Schuhmacher Sergi wird im Sommer pensioniert. Sein jüngster Sohn übernimmt dann das Geschäft. (Bild: wia)
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Schuhmacher Sergi wird im Sommer pensioniert. Sein jüngster Sohn übernimmt dann das Geschäft. (Bild: wia)

Der Meister Eder der Zeughausgasse

6min Lesezeit

Giovanni Sergi ist in einer aussterbenden Branche tätig. Seit 27 Jahren ist er unabhängiger Schuhmacher in der Zuger Altstadt. Und auch wenn sein Kundenkreis aufgrund der Beliebtheit von Billigschuhen kleiner wurde, hält er sich tapfer über Wasser.

Was machen Sie eigentlich mit Schuhen, deren Sohle abgewetzt ist? Oder schaffen es die Galoschen gar nicht so weit? Landen sie vorher im Brocki oder gar im Abfall? Ja, wenn das alle machen würden! Dann gäbe es das Geschäft von Giovanni Sergi nicht mehr.

Eine Werkstatt, klein wie ein begehbarer Kleiderschrank

Der gebürtige Italiener führt seit 27 Jahren eine Schuhmacherwerkstatt an der Zeughausgasse. Er ist einer der wenigen unabhängigen Schuhmacher in Zug. Wir wollen mehr wissen und betreten sein Geschäft. Zack, werden wir in die Vergangenheit zurückversetzt. Unweigerlich kommt einem hier Meister Eder in den Sinn. Auch, wenn kein Pumuckl auszumachen ist.

In der Werkstatt, die so gross ist wie ein begehbarer Kleiderschrank, stehen wundersame, schwere Maschinen. Auch eine imposante 130-jährige Nähmaschine steht im Fenster. Sie laufe ohne Strom, sei aber noch voll funktionstüchtig, versichert Sergi. Im Gestell dahinter stapeln sich die Sohlen, rechts der Theke stehen Schuhe die, frisch repariert und blitzblank geputzt, auf die passenden Füsse warten. Und hier und da hängt ein Bild. Eine vergilbte Fussballmannschaft. Ein Porträt des Schuhmachers selbst in der Werkstatt, im blauen Kittel und mit stolzem Gesicht.

Den blauen Arbeitskittel trägt Herr Sergi auch jetzt. Und sieht dabei aus, als würde er sich nirgends so wohl fühlen wie hinter dieser Theke. Als würde er, der Schuster, sehr gerne bei seinen Leisten bleiben. Auch wenn der Beruf des Schuhmachers eigentlich nur sein Plan B war, vor vielen Jahren.

Wegen Rückenproblemen zum Schuhmacherberuf

«Ich bin vor 47 Jahren als Gastarbeiter in die Schweiz gekommen», erklärt er, «doch dann bekam ich Rückenprobleme und musste mich beruflich umorientieren. Ich besuchte einen Abendkurs und eröffnete dann diese Schuhmacherei.» Schon werden wir unterbrochen.

Eine junge Frau kommt herein, bringt ihre Stiefel zur Reparatur. «Eine Stunde», sagt Sergi, und die Kundin verspricht, am Mittag wieder zu kommen. Ein klarer Fall von Stammkundschaft. Sergi nickt und erklärt, dass die Stammkunden den Hauptteil ausmachen: «Ich habe sogar ausserkantonale Kunden.» Wie läuft das Geschäft für den Schuhmacher eigentlich, in einer Zeit, in der Dosenbach Winterstiefel für 25 Franken verkauft und auch H&M Billigtreter feilgeboten?

Ein Wandel, den die ganze Branche spürt

«Bis vor einigen Jahren lief’s ganz gut. Dann kamen die Billigschuhe», bestätigt Sergi unsere Vermutung. «Aber das merke nicht nur ich, das merkt die ganze Branche.» Doch so schlecht scheint das Geschäft bei ihm jedenfalls nicht zu laufen. Erneut betritt ein Kunde den Laden. Ein Herr mittleren Alters, der seine Halbschuhe abholt. Und gleich danach kommt ein älterer Herr herein und bringt Schuhe mit, die ihren Zenit bereits deutlich überschritten haben. Von der Sohle fehlen ganze Gummistücke, der hintere Teil ist völlig abgelaufen. Ohne zu murren nimmt Sergi die Schuhe entgegen, schmunzelt, stellt fest: «Sie sind weit gelaufen», und erklärt, dass der Kunde die Schuhe um 11 Uhr wieder holen könne. In eineinhalb Stunden bereits.

«Solange der Schuh eine gute Qualität aufweist, lohnt sich eine Reparatur.»

Als der Kunde weg ist, sagt Sergi: «Eigentlich hätte er früher kommen müssen. Aber solange der Schuh eine gute Qualität aufweist, lohnt es sich.» Und dieser hier sei noch immer gut, sagt der Italiener, und deutet auf den soliden Lederhalbschuh. Es ist nicht das erste Mal, dass Sergi diese Sohle ersetzt.

Selbst Knöpfe näht er –zähneknirschend – an

Überhaupt mache er alles. Das verrät auch die alte Preistafel, die zwischen Hufeisen und Kalender an der Wand hängt. Da werden die üblichen Schuharbeiten angepriesen: Profilabsätze, Sohlen, Fersenfutter, Absätze – je nach Grösse 21.50 bis 27.50 Franken. Und darunter: Näharbeiten ab acht Franken, Messer und Scheren schleifen, ebenfalls ab acht Franken. «Und so weiter» gibt's auf Anfrage.

Schuhsohlen erneuern, Messer schleifen und Knöpfe annähen. Die Arbeiten eines Schuhmachers sind abwechslungsreich.
Schuhsohlen erneuern, Messer schleifen und Knöpfe annähen. Die Arbeiten eines Schuhmachers sind abwechslungsreich. (Bild: wia)

«Letzte Woche ist jemand hereingekommen und wollte, dass ich ihr den Knopf an der Jacke wieder annähe. Ich hab’s zwar gemacht. Aber das macht mich schon etwas wütend. So etwas muss man doch selber können!», findet Sergi.

«Der Schweizer Pass ist teuer. Ausserdem bin ich im Herzen viel zu sehr Italiener.»

Eingebürgert ist der Schuhmacher nicht. «Der Schweizer Pass ist teuer. Ausserdem bin ich im Herzen viel zu sehr Italiener.» Dennoch habe er sich damals, 1977 bewusst dazu entschieden, in der Schweiz zu bleiben. «Die wirtschaftlichen Aussichten in Italien waren nicht besonders gut», so Sergi. Noch heute reist er jedes Jahr in seine Heimat nach Lecce in die Ferien.

Die nächste Generation übernimmt schon bald

Stolz erzählt er, dass sein jüngster Sohn gerade in Mailand und in Florenz sei und eine Ausbildung als Schuhdesigner mache. «Er lernt dort auch, Massanfertigungen zu machen. Das ist alles Handarbeit! Im Sommer kommt er zurück und übernimmt meinen Laden», sagt Sergi, der dann in Pension geht.

Auch, wenn noch gar nicht klar ist, was künftig mit dem Haus passiert, in dem sich die Werkstatt befindet. Dieses hat die Stadt von der Korporation gemietet, um darin sieben Notzimmer unterzubringen. Geplant ist, dass die Eigentümerin Korporation Zug, das Haus, in dem neben der Werkstatt auch sieben Notzimmer untergebracht sind, wohl im Jahr 2020 saniert (zentralplus berichtete).

Er scheint stolz zu sein auf seine Kinder. Zwei der drei Söhne treten wortwörtlich in die Fusstapfen des Vaters. «Der andere führt das Orthopädiegeschäft Sergi in Baar.» Und der dritte? «Ist Treuhänder. Aber wer weiss, vielleicht wird auch aus ihm noch ein Schuhmacher», sagt Sergi und schmunzelt vor sich hin.

 

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