dem bei uns herrschenden Schönheitsideal, sind nur die äusseren Schamlippen sichtbar. Sie schliessen die inneren ein, die dadurch nicht mehr sichtbar sind. Damit sieht der Genitalbereich von aussen «sauber» und «schön» aus und erinnert an die Genitalien eines Mädchens, denn die inneren Schamlippen fangen erst mit der Pubertät an, über die äusseren hinauszuwachsen, und signalisieren damit Geschlechtsreife.

Spannend zum Thema:

Ein ausführliches Interview mit dem plastischen Chirurgen Urs Bösch finden Sie hier.

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