Luden ein zur Demonstration für die Offenheit: Karin Blättler, Bruno Hermann, Stefanie Sager, Lukas Stadelmann, Urs Utiger, René Sager und Denise Felder (v.l.) brachten den «Tag der offenen Gesellschaft» nach Luzern. (Bild: pbu)
Gesellschaft Veranstaltung

Luden ein zur Demonstration für die Offenheit: Karin Blättler, Bruno Hermann, Stefanie Sager, Lukas Stadelmann, Urs Utiger, René Sager und Denise Felder (v.l.) brachten den «Tag der offenen Gesellschaft» nach Luzern. (Bild: pbu)

Fest für die Demokratie ist von einem Volksaufstand inspiriert

11min Lesezeit

Am Samstag fand im Luzerner Obergrundquartier der erste «Tag der offenen Gesellschaft» statt. Eine Gruppe aus Quartierbewohnern importierte ein Projekt aus Deutschland und lud zur Demonstration für Offenheit, Toleranz und Freiheit ein. Das Fest hat durchaus Potenzial, ergab ein Augenschein.

«Demokratie ist nicht selbstverständlich. Damit sie uns erhalten bleibt, braucht es Menschen, die für sie eintreten. Es geht also um das Einstehen für unsere Freiheit und unsere demokratischen Rechte», sagt Bruno Hermann und blinzelt in die Sonne. Er gönnt sich einen Schluck Bier aus der Flasche und fügt an: «Deshalb sind wir heute hier und bieten mit der urdemokratischen Diskussion in der Öffentlichkeit eine Möglichkeit, sich zu finden.»

Keine Partei oder Organisation dahinter

Hermann ist einer von sieben Köpfen, die am Samstag den schweizweit einzigen «Tag der offenen Gesellschaft» im Luzerner Obergrundquartier auf die Beine gestellt haben. Hinter der Truppe steht keine parteipolitische Gruppierung oder sonstige Organisation, sondern ein Verbund aus Nachbarn und Freunden. Sie haben sich – in Zeiten von Trump, Brexit und Demokratiezerfall in der Türkei – entschieden, aktiv und entschieden für gelebte Offenheit zu demonstrieren.

Die Idee dazu stammt aus Deutschland. Das Konzept: ein langer Tisch auf dem Trottoir oder der Strasse, der Platz bietet für Speis, Trank und spontane Gespräche (siehe Box). Niemand wird ausgeschlossen. Ein Zeichen für die Demokratie und ein friedliches Miteinander soll so gesetzt werden. Oder in den Worten von Hermann: «Eine lustvolle Demonstration für die Offenheit.»

Voraussetzungen fast zu gut

Die Wetterbedingungen am Samstag könnten nicht besser sein: angenehm warme Juni-Sonne bei trockener Luft und mässigem Nordwind. Die Tafel an der Kreuzung Moosmattstrasse-Villenstrasse ist denn auch rasch besetzt. Ein gutes Dutzend Kinder nutzt die Gelegenheit und verziert den Asphalt mit kryptischen Kreidekritzeleien. Auf dem Platz bilden sich lose Gruppen, es wird diskutiert, gegessen und getrunken. Die Afro-Soul-Band Emashie beschallt das ganze Quartier mit rhythmischen Klängen. Die Kollekte füllt sich nach und nach.

Im Namen der Demokratie

Der Tag der offenen Gesellschaft wurde von der Diakonie Deutschland und der parteiunabhängigen «Initiative Offene Gesellschaft» ins Leben gerufen und fand am 17. Juni 2017 erstmals statt. Das Datum referiert auf den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, als es in der ehemaligen DDR zu weitläufigen Streiks und Protesten mit politischen und wirtschaftlichen Forderungen kam. Der «Tag der offenen Gesellschaft» soll an die Zivilcourage von damals erinnern und Mut machen, Demokratie und Freiheit täglich aufs Neue zu verteidigen.

An über 450 Standorten in ganz Deutschland wurden Tische und Stühle aufgestellt und zum gemeinsamen «Fest für die Demokratie» geladen. Die Tafel verstehen die Veranstalter als Symbol für Geselligkeit, Gastfreundschaft, Gemeinsamkeit und Begegnung. Mehr Infos gibt’s hier.

«Die Bedingungen sind fast zu gut», sagt Mitorganisatorin Karin Blättler und lacht. «Gerade die Jugendlichen sind wohl lieber in der Badi oder am B-Sides als hier bei uns», mutmasst sie, während ihr Körper kaum merklich im Takt der Musik schaukelt. Überrascht sei sie trotzdem. Mit 20 bis maximal 50 Leuten hätten sie gerechnet. Ein flüchtiger Blick zeigt, dass diese Höchstlatte spielend übersprungen wurde. «Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass wir das Ganze erst vor vier Wochen geplant und nur minimalst beworben haben», findet Blättler.

«Es ist typisch für Luzern, weil hier die Menschen offenherzig und unkompliziert sind.»
Werner aus Zürich

Werner, ein Pensionär aus Zürich, hat über Ron Orp von der Veranstaltung in Luzern Wind gekriegt. «Für mich war klar, dass ich hier vorbeischaue», sagt er und stopft sich die Pfeife. «Ich bin ein neugieriger Mensch und finde das hier eine tolle Idee, denn geschlossene Gesellschaften gibt es genug. Und es ist typisch für Luzern, weil hier die Menschen offenherzig und unkompliziert sind. In Zürich würde das so wohl nicht funktionieren», sagt er. Seine Tischnachbarin und Lebensgefährtin Therese schaltet sich ein: «Wenn ich gewusst hätte, dass hier eine Tafel aufgestellt wird, dann hätte ich auch etwas zu essen mitgebracht.»

Werner aus Zürich mag die Offenheit der Luzerner.
Werner aus Zürich mag die Offenheit der Luzerner. (Bild: pbu)

Familie Osso aus Syrien lebt seit gut dreieinhalb Jahren in Luzern.
Familie Osso aus Syrien lebt seit gut dreieinhalb Jahren in Luzern. (Bild: pbu)

Wiederholung erwünscht

Vielleicht klappt das ja beim nächsten Mal. Obwohl die Veranstalter sich diesbezüglich noch nicht festlegen möchten. «Wir wollen erst sehen, wie der heutige Tag läuft», sagt Karin Blättler. Klar für eine Wiederholung des Anlasses spricht sich hingegen die syrische Familie Osso aus, die es sich am anderen Ende der Tafel bequem gemacht hat. «Es ist schön, wenn Menschen so zusammenkommen. Eine solche Offenheit haben wir uns erhofft, als wir vor knapp vier Jahren in die Schweiz nach Luzern gekommen sind. Das sollte es definitiv wieder geben», ist sich das Ehepaar einig, derweil ihr Sohn zusammen mit anderen Kindern die Strasse bemalt.

Dass der «Tag der offenen Gesellschaft» zukünftig wieder in Luzern veranstaltet wird, ist für Henning Börm gar mehr als wünschenswert. Der gebürtige Deutsche lebt seit über zehn Jahren in Luzern und getraut sich als Erster an den Speakers-Corner, um seine Gedanken allen Anwesenden gegenüber kundzutun. «Zunächst möchte ich euch allen gratulieren», eröffnet der 40-Jährige seine Ansprache. «Dafür, dass ihr hier seid, weil ihr damit zeigt, dass ihr offen seid», sagt er und wirft damit die Frage auf, ob denn solche Veranstaltungen überhaupt etwas bringen. Ist das nicht vielmehr ein Fest von und für Gleichgesinnte?

«Isolationisten und Demokratiefeinde kann man damit zwar nicht erreichen.»
Henning Börm aus Luzern

Henning Börm am Speakers-Corner.
Henning Börm am Speakers-Corner. (Bild: pbu)

Isolationisten und Demokratiefeinde könne man damit zwar nicht erreichen, gibt Börm unumwunden zu. «Darum geht es aber nicht. Es soll eine Plattform geboten werden, eine Alternative zum digitalen Liken toleranter und offener Gedanken. Davon kann es nicht genug geben.» Dann setzt er noch einen drauf: «Wie wäre es denn mit einem Jahr der offenen Gesellschaft?», fragt er rhetorisch und möchte gleich mit gutem Beispiel vorangehen. «Ich nehme mir heute zum Vorsatz, jeden Tag jemandem ein Kompliment zu machen», erzählt er und haftet den Blick auf eine junge Dame in der ersten Reihe. «Mir gefällt dein T-Shirt sehr gut», sagt Börm schmunzelnd und erntet dafür einige Lacher und wohlwollenden Applaus.

«Die Politik der Angst bestimmt die öffentliche Debatte. Obwohl wir in der sichersten und reichsten Gesellschaftsform leben.»
Bruno Hermann aus Luzern

Eine Stimme für die «vernünftige Mehrheit»

«Es ist Zeit, dem Marsch nach rückwärts etwas entgegenzuhalten», nimmt Bruno Hermann den Faden auf: «Offene Gesellschaften werden angegriffen und die Politik reagiert falsch. Statt die demokratische Mehrheit im Land zu stützen, lässt sie sich die Themen von Neurechten und Populisten diktieren», sagt er. Im Ausland sei diese destruktive Tendenz vermehrt spürbar. «Die Politik der Angst bestimmt die öffentliche Debatte, es herrscht Hysterie und Wut, obwohl wir in der sichersten und reichsten Gesellschaftsform leben, die es je gegeben hat.»

Die öffentliche Diskussion sei eine Möglichkeit, damit die vernünftige Mehrheit wieder eine wahrnehmbare Stimme bekomme, konstatiert Hermann und ist sich sicher, dass dieses Bedürfnis auch in Luzern vorhanden ist. «Die Globalisierung trifft auch unser Land, unseren Kanton, unsere Stadt. Konkurrenz wird grossgeschrieben, Solidarität zunehmend kleiner. Wachstum und Egoismus stehen über allem, Rechte werden eingefordert, Pflichten vernachlässigt.»

Es gehe ihnen hier nicht darum, das Rad neu zu erfinden, sondern darum, Präsenz zu markieren und Gleichgesinnten zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Denise Felder, ebenfalls Mitorganisatorin, sagt: «In erster Linie erhoffe ich mir gute Gespräche und neue Impulse. Spontaneität und Solidarität stehen für mich im Vordergrund.»

Haben sich am Tag der offenen Gesellschaft in Luzern gefunden: Henning, Petra und Alève (v.l.).
Haben sich am Tag der offenen Gesellschaft in Luzern gefunden: Henning, Petra und Alève (v.l.). (Bild: pbu)

Vorbild Luzern

Henning Börm, vorher noch am Speakers-Corner, nun wieder am Tisch, pflichtet dem bei: «Diese Veranstaltung reflektiert meine Haltung zum Leben», sagt er. «Hier fühle ich mich verstanden, und es bietet mir einen dankbaren Rahmen, um mich mit anderen auszutauschen.»

«Ich war mir nicht sicher, ob dieses Format in unserer verklemmten Gesellschaft funktioniert.»
Die Quartierbewohnerin Petra

Etwas skeptischer war seine Tischnachbarin Petra, Nachname ebenfalls unwichtig: «Ich war mir nicht sicher, ob dieses Format in unserer verklemmten Gesellschaft funktioniert», erzählt sie. «Dass ich nun schon seit gut einer Stunde mit zwei mir zuvor völlig fremden Personen intensive Diskussionen führe, überzeugt mich aber gerade vom Gegenteil», fügt sie mit einem Lächeln an. Luzern sei in punkto Offenheit vorbildlicher als anderswo. «Vielleicht sollte man eine solche Veranstaltung mal in einem anderen Rahmen probieren, zum Beispiel in Zug bei der Glencore.»

Statements durchs Sprachrohr

Die Band macht Pause. Die Gespräche hingegen werden rege geführt. Hier eine intensive Debatte über die Verfehlungen des kapitalistischen Marktsystems, dort eine Diskussionsrunde über die hiesige Flüchtlingspolitik, dazwischen lockeres Geplaudere zu trivialen Alltagsthemen. Das rot bepinselte Quartierfest mit Mottoparty nimmt zunehmend Fahrt auf. Viele Schaulustige verfolgen das Geschehen aus der Distanz, einige wagen sich näher.

Ein bunt durchmischtes Publikum horcht den Worten von Henning Börm.
Ein bunt durchmischtes Publikum horcht den Worten von Henning Börm. (Bild: pbu)

Dann läuft Mitorganisator René Sager zum Speakers-Corner. In der Hand hält er ein paar Zettel, die überall verteilt auf der Tafel liegen und die Anwesenden zur Niederschrift kurzer Statements auffordern. Sager liest einige davon vor. Ein 76-jährige Frau hat geschrieben: «Vertraue auf eine Wende zu mehr Toleranz.» Auf einem anderen Blatt hat ein 67-jährger Herr dazu aufgefordert, die Zukunft mit Lust anzugehen. «Es gibt nichts Interessanteres als das Morgen», liest Sager vor und findet sichtlich Gefallen am Zitat.

Sager hält noch einen Zettel in der Hand. «Offenheit beginnt in der Nachbarschaft», liest er vor. Die Musiker von Emashie nehmen ihre Positionen wieder ein. Müsste man den «Tag der offenen Gesellschaft» im Obergrundquartier in wenigen Worten umschreiben, dann hätte dieser unbekannte Autor wohl den Nagel auf den Kopf getroffen.

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