Lior (links) und Morris Etter, die Gründer von WfW, auf dem Franziskanerplatz.
  (Bild: giw)
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Lior (links) und Morris Etter, die Gründer von WfW, auf dem Franziskanerplatz.   (Bild: giw)

Luzerner Hilfswerk landet PR-Coup – und pfeift auf Zertifizierung

10min Lesezeit

Sie predigt Wasser und schüttet eine Million Franken in Afrika aus: Die Luzerner Non-Profit-Organisation «Wasser für Wasser» darf im Rahmen einer Trinkwassserkampagne in der Stadt Luzern Werbung für ihre Entwicklungsprojekte in Sambia machen – mit öffentlichen Geldern. Doch wie hoch ist der Anteil der Spendegelder, der tatsächlich nach Afrika fliesst?

Die relativ junge Luzerner Non-Profit-Organisation (NPO) «Wasser für Wasser» ist auf Erfolgskurs. Erst vor fünf Jahren gegründet, hat der Luzerner Verein mit seinem Modell bereits zahlreiche Gastronomiebetriebe und Unternehmen an Bord geholt.

Und mit der am Montag lancierten Kampagne «Lucernewater.ch» ist «Wasser für Wasser» (WfW) ein PR-Coup sondergleichen gelungen (zentralplus berichtete). Eine mit städtischen Geldern finanzierte Hochglanz-Webseite inklusive App informiert Touristen und Einheimische zugleich über die städtische Trinkwasserversorgung sowie die WfW-Kampagne. Die Stadt steuert 76’000 Franken bei, WfW 28’000. Der Marketingwert für WfW ist kaum bezifferbar. Ausserdem fliessen die Einnahmen aus dem Verkauf der Trinkflaschen an die Projekte von WfW, momentan sind 15 Verkaufsstellen in Luzern dabei.

Eine Million für Slums in Lusaka

Der Aufstieg von WfW ging rapide vonstatten: «Wir haben das zu zweit aufgezogen und das Projekt wortwörtlich in der Garage gestartet», erklärt Lior Etter. Begonnen haben die Brüder mit fünf Partnerfirmen, heute beteiligen sich 250 Gastrobetriebe in der Schweiz. Sie schenken Wasser für einen Preis aus, der Erlös geht an die Projekte von WfW.

«Unsere Webseite kann derzeit nicht Schritt halten.»

Morris Etter, Wasser für Wasser

Zusätzlich zählt man 150 Partnerunternehmen. Sie kaufen die sogenannten WfW-Wasserkaraffen, trinken Leitungswasser und spenden einen Betrag. Das Ziel: die saubere Wasserversorung in den Armenvierteln der sambischen Hauptstadt Lusaka sicherstellen. Rund eine Million Franken haben die Etters in Sambia seit der Gründung ihrer Organisation investiert.

Einer von 134 Trinkwasserbrunnen in Luzern: der Zeughausbrunnen.
Einer von 134 Trinkwasserbrunnen in Luzern: der Zeughausbrunnen. (Bild: zvg/Franca Pedrazzetti)

Webseite mit fehlenden Angaben

Doch die Erfolgswelle ging möglicherweise zu schnell vonstatten: «Unsere Webseite kann derzeit nicht Schritt halten», so Morris Etter. Auf der Seite fehlen Wirkungs- und Jahresbericht. Wie viele Einnahmen und Ausgaben die Organisation hat oder wohin die Spendengelder exakt fliessen, ist nur teilweise ersichtlich auf dem Webauftritt.

Auch auf die für Entwicklungsorganisationen übliche Zewo-Zertifizierung wird verzichtet. Die Schweizerische Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Spenden sammelnde Organisationen hat über 500 gemeinnützige Non-Profit-Organisationen zertifiziert, die das Prüfverfahren erfolgreich durchlaufen haben. Die Zertifizierung gilt als Branchenstandard, dabei sind etwa das Rote Kreuz, Amnesty International, Caritas Schweiz oder die Aids-Hilfe Schweiz.

Zertifizierung für WfW bezahlbar

«Wir verstehen uns nicht als klassisches Hilfswerk mit grossen Partnern wie dem Bund, sondern gehen unternehmerisch vor», sagt Morris Etter. Man schliesse mit jedem einzelnen Partnerbetrieb einen Vertrag, der die Spendenverwendung regelt. Die Zertifizierung sei relativ teuer und nehme einem auch Freiheiten, verteidigt sich Etter. Ausserdem besuche man alle Betriebe persönlich und würde die betriebswirtschaftlichen Zahlen sowie den Projektansatz erklären.

«Organisationen, die unsere Standards nicht einhalten (wollen), berufen sich gerne auf die angeblich hohen Kosten», sagt Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin von Zewo. Für eine Organisation in der Grösse von WfW kostet die einmalige Prüfung erfahrungsgemäss rund 5’000 Franken. Alle fünf Jahre findet eine Rezertifizierung statt. Die Kosten dafür dürften bei rund 3’000 Franken liegen. Die jährliche Gebühr beträgt 515 Franken: «Das ist bei Einnahmen in der Höhe von 800’000 Franken pro Jahr verkraftbar und eine sinnvolle Investition in die Verbesserung der Transparenz gegenüber den Spendern.»

«Ich werde in den kommenden Wochen den Jahresbericht 2016 abschliessen.»

Morris Etter, Wasser für Wasser

«Die Kommunikation ist zu wenig transparent», stellt Ziegerer klar. Sie hält jedoch auch fest: «Um die Organisation genauer zu beurteilen, ist eine umfassende Prüfung nötig. Über die Verwendung der Gelder können wir nur auf Basis einer aussagekräftigen Jahresberichterstattung etwas sagen.»

800’000 an Einnahmen 2016

Auf Anfrage von zentralplus stellt WfW die Kennzahlen zur Verfügung. Von den rund 800’000 Einnahmen aus Büro- und Gastropartnerschaften, Spenden und weiteren Zuwendungen fliessen 2016 rund 500’000 Franken nach Sambia. Die restlichen 25 Prozent der insgesamt 680’000 Franken an Ausgaben im letzten Jahr fliessen in die Öffentlichkeitsarbeit, die Partnerschaften und die Administration. Die Differenz zwischen Ausgaben und Einnahmen von rund 115’000 Franken sind projektgebundene Rückstellungen, so Etter.

«100 Prozent der Gastrospenden fliessen direkt in die Projektarbeit in Sambia.»

Morris Etter, Wasser für Wasser

Die Etter-Brüder bestätigen, dass eine neue Webseite in Planung ist. Morris Etter: «Ich werde in den kommenden Wochen den Jahresbericht 2016 abschliessen.» Das brauche alles sehr viel Zeit und die fehlt dem siebenköpfigen Team plus zwei Zivildienstleistenden derzeit. Neben der frisch lancierten Kampagne war WfW ebenfalls für die Nordpol-Bar mitverantwortlich (zentralplus berichtete).

«Das ist unrealistisch»

Die Zewo-Chefin Ziegerer kritisiert den Webauftritt von WfW: Aussagen wie «die generierten Erlöse in Gastronomiebetrieben fliessen zu 100 Prozent in die WfW-Projektarbeit Sambia» würden den Eindruck wecken, dass der Organisation kein Aufwand für administrative Aufgaben und für die Mittelbeschaffung entstehen. «Das ist unrealistisch. Administrative Tätigkeiten sind immer nötig und Spenden sammeln bzw. der Aufbau von Partnerschaften kostet etwas.»
 
Das Modell WfW sei sogar sehr transparent, entgegnet Morris Etter. Jeder Spender wisse genau, wofür die Spenden verwendet werden. «100 Prozent der Gastrospenden fliessen direkt in die Projektarbeit in Sambia, Büropartner entscheiden selber, welchen Fokus (Sambia oder Leitungswasserförderung CH) sie unterstützen wollen.» WfW-Gönner unterstützen den weiteren Ausbau der Partnerschaften in der Schweiz und die Leitungswasserförderung in der Schweiz. Ausserdem arbeite WfW mit zwei getrennten Konten, nämlich einem Projektkonto ausschliesslich für Wasserprojekte Sambia und einem für die Förderung des Leitungswasserkonsums in der Schweiz.

«Es geht nicht um Entwicklungshilfe»

Dass WfW nicht Zewo-zertifiziert ist und grundsätzliche Informationen auf ihrer Webseite nicht publiziert, habe bei der Vergabe des Auftrags an WfW keine Rolle gespielt, erklärt die Stadt Luzern als Kampagnenpartner. Niklaus Zeier begründet die Zusammenarbeit mit WfW mit dem Know-how der Organisation: «Sie waren bereits im Vorgängerprojekt involviert und sind mit der Wasserthematik vertraut.»

Ist es Aufgabe der Stadt, Werbung für Entwicklungshilfe mitzufinanzieren? «Bei Lucerne Water geht es nicht um Entwicklungshilfe. Der Finanzbeitrag der Stadt dient in erster Linie der Information über die Wasserversorgung und über das Trinkwasserangebot in Luzern», erklärt der Kommunikationschef der Stadt Luzern, Niklaus Zeier.

Der Grosse Stadtrat hat für die Kommunikationsarbeit 100’000 Franken im Rahmen der Brunnensanierungen gesprochen. Dass die NPO ausserdem ihr Projekt in Sambia auf der Kampagnenseite präsentieren darf, begründet Zeier damit, dass «lucernewater.ch» auch globale Zusammenhänge aufzeigen möchte: «Dass WfW als Projektpartner ihr Engagement vorstellt, ist daher naheliegend.»

Expansion ins Ausland geplant

Morris Etter studierte Internationale Beziehungen und hatte bereits Vorstellungen für seine Karriere: «Ich wolle jedoch nicht zur Weltbank oder der UNO, sondern in einer kleinen Organisation eigene Projekte aufziehen.» Passend dazu kam die Idee für WfW. Sein Bruder, der Ex-FCL-Fussballer Lior Etter, war ebenfalls von Beginn mit an Bord.

Ursprünglich wollten die Brüder nur einen Anschub leisten für das Projekt WfW, Morris plante, nach ein paar Monaten wieder in den Vorlesungssaal zu sitzen. Doch es kam anders. Zu Beginn lebten sie wieder zu Hause bei den Eltern. Sie hätten zwei Jahre ohne Lohn für WfW gearbeitet, die darauffolgenden zwei Jahre für 1’600 Franken im Monat. «Auch unsere Geschäftsführung verdient immer noch weniger als 3’000 Franken», erklärt Etter. «Noch vor zwei Jahren wären die Zusammenarbeit mit der Stadt Luzern und dieses Projekt nicht denkbar gewesen.»

Trotz den etwas zu engen Kleidern nach dem raschen Wachstum steckt sich WfW bereits für die nächsten zwei Jahre grosse Ziele: In der Schweiz möchte WfW verstärkt das Netzwerk ausbauen, besonders in Zürich. Denn bisher kommt eine Mehrzahl der Partner immer noch aus der Region. Doch auch eine Expansion nach Deutschland oder in die Romandie sei vorstellbar.

50’000 Menschen neu Anschluss an Leitungswasser

Das ist mit viel Aufwand verbunden: «Wir besuchen alle unsere Partner persönlich.» Gleichzeitig sei eine Kampagne an den hiesigen Schulen geplant, um die Schüler für die Problematik der weltweiten Wasserversorgung zu sensibilisieren.

Derweil investiert die NPO in Sambia. In der 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt Lusaka arbeitet WfW in vier der rund 35 Bezirke. Viele Slums sind nicht mit den Hauptwasserleitungen verbunden, das wolle man ändern: «Bis jetzt haben dank WfW rund 50’000 Menschen Anschluss an das Leitungswassernetz.» Dadurch konnten auch Gesundheitsprobleme gelöst werden, etwa sei in den betroffenen Haushalten die Cholera verschwunden.

50 Sambier ausgebildet

WfW arbeitet direkt mit den Behörden zusammen, die für die Wasserversorgung zuständig sind. «Wir arbeiten an der Sensibilisierung der Bevölkerung und bilden lokales Personal aus.»

Rund 50 Sambier habe man ausgebildet, um das installierte Leitungsnetz zu unterhalten, aber auch weitere Arbeitsstellen in der Wirtschaft seien geschaffen worden. «Der Bedarf nach Spezialisten in diesem Bereich steigt im Land», erklärt Morris Etter. Während viele klassische Entwicklungsorganisationen auf dem Land aktiv seien, wolle man bei WfW einen anderen Weg gehen: «Wir sind bewusst im urbanen Raum tätig, denn die Städte sind global gesehen die Zukunft. Hier leben die Menschen.»

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