«Trittst mit Morgerot daher»: So hat die Brauerei Baar den Gerstensaft im Kanton Zug zum heimat- und einheitsstiftenden 1.-August-Symbol uminterpretiert. (Bild: zvg)
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«Trittst mit Morgerot daher»: So hat die Brauerei Baar den Gerstensaft im Kanton Zug zum heimat- und einheitsstiftenden 1.-August-Symbol uminterpretiert. (Bild: zvg)

Wenn Heimat immer süffiger wird

6min Lesezeit

Heimat ist in Zug ein relativer Begriff. Weil hier so viele Ausländer wohnen, dass man oft mehr englische und russische Wörter vernimmt als einheimische Vokabeln. Andererseits ist Zug so klein, dass fast jeder jeden kennt. Um diese unterschiedlichen Welten zu verbinden, macht sich ein neuer Trend bemerkbar, der sich für Fremde wie Einheimische gleichermassen wie Heimat anfühlt. Beziehungsweise schmeckt. 

Wolfgang Holz
Als vor Jahren ein Deutscher im Kanton Zug in einem Gespräch mit seinen Zuger Arbeitskollegen steif und fest behauptete, der deutsche Formel-1-Rennfahrer Sebastian Vettel, wohnhaft in Walchwil, sei ja ein Zuger, erntete er nur Häme. Ja, ist man denn etwa nicht ein Zuger, wenn man in Zug wohnt und lebt, fragte er kopfschüttelnd nach. Inzwischen ist Vettel übrigens ein Thurgauer.
 
Also, wer ist denn nun ein Zuger? Einer, der hier geboren ist? Einer, der hier Steuern zahlt? Einer, der den roten Pass in Händen hält? Oder tatsächlich nur einer, der hier geboren wurde, seit Jahrzehnten hier lebt, eingebürgert wurde, astreines Schwyzerdütsch parliert und auch noch das Haus seiner Grossmutter geerbt hat?

Zuger Kirschtorte: Ursymbol Zuger Heimat

Der bisherige Heimatklassiker: die Zuger Kirschtorte.
Der bisherige Heimatklassiker: die Zuger Kirschtorte. (Bild: wikipedia/IG Zuger Chriesi)

Wer ein Zuger ist und wer keiner ist, lässt sich heutzutage tatsächlich nicht mehr so eindeutig feststellen. Und trotzdem fehlt allen irgendwie ein Harmonie-Kitt für das gemeinsame Heimatgefühl. Da hat die Politik leider noch kein probates Mittel für den Begriff Heimat gefunden.

Doch Zuneigung und Wohlbefinden gehen ja bekanntlich auch durch den Magen. In dieser Hinsicht hat die Zuger Kirschtorte – die ja eigentlich aus dem Appenzellischen stammt – seit Jahrzehnten einen wertvollen Beitrag zur Heimatpflege und zum gemeinsamen Wir-Gefühl in Zug getätigt.

Allerdings liegt einem die Zuger Kirschtorte mit ihrer gehaltvollen Konsistenz nicht selten schwer im Magen. Man könnte sich sogar zu der Behauptung versteigen, dass die Zuger Kirschtorte aufgrund ihrer Promillegetränktheit und sedierenden Wirkung auch im Zuger Kantonsspital vom Anästhesiearzt hin und wieder als günstiges Narkotikum eingesetzt wird. Ein Witzle. Exgüsi.

Auch Würste kann man mit Kirschen füllen.
Auch Würste kann man mit Kirschen füllen. (Bild: mbe)

Doch die Kirsche hat in Zug unbestreitbar schon wertvolle Dienste in Sachen Integration geleistet. Man könnte fast von einer «Chriesisierung» Zugs sprechen. Dazu gehören leider auch jene tumben, heimattümelnden Tafeln an den Kantonseingängen, die Zug als quasi jungfräuliches, nur durch die reine Kirsche beschenktes Paradies idealisieren. Was für ein Kitsch!

Chriesi, Chriesi, Chriesi …

Dabei haben die süssen Früchtchen in flüssigem, gebranntem Aggregatzustand – will heissen: als Schnaps – zweifellos schon Zuger Gemüter der verschiedensten gesellschaftlichen Provenienz heiter zu stimmen vermocht. Selbst unter den Kantonsräten glättet ein Gläschen Kirsch zur Mittagszeit ja allfällige politische Wogen – auch wenn sie diesen inzwischen selbst bezahlen müssen.

Seit den letzten Jahren stillen Chriesi-Würste (nein, danke!) und viele wundersame Chriesi-Kreationen mehr die tiefsten kulinarischen Sehnsüchte aller Zuger. Nur so ist auch der Schock vieler Chriesi-Bauern angesichts der zerstörerischen Frosttemperaturen in diesem Frühjahr zu verstehen: Weil Chriesi eben nicht nur Obst sind, sondern identitätsstiftende Objekte. Sprich: appetitliche Heimat.

Nun allerdings hat das heimische Bier in Zug noch eine weitere, höhere Stufe als «Heimat-Generator» erklommen. Zum einen gibt es eben nicht mehr nur Baarer Bier in Zug. Eine ganze Reihe neuer Biersorten im Kanton hat jüngst die Palette an Gerstensäften erweitert und bedient damit immer neue Zuger Geschmäcker.

Adrian Woerz vom Brauhaus Eisbock mit dem ersten Stadtzuger Bier bei der Burg Zug.
Adrian Woerz vom Brauhaus Eisbock mit dem ersten Stadtzuger Bier bei der Burg Zug. (Bild: mam)
 

Dadurch, dass jetzt in Cham (Chomer Bier), in Hünenberg (Einhorn-Bräu) und auch in der Stadt Zug (Noxx: das Monsterbier) neue Biervarianten erfunden wurden und gebraut werden, vertieft sich quasi die regionale Wirkung süffiger Identitätsstiftung. Bald wird es wohl heissen: Für jeden Zuger sein Zuger Bier. Prost!

Schweizer Psalm zum Wohl des Biers umgeschrieben

Aber das ist noch nicht alles. Die Brauerei Baar hat sich ganz aktuell, wenige Tage vor dem 1. August, sogar aufgeschwungen, ihren eigenen Gerstensaft in die Sphären eines nationalen Olymps zu erheben. Selbst Helvetia kippt sich da neben all den Erdmandli einen hinter die Binde. Dafür hat die Bierfirma auch noch den Schweizerpsalm so umgeschrieben, damit er in grossen Schlucken daherkommt.

Statt der ersten Zeilen der Originalstrophe der Bundeshymne «Trittst im Morgerot daher, seh’ ich dich im Strahlenmeer, Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!» lassen die Baarer Brauer nun folgendes Band nationaler Poesie in mythischen Lüften flattern. «Trittst mit Morgerot (so heisst das Bier!) daher, seh’ ich dich und strahle sehr, Dich, du hocherhabenes, herrliches!»

Hicks.

Vielleicht ist Heimat einfach dort, wo man sich wohlfühlt.

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