Velos, die unerlaubterweise auf dem Trottoir parkieren: Das könnte beispielsweise per App gemeldet werden. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Velos, die unerlaubterweise auf dem Trottoir parkieren: Das könnte beispielsweise per App gemeldet werden. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Luzern will mehr Bürgernähe – aber keine digitale Klagemauer

7min Lesezeit

Zürich und St. Gallen machen es vor – Luzern könnte bald nachziehen: Der Stadtrat steht einer «Motz-App» positiv gegenüber. Mit dem Tool könnte jeder gleich auf dem Smartphone melden, wenn im öffentlichen Raum etwas stört oder nicht funktioniert. Zu einem Spielfeld für Wutbürger und Spassvögel soll das aber nicht werden.

Ein Schlagloch auf der Velostrasse im Bruchquartier, ein falsch deponierter Abfallsack in der Neustadt oder eine versprayte Fassade im Maihofquartier: Mindestens einmal pro Woche kümmern sich Mitarbeiter der Stadt Luzern um solche Mitteilungen aus der Bevölkerung. Wer einen Schaden melden will, der muss allerdings zum Hörer greifen, einen Brief schicken oder per Mail oder via soziale Medien in die Tasten hauen.

Womöglich nicht mehr lange: Der Stadtrat will nun prüfen, ob er dazu eine App oder ein anderes digitales Angebot lancieren soll. Als Vorbild dient «Züri wie neu», bei dem Bürger auf ihrem Smartphone Schäden auf Zürichs Strassen erfassen können (zentralplus berichtete). Auch die Stadt St. Gallen kennt mit «Stadtmelder» ein ähnliches Tool, das seit über einem Jahr rege genutzt wird. Innert weniger Tage werden die Schäden normalerweise bearbeitet.

Kosten noch offen

«Heute sind viele Einwohnerinnen und Einwohner unserer Stadt im Besitz eines Smartphones», sagt Niklaus Zeier, Kommunikationschef der Stadt. Dank einer App könnten sie direkt mit Text und Foto einen Eintrag in einen digitalen Stadtplan machen. «Diese Mitteilungen helfen mit, Luzern funktionstüchtig zu halten, und fördern die Mitverantwortung beim Zusammenleben in der Stadt.»

«Ich schätze, dass in Luzern etwa zwei Meldungen pro Tag eingehen würden.»

Marco Müller, Grossstadtrat Grüne

«Luzern wie neu» könnte also bald auch der Leuchtenstadt zu mehr Glanz verhelfen. Der Stadtrat ist bereit, die Idee zu prüfen, und will ein entsprechendes Postulat von Marco Müller und Noëlle Bucher (Grüne) prüfen.

Männlich, gebildet – und zufrieden

Junger, gebildeter Mann: Das ist der typische Nutzer der Zürcher Schädenmängel-App «Züri wie neu». Das zeigt eine Umfrage der Universität Bern, die über 1’000 Nutzer einbezog. Im Schnitt meldete jeder Nutzer zwischen einem und fünf Schäden. Nur 37 Teilnehmer der Umfrage motzten mehr als 20-mal. Die Anwender zeigten sich mit dem Tool zufrieden. Die meisten seien der Meinung, die App sei einfach zu handhaben, die Antworten der Stadt erfolgten rasch und ihr Anliegen würde ernst genommen. Als wichtigste Motivation wurde genannt, dass die User Dinge beeinflussen können, die ihnen wichtig sind. Die App diene dem Interesse der Bevölkerung, so der Tenor.

Überrascht über die städtische Haltung ist Marco Müller nicht, da die Digitalisierung auch in der Verwaltung vermehrt Einzug halte. Für den grünen Grossstadtrat ist klar, dass es trotz vorhandener Kanäle ein neues Angebot braucht. Nicht nur, weil die Stadt damit jüngere, technikaffine Einwohner anspreche, die sich sonst nicht melden. «Eine eigene App ist auch ein Zeichen dafür, dass die Beteiligung der Bevölkerung erwünscht ist. Das schafft Bürgernähe.»

In Zürich werden im Schnitt sieben Meldungen pro Tag registriert, in St. Gallen eine – also deutlich mehr als aktuell in Luzern gezählt werden. Marco Müller glaubt, dass die Zahl der Rückmeldungen mit einer App auch in Luzern steigen würde. Einen Riesenansturm erwartet er allerdings nicht. «Luzern ist nicht Zürich, das wird sich in einem erträglichen Ausmass bewegen. Ich schätze, dass in Luzern etwa zwei Meldungen pro Tag eingehen würden.» Bei der Stadt will man sich bezüglich möglicher Nutzer nicht auf die Äste hinaus wagen. «Das ist im Moment noch nicht abschätzbar», sagt Niklaus Zeier.

Beim «Stadtmelder» in St. Gallen gehen regelmässig Meldungen ein. (Screenshot: zentralplus)
Beim «Stadtmelder» in St. Gallen gehen regelmässig Meldungen ein. (Screenshot: zentralplus)

Klar ist: Je mehr Meldungen, desto mehr Beamte braucht es, um sie zu bearbeiten. Der Stadtrat hält denn auch fest, dass eine App nicht gratis betrieben werden kann. Dessen ist sich auch Marco Müller bewusst. «Gerade bei einer App ist es wichtig, dass die Bürger relativ schnell eine Antwort erhalten. Das braucht natürlich zusätzliche Ressourcen.» Wie viel Geld dafür angebracht wäre, könne er nicht beziffern. Falls das Parlament den Vorstoss überweise, sei es am Stadtrat, das zu prüfen und die beste Lösung aufzuzeigen. Genau gleich äussert sich Zeier.

In der Stadt St. Gallen – die von der Grösse vergleichbar ist mit Luzern – belaufen sich die jährlichen Kosten auf 1’500 Franken, wie die Kommunikationsbeauftragte Sabine Hosennen auf Anfrage sagt. Die Implementierung des Stadtmelders habe 10’000 Franken gekostet. «Aber wenn die Bürgerin, der Bürger als verlängerter Arm der Verwaltung einen Beitrag zur Instandhaltung der Infrastruktur leisten kann und sich dabei erst noch ernst genommen fühlt, wirkt das vertrauensbildend und wiegt den Mehraufwand bei weitem auf», so das Fazit von Hosennen. Die Dienstleistung werde bei den Bürgern sehr geschätzt. Von Trollen, Spassvögeln und Beschimpfungen sei man verschont geblieben, die Meldungen seien mehrheitlich «von guter bis sehr guter Qualität».

Ideal für Querulanten und Spassvögel?

Eine immer wieder gehörte Sorge im Zusammenhang mit solchen Apps: Dass darauf in erster Linie Wutbürger ihren Dampf ablassen und Spassvögel die Verwaltung veräppeln. In Zürich haben Erhebungen jedoch gezeigt, dass nur wenige User massenhaft Meldungen erstatteten und die Hauptmotivation darin bestand, mithilfe der App Sachen beeinflussen zu können (siehe Box). An grosses Missbrauchspotenzial glaubt denn auch Marco Müller nicht. «Sicher wird es vereinzelt solche Meldungen geben, aber das ist für die Stadt nicht neu, das passiert bereits heute.»

Dennoch zieht er Massnahmen in Betracht, um das zu steuern. «In der Tendenz gibt es mehr Wutmeldungen, wenn man diese anonym verfassen kann.» Um dem entgegenzuwirken, wären laut Müller Pflichtfelder, wie Name und Vorname oder Telefonnummer, denkbar. Auch Niklaus Zeier geht davon aus, «dass die App so konfiguriert sein wird, dass sie zu sachlichen Informationen genutzt wird». Dass die App als «Klagemauer» missbraucht wird, sei aber kaum ganz auszuschliessen.

Nur für Mängel?

Doch bei so viel Lob für Bürgernähe: Wieso soll die Stadt eine solche App eigentlich auf Mängel beschränken – und nicht für jegliches Feedback zugänglich machen? Marco Müller ist diesbezüglich hin- und hergerissen. Ein Fokus auf Mängel im öffentlichen Raum sei klarer und günstiger, nennt er einen Vorteil. Er persönlich fände es jedoch nützlich, wenn er per App anfragen könnte, wann die nächste Papiersammlung im Quartier stattfindet oder wo man das Stimmcouvert einwerfen könnte. «Womöglich könnte man also gleich einen Schritt weitergehen.»

Bei der Stadt will man aber offenbar nicht vorpreschen. Niklaus Zeier verweist man auf die bestehenden Möglichkeiten für generelles Feedback, wie beispielsweise die Einwohnersprechstunde. Im Vordergrund bei der App stehe deshalb das Melden von Mängeln. Das Stadtparlament wird nächste Woche über das Anliegen diskutieren.

«Velo muss vermutlich entsorgt werden», meldet ein Bürger. Und er liegt vermutlich richtig. (Bild: «Züri wie neu»)
«Velo muss vermutlich entsorgt werden», meldet ein Bürger. Und er liegt vermutlich richtig. (Bild: «Züri wie neu»)

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