Die KIP-Patrouille: mit grauen Westen im Einsatz gegen unflätige Abfallsünder. (Bild: lih)
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Die KIP-Patrouille: mit grauen Westen im Einsatz gegen unflätige Abfallsünder. (Bild: lih)

Wenn die Sonne untergeht, dann bricht am Alpenquai Anarchie aus

6min Lesezeit

An sommerlichen Wochenenden verwandelt sich die Zuger Seepromenade zur Partymeile mit allem, was dazugehört: Alkohol, gute Laune, Abfall und Lärm. Anwohner finden das gar nicht lustig. Um den Frieden in der Stadt zu wahren, will Zug nun mit den Schmutzfinken das Gespräch suchen. zentralplus war dabei.

Seit 32 Jahren wohnt Ulrich S. direkt am See, bei der Zuger Promenade. Doch das Paradies trügt: Ab Mitte der Neunzigerjahre sei es immer schlimmer geworden. Lärm bis spät in die Nacht und Wodka-Flaschen in Ulrich S.’ Garten. Das sind die Nebenwirkungen der Wochenenden, die Ulrich S. als Anwohner zu spüren bekommt.

Er schüttelt den Kopf. «Wir rufen die Polizei eigentlich nur, wenn es richtig schlimm ist, weil es meist nichts bringt. Bis die Polizei dort ist, sind die Jugendlichen oft schon wieder weg.»

Anarchie am Alpenquai

Wenn die Sonne im Zugersee untergeht, dann bricht am Alpenquai Anarchie aus. So könnte man die Erklärungen vom Stadtzuger Sicherheitsvorsteher Urs Raschle zusammenfassen. Wobei das laut Raschle eigentlich nur eine logische Folge von drei Faktoren sei.

Erstens: Die Altersdurchmischung. Ab rund zehn Uhr ist am Seeufer keiner mehr über dreissig.

Zweitens: Alkohol. Die Hürden, jeglichen Blödsinn zu tun, sinken.

Drittens: Der Broken-Window-Effekt. Wenn einer schon einmal ein Fenster, eine Flasche oder sonst etwas kaputt gemacht hat, dann ist es einfach, dasselbe zu tun.

Am Abend wird der Alpenquai zur Anarcho-Zone.
Am Abend wird der Alpenquai zur Anarcho-Zone. (Bild: lih)

Viermal die Polizei gerufen

Ulrich S. ist mit seiner Frau Wochenende für Wochenende einsamer Zeuge der Szenen. Sie sind nicht erfreut darüber: «Im letzten halben Jahr haben wir sicher drei- bis viermal die Polizei gerufen», erzählt er.

Um dem kombinierten Problem von liegen gebliebenem Abfall und lärmenden Leuten Herr zu werden, setzt die Stadt Zug seit einiger Zeit versuchsweise auf sogenannte KIP-Patrouillen. Die Abkürzung steht für das, was sie tun sollen: Kommunikation, Information und Prävention. Diese Securitas ohne Uniform sollen also abends den Quai abgehen und mit potenziellen Schmutzfinken über ihr unflätiges Verhalten reden. Ulrich S. glaubt nicht, dass das hilft.

«Die Polizei hat das einfach nicht im Griff.»
Ulrich S., Anwohner am See

Musik abspielen verboten

«Es gibt ja eine Lärmverordnung von 1971. Darin steht, dass das Abspielen von Musik im öffentlichen Raum verboten ist. Die Polizei hat das einfach nicht im Griff», meint er. «Man müsste einfach mehr Kontrollen machen und Bussen aussprechen, dann hört das von alleine auf.»

So einfach ist es aber nicht, wie Denise Gloor vom Stadtzuger Amt für Sicherheit erklärt. «Littering und Lärm an der Seepromenade ist eher ein gesellschaftliches Problem, das nicht mit einer einzigen Massnahme behoben werden kann. Nur Bussen verteilen reicht nicht», sagt Gloor. Die Situation am Alpenquai in Zug sei ein steter Balanceakt zwischen verschiedenen Bedürfnissen. Am See sitzen und ein Bier trinken hat schliesslich auch seine Berechtigung. Die Patrouillen seien genau für diesen Balanceakt gedacht.

Lockere Gespräche über Dosenbier

Zu zweit schlendern die KIP-Leute in grauen Westen die Promenade entlang. In lockerem Ton sprechen sie über liegen gebliebene Bierdosen, so als ob sie über Fussballergebnisse oder das neue Rap-Album von Jay-Z reden würden. 

Ein paar Jugendliche lümmeln neben dem Gehweg rund um pumpende Boxen wie um ein Lagefeuer. Als die Patrouille auf die Jugendlichen betont lässig zuschlendert, stellen diese sofort die Musik aus und sitzen gerade hin. Die KIP-Taktik scheint zu wirken.

«Sie sind so ein Mittelding zwischen aufsuchender Gassenarbeit und harter Repression durch die Polizei.»
Urs Raschle, Sicherheitsvorsteher Stadt Zug

Auch der Stadtzuger Sicherheitsvorsteher Urs Raschle ist von der Wirksamkeit der Patrouille bis jetzt überzeugt. «Sie sind so ein Mittelding zwischen aufsuchender Gassenarbeit und harter Repression durch die Polizei.» So schliesse man eine Lücke.

Betrunken über Manieren sprechen

Eine Lücke, die wohl nicht ganz leicht zu schliessen ist. Jedenfalls für die betroffenen Einsatzkräfte der KIP. In grauen Westen mit halbbetrunkenen Jugendlichen über Abfall und gute Manieren zu sprechen, klingt eigentlich etwa so frustrierend, wie Schneeschuhe auf Hawaii zu verkaufen. Trotzdem sind sie zuversichtlich.

«Normalerweise patrouillieren wir als Securitas in Uniform. Ohne Uniform ist es aber tatsächlich viel einfacher, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.» Und das sei das Wichtigste überhaupt, bekräftigt Denise Gloor. Während Bussen zwar ärgern, sind sie nach getätigter Bezahlung vergessen. Sensibilisierung im Gespräch dagegen habe eine nachhaltigere Wirkung.

Respekt, Respekt, Respekt

Nur ein bisschen reden, und alles löst sich in Luft auf? Blödsinn: Wo man redet, kommt auch Gegenrede.

«Wer denken die, wer sie sind? Die sind niemand. Die können gar nix.»
wütender Junge, mit Freunden am See

Ein wütender Junge von rund 18 Jahren versteht überhaupt nicht, auf was die KIP rauswollte. «Wer denken die, wer sie sind? Die sind niemand. Die können gar nix. Das sind keine Polizisten. Ich hab keinen Respekt vor Leuten, die denken, sie seien Polizisten.»

Ohne Luft zu holen, redet er über Respekt, Mutter, Vater, Musik und ziemlich unangebrachten Geschlechtsverkehr. Die Patrouille hat sich bereits aus dem Staub gemacht, schliesslich geht es schon lange nicht mehr um Abfall. Gleich gut kommen die KIP-Leute also doch nicht überall an.

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