Anwohner Bruno Hermann orchestriert den Widerstand gegen die Antenne, hat aber selber kaum Hoffnung auf Erfolg. (Bild: jal)
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Anwohner Bruno Hermann orchestriert den Widerstand gegen die Antenne, hat aber selber kaum Hoffnung auf Erfolg. (Bild: jal)

Widerstand gegen Handyantenne: Luzerner gehen vor Bundesgericht

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Jahr für Jahr verdoppelt sich die Datenmenge im Mobilfunknetz. Das braucht Infrastruktur – doch dagegen regt sich oft Widerstand. Im Obergrund-Quartier in Luzern wehren sich Anwohner seit vier Jahren gegen eine geplante Swisscom-Antenne. Es geht um Sorgen wegen Elektrosmog, fehlende Informationen und ein provokatives Plakat.

Bruno Hermann sorgt sich um die Gesundheit seiner Familie. Grund dafür ist ein Bauprofil auf dem Hausdach an der Villenstrasse 2 im Obergrundquartier, gleich vis-à-vis der Bodum-Villen: Die Swisscom will auf dem Gebäude eine neue Mobilfunkantenne bauen.

«Wir wollen keine permanente Bestrahlung unseres Hauses», sagt Architekt Bruno Hermann, der gleich nebenan wohnt. «Das macht uns wissentlich krank.» Genau davor wolle er seine beiden Kinder schützen. Ins gleiche Horn bläst Jörg Trottmann, ebenfalls Anwohner. «Wenn die Antenne gebaut wird, kommt sie zirka 20 Meter von unserem Schlafzimmer entfernt zu stehen, und strahlt ununterbrochen Tag und Nacht.»

Seit knapp vier Jahren ragt das Bauprofil bereits in die Luft. Denn die Nachbarn leisten Widerstand. Mehrere Anwohner haben sich zusammengetan und Einsprache erhoben. Der Fall liegt inzwischen beim Bundesgericht. Ein Plakat auf dem Parkplatz zeugt vom Widerstand. «Liebe Sterbekasse, bitte verstrahlt uns nicht», lautet die Botschaft an die Eigentümerin des Gebäudes, die Stiftung Sterbe- und Unterstützungskasse des Verbands Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB).

Nur noch kurz Mails checken

Es sind Töne, wie sie immer wieder zu hören sind. Gesundheitliche Bedenken wegen der Strahlung von Mobilfunkantennen sind verbreitet. Doch das steht im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Gesellschaft. Im Bus einen Youtube-Film ansehen, unterwegs die Mails checken, ein Foto auf Instragram laden: All das bedingt schnelles Internet.

Das Bauprofil steht seit mehreren Jahren auf dem Hausdach an der Villenstrasse 2.
Das Bauprofil steht seit mehreren Jahren auf dem Hausdach an der Villenstrasse 2. (Bild: jal)

Genau das ist für die Gebäudeeigentümerin das zentrale Argument. «Man kann den Lauf der Dinge nicht aufhalten», sagt Johanna Bundi Ryser, Präsidentin des Stiftungsrates der Sterbekasse- und Unterstützungskasse des VSPB. «Inzwischen brauchen alle, auch wir von der Polizei, täglich Kommunikationsmittel und entsprechendes Netz. Aber niemand will die nötige Infrastruktur in seiner direkten Umgebung.» Der Stiftungsrat habe sein Gebäude deshalb nach einer Anfrage der Swisscom zur Verfügung gestellt.

Bundi Ryser hat aber Verständnis für die Abwehrreaktion der Anwohner. «Niemand hat Freude an einer Antenne vor dem eigenen Haus. Dass es für unsere Anwohner unangenehm ist, kann ich nachvollziehen.» Es sei deshalb auch das gute Recht der Nachbarn, von den juristischen Möglichkeiten Gebrauch zu machen.

Grenzwerte werden eingehalten

Doch an den ersten zwei Hürden sind die Nachbarn gescheitert. Sowohl die Stadt Luzern als auch das Verwaltungsgericht lehnten ihre Einsprache ab. Bei der Stadt weist man darauf hin, dass die gesetzlichen Grenzwerte eingehalten werden. «Insofern besteht kein Spielraum, die Antenne diesbezüglich abzuweisen» sagt Markus Hofmann, Leiter des Ressorts Baugesuche. Sprich: Die Stadt konnte gar nicht anders, als das Gesuch in Bezug auf die Grenzwerte gutzuheissen.

Ähnlich argumentiert die Stiftung des Polizeibeamten-Verbandes. «Für uns ist es zentral, dass wir die Garantie bekommen haben, dass weder gesundheitliche Einschränkungen für unsere Mitarbeiter noch für die Nachbarn bestehen», sagt Bundi Ryser.

Weisen auf die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte hin, die eingehalten werden: Swisscom-Mediensprecherin Annina Merk (links) und Johanna Bundi, Präsidentin des Stiftungsrates der Sterbekasse.
Weisen auf die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte hin, die eingehalten werden: Swisscom-Mediensprecherin Annina Merk (links) und Johanna Bundi, Präsidentin des Stiftungsrates der Sterbekasse. (Bild: zvg)

Auch die Swisscom verneint, dass die Nachbarn mit negativen Folgen der Strahlung rechnen müssen. «Swisscom hält sich immer an die gesetzlich vorgeschriebenen vorsorglichen Grenzwerte, die in der Schweiz zehn Mal strenger sind als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen», so Mediensprecherin Annina Merk.

Misstrauen gegenüber Gesetzgeber

Für die Gegner ist das ein schwacher Trost. Denn sie bezweifeln, dass die rechtlichen Grenzwerte ausreichen. «Es gibt erwiesenermassen deutliche Anzeichen dafür, dass die Strahlung den Körper stressen und krank machen kann», sagt Bruno Hermann. Als Architekt habe er immer öfters mit elektrosensiblen Menschen zu tun, die ihr Haus und besonders die Schlafzimmer mit speziellen Massnahmen vor Elektrosmog abschirmen.

Stadt wollte kein neues Modell

Im Juni 2016 lehnten die Stadtluzerner die Initiative «Für Ordnung statt Wildwuchs beim Mobilfunk» mit rund 69 Prozent Nein-Stimmen deutlich ab. Die Initiative eines parteiunabhängigen Komitees verlangte, dass Mobilfunkantennen nur noch in Ausnahmefällen in Wohngebieten bewilligt werden – wie es in der Gemeinde Kriens die Regel ist. Das Anliegen löste allerdings kaum breite Diskussionen aus und stand stark im Schatten der Wahlen ums Stadtpräsidium, die gleichzeitig stattfanden. Zurzeit gibt es auf dem Gebiet der Stadt Luzern 102 Mobilfunkstandorte, darunter 15 auf dem SBB-Areal, die zur Abdeckung der Züge dienen.

Seine Aussagen offenbaren ein beträchtliches Misstrauen gegenüber den Behörden, welche die Grenzwerte festlegen. Dem ist sich Hermann bewusst. «Das Geschäft mit mobilen Daten ist ein Milliarden-Business», sagt er, der selber seit längerem kein Mobiltelefon mehr besitzt. «Die Behörden machen nichts, weil sie von den Gefahren für die Gesundheit entweder nicht wissen, es nicht wahrhaben wollen oder eben selber vom Geschäft profitieren.» Für Hermann ist klar: «Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Diese Haltung hilft uns allen nicht.» Mit einer Initiative gegen Antennen in Wohnquartieren ist Hermann mit einem parteiunabhängigen Komitee letztes Jahr an der Urne gescheitert (siehe Box).

Geschirr zerschlagen

Im Quartier beschwert man sich auch über fehlende Information – weder von der Sterbekasse noch von der Swisscom sei man über die Pläne unterrichtet worden. «Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass die Zuständigen selbst ja nicht im Quartier wohnen», mutmasst Anwohner und Antennen-Gegner Jörg Trottmann. Eine weitere oft gehörte Vermutung: Der Stiftung gehe es in erster Linie ums Geld. Denn als Eigentümerin des Gebäudes wird sie von der Swisscom entschädigt.

Gegen diese Unterstellung wehrt sich Stiftungsratspräsidentin Johanna Bundi Ryser aber vehement. «Das Geld war definitiv nicht ausschlaggebend für unseren Entscheid, absolut nicht.» Wie hoch die Entschädigung ist, darüber geben weder die Swisscom noch die Stiftung Auskunft. Bundi Ryser hält aber fest: «Es sind keine grossen Beträge, und schon gar keine, von denen die Zukunft unserer Stiftung in irgendeiner Form abhängt.»

«Uns zu beschuldigen, dass wir sie verstrahlen, war keine geschickte Aktion.»

Johanna Bundi Ryser, Präsidentin Stiftungsrat

Im Gespräch mit beiden Seiten wird schnell klar, dass die Fronten verhärtet sind. Während die Gegner die fehlende Gesprächsbereitschaft beklagen, stiess ihr Plakat bei der Stiftung auf wenig Freude. «Unsere Sterbekasse anzugreifen und zu beschuldigen, dass wir sie verstrahlen, war keine geschickte Aktion», sagt Bundi Ryser. Weil die Ansichten so stark auseinandergehen, sei es schwierig, sich zu finden.

Eichhof-Areal als Alternative?

Unverständlich ist für die Anwohner indes auch, wieso nicht ein anderer, weniger dicht bewohnter, Standort gewählt wurde. «Bei der Eichhof Brauerei gäbe es sicher Möglichkeiten für den Bau einer Antenne, von der weniger Menschen direkt betroffen wären», sagt Rolf Studer. Der 84-Jährige ist ebenfalls Nachbar und ist überzeugt, dass er die oberste Wohnung seines Hauses nicht mehr als Wohnung vermieten kann, wenn in unmittelbarer Nähe eine Antenne steht

Die Swisscom hat tatsächlich das Eichhof-Areal als mögliche Option für eine Antenne geprüft. Doch am Ende fiel die Wahl auf die Villenstrasse. «Dieser Standort erfüllt die Anforderungen hinsichtlich Mobilfunk-Abdeckung am besten und mit der Eigentümerschaft konnte ein Standortvertrag abgeschlossen werden», begründet Annina Merk.

«Das Gerichtsverfahren ist für uns mindestens ein Zeitgewinn.»

Bruno Hermann, Anwohner

Dass überhaupt eine neue Antenne nötig ist, hängt zum einen damit zusammen, dass viele bestehende Anlagen von Gesetzes wegen nicht weiter ausgebaut werden können. Zum anderen wünschen die Kunden offenbar immer bessere Verbindungen. «Das Datenvolumen im Mobilfunknetz verdoppelt sich jährlich», so Merk.

Gleichzeitig gibt es immer wieder Protest. «Der Ausbau verzögert sich oft aufgrund zahlreicher Einsprachen, obwohl die Nachfrage stetig wächst», so Annina Merk. Pro Jahr werden zwischen fünf von zehn Fällen vor Bundesgericht gezogen. In der Regel dauere es 24 Monate von Beginn der Baueingabe bis zum abgeschlossenen Bau einer Antenne. Dass es an der Villenstrasse deutlich länger geht, scheint also eher eine Ausnahme zu sein. «Es gibt immer wieder massiven Widerstand gegen einzelne Antennen, aber auch Gesuche, die ohne Einsprachen vonstatten gehen», sagt Markus Hofmann, Leiter Ressort Baugesuche bei der Stadt.

Geringe Hoffnung

Rechtlich scheint der Fall relativ klar zu sein. Die Gegner haben denn auch wenig Hoffnung, was das ausstehende Bundesgerichtsurteil angeht. «Das Gerichtsverfahren ist für uns mindestens ein Zeitgewinn zugunsten unbestrahlter Lebensqualität», sagt Bruno Hermann. Für ihn ist klar: Es werde dringend Zeit, die effekiven Auswirkungen unabhängig zu untersuchen, um die Technik anpassen zu können.

«Die Antenne kommt wohl einfach, da können wir nichts machen», stimmt Rolf Studer in den Tenor ein. «Aber für uns ist es eine Katastrophe.»

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