Stadtrat Adrian Borgula dreht bereits eine Runde mit dem Cargovelo. (Bild: jal)
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Stadtrat Adrian Borgula dreht bereits eine Runde mit dem Cargovelo. (Bild: jal)

Auf dieses Velo passen Kind, Kegel und eine Kiste Wein

7min Lesezeit

Zwei Kisten Bier passen selten auf den Packträger, zwei Kinder noch weniger: Ausflug oder Einkaufstour mit dem Drahtesel also gestrichen? Nicht mehr. Neuerdings stehen in Luzern acht Cargovelos zur Verfügung. Der dänische Trend soll auch Gewerbler ansprechen – obwohl selbst unter den Verantwortlichen Zweifel aufkommen.

Ein nordisches Konzept erobert die Schweiz: Lastenvelos, mit denen sich problemlos der Grosseinkauf auf zwei Rädern transportieren lässt. Seit diesem Freitag stehen in der Stadt Luzern an acht Standorten elektrische Cargobikes zur Miete bereit. Mit «Carvelo2go» macht sich ein Stück Kopenhagen in der Leuchtenstadt breit – in Dänemark gehören Cargobikes zum Alltag.

Vom Paketen über das Bier fürs Grillfest bis hin zu zwei Kindern lässt sich vieles transportieren, insgesamt bis zu 100 Kilogramm. Weil so ein Transport ganz schön schwer werden kann, sind die Bikes mit einem Motor ausgerüstet. Der Strom reicht für 50 bis 80 Kilometer. Der Motor unterstützt den Fahrer bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern.

Nur zu Öffnungszeiten

Die Ausleihe funktioniert ähnlich wie beim Carsharing-Angebot Mobility: Die Bikes müssen online reserviert werden, ab Juli soll eine App verfügbar sein. Die Velos sind bei acht Betrieben – sogenannten Hosts – stationiert, dort kann man die Schlüssel abholen und nach Gebrauch wieder bringen. Die Hosts sind auch dafür verantwortlich, dass die Batterien geladen und die Reifen gepumpt sind.

«Wir werden das Cargovelo beispielsweise für kleinere Einkäufe benutzen.»

John Botzen, Restaurant Libelle

Der Nachteil: Start und Ende der Reservationszeit müssen zwingend innerhalb der Öffnungszeiten der Betriebe liegen. Es ist also beispielsweise nicht möglich, das Velo bei der Safran Drogerie in der Kleinstadt auf 19 Uhr zu reservieren. Wenn, dann muss man die Schlüssel vor 18.30 Uhr abholen – und das Bike dann über Nacht behalten. 

Wenigstens geht das nicht enorm ins Geld. Denn über Nacht, zwischen 22 und 8 Uhr, entfällt die Stundengebühr. Tagsüber kostet ein Cargobike nämlich zwei Franken pro Stunde. Dazu kommt pro Buchung eine Reservationsgebühr von fünf Franken.

Bei den Touristen bereits ein beliebtes Fotosujet: die Cargovelos.
Bei den Touristen bereits ein beliebtes Fotosujet: die Cargovelos. (Bild: jal)

Die Vorteile für die teilnehmenden Betriebe: Sie können die Velos monatlich 25 Stunden selber verwenden. «Wir werden das Cargovelo beispielsweise für kleinere Einkäufe benutzen», sagt John Botzen vom Restaurant Libelle im Maihofquartier. «Mit dem Elektrovelo ist das natürlich viel bequemer den Hügel hoch», ergänzt er lachend. Noël Wirth vom Quai4-Markt am Alpenquai glaubt, dass das Cargovelo auch den Kunden eine gute Alternative für den Transport biete. Und im hauseigenen Lieferdienst könne das Cargovelo im Notfall ebenfalls hin und wieder zum Einsatz kommen.

Zurück zu den Ursprüngen

Das Angebot «Carvelo2go» wird von der Mobilitätsakademie, der 2008 gegründeten «Denkfabrik» des TCS, und dem Förderfonds Engagement der Migros betrieben. Ein Autoclub, der auf umweltfreundliche Zweiräder setzt? «Viele vergessen, dass der TCS vor rund 120 Jahren als Veloclub gegründet wurde», sagte Peter Schilliger, Präsident der TCS-Sektion Waldstätte. «Wir stehen zwar für den motorisierten Individualverkehr ein, aber das ist nicht alles.»

Peter Schilliger, Präsident der TCS-Sektion Waldstätte.
Peter Schilliger, Präsident der TCS-Sektion Waldstätte. (Bild: jal)

Dass die Luzerner Wirtschaft nun im grossen Stil auf das Gepäckvelo setzt, bezweifelt der TCS-Präsident allerdings. «Das kommt wohl vor allem für Kleingewerbler wie etwa einen Quartierladen oder eine Kleindruckerei infrage.» Für sein Unternehmen, die Herzog Haustechnik AG, könne er sich das hingegen nicht vorstellen. Und obwohl er bereits eine Testfahrt absolviert hat, «wird man mich vermutlich eher selten auf dem Cargobike sehen», sagt Schilliger und schiebt nach: «Aber ich kann es sehr empfehlen.»

«Man ist viel schneller, kann einfach parkieren und bleibt nirgends im Stau stecken.»

Marius Graber, Velociped in Kriens

Optimistischer ist diesbezüglich Marius Graber von Velociped in Kriens. In seinem Velogeschäft seien Cargobikes die am stärksten wachsende Produktegruppe – obwohl ein solches mit einem Preis ab 4’300 Franken nicht gerade günstig ist. «Viele Familien und zunehmend auch Gewerbler zeigen Interesse.» Gerade bei Letzteren sieht Graber – im Gegensatz zu Schilliger – grosses Potenzial. «Man ist viel schneller, kann einfach parkieren und bleibt nirgends im Stau stecken.» Graber ist überzeugt, dass 25 bis 30 Prozent der gewerblichen Fahrten mit Cargobikes absolviert werden könnten.

Ähnlich sieht das Stadtrat Adrian Borgula. Mit den Cargo-Mietvelos könne das Gewerbe gut testen, ob Cargovelos für den eigenen Betrieb geeignet seien. Als positives Beispiel nennt er die Reusszopf-Buvette Nordpol, die alle Transporte auf einem Lastenvelo tätigt. Die Stadt Luzern hat Carvelo2go mit einer Anschubfinanzierung von 20’000 Franken unterstützt. Nicht zuletzt, weil man den Anteil des Veloverkehrs bis 2020 auf 4 Prozent, bis 2035 sogar auf 10 Prozent erhöhen will.

Die acht Cargovelo-Standorte in Luzern und Kriens.
Die acht Cargovelo-Standorte in Luzern und Kriens. (Bild: Googlemaps/zentralplus)

Die acht Standorte

Hier stehen die acht Cargobikes:

  • Bourbaki Kino, Löwenplatz 11
  • Restaurant Libelle, Maihofstrasse 61
  • Netzwerk Neubad, Bireggstrasse 36
  • Quai4-Markt, Alpenquai 4
  • Safran Drogerie, Pfistergasse 31
  • TCS-Sektion Waldstätte, Burgerstrasse 22
  • Umsicht, Agentur für Kommunikation und Umwelt, Klosterstrasse 21A
  • Velociped Laden, Luzernerstrasse 4 in Kriens

Luzerner und Mietvelos – geht das zusammen?

Wenn die Lastenvelos in Luzern auf Anklang stossen, wird ein Ausbau der vorerst acht Standorte geprüft. In anderen Städten, die Cargobikes seit Längerem anbieten – allen voran Bern und Basel –, ist das Interesse jedenfalls vorhanden. Mit Mietvelos haben sich die Stadtluzerner indes bislang nur zögerlich angefreundet. Seit 2010 bereits gibt es die Ausleihvelos Nextbikes, wo man an zahlreichen Stationen stundenweise ein Zweirad mieten kann.

Weil aber kaum jemand davon Gebrauch macht und nur wenige das Angebot kennen, hat die Stadt Luzern – wie fünf andere Gemeinden – im März eine Gratis-Offensive gestartet. Ein Jahr lang können Einwohner der Stadt die Ausleihvelos kostenlos benutzen (zentralplus berichtete). Und nun hat sich das Blatt offenbar gewendet. Wie Dario Buddeke, Projektleiter Mobilität bei der Stadt Luzern, sagt, hat die Kampagne Wirkung gezeigt. «Die Anmeldungen haben sich seither mehr als verzehnfacht, wir verzeichnen auch deutlich mehr Fahrten.» Dass die Luzerner nur auf dem eigenen Velo durch die Stadt radeln und Mietangebote verschmähen, davon könne also keine Rede sein. Im Gegenteil: Er ist überzeugt, dass auch das Cargovelo auf Interesse stösst – wenn die Leute davon wissen.

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