Bei mir war Treffen Glückssache. Bei anderen definitiv nicht. (Bild: lih)
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Bei mir war Treffen Glückssache. Bei anderen definitiv nicht. (Bild: lih)

Bierpong ist gut für die Seele

9min Lesezeit

Fitnesscenter bringen definierte Muskeln, Yogurt zum Frühstück hilft dem Darm und Bierpong ist gut für die Seele: zentralplus machte beim Bierpong-Turnier in der Industrie 45 in Zug mit. Und fand endlich eine Sportart, bei der zwar nicht jeder gewinnt – ein Erfolgsgefühl aber allen sicher ist.

Es gibt wenige Momente im Leben, in welchen man auf einen guten Kumpel wirklich angewiesen ist. Meiner Meinung nach ist es Kumpel-Pflicht, mindestens drei Stationen im Leben seines Mit-Kumpels abzuhaken: langweilige Schulpartys («Komm, wir befreien die armen Fische im Bio-Zimmer»), Hochzeit (weil schliesslich irgendjemand die «weißt du noch, als du Fische im Dorfbrunnen ausgesetzt hast»-Geschichten erzählen muss), und ganz wichtig: Bierpong-Turniere.

Tja, mein Kumpel hat versagt. Er hat mich feige im Stich gelassen. Doch davon liess ich mich nicht beeindrucken. Mein erstes offizielles Bierpong-Turnier in der Industrie 45 in Zug bestritt ich ganz alleine. Es war hart. Ich habe gekämpft. Und leider auf der ganzen Linie verloren. Zum Glück stört das nach dem ersten Liter Bier nicht mehr allzu sehr.

«Na, wo ist denn dein Kumpel?»

Vor der Industrie 45 in Zug tummelt sich eine Meute, die nur schwer einzuordnen ist. Bei Fussballmatches, Schlagerkonzerten oder Vereinsjubiläen ist es meist einfach, einen gewissen Stereotyp aus der Masse herauszulesen. Bier zieht eben nicht nur Fliegen an, sondern auch Ameisen, Wespen, Bienen und eben jene bunte Bierliebhaber-Meute vor der Industrie. Ich drängle mich durch die wartenden Bierpong-Teams zur Anmeldung.

Noah Bellwald hat das Turnier organisiert und drückt mir Bier-Gutscheine und einen Spielplan in die Hand. Dazu noch sechs rote Becher, die mich an Teenie-Filme aus den Nullerjahren erinnern. «Wo ist denn dein Kumpel?», fragt er stirnrunzelnd. «Hat mich im Stich gelassen, der Feigling.» – «Ach, nicht weiter schlimm, ich spiel' mal die erste Runde mit dir mit.»

Die Bierpong-Meute vor der Industrie 45. Die Sportler wärmen sich auf.
Die Bierpong-Meute vor der Industrie 45. Die Sportler wärmen sich auf. (Bild: lih)

Es heisst schliesslich Bier-Pong und nicht Saft-Pong

Noah Bellwald wird bei meinem Team mit Wasser statt Bier spielen. Aus rein pragmatischen Gründen. Ein angesäuselter Turnierleiter nützt schliesslich keinem was. Soll ich es ihm gleichtun? Schliesslich bin ich hier auf journalistischer Recherche. Ich bin unsicher und wende mich deshalb an einen erfahrenen Spieler. Draussen auf dem Vorplatz verwickle ich ihn in ein Gespräch über die Gewinnaussichten. «Heute sind schon ein paar richtig gute Teams hier.» Er macht grosse Augen und nimmt einen Schluck von seinem Bier.

«Die letztjährigen Gewinner waren sogar an der Europa-Meisterschaft und kamen dort ziemlich weit nach vorne.» – «Und da spielen sie auch mit Bier?» – «Also einen Trinkzwang gibt es natürlich nicht, auch hier nicht. Aber ich meine: Es heisst schliesslich Bier-Pong und nicht Saft-, Milch- oder Wasser-Pong.»

Tisch, Ball und ein halber Liter Kronenburger

Diese Logik gefällt mir. Was will man da auch gross dagegenhalten? An der Bar tausche ich meinen ersten Bier-Gutschein gegen einen halben Liter Kronenburger aus der Dose und gehe zu Tisch fünf. Um mich nicht von vornherein als komplett ahnungslos zu outen, versuche ich einfach, alles den anderen nachzumachen.

Noah Bellwald taucht hinter mir auf. «Weißt du, wie's geht?», fragt Noah. «Klar!», sag ich und halte ihm meine Hand für ein High-Five hin. Er durchschaut mich, klatscht ab und erklärt mir trotzdem, was ich wissen muss.

Bierpong ist simpel aufgebaut: An einem länglichen Tisch stehen sich zwei Teams gegenüber. Auf beiden Seiten des Tisches stehen zehn Becher im Dreieck angeordnet. Nun entscheidet ein Schere-Stein-Papier über den ersten Schuss. Der Gewinner versucht einen Ping-Pong-Ball in einen Becher des gegnerischen Teams zu werfen. Trifft er, stellt man den Becher auf die Seite und trinkt ihn aus. Wer zuerst keine Becher mehr hat, verliert.

Rund dreissig Teilnehmer spielten beim Bierpong-Turnier mit.
Rund dreissig Teilnehmer spielten beim Bierpong-Turnier mit. (Bild: lih)

Der Moment, als meine Bierpong-Jungfräulichkeit ans Licht kam

Den ersten Ball versenke ich mit meisterlicher Eleganz im schäumenden Bier meines geschätzten Gegners. Gut so, ich sehe mich, den krassen Aussenseiter, bereits als Turniersieger. Sechs Spiele später werde ich mit dem selben Selbstvertrauen den entscheidenden Ball in Richtung Becher schmeissen, doch um den Turniersieg geht es dann schon lange nicht mehr. Aber alles der Reihe nach.

Der erste Schuss war wohl Glück. Denn nun kommt meine Bierpong-Jungfräulichkeit gnadenlos ans Licht. Man sollte denken, Bierbecher, die geschlossen aneinander stehen, treffe man ohne Probleme. Die Ränder der Becher machen schliesslich einen Bruchteil der Gesamtfläche des Becherdreiecks aus. Die schiere Wahrscheinlichkeit sollte für Punkte sorgen, denk ich mir. Nur mein Ball schert sich einen Dreck um mathematische Abwägungen und prallt zuverlässig von den Rändern der roten Teenie-Party-Becher ab. Wenigstens rettet Noah Bellwald, was zu retten ist. Wir verlieren mit vier Bechern Unterschied – das Bier trink' ich zur Wiedergutmachung auf ex.

«Darauf ein Bier!»
Ich, nach dem zweiten Spiel

Auch das zweite Spiel verläuft nicht viel besser. Noah Bellwald organisiert mir zwar jedesmal auf wundersame Weise einen Mitspieler, doch für einen Sieg reicht es mir nicht. Nach dem zweiten Spiel werfe ich einen genaueren Blick auf meinen Spielplan. Er sieht sportlich aus: Sieben Spiele insgesamt, alle fünfzehn Minuten eines, mit Ausnahme einer halben Stunde Pause zwischen dem Fünften und Sechsten. Das wird ein harter Nachmittag. Darauf ein Bier.

Das dritte Spiel läuft anfangs nicht schlecht. Ich versenke die ersten vier Becher und auch mein Teamkollege haut zwei der roten Teufel weg. Mein Wurfarm fühlt sich mittlerweile gut aufgewärmt an, wobei das wohl eher auf das Bier zurückgeht. Trotzdem verlieren wir knapp mit nur zwei Bechern Unterschied. Ich räum' die Becher zusammen und merke erst am nächsten Tisch, dass ich zwei Becher zu viel habe. Keine Ahnung, wie das passieren konnte.

Nüchtern betrachtet ist meine Spielbilanz eher durchzogen

Die Toten Hosen dröhnen aus den Lautsprechern und behaupten «Kein Alkohol ist auch keine Lösung.» Die Bilanz der nächsten Spiele ist nüchtern betrachtet ebenfalls eher durchzogen. Ich treffe immer weniger. Da ich jedoch angefangen habe, auch bei grottenschlechten Würfen zu jubeln, fällt das gar nicht so auf. Ansonsten wäre die Stimmung vielleicht nicht weiter gestiegen: Teilweise trete ich gegen Leute an, die scheinbar ganz ohne die bequeme Variable «Zufall» auskommen. Sie treffen bei jedem Schuss einen Becher, selbst wenn nur noch ein einziger auf dem Tisch steht.

Die Bilanz nach dem vorletzten Spiel: Ich habe zwei Ping-Pong-Bälle zu viel in der Tasche, meine Becher irgendwo verlegt und kein einziges Spiel gewonnen. Das Bier in meinem Kopf schreit mir aber Dinge zu wie: «Du bist der Champion, hol dir den Titel!» und «Dein zweiter Vorname ist Pong, also mach deinem Namen Ehre!» Ich glaube dem Bier.

Rund dreissig Teilnehmer spielten beim Bier-Pong-Turnier mit.
Rund dreissig Teilnehmer spielten beim Bierpong-Turnier mit. (Bild: lih)

Zielgenau auf den Rand gespielt

AC/DC spielt «Highway to Hell» und mein eingeengtes Blickfeld fokussiert sich in höchster Konzentration auf das gegnerische Becher-Dreieck. Ich habe beschlossen, es in dieser Runde im Alleingang aufzunehmen. Noch drei Becher stehen mir gegenüber, bei mir selbst steht noch ein einziger. Meine Finger lassen den Ball los, wie an einem Faden beschreibt das weisse Geschoss eine perfekte Parabel, an deren Ende der vorderste Becher darauf wartet, getroffen zu werden. Zielgenau landet mein Ball auf dem Rand des Plastik-Bastards und springt in die Bier- und Wasserpfütze auf dem Boden der Industrie 45.

Ich reisse jubelnd die Hände in die Höhe. Feiern für eine katastrophale Spiel-Bilanz: Das geht nur beim Bierpong. «Hat's Spass gemacht?», fragt mich Noah Bellwald nach dem Turnier. Und ob! Nur lege ich nächstes Mal vielleicht noch eine Wasser-Runde mehr ein. Wegen dem kühlen Kopf im Final. Profis machen das schliesslich so.

(Bild: lih)

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