Martin Buob (links) und Bruno Koch im ABL-Gebäude am Neuweg in Luzern – im Hintergrund das Glashaus im Innenhof. (Bild: jwy)
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Martin Buob (links) und Bruno Koch im ABL-Gebäude am Neuweg in Luzern – im Hintergrund das Glashaus im Innenhof. (Bild: jwy)

«Wenn man mit der Stadt zu tun hat, geht es elend lang»

16min Lesezeit

Stabübergabe bei der grössten Luzerner Wohnbaugenossenschaft: Martin Buob übernimmt von Bruno Koch, dem Urgestein bei der ABL. Das Duo prognostiziert schon heute, dass die Stadt ihre Ziele beim gemeinnützigen Wohnbau verpassen wird; zu gross seien die Auflagen. Und stellt beim Himmelrich die nächste Zwischennutzung in Aussicht.

Himmelrich, Bernstrasse, Industriestrasse: Dies ist nur eine Auswahl der aktuellen Bauprojekte der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (ABL). Sie ist in allen Ecken der Stadt und darüber hinaus präsent. Wenn es um gemeinnützigen Wohnungsbau geht, kommt man um die ABL nicht herum.

Die grösste Genossenschaft auf dem Platz Luzern hat seit Mai einen neuen Chef: Martin Buob übernimmt von Bruno Koch, dieser war 30 Jahre bei der ABL, 26 davon als Geschäftsleiter. Bis er 2018 pensioniert wird, bleibt er noch im Hintergrund aktiv. Wir haben uns mit dem alten und neuen Chef an einen Tisch gesetzt.

zentralplus: Bruno Koch, sind Sie der Mr. Genossenschaft in Luzern?

Bruno Koch: Ja gut, ich höre das oft, aber es gibt auch andere mit viel Erfahrung. Aber wenn man so lange dabei war, in so vielen Chargen und Verantwortlichkeiten, dann ist das halt so.

zentralplus: Ganz loslassen können Sie aber noch nicht.

Koch: Ich fühle mich halt noch nicht wie ein Pensionierter. Heute ist man mit 64 mittendrin. Und wenn man mir Mr. ABL oder wie auch immer sagt, dann hat das was. Der gemeinnützige Wohnungsbau liegt mir am Herzen. Wenn ich da noch etwas beitragen kann, mache ich das sehr gerne.

zentralplus: Herr Buob, was bewegt einen ehemaligen Banker, sich dem genossenschaftlichen Wohnen zu widmen?

Martin Buob: (lacht) Ich habe zwar über 35 Jahre bei der Kantonalbank gearbeitet, aber nur kurz im eigentlichen Bankgeschäft. Mich interessieren Immobilien und Menschen, das kommt im gemeinnützigen Wohnungsbau im ganzen Spektrum zur Geltung. Zudem hinterlässt Bruno Koch eine gesunde ABL.

zentralplus: Aber bei der Kantonalbank und bei der Post geht es weniger gemeinnützig zu und her.

Buob: Ja, da geht es um Rendite und nicht viel anderes – und mehr um Gewerbefläche als ums Wohnen. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten: Auch die ABL muss ihre Immobilien wirtschaftlich bauen und unterhalten. Je wirtschaftlicher wir sind, desto weniger hoch ist die Miete, davon profitieren die Genossenschafter.

«Die ABL war altertümlich, von der Einrichtung der Büros bis zur Haltung des Vorstandes.»

Bruno Koch

zentralplus: Bruno Koch, was hat Sie in drei Jahrzehnten am meisten geprägt?

Koch: (seufzt) Das war die ganze Geschichte um die Siedlung Breitenlachen Ende der 90er-Jahre. Mieter wollten bei einem Umbau mitreden und hatten gegen den damaligen Vorstand aufbegehrt. Auch uns von der Geschäftsstelle wurde vom Vorstand Illoyalität vorgeworfen, weil wir die Siedlung besuchten, um zu sehen, was die Bewohner wünschten.

Zu den Personen

Bruno Koch war 26 Jahre Geschäftsleiter der ABL, er arbeitet bis zur Pensionierung 2018 noch im zweiten Glied. Auch darüber hinaus bleibt er aktiv für das gemeinnützige Wohnen: im Vorstand der Gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft Industriestrasse (GWI), als Präsident der Kooperation Industriestrasse – dem Verband der fünf Genossenschaften –, zudem ist er im Vorstand des Dachverbands Wohnbaugenossenschaften Schweiz und im Verwaltungsrat von Logis Suisse – einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft, die sich für fairen Wohnraum einsetzt.

Martin Buob ist im April neu zur ABL gestossen, seit Mai ist er offiziell neuer Geschäftsleiter. Buob war zuvor bei der Luzerner Kantonalbank Bereichsleiter Logistik. Zuletzt war Buob bei der Post im Immobilien-Management tätig.

Der Vorstand hat dann zehn Jahre lang mit den Mietern gestritten und vor Gericht recht bekommen. Aber ich habe immer gesagt: Eines Tages müssen wir an die Generalversammlung – und dann sind die Gerichte nicht mehr dabei.

zentralplus: Was ist dann passiert?

Koch: Erstmals wurde ein Projekt des Vorstands an einer Generalversammlung bachab geschickt. Der Vorstand hat das überhaupt nicht erwartet, entsprechend lang waren dessen Gesichter.

zentralplus: Was war das damals für eine ABL?

Koch: Das war alles relativ altertümlich, von der Einrichtung der Büros bis zur Haltung des Vorstandes. Die ABL war geprägt von alten Leuten, die andere Meinungen nicht gewohnt waren. Man hat beschlossen und es so gemacht. Aber die Genossenschafter sahen sich immer mehr als Eigentümer, was ja richtig ist.

zentralplus: Hat dieses Erlebnis etwas verändert?

Koch: Es war entscheidend! Man hat eine Denkpause eingelegt, das Projekt neu aufgegleist und die ABL umorganisiert. Das Operative wurde vom Strategischen getrennt, man hat eine unabhängige Geschäftsleitung eingesetzt und den Vorstand von 17 auf 7 Leute reduziert. Seither ist die Kommunikation bei der ABL etwas vom Wichtigsten.

Martin Buob (links) übernimmt den ABL-Chefposten von Bruno Koch – dieser macht es sich etwas bequemer.
Martin Buob (links) übernimmt den ABL-Chefposten von Bruno Koch – dieser macht es sich etwas bequemer. (Bild: jwy)

zentralplus: Es muss toll sein, mit einem Grossprojekt wie dem Himmelrich 3 aufhören zu können.

Koch: Nein, überhaupt nicht, ich würde es gerne fertigmachen (lacht). Immobilien sind immer eine sehr langfristige Geschichte. Wenn man mit der Stadt zu tun hat, geht es elend lang, bis man überhaupt mal mit der Planung anfangen kann. Diese Geduld musste ich lernen. Wenn es aber mal marschiert, dann marschiert es. Bei solchen Projekten wird einem zudem bewusst: Man hat selber ein Ablaufdatum, aber die Projekte gehen weiter.

zentralplus: An der Claridenstrasse steht noch die letzte Häuserzeile der alten Himmelrich-Überbauung, Ende 2019 wird auch diese abgerissen. Die Frage drängt sich auf: Gibt es ein «Zwischenrich 2.0»? Also nochmals eine Zwischennutzung vor dem Abbruch?

Koch: So etwas kann man nicht kopieren. Aber es wird sicher wieder etwas geben. Bis der letzte Mieter an der Claridenstrasse draussen ist und das Haus leersteht, dauert es ein paar Wochen. Das gibt Freiräume, die man bespielen kann – in welcher Form auch immer. Der Abriss wird im November oder Dezember 2019 beginnen, da bleibt etwas Zeit.

zentralplus: Keine Kopie, aber eine Zwischennutzung vor dem Abbruch wird es wieder geben?

Buob: Ja, das ist unsere Absicht, das Zwischenrich war so erfolgreich. Man darf es nicht kopieren, aber wir wollen die Geschichte fortsetzen. Die ganze Umgebung ist aber sicher eine Spur schwieriger: Einerseits wegen der Bahnlinie und die drei vordersten Häuser der Zeile gehören nicht zur ABL. Das werden wir noch diskutieren müssen.

Koch: Sie sehen, Martin Buob ist schon voll drin.

So sah die Siedlung früher aus …  (Bild: zvg/Jörg Huwyler)
So sah die Siedlung Himmelrich früher aus …  (Bild: zvg/Jörg Huwyler)

… und dieses Dreieck ist stattdessen geplant. Links verläuft die Bundesstrasse, rechts neben dem Neubau das Bleichergärtli.  (Bild: zvg/Stefano Schröter)
… und dieses Dreieck ist stattdessen geplant. Links verläuft die Bundesstrasse, rechts neben dem Neubau das Bleichergärtli.  (Bild: zvg/Stefano Schröter)

zentralplus: Man redet heute noch von Zwischenrich. Für Sie, Martin Buob, wäre es die beste Gelegenheit, ganz schnell sehr beliebt zu werden.

Buob: (lacht) Es muss für die ABL stimmen, es geht nicht um mich.

Koch: Das höre ich auch immer – mein Lebenswerk! Das stimmt doch nicht, erstens geht alles immer weiter, zweitens tönt es zwar blöd, aber es war mein Job. Es hat Spass gemacht und war befriedigend, aber es war nicht mein Lebenswerk.

«Man kann täglich beobachten, wie das Himmelrich in die Höhe wächst.»

Martin Buob

zentralplus: Wieso hat die Kunst einen hohen Stellenwert bei der ABL? Es gab die Zwischennutzung, aber auch die Begleitung des Bauprojekts ist quasi eine Grossinstallation (zentralplus berichtete).

Koch: Bei jedem Projekt ist ein Prozent der Kosten für Kunst am Bau reserviert, das kann alles Mögliche sein. Hier im Innenhof steht ein Glashaus als Gemeinschaftsraum, es kann eine Skulptur sein oder eben das Kunstprojekt beim Himmelrich 3.

zentralplus: Dient es auch zur Imagepflege?

Koch: Genossenschaften hatten früher weiss Gott kein gutes Image; alte Leute und billige Wohnungen. Das mussten wir korrigieren, wir wollten jünger daherkommen und Wohnungsbau für die breite Bevölkerung betreiben. Kommunizieren ist dabei das A und O. Es ist auch schade, dass das Wort sozial heute einen schlechten Ruf hat. Man redet nicht mehr von Sozialwohnungen, sondern von gemeinnützigem oder vermehrt fairem Wohnraum.

zentralplus: Sie waren bis jetzt in Verzug mit Himmelrich 3, haben Sie schon aufgeholt?

Koch: Es sind ein paar Monate. Aber es ist zeitlich gut gerechnet, ich bin überzeugt, dass wir ab Sommer 2019 vermieten können.

Buob: Angesichts der Grösse ist das absolut vertretbar. Die Zeit der grössten Unsicherheit mit dem schwierigen Baugrund ist jetzt vorbei. Jetzt kann man täglich beobachten, wie es in die Höhe wächst.

Adieu Himmelrich: Die Überbauung nach der Zwischennutzung und kurz vor dem Abbruch.
Zur Erinnerung: Die Überbauung Himmelrich nach der Zwischennutzung und kurz vor dem Abbruch.

zentralplus: Kommen wir zur Politik: Die Stadt muss laut einem Volksentscheid ihren Anteil an gemeinnützigen Wohnungen frappant steigern: Bis 2037 von 13 auf 16 Prozent. Gelingt das?

Koch: Ich sage Nein. Wenn man sieht, wie viele Wohnungen insgesamt gebaut werden in der Stadt, wäre es schön, der Anteil an gemeinnützigen würde um ein Prozent zunehmen.

Buob: Ich bin auch skeptisch. Die Zahl der gemeinnützigen Wohnungen nimmt zwar zu, aber die anderen bleiben nicht stehen. So wird es schwierig, den Anteil zu erhöhen.

«Es gibt extrem viele Auflagen und Vorschriften, das begreife ich einfach nicht.»

Bruno Koch

zentralplus: Aber das Volk stellte sich mehrmals hinter den gemeinnützigen Wohnungsbau und auch im Parlament ist die Stimmung ähnlich. Was muss noch passieren?

Koch: Die Stossrichtung ist klar. Aber das Parlament «chnüblet» rum, niemand sagt: Jetzt müssen wir! Es gibt extrem viele Auflagen und Vorschriften oder man redet von zu dichtem Bauen, etwa in der Bernstrasse. Sorry, das begreife ich einfach nicht. Wir wollen 20 bis 30 Wohnungen mehr bauen, werden aber abgeblockt. Es ist doch unsere Sache, wir müssen diese dann vermieten können.

zentralplus: Wer müsste aufs Tempo drücken? Die Baudirektion?

Buob: Ich würde es nicht auf einzelne Menschen reduzieren, der ganze Stadtrat und das Parlament müssten dahinterstehen. Doch bei der ersten guten Idee fangen die Grabenkämpfe an.

zentralplus: Ist man als grösste Luzerner Genossenschaft auch politischer Akteur?

Koch: Lobbyist sicher, aber ich habe immer versucht, mich aus der Politik rauszuhalten, und war nie in einer Partei.

Buob: Das werde ich gleich handhaben.

zentralplus: Mit dem Zusammenschluss G-Net betreiben die Genossenschaften seit 2013 Lobbyarbeit. Hat man etwas erreicht?

Koch: (wie aus der Kanone geschossen) Ja sicher! Die Stadt nimmt uns wahr, wir treffen uns regelmässig mit der Baudirektion und dem Gesamtstadtrat. Und die Genossenschaften treffen sich untereinander, früher hatte man nicht einmal miteinander gesprochen.

zentralplus: Die Thematik scheint in der Bevölkerung angekommen zu sein.

Buob:  Ja, aber viele interpretieren gemeinnützig leider immer noch falsch und setzen es mit billig und Sozialfällen gleich. Bei der ABL sind die Genossenschafter und Mieter Leute wie Sie und ich, die gerne in guten und nachhaltigen Wohnungen leben.

zentralplus: Sie kommen aber auch in die Kritik, wenn Sie nur noch hochwertige Wohnungen bauen.

Koch: Man redet immer von Nachhaltigkeit und die kostet halt auch etwas. Aber wenn wir etwas Billiges hinstellen und in 20 Jahren wieder alle Küchen ersetzen müssen und Fensterläden runterfallen, dann bringt das nichts.

In der Tribschenstadt kostet eine durchschnittliche 4,5-Zimmer-Wohnung 1’850 Franken. Als wir vor dort vor 12 Jahren zu bauen begannen, sagten viele Leute, dass wir das nie vermieten könnten. Doch heute ist das wenig für diese Lage und diesen Komfort.

«Wir müssen noch moderner und nachhaltiger werden.»

Martin Buob

zentralplus: Auch in der Industriestrasse kommt eine heisse Phase, im Sommer startet der Architekturwettbewerb. Ist man auf gutem Weg?

Koch: Ja, es ist jetzt Sache der Kooperation, jede der fünf beteiligten Genossenschaften ist in der Verwaltung mit einer Person vertreten. Man muss das miteinander machen, es kann nicht einer kommen wie die ABL und die Macht oder das Wissen ausspielen. Es wird eine komplexe Geschichte geben mit all den Anforderungen an das Areal, mit Ökologie, mit Kultur, aber wir werden das packen.

zentralplus: Wo sehen Sie die Herausforderungen für die ABL, Martin Buob?

Buob: Ich könnte einfach das Werk von Bruno Koch weiterführen, aber ich bin keine Kopie von ihm. Eine Herausforderung ist, all die Projekte, die in unterschiedlichen Phasen stecken, erfolgreich zum Fliegen zu bringen. Ob Himmelrich 3, Obermaihof oder die Bernstrasse.

Aber auch in Sachen Digitalisierung müssen wir einiges anpacken. Wir müssen mit der Zeit gehen und moderner und nachhaltiger werden, sonst haben wir irgendeinmal zu hohe Verwaltungskosten. Diese Herausforderung betrifft alle, nicht nur jene, die den ganzen Tag im Büro sitzen, sondern auch Handwerker.

zentralplus: Stehenbleiben ist nicht erlaubt.

Buob: Absolut. Es geht auch um Fragen auf der weichen Ebene, nicht nur um das Bauen: Wie gestalten wir Quartiere? Was können wir für einen Beitrag leisten? Da wären wir schon wieder in der vollen Breite des Aufgabenspektrums. Heute wissen wir, wie es ist, morgen können wir abschätzen, aber wir müssen an übermorgen denken.

Koch: Das fand ich immer spannend an meinem Job. Und oft bin ich aufgelaufen, wenn ich mit solchen Sachen gekommen bin. «Goht’s no?», hiess es. (lacht)

ABL: 11’000 Genossenschafter – Tendenz steigend

Die Allgemeine Baugenossenschaft Luzern (ABL) wurde 1924 in Luzern gegründet und ist heute die grösste gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft der Zentralschweiz. Sie setzt sich für eine Wohnraumpolitik ohne Spekulation ein. In insgesamt 14 Siedlungen bietet die ABL 2’100 Wohnungen für Familien, Seniorinnen und Senioren, Singles und Wohngemeinschaften.

Insgesamt 4’500 Menschen leben und wohnen bei der ABL, 11’000 sind Genossenschafter – Tendenz steigend. Bei Bruno Kochs Antritt waren es noch halb so viele. Die ABL ist Teil von G-Net, des Netzwerks gemeinnütziger Wohnbauträger Luzern, die sich für die Umsetzung der im Juni 2012 angenommenen Initiative «Für zahlbaren Wohnraum» einsetzt.

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