In Action: Oliver Schmid in einer Selbstaufnahme auf dem Jungfraujoch. (Bild: zvg)
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In Action: Oliver Schmid in einer Selbstaufnahme auf dem Jungfraujoch. (Bild: zvg)

Spektakuläre Sicht auf Zug, wie man sie sonst nie sieht

10min Lesezeit

Fast ein wenig unwirklich, aber sehr spektakulär wirken sie: die Aufnahmen, in denen der Zuger Oliver Schmid Landschaft und Sterne miteinander in Verbindung bringt. Entstanden ist dabei unter anderem der Zeitraffer-Film «Stadt Zug in Motion». Eine Entdeckungstour in Video und Bild durch das, was in der Dämmerung sonst verborgen bleibt.

Ganz schön viel Ausrüstung präsentiert uns Oliver Schmid, als wir ihn in seinem Büro in Baar besuchen. Der 41-jährige selbstständige App- und Webdesigner, der auf dem Zugerberg wohnt, hat ein aufwendiges Hobby: Zeitraffer-Filme.

Timelapse-Fotografie

Bei der Timelapse- oder Zeitrafferfotografie wird über einen längeren Zeitraum eine aufeinanderfolgende Sequenz von Bildern aufgenommen. Mithilfe von Bildbearbeitung werden die Schnappschüsse dann zu einem kurzen Film zusammengefügt. Was sich in dieser Zeit um das Motiv abgespielt hat, ist so im Zeitraffer zu sehen.

Ein- bis zweimal im Monat, aber sicher immer bei Neumond, macht sich Schmid auf, einzufangen, was dem blossen Auge fast gänzlich verborgen bleibt: die Milchstrasse. In Szene setzte er schon Zug und Luzern, bereist für seinen neuen Zeitraffer-Film «Sleepless in Switzerland» aber auch viele weitere Schweizer Orte und Berge.

«Der Schlafsack bleibt bei so viel Material leider auf der Strecke», meint der Sternenjäger. Ein Einblick in extrem genaue Arbeit, skurrile nächtliche Begegnungen und den Ärger, wenn ein Handy-Display die ganze Arbeit ruiniert.

«Ich möchte auf meinen Bildern eine Landschaft-Milchstrasse-Verbindung schaffen.»

Oliver Schmid

Feedback auf Zuger Zeitraffer-Film gross

Geboren wurde Oliver Schmids Begeisterung für die Milchstrassen-Fotografie sozusagen auf dem Hausberg. Ende letzten Jahres präsentierte er mit «Stadt Zug in Motion» erstmals eine Zuger Nacht im Zeitraffer. «Erst einmal teilte Zug Tourismus mein Video auf Facebook. Das generierte ziemlich viele Klicks und ich erhielt zahlreiche Feedbacks und Reaktionen auf das Video.»

«Beim Produzieren ist mir ausserdem aufgefallen», so Schmid weiter, «dass man auf einigen Bildern auf dem Zugerberg einen Baum und im Hintergrund die Milchstrasse sah. Das faszinierte mich total, und ich beschloss, mich der Sternenfotografie zu widmen.» Allerdings nicht mit Sternen als alleinigem Motiv: «Mir gefällt die Verbindung mit der Erde. Ich möchte auf meinen Bildern eine Landschaft-Milchstrasse-Verbindung schaffen.»

Hier gibt es den Zeitraffer-Erstling «Stadt Zug in Motion» zu betrachten:

In der Folge verschlang der 41-Jährige Literatur, konsultierte Videos und schaffte sich neue Ausrüstung an. Einen Teil besass Schmid schon, weil er in der Vergangenheit einige Filmaufträge, unter anderem für eine Modellfluggruppe, ausgeführt hatte. «Ich merkte aber schnell, dass man vom Filmen nicht leben kann», erklärt er. Deshalb seien die Timelapse-Filme wieder mehr zur Freizeitbeschäftigung geworden. Im Büro steht dafür Ausrüstung, die mehrere Tausend Franken wert haben dürfte – wenn nicht noch mehr. «In der Tat betreibe ich ein teures Hobby», meint Schmid und lacht. «Aber das ist es mir wert.»

Extreme Genauigkeit gefragt

Von Februar bis September – nur in dieser Zeit ist das sogenannte «galaktische Zentrum», der am besten sichtbare Bereich der Milchstrasse hierzulande zu sehen – bereist Oliver Schmid dieses Jahr verschiedene Orte in der ganzen Schweiz für seinen neuen Timelapse-Streifen. Auch auf dem Pilatus sind Aufnahmen entstanden – rund 15’000 Fotos sind insgesamt schon zusammengekommen. Zurück im Büro werden diese dann zu einem Film zusammengeschnitten.

Hier wird die Foto-Ausbeute zum Film: Oliver Schmid in seinem Büro in Baar.
Hier wird die Fotoausbeute zum Film: Oliver Schmid in seinem Büro in Baar. (Bild: lob)

Was muss bei so einer nächtlichen Fotosession eigentlich alles getan werden? «Gewöhnlich bei Neumond, wenn die Lichtverhältnisse ideal sind, finde ich mich gegen Abend dort ein, wo ich fotografieren möchte. Anschliessend stelle ich Stative und Geräte provisorisch ein.» Zwischen 23 Uhr und Mitternacht sei das Zentrum der Milchstrasse allmählich zu sehen. Dann heisst es für Oliver Schimd: Beeilung! «Belichtung und Position müssen im Dunkeln nochmals eingestellt werden.»

«Mir ist in der Nacht auch schon ein Auto fast in die Ausrüstung gefahren.»

Oliver Schmid

Das Zeitfenster, um alles einzurichten, bevor es richtig losgeht, sei nicht gerade gross. Das könne jeweils ganz schön stressig werden. Auch weil trotz Zeitdruck alles stimmen muss: «Man muss extrem genau arbeiten, sonst kann der ganze Abend für nichts sein.» Ist alles an seinem Platz, installiert und positioniert, könnte man sich theoretisch zurücklehnen. Automatisch schiessen die Kameras die ganze Nacht durch Bilder. «Am Anfang habe ich währenddessen noch geschlafen, mittlerweile nicht mehr. Ich bin zu nervös, weil leicht etwas schiefgehen kann.»

So heisst es wach bleiben und von Zeit zu Zeit die Funktion der Geräte kontrollieren. «Und wie gesagt: Im Gepäck ist eh kein Platz mehr für einen Schlafsack», scherzt Schmid. Eigentlich schlafe er schon gerne, verrät der gelernte Webdesigner. Mit Blick auf des Resultat seiner Ausflüge sei sich die Nacht um die Ohren zu hauen aber kein grosses Opfer: «Dafür verzichte ich gerne auf Schlaf», meint der Hobby-Fotograf schmunzelnd.

 

Damit begann die Begeisterung für die Milchstrassen-Fotografie: Foto auf dem Zugerberg.
Damit begann die Begeisterung für die Milchstrassen-Fotografie: Foto auf dem Zugerberg. (Bild: zvg)

Vorsicht: Bild-Saboteure

«Gerade auf einem Berg ist es schon speziell», erzählt Oliver Schmid weiter: Es ist voller Touristen, die eigentlich genau dann mit der letzten Bahn wegfahren, wenn es fototechnisch am schönsten ist. Auf einmal ist es dann plötzlich ruhig und leer.» Meistens, jedenfalls. Wer doch noch in der Gegend bleibt, hat Saboteur-Potenzial, wie wir erfahren: «Gerade wenn Neumond ist, sind doch noch einige Fotografen unterwegs, die herumgehen und knipsen.» Nicht selten würden die sich gerne mal vor die Kamera verirren.

Schmid hatte aber schon Erlebnisse mit Störenfrieden grösserer Ordnung: «Mir ist in der Nacht auch schon ein Auto fast in die Ausrüstung gefahren. Ein anderes Mal, es lag noch Schnee, hatte sich ein wohl betrunkener Autofahrer verirrt: Er blieb im Schnee stecken, spulte eine ganze Weile durch beleuchtete mit den Scheinwerfern die ganze Szenerie, was die Bilder in dieser Zeit unbrauchbar machte.»

Ein Teil der Ausrüsrung für die nächtlichen Expeditionen.
Ein Teil der Ausrüstung für die nächtlichen Expeditionen. (Bild: lob)

Doppelt genäht hält besser

Zu viel Licht ist für die nächtliche Arbeit Gift: «Ich musste selber lernen, dass sogar kleine Lämpchen an der Ausrüstung die empfindliche Belichtung stören und das Bild ruinieren können.» Oder aber: das Display des Smartphones. «Ich kann die Kameras per Handy steuern und kann über Apps zum Beispiel überprüfen, wo und wie das galaktische Zentrum der Milchstrasse jeweils wandert. Ich bin deshalb viel am Smartphone, habe aber bald mal gemerkt, dass ich damit nicht zu sehr in die Nähe der Kameras sollte», bemerkt Schmid und lacht.

Tücken bergen also nicht nur nächtliche Ausflügler oder der Fotograf selber, sondern in erster Linie auch die Technik und das Wetter. Ein zu früh leerer Akku, beschlagene Objektive oder eine spontane Wolken-Rudelbildung würden gerne mal als Spielverderber auftreten. «Darum habe ich mir eine zweite Kamera besorgt, so ist nicht alles für die Katz gewesen, wenn eine ausfallen sollte.»

Auf Fototour grüsst das Murmeltier

Natürlich, hält der 41-Jährige fest, enden nicht alle nächtlichen Begegnungen in Sabotage-Aktionen. «Auf der Sattelegg habe ich im April zum Beispiel Hobby-Astronomen getroffen, die sich ebenfalls – mit riesigen Teleskopen – da oben eingefunden hatten. Ich habe lange mit ihnen geplaudert und war danach um einige Erkenntnisse schlauer, was Sterne angeht.»

Der Pilatus und die Sterne.
Der Pilatus und die Sterne. (Bild: zvg)

Und weiter: «Auf der Bachalp hat mich ab dem frühen Abend mal ein Murmeltier begleitet. Obwohl das Interesse wohl eher meinem Sandwich als mir galt.» Aufgrund der schlechten Wetterbedingungen habe er sich dann in eine Wetterschutzhütte begeben. «Während der ganzen Zeit raschelte es in einem Abfallsack, den ich im Rucksack hatte.» Er habe aber das Licht nicht angezündet, weil noch ein Wanderer in der Hütte schlief. «Ich bin aber ziemlich davon überzeugt, dass das Murmeltierchen in meinem Rucksack übernachtet hat», erzählt er grinsend.

Serie geplant

Bis im Herbst wird er für sein Filmprojekt noch unterwegs sein. «Ich denke daran, auch noch eine Etappe auf der Rigi einzulegen und Richtung Zug zu filmen.» Auch nach der Fertigstellung soll mit den nächtlichen Videos dann aber lange nicht Schluss sein. «Mir schwebt eine Sleepless-Serie vor», verrät Schmid. Eine Fortsetzung mit Schweizer Orten, mal nur Luzern, oder – wieso nicht – «Sleepless in Hawaii» könnte es sein. Auf Murmeltierbesuche müsste er dann allerdings verzichten.

Der Trailer zu «Sleepless in Switzerland» – das fertige Resultat dürfte ab September auf Youtube zu begutachten sein.

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