Das Park Hotel in Vitznau ist Wohn- und Arbeitszentrum von Peter Pühringer. Der Investor dominiert die Zukunft der Gemeinde. (Bild: Robert Müller)
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Das Park Hotel in Vitznau ist Wohn- und Arbeitszentrum von Peter Pühringer. Der Investor dominiert die Zukunft der Gemeinde. (Bild: Robert Müller)

Vitznau: Ein Millionär baut sein Dorf

8min Lesezeit

Der österreichische Unternehmer Peter Pühringer will aus dem verschlafenen Vitznau ein Zentrum der Musik, der Kulinarik und der Medizin machen. Wer nicht mitjubelt, macht sich unbeliebt.

Simone Rau
Bernhard Odehnal

Die Zentralschweiz präsentiert sich auf Frank Schüpbachs Terrasse wie im Werbeprospekt: Der Unternehmer blickt über den Vierwaldstättersee auf Bürgenstock und Pilatus. Keine Neubauten trüben die Sicht aufs Wasser, auf dem ein Raddampfer Richtung Luzern steuert. Schüpbachs Wohnung wurde erst vor zwei Jahren im steilen Hang errichtet, hoch über Vitznau, weit weg von allem.

Von hier oben blickt Schüpbach ebenso direkt auf das grösste und teuerste Hotel des Dorfes, das mondäne Park Hotel. 1867 als Pension Pfyffer eröffnet, 1903 vergrössert und mit Türmchen versehen, gehört es heute zu den luxuriösesten Hotels der Schweiz. Mehrmals gab es Auszeichnungen: Für das Haus selbst, oder für seinen Zweisternkoch Nenad Mlinarevic, der von Vitznau allerdings diesen Herbst nach Zürich übersiedeln wird.

Investitionen von einer halben Milliarde

Oberhalb der Hotelzimmer, im Dach des Hauses, sind seit dem letzten Umbau Büros untergebracht. «Da wird das Geld gemacht», sagt Schüpbach. Tatsächlich sind mehrere Firmen an der Hoteladresse gemeldet, so etwa die ZZ Vermögensberatung AG. Sie alle laufen auf den Namen des Hotelbesitzers: Peter Pühringer, 75 Jahre alt, Vermögensverwalter, Fondsmanager, Mäzen. Die Medien haben ihn auch «Dorfkönig» und «Feudalherr» genannt. Obwohl er hier unternehmerisch tätig ist, gewährt ihm der Kanton Luzern eine Pauschalbesteuerung.

Der in der DDR geborene Österreicher kaufte das Park Hotel 2009 und liess es für 270 Millionen Franken umbauen. Bis 2021 will er weitere 250 Millionen Franken investieren: Im Steilhang zwischen dem Hotel und jenen Terrassenhäusern, wo Schüpbach wohnt, plant Pühringer 11 Villen, 50 Wohnungen, eine Konzerthalle für über 400 Besucher, das Forschungszentrum «Research and Innovation Center Lake Lucerne», Büros, Hörsäle, Konferenzräume sowie eine Markthalle, eine Kaffeerösterei und eine Bierbrauerei für die Bevölkerung.

Der in der DDR geborene Österreicher kaufte das Park Hotel 2009 und liess es für 270 Millionen Franken umbauen. Bis 2021 will er weitere 250 Millionen Franken investieren: Im Steilhang zwischen dem Hotel und jenen Terrassenhäusern, wo Schüpbach wohnt, plant Pühringer 11 Villen, 50 Wohnungen, eine Konzerthalle für über 400 Besucher, das Forschungszentrum «Research and Innovation Center Lake Lucerne», Büros, Hörsäle, Konferenzräume sowie eine Markthalle, eine Kaffeerösterei und eine Bierbrauerei für die Bevölkerung.

Diese ist sich nicht einig, ob sie den Bau der «Panorama-Residenz Vitznau» überhaupt will: Gegen den Gestaltungsplan gingen Einsprachen ein, kürzlich hat Pühringer ihn ein drittes Mal aufgelegt. Der Hotelbesitzer habe schlicht das Augenmass verloren, sagen seine Kritiker. Die Art und Weise, wie er seine Projekte vorantreibe, sei unzumutbar. Klar ist: Würde die Panorama-Residenz gebaut, wäre dies über die Region hinaus von Bedeutung. Grösser und teurer ist nur jenes Hotelprojekt, das die Katarer Ende August auf dem Bürgenstock eröffnen.

55 Meter hohe Hoteltürme

Es geht in Vitznau aber nicht nur um das Bauvolumen, sondern auch um die Frage, wie sehr ein einzelner Investor die Zukunft einer Gemeinde beeinflussen kann. Positiv oder negativ. Schon 2009 wollte Pühringer den Ortsteil Hertenstein im Nachbardorf Weggis komplett neu bebauen, mit Luxusresidenzen und einem Hotel inklusive zweier 55 Meter hoher Türme. Doch die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission beurteilte die Baupläne als «nicht landschaftsverträglich». Vorerst durch Einsprachen gestoppt ist in Vitznau Pühringers Projekt eines neuen Personalhauses mit Tiefgarage hinter dem Park Hotel. Nun muss das Gericht entscheiden.

Im Hang des «Huseboden» sollen elf Villen gebaut werden. Hinten das Park Hotel Vitznau.  (Bild: Robert Müller)
Im Hang des «Huseboden» sollen elf Villen gebaut werden. Hinten das Park Hotel Vitznau.  (Bild: Robert Müller)

Frank Schüpbach, der Vitznau bis 2004 als Gemeindepräsident vorstand, gehört nicht zu Pühringers Kritikern. Die Panorama-Residenz würde auf der Wiese direkt unterhalb seiner Wohnung errichtet werden. Dennoch lobt er die Visionen des Hotelbesitzers: «Für Vitznau ist Pühringer das Tüpfchen auf dem i. Der Sechser im Lotto.» Für Schüpbach sind Kritiker schlicht «Verhinderer». Auch andere Nachbarn zeigen sich gelassen. Ein älterer Herr findet dessen Projekte «eigentlich sehr gut»: Die Zukunft könne man ohnehin nicht aufhalten. Wenigstens profitiere das Dorf von den Investitionen – und er selber auch, über die niedrigeren Steuern.

«Besuch der alten Dame»: Ein unfairer Vergleich?

Vitznau und die Steuern, das ist eine Geschichte für sich. 2011 schenkte Pühringer der Gemeinde nämlich 5 Millionen Franken. Im Gegenzug sollte sie die Steuern senken. Bevor sich der Gemeinderat richtig versah, war das Geld bereits überwiesen. Erst danach durften die Bürgerinnen und Bürger entscheiden, ob sie die Steuersenkung tatsächlich wollten. Sie wollten: 178 stimmten dafür, 20 dagegen.

Sechs Jahre später habe die Gemeinde die Schenkung nicht mehr nötig, betonen Gemeindepräsident Noldi Küttel sowie Bauchef Alex Waldis: Die Bevölkerung wachse, es werde rege gebaut, und der «früher relativ armen Gemeinde» gehe es finanziell sehr gut. Es sei nicht nur Peter Pühringer, dem man diesen Aufschwung verdanke – aber ja, ihm natürlich auch. «Das Park Hotel ist schon ein Leuchtturm», sagt Küttel. «Es strahlt über Vitznau hinaus.»

Ein Superreicher schenkt einer verarmten Gemeinde Millionen unter der Bedingung, dass sie alle seine Wünsche erfüllt – dieses Thema kennt man doch aus der Literatur? Vitznaus Gemeinderäte finden den Vergleich mit dem «Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt «sehr unfair» – genau wie Medienberichte, in denen ihre Käuflichkeit angedeutet wurde. «Pühringer hat Geld gegeben, wir haben damit den Steuerfuss senken können und trotzdem die Infrastruktur verbessert. Aber wir haben uns nicht kaufen lassen», sagt Gemeindepräsident Küttel. «Heute steht Vitznau besser da als vor fünf Jahren. Das Resultat gibt uns recht.»

Schlechtere Zeiten – aber auch bessere

Vitznau hat wirklich schon schlechtere Zeiten erlebt. Aber auch viel bessere. Die guten Zeiten begannen mit dem Alpentourismus im 19. Jahrhundert. Damals trugen die Vitznauer ihre ausländischen Gäste in Sänften auf die Rigi. 1871 wurde Europas erste Zahnradbahn eröffnet, von der Schiffstation auf die Rigi. Zwar verloren die Sänftenträger ihre Arbeit, aber am Fusse der «Königin der Berge» entstand eine «Riviera am Vierwaldstättersee», mit neuen Hotels und Restaurants. Auf diesen Ruf ist Gemeindepräsident Küttel auch heute stolz. Er beschreibt seine Gemeinde mit seinen heute 1430 Einwohnern als das «Ascona der Zentralschweiz». Und Ascona als «Vitznau des Tessins».

Anders als in Ascona legt man hier auf den Erhalt des historischen Ortskerns nicht so viel Wert. Direkt neben der Schiffsanlegestelle werden die alten Bauten von der voluminösen Überbauung des Bahndepots erdrückt. Der Seeblick von den Terrassen der neuen Luxuswohnungen mag phänomenal sein. Der Blick auf die Betonbauten ist es nicht. Die Chinesen, die nebenan aus dem Car steigen, stört das jedoch nicht. Sie fahren mit der Bahn sofort auf den Berg. Ein Selfie vor der Schiffstation, ein Foto vom Kirchturm – das ist alles, was sie vom Dorf mitnehmen.

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