Die Sempacher Bauvorsteherin Mary Sidler zeigt zentralplus die schönsten Orte Sempachs. (Bild: les)
Gesellschaft Architektur

Die Sempacher Bauvorsteherin Mary Sidler zeigt zentralplus die schönsten Orte Sempachs. (Bild: les)

Wakker, wakker: Wie es das «Städtli» zum wichtigsten Ortspreis brachte

9min Lesezeit

Grosse Ehre für Sempach: Dank guter Arbeit bei der städtebaulichen Weiterentwicklung erhält die Stadt diesen Samstag den Wakkerpreis 2017. Bauvorsteherin Mary Sidler erklärt auf einem Rundgang die Gründe, sagt, was sie von Einfamilienhäusern hält, und verrät eine Taktik, über die man in Luzern nur staunen würde.

Spätestens seit dem Geschichtsunterricht in der Primarschule ist Sempach jedem Schweizer ein Begriff. Schliesslich hat Winkelried 1386 die Eidgenossenschaft erfolgreich gegen die bösen Habsburger verteidigt. Seither steht Sempach ab und an wegen der Gedenkfeier im medialen Brennpunkt.

Doch diesen Samstag feiern die Sempacher etwas anderes: Die Stadt erhält den Wakkerpreis 2017 (siehe Box). «Der Schweizer Heimatschutz zeichnet die Stadt Sempach für die sorgfältige und zeitgemässe Weiterentwicklung ihrer historischen Ortskerne von nationaler Bedeutung aus», heisst es in der Festschrift. Und ist damit nach Sursee (2003) die zweite Luzerner Preisträgerin.

zentralplus hat sich auf den Weg nach Sempach gemacht. Vor dem Städtchen treffen wir Mary Sidler, Bauvorsteherin und Präsidentin der Altstadtkommission. Sie strahlt, denn das grosse Fest steht kurz bevor. Und auch ihre Rede habe sie bereits fertig. «Der Treffpunkt hier ist perfekt, denn ich kann gleich mehrere spannende Geschichten über Sempach erzählen», meint sie.

Der Eingang zum Städtli Sempach.
Der Eingang zum Städtli Sempach.

Neubau erinnert an Stadtmauer

«Dieser Stadteingang mit der neuen Gewerbe- und Wohnüberbauung Mühle ist das Resultat eines privaten Architekturwettbewerbs.» Sidler erklärt, wie sich der Neubau von Form und Farbe her perfekt eingliedert und so an die alte Stadtmauer erinnert. «Rund ums Städtli sind die Vorschriften bezüglich Bau- und Zonenordnung natürlich streng», sagt sie. Doch auf einem kleinen Rundgang würden wir noch sehen, dass die Paragrafen nur eine Seite der Medaille seien.

Sidler weist auf etwas Weiteres hin. «Rund um die Stadt herum befindet sich eine Grünzone.» Trotzdem stechen zwei unpassende Gebäude ins Auge, in einem befindet sich die Sempacher Post. «Die Gemeinde hat die Häuser gekauft und wird diese abreissen, damit das Stadtbild wieder richtiggestellt wird.» Das sei politisch so gewollt, die Sempacher haben über eine Million Franken dafür gesprochen. «Wir bezahlen, um die Sünden von früher zu korrigieren», sagt Sidler.

Diese Überbauung bildet den Abschluss des Städtlis. Oben trohnt ein Turm.
Diese Überbauung bildet den Abschluss des Städtlis. Oben trohnt ein Turm. (Bild: les)

Gibt es ein Gemeindediktat?

Sempach erhält den Preis auch wegen der «breit verankerten Diskussionskultur über das Bauen und Planen». Sidler spricht vom Sensibilisieren der Bauherren und den offenen Gesprächen. Aber ist es nicht so, dass die Gemeinde einfach besonders heikel ist und von oben diktiert? «Wenn die gesetzliche Grundlage nicht vorhanden ist, geht das gar nicht», entgegnet Sidler. «Wir wollen wirklich die Bauherren dazu animieren, einen Architekturwettbewerb durchzuführen, um qualitativ hochwertig zu bauen.»

Die Feier

Diesen Samstag findet die Übergabe des Wakkerpreises 2017 statt. Ein Organisationskomitee hat dazu ein würdiges Rahmenprogramm zusammengestellt, das allen Gästen und Besuchern etwas bietet. Die offizielle Preisübergabe wird um 15.45 Uhr unter musikalischer Begleitung mit einem Corso durchs Städtchen eröffnet und die eigentliche Preisübergabe findet um 16.00 Uhr auf dem Denkmalplatz statt. Ab 17.15 Uhr startet das Wakkerfest mit Apéro riche und Musik auf der Seeallee Seepark. 

Um der Stadt zu gefallen, muss man also einfach mehr Geld in die Finger nehmen? Sidler widerspricht dieser These vehement: «Das ist ein Fehlschluss.» Von hochwertigen Bauten profitieren auch die Eigentümer. «Zudem sind die Verfahren bei uns sehr schlank und dadurch kann auch wieder Geld und vor allem Zeit gespart werden.»

Und dann sagt Sidler etwas, was bei manchem Stadtluzerner wohl Stirnrunzeln auslöst. «Wir erklären den Architekten jeweils, was uns bei neuen Bauprojekten wichtig ist. Und wir sagen ganz klar, lasst euch von der Bau- und Zonenordnung nicht zu stark einschränken.» Was? «Wenn das Projekt vollends überzeugt, dann stimmen wir an der Gemeindeversammlung halt über eine Sondergenehmigung ab», so Sidler ganz pragmatisch.

Die Gemeinde Sempach hat das Postgebäude gekauft und will es dem Erdboden gleich machen.
Die Gemeinde Sempach hat das Postgebäude gekauft und will es dem Erdboden gleichmachen. (Bild: les)

Gleiche Bedürfnisse wie in der Stadt

Der Rundgang mit der ausgebildeten Architektin ist spannend. Sie zeigt auf Dutzende architektonische Feinheiten: Da ein Holzgebälk, das vom Verputz befreit wurde, dort ein Knick in einer Fassade und an einem anderen Ort Fenster in besonderer Ausrichtung. Wir betreten einen Innenhof. In der Stadt Luzern gibt es eine politische Mehrheit, die eine Begrünung dieser fordert (zentralplus berichtete). Sidler kann das verstehen, schliesslich sei dies der logischste Aufenthaltsraum für die umliegenden Bewohner. «In Sempach haben wir dies bereits erkannt», sagt die CVP-Bauvorsteherin stolz.

Ein begrünter Innenhof in Sempach.
Ein begrünter Innenhof in Sempach. (Bild: les)

Einfamiliensiedlungen wird es keine mehr geben

Trotzdem gibt Sidler zu, dass auch in Sempach nicht alles perfekt sei. Seit neun Jahren ist sie nun im Gemeinderat aktiv, kurz davor habe man noch mit der Parzellierung einer Einfamilienhaussiedlung begonnen. «Dort steht jetzt Häuschen an Häuschen. Jedes mit Garten und Parkplatz.» Sie sagt: «So etwas macht man heute einfach nicht mehr.» Man baue verdichtet und achte darauf, den Kulturlandverlust gering zu halten.

Die Vogelwarte war einst im Rathaus zu Hause

Überraschend auch, nicht alle Bauten im «Städtli» sind Hunderte Jahre alt. Etwa auf dem Platz vor der Kirche, wo ein grosses Denkmal in Erinnerung an die Schlacht bei Sempach thront. Man habe alles in den 1980er-Jahren abgerissen und neu gebaut. «Da hat man auch das Türmli beim Eingang ins Städtli erstellt. Vorher war da einfach eine Lücke», so Sidler. 

Sämtliche Gebäude dieses Bildes stammen aus diesem Jahrhundert.
Sämtliche Gebäude dieses Bildes stammen aus diesem Jahrhundert. (Bild: les)

Das Rathaus im Städtli sticht jedem Gast ins Auge. Früher hat dort der Stadtrat getagt – und der Korporationsrat. Und in der Mitte war die Vogelwarte Sempach in ihren Anfängen zu Hause. Seit 2014 befindet sich das Museum in neuem Glanz im Haus und man kann die Räumlichkeiten für Anlässe mieten.

Spürt man eigentlich in Sempach schon einen positiven Effekt? Kommen dank des Wakkerpreises mehr Touristen an den Sempachersee? «Die Restaurants stellen jedenfalls fest, dass es mehr Gäste gibt», sagt Sidler. Sie hätten auch häufig Gemeinderäte oder Bauämter zu Gast, die sich ein Bild von Sempach machen wollen.

 

Das Rathaus mitten im Städtli.
Das Rathaus mitten im Städtli. (Bild: les)

Zum Abschluss des Rundgangs betrachten wir die Gerbegasse. «Mein persönliches Highlight», sagt Sidler. Das vermutlich älteste Holzhaus Sempachs grenzt an einen postmodernen Anbau. Und auch die Gärten lassen Sidlers Augen strahlen. «Ich kenne keine Stadt, welche die Gärten innerhalb ihrer Stadtmauern positioniert hat», sagt sie. Und weiterer spannender Fakt: «Vor seiner Absenkung vor Hunderten von Jahren kam der Sempachersee bis hier hinauf.» Eines dieser spannenden Details, die Sempach zu erzählen hat.

Der Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes

Der Schweizer Heimatschutz (SHS) vergibt jährlich einer politischen Gemeinde den Wakkerpreis. Das Preisgeld hat mit 20’000 Franken eher symbolischen Charakter; der Wert der Auszeichnung liegt vielmehr in der öffentlichen Anerkennung vorbildlicher Leistung.

Der Wakkerpreis zeichnet Gemeinden aus, die bezüglich Ortsbild- und Siedlungsentwicklung besondere Leistungen vorzeigen können. Hierzu gehören insbesondere das Fördern gestalterischer Qualität bei Neubauten, ein respektvoller Umgang mit der historischen Bausubstanz sowie eine vorbildliche Ortsplanung, die Rücksicht auf die Anliegen der Umwelt nimmt. Nach Sursee (2003) geht der Wakkerpreis zum zweiten Mal an eine Gemeinde des Kantons Luzern.

In der Bildergalerie erklärt der Heimatschutz anhand von sechs Beispielen, weshalb Sempach den Wakkerpreis verdient hat:

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