Diese zwei Expat-Damen – Danna Walker Apolloni (links) und Lisa Chuma – stellen sich unseren 10 Fragen. (Bild: flickr/Montage: lob)
Gesellschaft Interview

Diese zwei Expat-Damen – Danna Walker Apolloni (links) und Lisa Chuma – stellen sich unseren 10 Fragen. (Bild: flickr/Montage: lob)

Was tun gelangweilte Expat-Frauen, wenn sie gerade nicht shoppen gehen?

12min Lesezeit

Expats geniessen in Zug nicht den besten Ruf. Sie seien reich, arrogant, fahren Protzkarren und integrieren sich nicht, heisst es. Stimmt das eigentlich? Zwei Expat-Damen waren mutig genug, sich unseren schonungslos ehrlichen Fragen zu stellen.

In Zug hört man mittlerweile mehr Englisch als Deutsch. Die riesigen Geländewagen besetzen gleich immer zwei Parkplätze und sind nur zum Angeben da. Die exorbitanten Mieten vertreiben eingesessene Zuger aus dem eigenen Kanton.

Schuld an dem ganzen Desaster: Die vielen Expats, die, von den internationalen Firmen angelockt, nach Zug kommen. Alle stinkreich und im Anzug. Schlimmer noch sind Expat-Gattinnen, die den ganzen Tag nur golfen und shoppen. Wir haben die gängigsten Vorurteile und Ärgernisse notiert und wollen Zuger Expats damit konfrontieren. Zwei Damen (hier geht's zu den Kurz-Biographien) stellen sich – mit der Bedingung, dass sie am Ende selbst austeilen dürfen.

zentralplus: Kommen wir gleich zur Sache – Sie sind ein Expat in Zug, demnach also reich. Sind Sie’s?

Lisa Chuma: Nein, definitiv nicht. Bei uns steht kein Ferrari oder Porsche in der Garage. Vielleicht verdienen wir viel im Vergleich zu Simbabwe beziehungsweise London, wo ich und mein Mann herkommen. Wir sehen uns aber nicht als wohlhabend – wir haben drei Kinder und kommen durch.

Danna Walker Apolloni: Nein, das sind wir nicht. Sondern nur glücklich, da wir durch den Arbeitgeber meines Mannes eine solche Gelegenheit bekommen haben.

zentralplus: Erwarten Sie von allen, dass sie mit Ihnen Englisch sprechen? Deutsch lernen ist ja eh kein Thema.

Chuma: Nein, das tue ich nicht! Ich brauche das Deutsch zum Beispiel oft beim Arbeiten. Klar ist es keine einfache Sprache und ich habe oft meine liebe Mühe. In erster Linie versuche ich darum schon, Englisch zu reden. Dass es mit dem Deutsch nicht perfekt klappt, ist aber mein Problem, deshalb erwarte ich nicht, dass alle mit mir Englisch reden. Aber ich sag mir: Sollte ich jemals perfekt Deutsch sprechen, verlasse ich die Schweiz nie wieder.

Walker: Nein... Ich möchte eigentlich so viel wie möglich über die neue Kultur und die Leute hier lernen. Natürlich ist es öfters hilfreich, dass in Zug viele Menschen Englisch sprechen. Aber erwarten tue ich das nicht, ich versuche mich dann jeweils zu arrangieren. Die meisten Verkäufer sind sehr geduldig mit mir, wenn ich mein Deutsch bei ihnen ausprobiere. Obwohl sie nach drei bis vier missglückten Sätzen öfters mal anfangen zu lachen und dann wechseln wir ins Englische.

«Wir bezahlen alles selbst, wie alle anderen hier.»

Lisa Chuma

zentralplus: Wie finden Sie es, dass viele Zuger wegziehen, weil Sie so hohe Mieten zahlen?

Chuma: Das wusste ich nicht. Sorry! Aber um es aus Expat-Sicht zu erklären: Wenn wir in die Schweiz kommen, wissen wir nicht, was viel oder wenig Miete ist. Und bezahlen halt die Summe, die verlangt wird, weil man sich denkt, dass das schon der Normalpreis sein wird.

Walker: Mir war nicht bewusst, dass Leute Zug wegen zu hoher Mieten verlassen müssen. Ich hasse es, dass das passiert. Die Mieten sind extrem hoch, das stimmt – aber auch für uns. Ich habe mich oft gefragt, wie Ansässige es sich leisten können, hier zu leben. Mir wurde dann erzählt, dass viele Schweizer ihr Haus gar nicht kaufen, sondern erben. Ganz klar: Bekämen wir keine Zuschüsse von der Firma meines Mannes, könnten wir es uns auch nicht leisten, in dem Haus zu bleiben, das wir jetzt bewohnen.

zentralplus: Apropos bezahlen: Gibt es etwas, was Ihre oder die Firma Ihres Mannes nicht zahlt?

Chuma: Quatsch, weder Miete noch Krankenkasse noch sonst etwas. Wir bezahlen alles selbst, wie alle anderen hier.

Walker: Die Firma bezahlt in der Tat für ziemlich viele unserer Ausgaben. An uns bleiben die normalen Lebenskosten wie Essen, Telefon, Internet, Autoversicherung und Benzinkosten hängen.

Ein Schnappschuss von Lisa Chuma auf ihrer Facebook-Seite.
Ein Schnappschuss von Lisa Chuma auf ihrer Facebook-Seite. (Bild: facebook)

zentralplus: Lachen Sie heimlich über Nicht-Expats mit alten Autos oder Outfits von C&A?

Chuma: Nein! Tue ich nicht und werde ich nie. Ich habe auch noch niemanden getroffen, der das tut.

Walker: Um Himmels Willen, wieso sollte ich? Ich bin immer um jedes Auto dankbar gewesen, das mich sicher von A nach B gebracht hat. Ausserdem kaufe ich selber oft bei C&A ein – die haben tolle Kleider.

zentralplus: Was tun gelangweilte Expat-Frauen, wenn sie gerade nicht shoppen gehen?

Chuma: Naja, ich habe drei Kinder, da fällt einiges an Arbeit an. Ich verbringe die meiste Zeit zu Hause, da ich auch mein Geschäft vom Home-Office aus betreibe. Also ganz langweilig: Ich koche, putze und arbeite, davon etwa vier Stunden am Tag für meine Firma.

Walker: Das ist ziemlich witzig – ich bin offen gesagt zu sparsam, um hier einfach zu shoppen. Ich komme aus den USA, die hohen Preise hier machen mir darum schon zu schaffen. Ich war kürzlich wieder dort, habe die Familie besucht und bin dort shoppen gegangen. Zurück zur Frage: Wenn wir «gelangweilt» sind, gehen wir in die Badi, auf den Zugerberg wandern oder machen Ausflüge nach Luzern oder Zürich. Meine Familie und ich nutzen eigentlich jede Chance, einen neuen Teil der Schweiz zu sehen. Ich möchte so viel wie möglich über meine neue – wenn auch nur temporäre – Heimat erfahren.

«Die Leute in Zug dürften offener sein.»

Lisa Chuma

zentralplus: Wie viele Schweizer Freunde haben Sie?

Chuma: Ich habe zwar schon viele Kontakte geknüpft, aber noch nicht wirklich enge Bindungen gemacht. Schweizer Freunde, die ich regelmässig sehe, mit denen ich spontan einen Kaffee trinken oder essen gehe, habe ich ehrlich gesagt so nicht. Es sind mehr Businesskontakte, die ich pflege – aber die enden meistens nach der Arbeit. Ich würde meinen Schweizer Freundeskreis aber sehr gerne erweitern.

Walker: Traurigerweise muss ich sagen, nur eine – meine Deutschlehrerin. Ich hätte gerne mehr Schweizer Freunde, aber die meisten Freundschaften pflege ich zu anderen Expats von überall auf der Welt. Meine Kinder haben Schweizer Freunde, die sie von den internationalen Schulen kennen. Die Eltern dieser Kinder leben aber nicht in Zug, deshalb stehen wir auch deren Eltern nicht besonders nahe.

zentralplus: Wollen Sie sich nicht integrieren, weil Sie sowieso in ein paar Jahren wieder gehen?

Chuma: Ich tue mein Bestes, um mich zu integrieren. Abgesehen davon möchten wir in der Schweiz bleiben. Manchmal habe ich schlicht ein Zeitproblem: Wir wollen für unsere Kinder etwas aufbauen und Geld beiseite legen. Das heisst viel Arbeit – und so bleibt zum Beispiel für die Treffen mit anderen Müttern oftmals zu wenig Zeit.

 

«Ich werde es nicht allzu persönlich nehmen»: Danna Walker kann trotz unserer frechen Fragen lachen.
«Ich werde es nicht allzu persönlich nehmen»: Danna Walker kann trotz unserer frechen Fragen lachen. (Bild: zvg)

Walker: Das stimmt nicht. Wir lernen alle momentan Deutsch, und es macht uns Spass, die verschiedenen Traditionen und Dialekte in den Kantonen kennenzulernen. Mein Ziel ist es, mein Deutsch auf ein C-Level zu bringen und mich auf Schweizerdeutsch zumindest unterhalten zu können, bevor wir die Schweiz wieder verlassen.

zentralplus: Besuchen Ihre Kinder die International School oder das Montana-Institut?

Chuma: Weder noch. Der Jüngste ist noch nicht schulpflichtig, die anderen beiden besuchen ganz normal die Schule in Hagendorn. Oder haben besucht, denn mein ältester Sohn ist momentan in London, unserer alten Heimat, in einem Internat. Wir glauben daran, Weltenbürger zu erziehen, darum sollen sie auch an anderen Orten Leben, wenn sie das wollen.

Walker: Momentan wird nur eins meiner Kinder in Zug zur Schule gehen. In die International School of Zug – also Klischee bestätigt.

«Ihr habt hier ja wirklich Regeln für alles!»

Danna Walker Apolloni

zentralplus: Zum Schluss dürfen Sie auch mal austeilen: Was könnten die einheimischen Zuger den Expats gegenüber besser machen?

Chuma: Sie sollten zum einen mehr Geduld haben. Es wird immer Perfektion erwartet: Dass man perfekt die Sprache beherrscht, sich sofort mit allen Gebräuchen und Regeln vertraut macht. Das dauert aber. Zum anderen dürften sie offener sein und mehr auf die Leute zugehen.

Walker: Ich habe eigentlich dass Gefühl, gut aufgenommen worden zu sein. Ich kann mich auch an keine Situation erinnern, in der ich mich tödlich über jemanden aufgeregt hätte. Auch für mein Deutsch hat man wie gesagt Verständnis. Eines möchte ich allerdings loswerden: Ich möchte der Zuger Bevölkerung sagen, dass nicht alle Expats hier sind, um Zug oder die Schweizer Lebensart zu torpedieren oder zu verändern. Fast alle Expats, die ich kenne, möchten auch wirklich etwas über die Kultur hier lernen.

Weiter habe ich hier viele Dinge gelernt, die ich noch lange tun werde, nachdem ich hier weg bin. Vielleicht sollte man uns etwas mehr Zeit geben: Am Anfang ist es schwierig, sich an alle Regeln zu gewöhnen. Und ihr habt hier ja wirklich Regeln für alles! Aber sobald man die Abfalltrennung im Griff hat, weiss, wie Abfuhr funktioniert, sich an Nachtruhe, den ÖV und früh geschlossene Läden gewöhnt, ist es eigentlich grossartig, hier zu leben.

Zu den Personen

Lisa Chuma kommt ursprünglich aus Simbabwe, lebte vorher lange in London und ist 32 Jahre alt. Im Dezember 2011 ist sie mit ihrem Mann und ihren zwei (mittlerweile drei) Kindern nach Zug gekommen und wohnt seitdem in Hagendorn. Lisas Ehemann ist durch die Arbeit für ein grosses Reisebüro in die Schweiz gekommen. Sie selbst ist die Gründerin und Organisatorin der «Women's Expo», mit der sie seit 2013 jedes Jahr eine Ausstellung für Geschäftsfrauen organisiert.

Danna Walker Apolloni ist US-Amerikanerin, 45 Jahre alt und Mutter von vier Kindern. Nach Zug ist sie mit ihrer Familie im Jahr 2015 gekommen; ihr Mann arbeitet hier für eine im Öl- und Gashandel tätige Firma. Sie selbst ist die «Hausmanagerin», wie sie selbst sagt, und fotografiert leidenschaftlich gerne. In Zug wird sie mit ihrer Familie noch etwas über ein Jahr bleiben.

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