Die Geranie, Sinnbild des Schweizer Bünzlitums, freut sich überhaupt nicht über die Kälte. Nein, eigentlich sollte sie noch gar nicht draussen stehen. (Bild: fotolia.de)
Gesellschaft Wetter

Die Geranie, Sinnbild des Schweizer Bünzlitums, freut sich überhaupt nicht über die Kälte. Nein, eigentlich sollte sie noch gar nicht draussen stehen. (Bild: fotolia.de)

Minustemperaturen? Tod der Geranie! Nicht aber den Wildbienchen

6min Lesezeit

Derzeit empört sich die ganze Schweiz über das ungewohnt kalte Wetter. Viel schlimmer als für uns sind die Minustemperaturen für einige Blumen. Und im schlimmsten Fall hat die Kälte auch Auswirkungen auf die Beerenauswahl in der Migros. Wir haben Betroffene in der Region befragt.

Nase vor die Tür, brrrr. Zurück in die Wohnung, zum Kleiderschrank, wohin Mütze und Handschuhe schon längst – in einem etwas zu euphorischen Anflug von Sommerstimmung – verbannt worden sind. Mütze auf, Handschuhe an, und statt mit dem Velo geht’s zu Fuss an den Bahnhof. Könnte ja eisig sein. Es ist Mitte April. Und die ganze Schweiz ist entsetzt.

Der plötzliche Wintereinfall stresst uns aktuell noch viel mehr, als wenn es November wäre. Denn der Kopf ist bereits in den Sommerferien. Das Bikini wurde bereits gekauft und ja, auch Geranien und Basilikum stehen bereits schlotternd auf dem Balkon. Sie konnten einfach nicht widerstehen, als Sie das letzte Mal den pflanzengesäumten Migros-Eingang betraten. Hätten Sie einen grünen Daumen, wüssten Sie es besser.

Die Gärtnerin hebt mahnend den Zeigefinger

Denn Sommerflor – und dazu gehört die Geranie – gehört noch nicht auf den Balkon. Wie man uns bei der Gärtnerei Hermann in Baar erklärt, «kauft man Geranien erst ab Mai». Und die befragte Gärtnerin ergänzt mit leicht tadelndem Unterton: «Wenn die Leute im Fachhandel einkaufen würden, wo sie die richtige Beratung bekämen, wüssten sie das. Aber daran fehlt es meistens. Die Leute gehen in die Migros, wo alles bereits draussen steht.»

«Uns tut das Pflänzchen leid.»

Mitarbeiterin der Gärtnerei Hermann

Und die Migros, die sei auch nicht darauf bedacht, dass die Pflanzen beim Käufer lange halten. Ganz im Gegensatz zu den Gärtnern des Familienbetriebs in Deinikon: «Wir beginnen mit den Samen, die wir pflanzen, und ziehen daraus Blumen und Gemüse. Uns ist es nicht egal, wenn eine Pflanze beim Kunden bereits nach einer Woche kaputt geht. Uns tut das Pflänzchen leid.»

Bitte warm einpacken

Wie lautet also das Verdikt für die Geranie, die bereits zähneklappernd im Biswind steht? «Käufer sollten die Pflanze während dieser kalten Phase mit einem Vlies abdecken. Allenfalls kann man sie während der Nächte in der Wohnung unterbringen. Aber nicht zu lange. Das tut der Pflanze nicht gut.» Also ist für voreilige Geranienfreunde noch nichts verloren. Und wie steht’s um den Basilikum? Hier ist das Urteil der Fachmenschen ein hartes: «Der ist tot.» Überhaupt sei der Basilikum eine Pflanze, die nicht draussen, sondern in der Küche gehalten werden sollte. «Den sollte man sofort brauchen.»

Um Oleander, Palme und Olivenbaum müsse man hingegen weniger bangen. «Die sind ziemlich frostsicher. Doch selbst hier komme es auf verschiedene Faktoren an. «Wurde der Olivenbaum etwa im dunklen Keller überwintert? Dann ist die Pflanze noch schwach und hat doppelten Stress, da sie sich einerseits wieder an die Sonne und zudem an die Kälte gewöhnen muss», heisst es seitens der Gärtnerei.

Das urbane Gärtnern ist schon seit geraumer Zeit ganz hip. Die aktuelle Kirsche auf dem grünen Trend bildet aktuell das Halten von Wildbienen. Immer mehr Menschen haben entweder Bienenhotels oder gar Wildbienenhäuser inklusive Population auf dem Balkon oder im Garten installiert.

Die Wildbiene ist ganz schön zäh

Derzeit ist es in den Nächten eisig kalt und am Tage auch nicht besser. Müssen wir um unsere kleinen geflügelten Freunde bangen? Claudio Sedivy, Geschäftsleiter von Wildbiene + Partner, gibt Entwarnung: «Mauerbienen sind von Anfang März bis Ende Juni aktiv. Vor allem zu Beginn dieser Aktivitätszeit im März und April ist es ganz normal, dass frostige Nächte und verschneite Tage vorkommen können. Die Mauerbienen sind bestens darauf vorbereitet und können mehrere Kältetage und frostige Nächte schlafend in ihren Niströhren ausharren. Dabei können ihnen auch Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt nichts anhaben.»

«Bereits in der Nacht auf Donnerstag sind einige Pflanzen zugrunde gegangen.»

Edgar Boog, Beerenbauer aus Hünenberg

Die Sorge um das Kleinstvieh ist also unbegründet. Viel grösser müsste hingegen die Sorge darüber sein, dieses Jahr womöglich weniger hiesige Erdbeeren essen zu können. Der Hünenberger Gemüsebauer Edgar Boog jedenfalls findet derzeit kaum ruhigen Schlaf.

Die Natur ist zu früh dran

Das Hauptproblem? «Mit Frost muss man als Bauer zwar im April rechnen. Weil es jedoch im März eine lange warme Phase gab, sind die Kulturen zwei Wochen früher dran. Und deshalb trifft die Kälte die Beeren nun sehr stark.» Vor allem die Erdbeeren seien betroffen, wie Boog, der sich neben Gemüse vor allem auf Beeren spezialisiert hat, etwas missmutig erklärt. «Wir versuchen zwar, die Erdbeeren mit Vlies abzudecken und dadurch vor dem Frost zu schützen, doch bereits in der Nacht auf Donnerstag sind einige Blüten erfroren», sagt er bedauernd.

Die Blüten der höher stehende Pflanzen wie etwa Heidelbeeren versuche man mit der sogenannten Frostwässerung zu schützen. Boog präzisiert: «Das Wasser produziert eine Eisschicht auf den Pflanzen. Diese setzt eine Energie frei, welche die Blüte vor Frost schützt. Das klingt zwar paradox, ist jedoch eine alte Technik, die auf der ganzen Welt angewandt wird.»

Bald soll’s wieder wärmer werden

Ob ihm das nahegeht? «Ja sicher, es steht ein Jahr Arbeit dahinter und würde daher eine starke finanzielle Einbusse bedeuten. Wir stehen heute, da sich Bauern immer mehr spezialisieren, unter einem wahnsinnigen Preisdruck. Wir können es uns nicht leisten, dass die ganze Beerenernte kaputt geht.»

Die Nacht auf Samstag müssen die Beeren mindestens noch in der Kälte ausharren, dann sollten die Temperaturen wieder etwas wärmer werden. Gut für die kalten Ohren, gut für die Wildbiene, die wieder hervorkrabbelt und sich der Blumenbestäubung widmen kann, und besonders gut für Boogs Erdbeeren.

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