Noch auf der grünen Wiese: das Fabrikareal von Landis & Gyr anno 1949. (Bild: AfZ)
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Noch auf der grünen Wiese: das Fabrikareal von Landis & Gyr anno 1949. (Bild: AfZ)

Wie eine Fabrik die Stadt Zug veränderte

11min Lesezeit

Ein neues Buch beleuchtet, wie die Firma Landis & Gyr die Stadt Zug im Laufe eines Jahrhunderts städtebaulich prägte. Autor Heinz Horat zeigt auf, wie schwierig die Beziehung zwischen Unternehmensleitung und den Behörden oft war und welche Gebäude in Zug heute noch an das Industrieerbe erinnern.

Die Firma Landis & Gyr begann 1896 als kleine Manufaktur der Herren Theiler und Landis an der Hofstrasse und stieg innert Jahrzehnten zum wichtigsten Arbeitgeber des Kantons Zug auf. Als die Gründerfamilien ihre Aktienmehrheit 1987 verkauften, beschäftigte das Unternehmen 5'000 Personen in Zug und 18'500 Mitarbeiter weltweit.

zentralplus: Heinz Horat, warum schreiben Sie ein Buch über Landis & Gyr, ist nicht alles bereits bekannt und erforscht zu diesem Thema?

Heinz Horat: Der Anlass war die Fotoausstellung vor zwei Jahren in der Shedhalle, wo Originalfotos aus dem Archiv der L&G präsentiert wurden (zentralplus berichtete). Ich hielt damals ein Referat zum Thema, wie die Firma die Stadt Zug städtebaulich und architektonisch verändert hat. Ueli Straub und Regula Koch von der L&G-Stiftung kamen auf mich zu und fanden, darüber müsste man unbedingt ein Buch schreiben. Es gibt zwar wirtschaftsgeschichtliche Publikationen, aber noch kein Buch über diesen Aspekt.

zentralplus: Landis & Gyr war der Vorzeige-Industriebetrieb von Zug. Die Nachfolgefirma Landis+Gyr ist schon lange nicht mehr in Zuger Hand und wird an der Börse gehandelt. Ist Ihr Buch nicht ein Stück weit Heimat-Romantik?

Horat: Nein, so würde ich das nicht bezeichnen. L&G war aber, wie Sie richtig sagen, eine Firma, die fast 100 Jahre die Stadt dominiert und geprägt hat. Diese Zeit ist tatsächlich vorbei. Wir wollten aber nicht einfach einen Nekrolog schreiben.

Heinz Horat war Denkmalpfleger des Kantons Zug.
Heinz Horat war Denkmalpfleger des Kantons Zug. (Bild: zVg)

zentralplus: Was zeigt das Buch stattdessen auf?

Horat: Die Geschichte des Unternehmens anhand ihrer baulichen Entwicklung und die Auswirkungen auf Zug und seine Umgebung. Die L&G begann ja im Theilerhaus an der Hofstrasse als kleine Manufaktur. Das lief sehr gut, bis um 1925 bereits 1'300 Arbeiter dort tätig waren. Das gab Probleme: Die Hofstrasse war bloss drei Meter breit, Rohstoffe und Endprodukte wurden über die enge Strasse vom und zum Bahnhof befördert, das war ein richtiges «Gknorz».

Deshalb kaufte die L&G von der Korporation und weiteren Landbesitzern das Areal von rund 20 Hektaren an der Gubelstrasse, wo eine neue grössere Fabrik entstehen sollte. Das führte dazu, dass die Stadt Zug als Kleinstadt plötzlich in ihrem Nordwesten ein Fabrikareal bekam, das grösser war als die Altstadt selber. Das Fabrikareal war nicht öffentlich zugänglich, bis vor rund 20 Jahren die L&G-Fabrikation eingestellt wurde. Inzwischen ist es stark überbaut worden. Diese Entwicklung kann man gut mit historischen Fotos darstellen, da die L&G ja immer Profifotografen beschäftige, deren sehr gute Bilder erhalten geblieben sind.

Wer ist der Autor?

Heinz Horat ist Kunsthistoriker und lebt in Weggis. Er war von 1987 bis 2001 Denkmalpfleger des Kantons Zug und damit Chef des Amts für Denkmalpflege und Archäologie. Anschliessend leitete er das Historische Museum Luzern. Horat hat zahlreiche Bücher zur Schweizer Kunstgeschichte verfasst.

zentralplus: Wen wollen Sie ansprechen mit diesem Werk?

Horat: Einerseits die Tausenden von Personen, die bei oder für L&G gearbeitet haben oder die familiär mit der Firma verbunden sind. Andererseits möchte ich die Zuger Bevölkerung ansprechen, die im Buch sehen kann, wie sich ihre Stadt entwickelt hat. Anhand der Fotos kann man viele Bauten identifizieren, an denen man tagtäglich vorbeiläuft und nicht weiss, dass sie mit L&G zu tun hatten. Doch es ist nicht nur ein historisches Buch. Am Schluss des Buches zeigt das Fotoessay des Bündner Fotografen Guido Baselgia den neuen Stadtteil, der auf dem ehemaligen Fabrikareal entstanden ist; Herr Baselgia hat 40 Jahre in Baar und Zug gelebt.

«Der Zuger Regierungsrat fand, es sei noch gar nie vorgekommen, dass ihm die Industrieherren vorschreiben, was sie zu tun hätten.»
Heinz Horat, Buchautor

zentralplus: Im Buch liest man, dass die Beziehungen zwischen der Unternehmensleitung von L&G und den Behörden oft stürmisch verliefen. Vertreter der Kleinstadt Zug und des ländlich geprägten Kantons hätten mitunter Mühe bekundet, «die Forderungen der weltmännisch auftretenden Fabrikherren nachzuvollziehen». Was meinen Sie damit?

Die Konferenz von 1927, an welcher L&G-Patron Karl-Heinrich Gyr (Mitte) der Zuger Politik mit dem Wegzug der Firma drohte.
Die Konferenz von 1927, an welcher L&G-Patron Karl-Heinrich Gyr (Mitte) der Zuger Politik mit dem Wegzug der Firma drohte. (Bild: AfZ)

Horat: Die Fabrik entwickelte sich bis in die 20er-Jahre enorm, deshalb wurde die Firmenleitung bei Stadt und Regierung vorstellig wegen ihres Platzproblems. Diese hatte zuerst kein Musikgehör und fand zuerst, die Firma solle das selber regeln. 1927 veranstaltete Patron Karl-Heinrich Gyr, der grosse Chef der L&G, deshalb eine wichtige Konferenz mit Stadtrat, Regierungsrat, Korporation. An dieser sagte er er klipp und klar: Wenn ihr keine besseren Rahmenbedingungen schafft, gehen wir!

Seine Forderungen sorgten für Irritationen beim Regierungsrat: Dieser fand, es sei noch gar nie vorgekommen, dass ihm die Industrieherren vorschreiben, was sie zu tun hätten. Auch die Korporation war irritiert, denn sie hatte L&G viel Land für Wohnbauten verkauft. Gyr forderte die Umzonung in die Industriezone, um die neue Fabrik zu bauen. Die Fabrikherren sind mehrmals knallhart aufgetreten, die Behörden haben dann reagiert und eine Lösung gesucht. Ansonsten wäre das Unternehmen vielleicht nach St. Louis bei Basel gezogen, das wurde ernsthaft diskutiert.

zentralplus: War Karl-Heinrich Gyr erfolgreich mit seinen Forderungen?

Horat: Die Behörden haben sehr viel erfüllt. Die Hofstrasse wurde zwar nicht ausgebaut, dafür die Gubel- und die Feldstrasse. Auch die Umzonung wurde realisiert und der Weg frei gemacht für den Fabrikneubau.

zentralplus: In Zug ist die Bautätigkeit enorm. Sind die Bauten, die noch an L&G erinnern, eigentlich geschützt oder könnten sie abgerissen werden?

Horat: Der Theilerbau an der Hofstrasse existiert noch und steht unter Schutz. Das gelbe Verwaltungsgebäude mit der grossen Indukta-Uhr hinter dem Parktower ist das Gesicht des späteren Fabrik-Areals und ebenfalls geschützt. Andere Trakte sind als Schutzobjekte bezeichnet. Dann gibt es noch einige weitere Gebäude wie den ehemaligen Fabrikbahnhof an der Dammstrasse, der mitten auf dem Siemens-Areal steht, ein interessantes kleines Gebäude. Ansonsten ist das Areal grösstenteils schon überbaut.

Das Wohnzimmer eines der am Neudorfweg in Steinhausen erbauten Einfamilienhäuser, mit der typischen Ausstattung der Zeit, 1962.
Das Wohnzimmer eines der am Neudorfweg in Steinhausen erbauten Einfamilienhäuser, mit der typischen Ausstattung der Zeit, 1962. (Bild: zVg)

zentralplus: Ein Beispiel der L&G-Bauten ist auch die Gartenstadt-Siedlung. Dort wohnen teilweise heute noch pensionierte Angestellte. Die kantonale Gebäudeversicherung will dort Wohnbauten abreissen und durch Neubauten ersetzen. Bedauern Sie das als ehemaliger Zuger Denkmalpfleger?

«Da spürt man, wie wichtig die Immobilienpolitik der L&G in Verbindung mit ihrer Sozialpolitik war.»
Heinz Horat

Horat: Das ganze Gebiet der Gartenstadt mit den kleinen Einfamilienhäusern und den Mehrfamilienhäusern aus den 50er- oder 60er-Jahren ist ein sehr interessantes Gebiet. Architektonisch, aber auch sozial. Die Mehrfamilienhäuser sind zentral und ruhig gelegen. Wenn sie abgerissen werden, fände ich das schade. Handkehrum finde ich, wenn neue Wohnungen entstehen, die einigermassen bezahlbar sind, muss man natürlich die beste Lösung finden.

zentral: Im Buch wird auch gezeigt, was der Konzern im Wohlfahrtsbereich alles auf die Beine stellte, es gab Logierhäuser, soziale Einrichtungen, Wohnhäuser für Angestellte. Was erinnert noch daran im heutigen Zug?

Horat: Eben gerade die Gartenstadt, insbesondere die Mehrfamilienhäuser. Die sind grösstenteils von der L&G für ihre Mitarbeitenden gebaut worden. Es gibt aber auch solche Quartiere in Rotkreuz, in Steinhausen oder Baar. Da spürt man, wie wichtig die Immobilienpolitik der L&G in Verbindung mit ihrer Sozialpolitik war.

Die 1952 gebauten Bungalows in Arbach, 1955.
Die 1952 gebauten Bungalows in Arbach, 1955. (Bild: zVg)

Thematische Führungen zur Landis & Gyr-Geschichte      

Das Buch «Die Fabrik in der Stadt» von Heinz Horat wurde am Donnerstagabend an einer Buchvernissage in Zug präsentiert. Es verbindet Industrie-, Architektur- und Gesellschaftsgeschichte und visualisiert den Wandel Zugs auf eindrückliche Weise. Die Fotografien und Pläne von Fabriken, aber auch Wohnsiedlungen, Fabrikantenvillen und Wohlfahrtseinrichtungen stammen aus Firmenarchiven, lokalen Archiven und Privatsammlungen der Gründerfamilien.

Wer die Vernissage verpasste: Am kommenden Wochenende finden verschiedene öffentliche Führungen statt. In einem rund zweistündigen Spaziergang werden verschiedene Themen aus dem Buch erläutert. Zeit und Ort: Samstag, 30. September, um 10 Uhr beim jeweiligen Treffpunkt.

Das Buch «Die Fabrik in der Stadt». Herausgeber sind der Vereins Industriepfad Lorze und der Verlag Hier und Jetzt.
Das Buch «Die Fabrik in der Stadt». Herausgeber sind der Vereins Industriepfad Lorze und der Verlag Hier und Jetzt. (Bild: mbe.)

Von der Gartenstadt bis zum Feldhof. Führung mit dem Autor Heinz Horat. Treffpunkt beim Parktower.

Die Arbeiterhäuser von der Metalli bis zur V-Zug. Führung mit Nathalie Wey von der Denkmalpflege Zug. Treffpunkt beim Restaurant Bären.

Der Masterplan Landis & Gyr und danach. Führung mit Architekt René Bucher. Treffpunkt beim Parktower.

Die Fabrik Landis & Gyr. Führung mit Ueli Straub und Karl Büsser vom Verein Industriepfad Lorze. Treffpunkt Haupteingang ehemaliges L&G-Gebäude, Gubelstrasse 22. Die Führungen sind kostenlos und werden vom Verein Industriepfad Lorze organisiert.

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