Wer’s gerne leger mag, kann bei Siemens in der «Meet & Talk»-Zone mit Laptop in einer «loungigen» Atmosphäre arbeiten. (Bild: woz)
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Wer’s gerne leger mag, kann bei Siemens in der «Meet & Talk»-Zone mit Laptop in einer «loungigen» Atmosphäre arbeiten. (Bild: woz)

Hilfe – ich habe keinen eigenen Schreibtisch mehr!

8min Lesezeit

Immer mehr Menschen arbeiten heutzutage im Grossraumbüro. Um Platz zu sparen. Und damit Arbeitende mehr miteinander kommunizieren und ihr Alltag transparenter wird. In den neuesten Bürokonzepten gibt es sogar keinen eigenen Schreibtisch mehr für die Angestellten. Funktioniert das? zentralplus schaute sich bei Siemens in Zug um.

Wolfgang Holz

Es herrscht eine angenehme Ruhe in den hellen und verglasten Räumen. Es gibt kleine Boxen, die aussehen wie Telefonzellen. Dort unterhält sich gerade eine Gruppe Mitarbeiter an einem Tisch mit Monitor. Schräg gegenüber auf einem Rundsofa mit erhöhten Rückenlehnen sitzt eine junge Frau vor ihrem Laptop. Gleich nebenan im Grossraumbüro arbeiten einige Siemens-Mitarbeiterinnen an einem Computerplatz mit einer grünen Rückwand.

Gläserne Designer-Raumteiler

Getrennt durch einen gläsernen Designer-Raumteiler sind andere Personen in einer Zone mit blau markierten Schreibtischen bei der Arbeit. Nur der Chef der Kommunikationsabteilung bei Siemens Building Technologies, Günter Baumgartner, tippt in seinem geräumigen, mit geschmackvollen Bildern ausgestatteten Büro einsam am Stehtisch auf seinem Laptop.

«Wenn ich mal nicht da bin oder bei Sitzungen im Haus unterwegs, kann mein Team mein Büro selbstverständlich für Meetings nützen.»

Günter Baumgartner, Leiter der Siemens-Kommunikationsabteilung

Doch auch dieses Büro ist gläsern. Und kein privilegiertes Revier. «Denn wenn ich mal nicht da bin oder bei Sitzungen im Haus unterwegs, kann mein Team mein Büro selbstverständlich für Meetings nützen. Komme ich vom Meeting zurück und mein Büro ist belegt, suche ich mir anderswo einen freien Platz.»

Keine Frage: Die Zeiten, als der eine Kollege im Büro eine Zigarette paffte, der andere gerade ein Birchermüsli verdrückte, die Kollegin ihren Pudel unterm Tisch kraulte und wieder ein anderer Kollege sich am Fernsehen die letzten Minuten der Fussballübertragung reinzog, sind in den meisten Büros heutzutage nicht mehr en vogue.

Das hat zum einen damit zu tun, dass immer mehr Mitarbeiter in den meisten Firmen in Grossraumbüros arbeiten. Zum anderen beschert die Digitalisierung der Arbeitswelt den Firmen immer schlankere und offenere Strukturen.

In der «grünen Zone» im Grossraumbüro: Wobei «grün» nicht Pflanzenatmosphäre meint, sondern «normales Arbeiten». Mit Gesprächslautstärke.
In der «grünen Zone» im Grossraumbüro: Wobei «grün» nicht Pflanzenatmosphäre meint, sondern «normales Arbeiten». Mit Gesprächslautstärke. (Bild: woz)

Dabei ist das Grossraumbüro heutzutage in vielen Firmen nicht mehr einfach nur ein grosser Raum, in dem die Dezibelwerte täglich irgendwann Werte von Landungen eines Jumbojets annehmen. Oder in dem es im Winter zieht und im Sommer Saunatemperaturen herrschen.

«Open Office» herrscht im Büro

Es gibt immer mehr Firmen, die haben inzwischen ausgeklügelte Bürokulturen entwickelt, um ihren Mitarbeitern ein möglichst stressfreies, effizientes Dasein zu bescheren und um den grösstmöglichen Arbeitsoutput zu erzielen.

«Open Office» – zu deutsch also: offenes Büro – ist so eine neue Bürowelt und der letzte Schrei in Sachen Grossraumbüro. Dieses sieht vor allem vor, dass jeder sich gerade gemäss seinen Arbeitsbedürfnissen optimal installieren kann. zentralplus schaute sich zu diesem Zweck in der Kommunikationsabteilung von Siemens in Zug um.

Diese testet seit einiger Zeit das Open-Office-Bürokonzept im Pilotbetrieb. Im neuen Hauptsitz von Building Technologies, der derzeit in Zug gebaut wird, wird dieses Konzept dann gesamthaft eingeführt werden.

Rebecca Neuman-Comrie (rechts) vermisst nicht, dass sie keinen eigenen Schreibtisch mehr hat. «Ich finde es nur schade, dass ich keine Bilder mehr aufhängen kann.»
Rebecca Neuman-Comrie (rechts) vermisst nicht, dass sie keinen eigenen Schreibtisch mehr hat. «Ich finde es nur schade, dass ich keine Bilder mehr aufhängen kann.» (Bild: woz)

Muss jemand von den gut drei Dutzend Mitarbeitern des Kommunikationsteams etwa gerade länger telefonieren oder will jemand in aller Ruhe nachdenken, begibt er sich in einen «Think Tank»-Raum. Auf wenigen Quadratmetern ist man dort, vergleichbar mit einer Klosterklausurzelle, ganz für sich allein und kann die Tür hinter sich zumachen. Ob einem auf so engen Verhältnissen aber immer gleich die zündenden Ideen kommen?

«Wer seine absolute Ruhe beim Arbeiten braucht, nicht aber auf die Nähe seiner Kollegen verzichten möchte, nimmt Platz in der blauen Zone.»

Catharina Bujnoch-Gross, Senior Press Officer bei Siemens

Arbeitet jemand im mehr oder weniger normalen Modus an seinem Computer, nimmt er in der «grünen Zone» Platz. Grün heisst: Man kann Gespräche mit seinem Schreibtischnachbarn führen und auch kurze Telefonate erledigen. Für Live-Meetings am Computer setzt man ein Headset auf, um sich besser konzentrieren zu können.

Möchte man es noch lockerer, kann man sich in die «Meet & Talk»-Zone setzen. In jene informelle bordeauxrote Sitzgruppe also, die so sanft und entspannend wie eine Lounge daherkommt. Hier scheint der Feierabend nicht fern.

Kleine Serie über Bürowelten

Viele Menschen arbeiten im Büro. Immer häufiger im Grossraumbüro. Aus diesem Grund hat sich zentralplus bei zwei grossen Firmen im Kanton Zug umgeschaut, um etwas über die jüngsten Trends moderner Bürowelten zu erfahren. In Teil 1 besuchte zentralplus die Siemens Buildings Technologies Division in der Gubelstrasse in Zug. In Teil 2 geht’s zu Roche in Rotkreuz.

«Wer seine absolute Ruhe beim Arbeiten braucht, nicht aber auf die Nähe seiner Kollegen verzichten möchte, arbeitet in der blauen Zone», sagt Catharina Bujnoch-Gross, Senior Press Officer in der Siemens-Kommunikationsabteilung. Die blaue Zone – auch «Silent Zone» genannt – entspricht in etwa dem Leseabteil in SBB-Zügen.

Das eigentlich Revolutionäre an dem «Open Office»-Konzept ist indes, dass niemand mehr an einem fixen Platz sitzen kann. Will heissen: Es gibt keine eigenen beziehungsweise persönlichen Schreibtische mehr.

Abends muss der Schreibtisch clean sein

Wer also – wie früher – gerne ein Bild seiner Lieben neben sich auf dem Schreibtisch stehen haben möchte, kann dies zwar auch weiterhin tun. Nur abends muss er dann alles abräumen vom Schreibtisch. «Denn die Schreibtische müssen abends clean sein», sagt Bujnoch-Gross. Damit diese auch vom Putzpersonal einfacher gereinigt werden können.

Und was passiert mit den persönlichen Gerätschaften, die auf dem Tisch gelegen sind? Die kann man in einem persönlichen «Locker» (Schliessfach) verstauen – bis zum nächsten Morgen. Schöne neue Bürowelten. Aber kommt da überhaupt noch so etwas wie Behaglichkeit am Arbeitsplatz auf?

Wenn der Chef nicht da ist, können seine Mitarbeiter sein Büro als Meeting-Raum benützen.
Wenn der Chef nicht da ist, können seine Mitarbeiter sein Büro als Meeting-Raum benützen. (Bild: woz)

Rebecca Neuman-Comrie von Siemens vermisst nicht, dass sie keinen eigenen Schreibtisch mehr hat. «Ich finde es nur schade, dass ich keine persönlichen Bilder an der Wand mehr aufhängen kann.»

Auch ihrem Kollegen Jörg Grundhöffer macht es offenbar nichts aus, dass er sich nicht mehr jeden Tag an den gleichen Schreibtisch setzen kann. «Ich habe keine so emotionale Beziehung zu meinem Arbeitsplatz, und früher war mein Schreibtisch immer eher überfüllt», räumt er ein.

Schult Teamfähigkeit und Flexibilität

Doch was soll das eigentlich bringen, wenn niemand mehr einen eigenen Schreibtisch hat? Vermittelt einem dies nicht doch ein Gefühl von Anonymität und Heimatlosigkeit?

Wie Markus Wiederer, Projektleiter für das Office-Konzept bei Siemens Building Technologies, erklärt, ist gerade das Gegenteil beabsichtigt. «Das Open-Office-Konzept soll die Flexibilität und die Teamfähigkeit der Mitarbeiter verbessern. Diese neuen Arbeitsformen unterstützen auch, dass weniger Routine eintritt, wenn unsere Mitarbeitenden mal da und mal dort sitzen. Sie lernen sich dadurch besser kennen.» Zudem würden die Arbeitsstrukturen durchlässiger und transparenter, und Kollegen könnten sich am Arbeitsplatz besser austauschen.

Im Grunde herrscht bei Siemens im «Open Office» quasi so eine Art Wohnzimmeratmosphäre mit verschiedenen Arbeitsbereichen. Wer es trotzdem zur Abwechslung zwischendurch etwas heimeliger und persönlicher braucht, kann natürlich auch im Home Office arbeiten. Sprich zu Hause. Ganz gemütlich auf dem Sofa. Bujnoch-Gross: «An manchen Tagen sind dann nicht so viele Mitarbeiter da.»  

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