Ananda Kuonen in ihrem frisch eingerichteten Schulzimmer im Schulhaus Amlehn in Kriens. (Bild: giw)
Gesellschaft Bildung

Ananda Kuonen in ihrem frisch eingerichteten Schulzimmer im Schulhaus Amlehn in Kriens. (Bild: giw)

Zwischen Euphorie und Vorurteilen: Zwei frische Lehrpersonen erzählen

10min Lesezeit

Nach Jahren der Vorbereitung ist es für sie so weit: Absolventen der Pädagogischen Hochschule stehen das erste Mal als Klassenlehrpersonen vor ihren neuen Schützlingen. Zwei, die am Montag im Kanton Luzern starten, erzählen von ihren Hoffnungen und Ängsten.

Ab Montag ist Schluss mit dem Müssiggang für die Schüler an der Luzerner Volksschule, die Schulferien sind definitiv vorbei. Doch nicht nur auf den Schulbänken kommt es zu Veränderungen, auch vor der Wandtafel tut sich was. zentralplus hat mit zwei neuen Luzerner Lehrpersonen gesprochen. Sie kommen frisch von der Pädagogischen Hochschule (PH) und unterrichten erstmals in Eigenregie eine Schulklasse.

Als wir die 21-jährige Ananda Kuonen am Samstagnachmittag treffen, richtet sie gemeinsam mit ihrem Freund ihr Klassenzimmer im Schulhaus Amlehn in Kriens ein. Der Raum sieht anders aus, als man sich ein Klassenzimmer vielleicht vorstellt. Statt vor streng angeordneten Sitzbänken steht man vor einem Sitzkreis nahe der Wandtafel.

Kuonen arbeitet mit einem neuen Modell

Im hinteren Bereich gibt es verschiedene Lerninseln und gar eine Ecke mit Kissen und Decken: «Gemeinsam mit zwei anderen Lehrpersonen im Schulhaus Amlehn versuche ich es mit einem neuen Unterrichtsmodell», erklärt Kuonen die ungewohnte Raumaufteilung. Sie nimmt an einem Versuch teil, der später möglicherweise zum neuen Standard werden könnte.

Kuonen wird eine dritte Primarklasse unterrichten. «Die Lernenden können im Churer Modell selbst entscheiden, wo, mit wem und wie sie ihre Aufgaben erledigen wollen.» Es gehe darum, die Kinder ihrem Tempo und ihren Bedürfnissen entsprechend individuell zu fördern.

«Endlich kann ich loslegen.»

Ananda Kuonen, Primarlehrerin

Kuonen zeigt sich sehr offen gegenüber Veränderungen und hält die vielen Schulreformen für eine gute Sache: «Es gehört zu unserem Beruf. Wichtig ist mir, dass die Neuerungen immer den Kindern zugute kommen.»

Sie hat ein breites Lachen im Gesicht und ist sehr euphorisch, bald ihre erste Klasse empfangen zu können: «Endlich kann ich loslegen. Bereits an der Hochschule waren die Praktikaeinsätze immer mein Highlight.» Nach der Kantonsschule begann die Luzernerin direkt mit der Lehrerausbildung.

Seklehrer mit untypischer Laufbahn

Leroy Gürber übernimmt frisch von der PH eine zweite Sekundarstufe Niveau A in Hitzkirch. Er, der selbst im Seetal aufwuchs, hat für seine 26 Jahre bereits eine lange Berufs- und Bildungskarriere hinter sich: «Ich habe einen untypischen Weg zum Lehrerberuf gewählt.»

Nach der Sek und einer Lehre als Bauzeichner machte er die Berufsmatura: «Ich merkte, dass ich mein Wissen sehr gerne weitergebe, als ich begann, Nachhilfeunterricht zu geben.» Das war der Grund, weshalb er sich anschliessend an der Pädagogischen Hochschule eingeschrieben hat.

Der frisch gebackene Lehrer Leroy Gürber.
Der frisch gebackene Lehrer Leroy Gürber. (Bild: giw)

Gegenseitige Unterstützung im Kollegium

Dass er nun direkt eine Oberstufenklasse mit pubertierenden Jungs und Mädels unterrichtet, sei keine besondere Schwierigkeit. Im Gegenteil: «Da ich selbst eine Lehre absolviert habe, kann ich die Jugendlichen bei der Berufswahl und der Stellensuche gut unterstützen», findet Gürber.

«Ich bekomme Hilfe, wenn es mal schwierig wird.»

Leroy Gürber, Sek-Lehrer

Völlig unvorbereitet tritt er nicht vor die Klasse. Neben den praktischen Einsätzen im Rahmen der Hochschule und verschiedenen Stellvertretungen besuchte er ausserdem einen einwöchigen Vorbereitungskurs während der Sommerferien für angehende Lehrer: «Das war sehr wertvoll. Gemeinsam mit meinen neuen Kollegen konnte ich mich auf das Kommende vorbereiten. Wir haben uns beispielsweise bei der Planung für das Schuljahr gegenseitig unterstützt.»

Ausserdem wird Gürber in Hitzkirch eine langjährige Lehrperson zur Seite gestellt. «Die Erfahrungen meines Mentors sowie des gesamten Kollegiums sind viel wert und werden mir helfen, wenn es vielleicht mal schwierig wird in den kommenden Wochen und Monaten.»

Von der Kanti direkt an die PH

Wie Gürber kann auch Ananda Kuonen von der Unterstützung ihrer Mentorin profitieren: «Sie war bereits meine Praxisbegleiterin, als ich hier im Amlehn mein einmonatiges Praktikum absolviert habe.» Gemeinsam mit der Vertrauensperson war sie die ganzen Sommerferien hinweg mit den Vorbereitungen beschäftigt.

«Zwischen Strenge und Nachgiebigkeit will ich das Mittelmass finden.»

Ananda Kuonen

Also nichts mit Ferien – und das wird voraussichtlich so bleiben, meint Kuonen: «Mein Unterrichtsansatz fordert sehr viel Engagement, besonders im ersten Jahr.» Doch das stört die junge Frau nicht. Sie ist ganz erfüllt vom Wunsch, ihren Schützlingen etwas beizubringen: «Bereits als Kind habe ich Lehrerin gespielt.» Für sie war klar, was sie nach der Kanti macht.

Neben dem Schulstoff will sie den Schülern ganz im Sinne ihres Unterrichtsmodells Selbstständigkeit vermitteln. Eine klare Kommunikation sei wichtig: «Ich will mit den Kindern auf Augenhöhe sprechen, ihre Anliegen ernst nehmen.» Rund 20 Kinder wird sie unterrichten, die Klasse ist sehr heterogen, viele verschiedene Muttersprachen und Herkunftsländer werden im Zimmer vertreten sein.

Nicht streng, aber konsequent

Obwohl Kuonen oft lacht und ihre Augen strahlen, will sie keine nachgiebige Lehrperson sein, die alles durchgehen lässt: «Ich will eine gute Beziehung zu meiner Klasse aufbauen. Zwischen Strenge und Nachgiebigkeit will ich das Mittelmass finden.»

Leroy Gürber hat sich noch keine eigentliche Unterrichtsphilosophie zurechtgelegt – er hat aber seine Vorstellungen. Wird er ein strenger Lehrer sein? «Streng ist das falsche Wort, das tönt, als möchte ich alles verbieten. Aber ich will konsequent sein.» Er vereinbare Regeln mit der Klasse und an die müssten sich dann alle halten. Seine Antworten sind überlegt und selbstsicher, vor der Klasse zu stehen, wird ihm keine Mühe bereiten.

Keine Furcht vor den Eltern

Neben der Arbeit mit den Jugendlichen ist auch der Umgang mit den Eltern ein wichtiger Aspekt des Lehrerberufs. Diese werden zunehmend fordernder, gerade wenn es um die Weichenstellung für den weiteren Bildungsweg geht. Doch die Zusammenarbeit mit den Eltern bereiten Gürber keine Sorgenfalten: «Ich habe keine Angst. Es ist mir wichtig, offen und ehrlich zu kommunizieren, welchen zukünftigen Weg ich für ihren Sohn oder ihre Tochter sehe.»

«Viel Ferien, guter Lohn – das denken die Leute.»

Leroy Gürber

Er wolle den Eltern mit Respekt begegnen und sich für jeden einzelnen Lernenden Zeit nehmen. Sorgen bereitet Gürber, dass das Ansehen des Lehrerberufs gelitten hat. Stattdessen hat sich ein eher negativer Stereotyp durchgesetzt: «Viel Ferien, guter Lohn – das denken die Leute.» Dazu kämen die Sparmassnahmen bei der Bildung im Kanton Luzern.

«Insgesamt sehe ich ein Missverhältnis zwischen Aufwand und Wertschätzung für unsere Arbeit.» Tatsächlich sei die Arbeitsbelastung gross. Und wenn sie zu gross wird? «Klar, auch mir sind Beispiele von Lehrpersonen bekannt, die ein Burnout erlitten.»

Ein Ausgleich zum Job ist wichtig

Um dem vorzubeugen, will er sich selbst zuliebe Grenzen setzen: «Ich möchte vermeiden, ausserhalb der normalen Arbeitszeit den Unterricht vorzubereiten. Mir ist ausserdem wichtig, einen Ausgleich zu schaffen.» Er engagiert sich in einem Verein und treibt gerne Sport, um den Kopf zu leeren.

Ananda Kuonen unterrichtet eine 3. Klasse.
Ananda Kuonen unterrichtet eine 3. Klasse. (Bild: giw)

Auch die engagierte Kuonen hat Respekt vor ihrem Beruf und der Arbeitsbelastung. Mindestens einen halben Tag will sie sich pro Woche nur für sich alleine reservieren. Nicht gerade viel, sie kann über das Vorurteil, Lehrer hätten viel Freizeit, nur lachen: «Ferien werde ich in absehbarer Zeit wohl nicht haben.» Immer gäbe es noch was tun. Da die Vernetzung mit den Sonderpädagogen, dort der Austausch mit der Schulverwaltung.

Hinzu kommt die Elternarbeit. Darauf freut sie sich, sieht aber auch Konfliktpotenzial: «Nicht immer decken sich die Vorstellungen darüber, was das Beste für das Kind ist.» Und das Kindswohl sei immer das Wichtigste. Darum sei klare Kommunikation gefragt.

Einen sicheren Weg ermöglichen

Bereits in der dritten Woche hat sie einen Elternabend geplant, um sich und das neue Schulmodell vorzustellen. Sollte es Probleme geben, will sie nicht zögern: «Ich greife früh zum Telefon, wenn ich merke, dass bei einem Kind etwas nicht optimal läuft.» Kuonen will sich mit ihrem 90-Prozent-Pensum also alleine auf ihre Arbeit als Klassenlehrerin konzentrieren.

Nicht so Leroy Gürber. Er wird ein 85-Prozent-Pensum antreten und daneben einen Masterkurs in Geschichtsvermittlung an der PH besuchen. Das Fach gefällt ihm besonders, obwohl er es vorerst nicht unterrichten wird. «Ich habe auch meine Abschlussarbeit im Fach Geschichte für ein Bildungsprojekt über das Bourbaki-Panorama gemacht.»

Trotz herausfordernder Rahmenbedingungen hat sich Gürber für den Lehrerberuf entschieden. Was möchte er erreicht haben, wenn er seine Klasse in zwei Jahren in die Berufswelt oder an weiterführende Schulen entlässt? «Ich will, dass alle einen gesicherten Weg vor sich haben.»

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