Das ehemalige Restaurant Krienbrücke an der Pfistergasse ist ein stadtbekanntes Bordell. (Bild: mbe.)
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Das ehemalige Restaurant Krienbrücke an der Pfistergasse ist ein stadtbekanntes Bordell. (Bild: mbe.)

Krienbrüggli: Ein paar Minuten Realität für 100 Franken

8min Lesezeit

Das sichtbare Rotlichtmilieu verschwindet immer mehr aus Luzern. In weniger als einem Jahr ist auch im stadtbekannten «Krienbrüggli» Lichterlöschen angesagt. Herrscht hier nach 30 Jahren Betrieb schon Endzeitstimmung? Wir haben inkognito einen Besuch abgestattet – und erstaunlich viel Normalität angetroffen.

Pascal Zeder

Die Gassen sind leer, der Baustellenlärm ist versiegt, vereinzelte Fahrradfahrer kommen von der Rütligasse her und kurven in die Bahnhofstrasse. Es ist Abend in der Kleinstadt, die Sonne ist bereits hinter dem Gütschhotel versunken.

Es herrscht kein spektakulärer Trubel rund um's «Brüggli», die Kontaktbar im altehrwürdigen Restaurant Krienbrücke. Im Gegenteil: Das Lokal sieht geschlossen aus. Drei Männer gehen vorbei, werfen einen kurzen Blick auf die draussen angebrachte Getränkekarte, beraten sich kurz – und sie gehen weiter. Womöglich Touristen, die nicht wissen, dass hier an der Pfistergasse 2 seit rund 30 Jahren das horizontale Gewerbe eingemietet ist.

Dass kein grosser Menschenauflauf rund um's Brüggli herrscht, kommt der Kontaktbar wohl zugute: Immerhin steht sie ausgestellt mitten in der Stadt. Als Vanja Palmers im letzten Jahr das Hotel kaufte, gab es für's «Brüggli» eine Gnadenfrist von zwei Jahren. Im März 2018 ist Schluss (zentralplus berichtete).

Kontakte knüpfen zu Schweizer Schlager

Beim Betreten der Bar schlägt einem an diesem Dienstagabend gähnende Leere und abgestandene Luft entgegen. Es fühlt sich etwas verboten an, hier einzutreten, das macht wohl einen Teil des Reizes aus. In einer Ecke blinken die Spielautomaten unbenutzt vor sich hin.

Gerade einmal ein einziger Verschreckter sitzt in weiblicher Begleitung an einem Tisch – doch nur für einen Augenblick. Sogleich machen sich die zwei auf nach draussen. Oder besser: nach oben. Dort sind nämlich die Zimmer situiert. Sie geht zielstrebig voraus – er tappt unsicher hinterher. Unglücklich über ihre Initiative scheint er aber nicht zu sein.

In der Bar werden nur Kontakte geknüpft, der Rest geschieht im Hotel. Aus diesem Grund braucht der Wirt für das «Brüggli» keine spezielle Bewilligung: Lokale wie Kontaktbars oder Saunaclubs unterliegen dem Gastgewerbegesetz wie alle anderen Bars und Restaurants. Ende 2015 hat der Kantonsrat einen Gesetzesentwurf abgelehnt, der spezielle Bewilligungen unter anderem für Kontaktbars forderte. Dies hätte zu mehr Sicherheit und besseren Arbeitsbedingungen für die Sexarbeiterinnen führen sollen. Vorbehalte gegen das Gesetz hatten die FDP, die SVP und die Grünen.

Hinter dem Tresen steht plötzlich eine ältere Barfrau. Noch eben war die Ausschankinsel in der Mitte des Lokals leer. Doch zur Bestellung kommt es gar nicht erst – bereits nach wenigen Sekunden setzt sich eine blonde Frau an die Bar und fragt mit schwer einschätzbarem Akzent: «Möchtest du mich auf ein Getränk einladen?» Doch sie macht sogleich klar, dass ihr das Getränk eigentlich egal ist. Sie lehnt sich rüber und sagt: «Wollen wir nach oben gehen und Liebe machen?»

Auch auf die zweite Zurückweisung reagiert die Blondine erstaunlich gelassen. Sie verzieht sich auf die polsterbezogene Bank, welche in die Wand eingelassen ist. Es kehrt wieder Stille ein – bis auf den unsäglichen Musik-Mix aus Club-Hits und Schweizer Schlagersongs, der aus den Lautsprechern dröhnt. Die Bedienung hinter der Bar ist wieder verschwunden.

Wird das Rotlicht-Milieu verdrängt?

Dass es im «Brüggli» so leer ist, überrascht etwas. Vor rund einem Jahr machte das letzte Strip-Lokal der Stadt die Luken dicht: das Cabaret «Du Pont» an der Reuss. Bereits früher machten der «Manhattan Club» und der «Hirschen» zu. Damals hiess es: Die Männer sind auf der Suche nach Sex-Lokalen, gehen also lieber in Bordelle als Tanzlokale. Die Zeiten von teurem Champagner und Striptease seien vorbei. Dazu kamen erschwerende rechtliche Rahmenbedingungen.

«Mein Name ist Iris, wie die Blume.»

Iris

Doch auch die Kontaktbars scheinen in Luzern zurückzugehen: Zuerst schloss das «Cacadou», nächstes Jahr folgt das «Brüggli». Wird die Rotlicht-Szene aus der Stadt gedrängt? Auf Anfrage sagt Polizeisprecher Kurt Graf: «Es ist aktuell kein Rückgang von Kontaktbars festzustellen. Höchstens ein für das Milieu natürlicher Wechsel von Auflösungen und Wiedereröffnungen von Lokalen.» Statistiken gibt es keine.

Sternzeichen: Skorpion

«Setz dich neben mich», klingt es von der Sitzbank. Da die Kundschaft gerade nicht besonders zahlreich ist, scheint die blonde Frau zu einem Gespräch aufgelegt – wobei klar ist, dass sie versuchen wird, das vorangegangene Nein in ein zögerliches Ja zu ändern. Was denn der bevorzugte Typ Frau sei, fragt sie. Vielleicht könne sie ja jemanden auftreiben, der mehr den Erwartungen entspricht?

Die Frau, etwa 35-jährig, wird gesprächiger. Ihr Name sei Iris, «wie die Blume», sagt sie. Sie sei neu in Luzern. Zuvor habe sie in Zürich gearbeitet, da sei es ganz anders. «Es gefällt mir gut», sagt Iris, «eine neue Atmosphäre.» Ruhiger und angenehmer sei es im «Brüggli». Die Leute seien entspannter. Sie müsse sich etwas anpassen – aber das sei gut so.

Im Innern der «Brüggli»-Bar.
Im Innern der «Brüggli»-Bar. (Bild: pze)

Die Sexarbeit hat auch in der Schweiz teils massive Probleme: Gewalt gegenüber den Frauen, Menschenhandel, illegaler Aufenthalt in der Schweiz und dadurch fehlende Arbeits- oder Sozialversicherungen. Iris macht aber einen gelassenen, zufriedenen Eindruck. Trügt der Schein? Immerhin ist die Illusion ja ihr Beruf. 

Illusion und Smalltalk, darin scheint sie erfahren. Iris fragt: «Was ist dein Sternzeichen?», und sie antwortet sich gleich selber: «Ich bin Skorpion – ich habe einen starken Hintern.» Sie lächelt verschmitzt über ihren eigenen Witz. In dem Moment stapft ein alter Mann aus dem Fumoir-Bereich. Er läuft etwas breitbeinig, schaut nur kurz und grimmig herüber. Dann verlässt er – alleine – die Bar. Zuvor war dieser Mann nicht zu sehen – er erschien urplötzlich.

Realität für 100 Franken

«What phantasy do you have», sagt Iris plötzlich, jetzt leise und auf Englisch. Als keine konkrete Antwort darauf kommt, schiebt sie hinterher: «I can do everything.» Alles, ausser Sadomaso, sagt sie plötzlich wieder sachlich. Sie habe es probiert – das sei nichts für sie. Mit der Dominanz habe sie Mühe. «I like reality», verspricht sie. Diese Realität koste lediglich 100 Franken.

Nach gut einer Viertelstunde kommt ein Mann durch die Tür, wirft einen kurzen Blick ins Lokal und dreht kommentarlos auf dem Absatz um. Die blonde Frau schaut zur Tür und nimmt einen letzten Anlauf: «Do you want to come upstairs?» Das längere Gespräch hat scheinbar die Hoffnung auf einen erfolgreichen Geschäftsabschluss wieder von Neuem entflammt.

Das Spiel beginnt von vorne

Nach dem erneuten Nein folgt die Blondine dem eben ein- und wieder hinausgetretenen Mann und verschwindet aus dem Lokal. Es bleibt ein mulmiges Gefühl: Wurde sie durch das Gespräch kostbarer Zeit beraubt? An der Tür bleibt sie stehen, schaut zurück und fragt: «Willst du meinen Hintern sehen? Der ist wirklich gut.» Auf das (wiederholte) Nein folgt ein lautes Lachen und sie tritt aus dem Lokal.

Die Bar ist für ein paar Sekunden gänzlich leer. Der Augenbllick verstreicht und eine zweite – etwas jüngere, doch ebenfalls blonde – Frau tritt ein. Wie auf Kommando kommt auch die Barfrau um die Ecke. Das Spiel beginnt von vorne. Als die junge Frau aber merkt, dass das nichts wird, lenkt sie sofort ein: «Okay, einen schönen Abend noch», sagt sie mit einem Lächeln und setzt sich an die Bar.

So endet der Abend im «Brüggli». Wer sich achtet, sieht in der Kleinstadt die knapp bekleideten Frauen vom Bareingang zum Hoteleingang tippeln – mal alleine, mal in Begleitung. Bald werden sie verschwunden sein. Neubesitzer Vanja Palmers wird bald eigene Projekte lancieren. Vielleicht ein veganes Restaurant, wie auf der anderen Seite der Reuss (zentralplus berichtete)? Wer weiss.

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