Erster Gast in den neuen Räumlichkeiten von zentralplus: Jolanda Spiess-Hegglin. (Bild: Loredana Bevilacqua)
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Erster Gast in den neuen Räumlichkeiten von zentralplus: Jolanda Spiess-Hegglin. (Bild: Loredana Bevilacqua)

Jolanda Spiess-Hegglin: «Wir haben unser Leben zurück»

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Nun muss sich «Weltwoche»-Vize-Chefredaktor Philipp Gut vor Gericht wegen der Berichterstattung über den Zuger Skandal verantworten. Jolanda Spiess-Hegglin hat ihn angezeigt, um ihre Ehre und ihren Ruf wiederherzustellen. Sie hat eine harte Zeit hinter sich – und eine neue Aufgabe gefunden.

Wolfgang Holz

Vor mehr als zwei Jahren erschütterten die Vorfälle zwischen der damaligen Zuger Grünen-Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin und Markus Hürlimann von der SVP bei der Landammannfeier die Öffentlichkeit. Damals soll es zwischen ihr und dem Kantonalpräsidenten der Zuger SVP zu einem sexuellen Kontakt gekommen sein, bei dem auch K.o.-Tropfen im Spiel gewesen sein sollen. Der Fall zog weite Kreise, ist noch nicht erledigt. In den Medien war der Skandal über Monate hinweg ein heisses Thema. Auch die «Weltwoche» mischte eifrig mit bei den immer spektakulären Enthüllungen. Enthüllungen, von denen einige nun vor Gericht gelandet sind, weil sich die Betroffenen rehabilitieren wollen. Wir haben in der Redaktion mit Jolanda Spiess-Hegglin gesprochen.

zentralplus: Frau Spiess-Hegglin, warum haben Sie den «Weltwoche»-Vize-Chefredaktor eingeklagt?

Jolanda Spiess-Hegglin: Die Anzeige datiert schon vom Herbst 2015. Ich möchte einfach, dass meine Ehre und mein Ruf wiederhergestellt werden, die durch Lügen stigmatisiert worden sind. Meine Absicht ist, dass ein weiterer Schreibtischtäter zur Verantwortung gezogen wird.

zentralplus: Wie geht es Ihnen denn persönlich, rund zweieinhalb Jahre nach dem Vorfall bei der Landammannfeier, der sich zu einem veritablen Skandal ausgeweitet hat, wie ihn Zug noch nie erlebt hat?

Spiess-Hegglin: Es geht mir jetzt wieder gut. Ich bin froh, dass ich die Medienkampagne endlich hinter mir habe, dass die zweijährige Hexenjagd vorbei ist. Die hässliche Fratze des Sexismus, wie ich sie mir nicht im Traum vorgestellt hätte. Ich bin aber noch immer mit der Aufarbeitung mit einer Traumatherapeutin beschäftigt. Ich bringe wohl nicht alles wieder weg.

zentralplus: Verfolgen Sie denn jene Ereignisse vom 20. Dezember 2014 im «Schiff» noch häufig?

Spiess-Hegglin: Die Ereignisse begleiten mich stündlich im Alltag. Manchmal durch Erinnerungsfetzen, nicht zuletzt aber auch infolge der Aufarbeitung von Strafanzeigen, von denen ja noch einige laufen und einige noch bevorstehen. Ich habe grosse Mühe, mich längere Zeit am Stück auf etwas zu konzentrieren aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung. Andererseits hilft mir meine neue Tätigkeit bei «Netzcourage», die Sache weiter zu verarbeiten.

Selbstbewusst, mit neuer Aufgabe: Jolanda Spiess-Hegglin.
Selbstbewusst, mit neuer Aufgabe: Jolanda Spiess-Hegglin. (Bild: Loredana Bevilacqua)

zentralplus: Was machen Sie denn genau bei «Netzcourage»?

Spiess-Hegglin: Das Portal netzcourage kümmert sich um Fälle von Personen, die im Internet durch Shitstorms und Hasstweets traumatisiert und gemobbt wurden. Wir betreuen seit letzten Oktober solche Fälle, inzwischen sind es schon gut 100 in der ganzen Schweiz, und wir bieten Hilfe an. Diese neue Aufgabe ist so eine Art Therapie für mich. Wichtig ist, dass wir dabei politisch völlig neutral sind. Gerade heute Morgen sicherte ich für einen Jungpolitiker der SVP strafrechtlich relevante Äusserungen und mache für ihn die Anzeige. Unterm Strich ist es ein total beklemmendes Gefühl, in solchen Konfliktsituationen ganz allein zu sein. Ich möchte nicht, dass andere Personen Ähnliches durchmachen wie ich damals.

«Ich werde täglich im Internet beschimpft.»

zentralplus: Wie ist es Ihnen denn in den vergangenen zwei Jahren in der Öffentlichkeit ergangen? Sind Sie oft angefeindet worden?

Spiess-Hegglin: Ich werde täglich im Internet beschimpft. Im Netz bestehen offensichtlich keine Hemmschwellen mehr. In der Zuger Öffentlichkeit dagegen hat man mich auf der Strasse eigentlich in Ruhe gelassen. Nur einmal, kurioserweise im Skiurlaub im Wallis, hat  mich ein älterer Zuger öffentlich angefeindet. Ich habe mir in der Öffentlichkeit so eine Art gläsernen Blick zugelegt. Das heisst, ich kann durch die Leute hindurchschauen und sie ganz gut einfach ignorieren.

zentralplus: Wie hat Ihre Familie denn die ganze Sache durchgestanden?

Spiess-Hegglin: Dass mein Mann stets eisern zu mir gehalten hat, ist nicht selbstverständlich. Ich kann mir vorstellen, dass manch einer es wohl nicht ausgehalten hätte, wenn die eigene Frau von unbekannten Männern als Schlampe beschimpft wird. Er sah damals, in welcher Verfassung ich war, als ich in jener Nacht nach Hause kam. Darum haben wir gemeinsam entschieden, trotz massivem Druck von Medien und Politik nicht zu schweigen. 

zentralplus: Und wie ist es Ihren Kindern ergangen?

Spiess-Hegglin: Was unsere drei Kinder angeht, wurden sie in der Schule sehr gut betreut, dafür muss ich mich bei den Lehrpersonen wirklich bedanken. Überhaupt werden wir im Quartier getragen, was für uns enorm wichtig ist. Und ja, es ist nun halt so, dass gerade unser ältester Sohn genau weiss, dass er die Gratiszeitungen im Bus nicht zu lesen braucht, auch wenn Mami mit Bild vorne drauf ist. Dies findet er, glaube ich, sogar recht cool.

zentralplus: Apropos Medien. Sie sind in den vergangenen zwei Jahren aufgrund der Landammannfeier zum Medienstar in Anführungszeichen geworden. Haben Sie diese Rolle nicht auch gerne gespielt, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen?

«Unser ältester Sohn weiss genau, dass er die Gratiszeitungen im Bus nicht zu lesen braucht, auch wenn Mami mit Bild vorne drauf ist.»

Spiess-Hegglin: Was würden Sie machen, wenn die Boulevard- und Lokalpresse stets wieder neue Gerüchte zu Tatsachen macht, ständig anonyme Quellen zitiert, ja sogar Zitate erfindet? Es war mir ein Bedürfnis, dies jeweils zu korrigieren. Was mir zu oft wiederum im Mund umgedreht wurde und als Folgegeschichte verkauft wurde. Ich wurde durch eine Indiskretion in die Medienarena gezerrt, mit einer hochintimen Geschichte. Dies wünscht sich niemand, und es hätte niemals passieren dürfen. Es war im Übrigen auch kein Sex-Skandal, weil das Geschehene schlicht nichts damit zu tun hat. Es war und ist ein Polit-, Justiz- und vor allem ein Medienskandal. Ich war darum schon des Öfteren Gast in Medienethik-Kursen an Hochschulen und Universitäten, wo wir meinen «Fall» aufarbeiten.

zentralplus: Wollen Sie denn irgendwann wieder zurück in die Zuger Politik?

Spiess-Hegglin: Nie und nimmer. Das Geschäft hier in Zug ist mir echt zu verlogen. Geholfen wird einem nur dann, wenn man selbst davon profitieren kann. Auch innerhalb der Grünen Partei, übrigens. Sexismus und Hass bekämpfe ich effizienter als Netzaktivistin.

zentralplus: Haben Sie sich während der vergangenen zwei Jahre irgendwann einmal gewünscht, Sie könnten das Rad der Zeit vor den 20. Dezember 2014 zurückdrehen?

Spiess-Hegglin: Selbstverständlich. Aber ich habe jetzt zwei Jahre durchgestanden und bin froh, dass ich nun nur noch machen kann, was ich will. Netzpolitik, das ist meine Art von Politik. Da bin ich direkter an den Menschen dran und kann ihnen viel besser helfen. Ich kann auch wieder mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, anstatt mich für die Interessen einer Partei einspannen zu lassen. Jetzt, nach über zwei Jahren, haben wir unser Leben zurück.

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