Ex-beiUns-Herausgeber und «Stadtsicht»-Chefredaktor Bruno Affentranger.
  (Bild: giw)
Gesellschaft Interview

Ex-beiUns-Herausgeber und «Stadtsicht»-Chefredaktor Bruno Affentranger.   (Bild: giw)

«Auch als Unternehmer kann man ein Che Guevara sein»

16min Lesezeit 2 Kommentare

Die erste Ausgabe des Luzerner Magazins «Stadtsicht» wurde zugleich zum Politikum – die Linke wittert Propaganda für das Musegg-Parkhaus. Hinter dem Magazin steht Bruno Affentranger. Wir sprachen mit ihm über seine politische Agenda und das Scheitern mit «beiUns».

Journalist, Autor, Verleger, Publizist, Unternehmer, Berater – Bruno Affentranger hat viele Gesichter. Erfolg und Scheitern gehen in der beruflichen Biographie des vierfachen Vaters Hand in Hand: Erst im Dezember musste er das Community-Portal «beiUns» an die LZ-Medien verkaufen, Mitte März publizierte der 50-Jährige zusammen mit seinem Geschäftspartner Angel Gonzalo die dritte Ausgabe des Magazins «Stadtsicht» (hier geht es zu Affentrangers Werdegang).

zentralplus: Herr Affentranger, Sie scheinen derzeit überall aufzutauchen: Dort die Jubiläumsfeier von Luzern Tourismus, hier ein Podiumsgespräch zur Luzerner Altstadt, dazwischen Mitglied bei den Freunden des Musegg-Parkhauses: Sie wurden auch schon als graue Eminenz von Luzern bezeichnet – sehen Sie sich so?

Bruno Affentranger: Lustige Frage, nein, das ist überhaupt nicht so. Erst einmal: Wir sind nicht grau – das wäre wenig schmeichelhaft. Aber ernsthaft: Vielleicht machen wir einige Dinge als Dienstleister richtig und werden deshalb oft zur Beratung herbeigezogen. Aber die Definition einer grauen Eminenz, einer Person, die keine Legitimation hat, aber für Entscheidungen hinzugezogen wird – eine Art Kardinal Richelieu –, das wäre eine völlige Überhöhung.

«Er wurde immer in seinem Einfluss überschätzt.»

Bruno Affentranger

Angel Gonzalo: Bruno wird vielleicht als das missverstanden. Sein angeblicher Einfluss wird überschätzt, weil er zu vielen einflussreichen Personen den Zugang findet. Klar, wir haben verschiedene Aufträge, unter anderem für Luzern Tourismus. Was wichtig ist: Wir sind in erster Linie ein Verlag, obwohl wir den Ruf als PR-Agentur nicht ganz beseitigen können.

Affentranger: Was sicher stimmt: Wir haben in Luzern ein grosses Netzwerk. Hier bin ich aufgewachsen, habe hier jahrelang als Journalist gearbeitet.

zentralplus: Was war der Stein des Anstosses für das Magazin «Stadtsicht»?

Affentranger: Wir spürten ein grosses Bedürfnis in unserem Netzwerk. Wir kennen ganz viele Leute, arm und reich, links und rechts, kleine und etablierte Unternehmen. Nicht alle haben uns gern. Die einen beschimpfen uns, die anderen beklatschen uns. Was uns auf die Nerven geht, ist, dass sich diese Wirtschaftskreise gegenseitig ausschliessen.

Denn in der Realität ist man sich ähnlicher, als man denkt. Die Kleinen sind spannend, da sie oftmals viel kreativer sind, bei den Grossen gibt es ein Risikokapital – die haben Möglichkeiten. Am Ende haben alle fast dieselben Herausforderungen. Mit «Stadtsicht» wollen wir diese Kreise in unserer Heimat zusammenbringen – als eine Inspiration dient vielleicht das Magazin Business Punk in Deutschland, das ich aber bereits als etwas zu kommerziell erachte. Aber unser Traum blieb lange ein Traum.

zentralplus: Woran hakte es?

Affentranger: Unsere Idee war einfach nicht finanzierbar, das Risiko war zu gross. Dann kam der letzte Frühsommer, wir waren wir im Gespräch mit Leuten von der Parkhaus Musegg AG – und die haben uns Mut gemacht, unser Magazin umzusetzen.

Die gleichberechtigten Partner der BA Media Bruno Affentranger und Angel Gonzalo.
Die gleichberechtigten Partner der BA Media Bruno Affentranger und Angel Gonzalo. (Bild: gwi)

zentralplus: Als Partner von «Stadtsicht» werden der städtische Wirtschaftsverband, die City-Vereinigung oder Musegg Parkhaus AG aufgeführt – was ist die politische Agenda Ihres Magazins?

Affentranger: Es gibt keine politische Agenda. Wir sind politisch neutral und frei von Ideologien. Unser Thema ist Urbanität. Wir suchten also entsprechende Geldgeber für den Anschub, unter anderem den ALI-Fonds. Dazu kam das Parkhaus Musegg, auch die City-Vereinigung, andere wären willkommen. Es ist doch so: Luzern ist raffiniert angerichtet, kulturell und kreativ. Gleichzeitig ist es aber auch restaurativ, konservativ und ein wenig bieder. Diese Kräfte sind in allen politischen Lagern stark vertreten.

Auch deshalb wollen wir Leute von aussen zur Sprache kommen lassen, die hier nicht bereits politisch eingebunden sind. Und selbstverständlich haben wir eine Agenda: Wir sind ein Quartalsmagazin, da gehört die Themenplanung dazu. Ich höre deshalb auch einfach mal zu im Grossen Stadtrat, spreche mit Politikern von der GLP, besuche eine CVP-Anlass und will wissen, was sie genau erreichen wollen und wer für was steht und wie handelt.

Gonzalo: (lacht) Du bist bestimmt keine graue Eminenz, aber vielleicht eine bunte Impertinenz? Bruno konnte schon immer sehr gut beobachten.

Affentranger: (lacht) Ich bin eine Art Insektenforscher, der im Stillen observiert.

zentralplus: Weshalb beschäftigt Sie die Stadtplanung und deren Entwicklung so sehr?

Affentranger: 1993 machte ich eine Zeitungsserie mit dem damaligen Stadtarchitekten in der LNN. Wir wanderten gemeinsam durch Luzern. Das Ziel war, sechs oder sieben neuralgische Stellen zu besichtigen, über die ich jeweils einen längeren Beitrag publizierte. Der Stadtarchitekt nannte sie die Wunden dieser Stadt. Danach betrachtete ich den Kasernenplatz, den Bundesplatz, die Lidowiese, das Inseli oder auch den Löwenplatz aus anderen Augen.

Seit Jahrzehnten könnte man dort Veränderungen vollziehen. Das ärgert mich, es herrscht ein unglaubliche Unbeweglichkeit in dieser Innenstadt – während rund um uns herum die Dinge beinahe explodieren. Schau dir diese Ödnis an, darf man die nicht zeigen (zeigt auf das Bild mit neuem Velo-Highway)?

zentralplus: Die SP kritisiert die Finanzierung von «Stadtsicht» durch den städtischen ALI-Fonds. Der Grund: Offenbar wurde in einem Artikel Position für das Musegg-Parkhaus ergriffen. Was denken Sie darüber?

Affentranger: Das musste so kommen und gehört zum derzeitigen politischen Spiel. Doch wenn man in der ersten Ausgabe den Beitrag über das Parkhaus liest und wider besseren Wissens behauptet, er sei an Einseitigkeit nicht zu überbieten, dann frage ich mich: Was darf man überhaupt noch schreiben beziehungsweise denken?

Gonzalo: Wir haben einmalig 20’000 Franken vom ALI-Fonds als Anschub erhalten. Er empfand unser Konzept als glaubwürdig, deshalb hat er die Publikation unterstützt. Übrigens – für den umstrittenen Artikel zum Parkhaus wurden wir von links wie auch von rechts angegriffen.

Affentranger: Wenn man nicht gewusst hätte, dass vorne im Magazin das Musegg-Parkhaus als Partner aufgeführt wurde, kam man zum Schluss, dass es sich hier um eine kontradiktorische Auseinandersetzung mit dem Parkhaus handelte. Wir stellen viel mehr Fragen, als dass wir Antworten liefern. Das Parkhaus Musegg AG ist inzwischen übrigens nicht mehr Mitfinancier und Partner. Wir finanzieren das Magazin allein über Inserateeinnahmen.

zentralplus: Also hat euch beim Artikel niemand dreingeredet?

Affentranger: Wir hatten eine Sitzung in diesem Raum im Mai 2016, bei dem alle damaligen Partner dabei waren. Das Erste, was ich Ihnen gesagt habe, war: Ihr bezahlt, habt aber kein Mitspracherecht bei inhaltlichen Belangen.

zentralplus: Wo liegt euer Antrieb, sich einzumischen?

Gonzalo: Ich bin einfach ein ungeduldiger Mensch, wenn es um politische Entscheidungsprozesse geht.

Affentranger: Da bin ich anders formatiert. Ich stelle fest, dass das Entscheidungstempo in der Wirtschaft höher ist als die Verhandlungsgeschwindigkeit in der Politik. Dass man sich in der Politik Zeit lässt, schätze und respektiere ich. Das ist Teil des Erfolgs unseres politischen Mechanismus – und manchmal schwerlich auszuhalten. Mich treibt die Kreativität an – die Möglichkeit, etwas Neues zu schaffen.

zentralplus: Wird jemand von Ihnen bald in die Politik wechseln?

Gonzalo: In den letzten Jahren wurde ich mehrmals von der FDP angefragt. Aber ich wollte nicht.

Affentranger: Das hast du mir voraus. Aber es ist gut so, denn ich wäre höchst ungeeignet und sicher unglücklich in einem politischen Amt.

Gonzalo: (schaltet sich ein) Wir haben darüber gewitzelt, dass er sicher Chancen hätte, weil man ihn kennt. Nach zwei, drei Jahren im Parlament könnte Bruno Stadtpräsident werden.

Affentranger: … nur zwei, drei Jahre (rollt mit den Augen). Mir fehlt die Zeit, die Energie, der eigene Wille, die Lust und das Umfeld, das mich bei so etwas tragen würde – das steht gar nicht zur Debatte.

«Auch als Unternehmer kann man zugleich ein Che Guevara sein.»

Bruno Affentranger

zentralplus: Haben sich Ihre Überzeugung und die politische Einstellung gewandelt in den letzten Jahren?

Affentranger: Nein, sicherlich nicht auf ein klassisches Links-Rechts-Schema angewandt.

zentralplus: Obwohl Sie vom prinzipientreuen Journalisten zum gewinnorientierten Verleger und Unternehmer wurden?

Affentranger: Ich bin noch immer ein prinzipientreuer Journalist. Ich wurde vor Jahren per Zufall Verwaltungsratsdelegierter bei den UD-Medien und traf eine sehr schwierige Situation an. Am Schluss mussten wir den CEO entlassen und ich als VR selber den Job übernehmen. Dann führten wir zwei Sanierungen durch, beide fruchteten nicht. Die Erfahrung, viele Mitarbeiter entgegen den eigenen Wünschen und Überzeugungen entlassen zu müssen, möchte ich niemanden zumuten.

Bis zum Schluss versuchten wir, für alle eine Stelle zu finden – aus sozialer Überzeugung. Wir fanden sie, manchmal auf unkonventionellen Wegen. Diese und andere Erfahrungen zeigten mir, dass man auch als Unternehmer zugleich ein Che Guevara sein kann. Kapitalismus schliesst wilde, unkonventionelle Wege nicht aus, ja Letzteres bedingt den Erfolg sogar.

Bruno Affentranger scheiterte daran, den Luzerner Anzeiger und das dazugehörige Unternehmen zu retten.
Bruno Affentranger scheiterte daran, den Luzerner Anzeiger und das dazugehörige Unternehmen zu retten. (Bild: gwi)

zentralplus: Ein ehemaliger Kollege von Ihnen, CVP-Grossstadtrat und Ex-Journi Albert Schwarzenbach, sagt: Bruno Affentranger ist ein besserer Journalist als ein Medienmanager.

Affentranger: Die Überzeugung lasse ich ihm, da kann ich nichts dazu sagen.

«Du weisst, es gibt Alternativen, aber die durften wir zu dem Zeitpunkt aus gesetzlichen Gründen alle nicht mehr in die Wege leiten.»

Bruno Affentranger

zentralplus: Wie gehen Sie mit Scheitern um? Stichwort UD Medien und der «Luzerner Anzeiger».

Affentranger: Das nimmt man persönlich, und es tut echt weh. Damals bin ich in den Nächten oft hinauf in die Druckerei am Reussegg gefahren. Ich kannte die Situation der Drucker, wusste um ihre Familien und ob sie Kinder hatten oder nicht. Man wird, was man tut, sonst tut man es nicht richtig.

Gonzalo: Als damaliges Post-Kader war ich Kunde der UD Print. Man sah es kommen: Vom einen auf den anderen Tag haben etwa die UBS ihren Geschäftsbericht massiv kleiner gemacht oder auch die Post hat ihre Aufträge zusammengestrichen. Wir haben jährliche Auftragsvolumen von rund einer Million Franken auf 200’000 reduziert. Es war von aussen betrachtet klar, dass das Unternehmen nicht zu retten war.

Affentranger: In dieser Zeit lernte ich die Gefangenschaft in Entscheidungsfragen kennen. Der Spielraum ist sehr eng, obwohl − vielleicht von aussen betrachtet − viele kreative Möglichkeiten vorhanden sind. Für mich war das vielleicht das Schwierigste an der Situation: Ideen zu haben, um das Schlimmste abzuwenden, aber aufgrund der juristischen Begebenheiten nicht im Stande zu sein, diese umzusetzen.

zentralplus: Eine gewisse Ohnmacht?

Affentranger: Ich kann mich an Situationen als VR-Mitglied erinnern: Wir sassen am Tisch und mussten über das Unternehmen diskutieren. Du weisst, es gibt Alternativen, aber die durften wir zu dem Zeitpunkt aus gesetzlichen Gründen alle nicht mehr in die Wege leiten. Ab dem Moment gibt es nur noch die Möglichkeit, Kosten zu sparen: Leute entlassen, Druckmaschinen verkaufen. Hier wird die Einflussmöglichkeit einer einzelnen Person in einer Maschinerie überschätzt.

«Wir sagten immer, dass es sich um ein Medienexperiment handelt.»

Bruno Affentranger

zentralplus: Und wie blicken Sie auf das Scheitern von «beiUns» zurück (zentralplus berichtete)?

Affentranger: Das war eine sehr teure Weiterbildung. Wir sagten immer, dass es sich um ein Medienexperiment handelt. Und es machte echt Spass. Mit den Involvierten sprachen wir immer Klartext.

zentralplus: Verstehen Sie sich nach all den Jahren als Journalist oder als Kommunikationsmann?

Affentranger: Ja, das frage ich mich auch. Was denkst du, Angel?

Gonzalo: Für mich ist Bruno immer noch ein Journalist, er schreibt ja selbst sehr viel. Aber er hat eben auch die Perspektive des Verlegers eingenommen, deshalb haben wir ja unsere Firma gegründet. Ich meine … Kommunikator, was heisst das schon? Im Grunde sind wir alle Kommunikatoren.

zentralplus: Nach Jahrzehnten des Journalismus und der Arbeit als Verleger: Was sind ihre Gedanken zum Luzerner Medienmarkt?

Affentranger: Vorstellbar ist, dass da noch einmal jemand von aussen auf den Plan tritt. Das kostet jedoch Kohle ohne Ende – was abschreckt. Ich kann mir vorstellen, dass im Online-Bereich noch weiter raffinierte Medien entstehen werden, die heute nichts mit der Medienindustrie zu tun haben. Die Auflagen der breitenwirksamen Print-Produkte werden weiter sinken, die Luzerner Zeitung wird an Auflage oder an Marge verlieren.

Gonzalo: Wird diese nicht schon heute künstlich hochgehalten?

Affentranger: Ich kann es nicht beurteilen. Aber wir stehen mitten in einem Medienwandel, der kommerziell nicht abschliessend erzählt werden kann. Was passiert beispielsweise mit «Tele 1»? Das funktioniert in dieser Form kommerziell langfristig nicht. Hat Radio in dieser Form eines zentral Bündelnden von online bereits vorhandenen Angeboten eine Zukunft? Glaube ich nicht. Im Print haben vermutlich nur noch spezialisierte Special-Interest-Magazine eine Chance. Auch zentralplus funktioniert aus meiner Sicht zu stark nach einer Print-Struktur, einfach ohne Print und mit Mäzen – das ist ebenfalls schwierig, aber vielleicht ein Weg. Die Zukunft der Medien – das ist die Ein-Million-Dollar-Frage.

zentralplus: Ist ein Magazin zu Zeiten von Social Media und Apps nicht überholt?

Affentranger: Wir sind damit etwas anachronistisch. Tatsächlich kommen wir aus dem Print und setzen aus Überzeugung darauf.

Gonzalo: Print ist noch nicht tot – im Special-Interest-Bereich hat er immer noch seine Berechtigung. Wir sind überzeugt, dass es einfach oft das bessere Medium ist. Ein Magazin bleibt zu Hause präsent. Nichts gegen online – aber wir wollen, dass sich die Leser Zeit nehmen und reflektieren.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft