Das FabLab in Luzern ist nicht nur technisch spannend, sondern auch schön bunt.
  (Bild: Laura Livers)
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Das FabLab in Luzern ist nicht nur technisch spannend, sondern auch schön bunt.   (Bild: Laura Livers)

Auf chaotischer Strasse mit Tüftlern unterwegs

9min Lesezeit

zentralplus hat sich der «Werkwanderung» angeschlossen. An einzelnen Stationen – dem FabLab in Horw, einer Spielhölle an der Industriestrasse in Luzern und dem Labor Luzern – trafen wir einen Gameboy aus Holz und überzeugte «Open Source»-Fans. Und wir wissen nun, wie sich jeder von uns eine eigene Waffe basteln kann.

Laura Livers

Der Schweizerische Werkbund ist der Verein für Designer und Handwerker. Und Architekten. Und Steinmetze, Restaurateure, Bauplaner und eigentlich jeden, der sich mit Formen und deren Nutzen auseinandersetzt. Mehrmals jährlich lädt der Werkbund zu Veranstaltungen, Tagungen und Besichtigungen, um Interessierte zusammenzubringen und die Kommunikation zwischen den verschiedenen Gebieten zu fördern.

Die 9. Werkwanderung der Zentralschweizer Abteilung fand unter dem Motto «Do it together» statt. Passend dazu war der Treffpunkt am Freitagabend im FabLab in Horw.

Der Hive-Mind am Werk

Eingebettet in die Hochschule Technik + Architektur direkt bei der S-Bahn-Haltestelle, stehen in einem hohen Raum Maschinen. «Das Prinzip des FabLabs stammt aus dem MIT (Massachusetts Institute of Technology), ist mittlerweile aber weltweit vertreten», erklärt Felix Bänteli, ein langjähriger Besucher und Super-User des FabLabs. «Sie basieren auf der Idee von Open Source: Informationen und Know-how werden frei zugänglich gemacht, um die Verbesserung von Programmen und Maschinen voranzutreiben und die Zeitspanne zwischen Prototyp und verkaufsfertigem Modell zu verkleinern.»

Felix Bänteli erklärt den Anwesenden das Prinzip des 3D-Druckens.
Felix Bänteli erklärt den Anwesenden das Prinzip des 3D-Druckens. (Bild: Laura Livers)

Auf den Tischen verteilt liegen geometrische Formen in allen Farben. Hohl, aus Plastik und mit feinen Strukturen überdeckt. Dazwischen stehen 3D-Drucker, die aussehen, als ob sie selbst zusammengebastelt wurden.

Über eine Computerstation gebeugt erklärt Bänteli lebhaft, wie einfache Google-Bilder via Computer-Programm vektorisiert und danach mit dem Laser-Cutter auf eine dünne MDF-Platte gebrannt werden. «Eigentlich ist es wie bei einem regulären Laser-Printer, nur dass unserer hier mit einem richtigen Laser hantiert», lacht er und fügt hinzu: «Man muss nur gut schauen, ob sich das Material eignet. Viele plastifizierte Materialien geben giftige Dämpfe ab, wenn sie erhitzt werden.»

Das Ding druckt, wie man töpfert

Es geht weiter zu den 3D-Druckern. «Unser Modell funktioniert wie beim Töpfern. Der Druckkopf bewegt sich auf der x- und y-Achse, während die Druckplatte sich absenkt und als z-Achse fungiert – so ‹wächst› das Objekt nach oben.»

Die Wanderer sind durchaus interessiert, haben aber auch ihre Bedenken. Wo er denn das Gefahrenpotenzial eines solchen Druckers sehe, kommt eine Frage aus dem Publikum. «Selbstgebastelte Waffen gab es schon immer und die Anleitungen waren auch schon immer für alle zugänglich. Ist der Wille zum Töten da, wird dieses Wissen genutzt», erklärt Bänteli und die Anwesenden schlucken leer.

Pistolen aus dem Drucker

Die Frage nach der Gefahr kommt nicht von ungefähr: Der «Spiegel» berichtete jüngst von einem amerikanischen Jura-Studenten, der Pistolen komplett selbst herstellen kann. Bloss mithilfe eines 3D-Druckers. Einigen Investigativ-Journalisten, welche die Sicherheitsvorkehrungen der israelischen Regierung testen wollten, gelang es sogar, eine selbstgedruckte Pistole ins Parlament zu schmuggeln. Bänteli relativiert: «Zu dem Fall, den du ansprichst: Diese Pistole ist zwar eine funktionierende Waffe, aber nur auf kürzeste Distanz und niemals mit einer normalen Schusswaffe zu vergleichen.»

«Die Technik ist noch lange nicht so ausgereift, wie es uns die Medien glauben lassen wollen.»
Felix Bänteli, Kunstvermittler und Tüftler

Just beim Vorführen streikt der Drucker. «Was selten erwähnt wird, ist, dass alles in solchen Labors eigentlich ein Gebastel ist», lacht Bänteli, während er verschiedene Knöpfe drückt. «Die Technik ist noch lange nicht so ausgereift, wie es uns die Medien glauben lassen wollen. Jedes neue Objekt, jedes neue Materialgemisch stellt ein Herausforderung dar.»

Die eigentliche Werkwanderung

Vor lauter Objektebetrachten und Fragenstellen haben wir nicht gemerkt, dass der Grossteil der Wandergesellschaft bereits Richtung Luzern aufgebrochen ist und unsere Gruppe zurückgelassen hat. Zu dritt versuchen wir zu folgen und landen nach einiger Zeit auf dem ehemaligen Bahntrassee zwischen Kriens und Luzern.

Florian Huber, der Organisator der Werkwanderung, lenkt unseren Blick an den Strassenrand. «So eine Strasse ist eigentlich eine Schande für Luzern», empört sich der Steinbildhauer. «Der Strassenrand ist voller Ecken und Kanten, das Kies auf der Seite, der an das Bahntrassee erinnern soll, ist gegen Schluss nur noch ein kleiner Strich, und die Randsteine machen keinen Sinn», findet Huber.

Florian Huber erklärt, wie man Maizena-präparierten Bauschaum als Silikonersatz nutzen kann.
Florian Huber erklärt, wie man Maizena-präparierten Bauschaum als Silikonersatz nutzen kann. (Bild: Laura Livers)

Und tatsächlich, je näher Luzern rückt, desto chaotischer wird die Strasse. Verschiedene Randsteinmaterialien, inkonstante Wegbreite, mindestens fünf Kiesarten und unebener Boden. «Das sieht aus, als ob man einfach möglichst schnell und möglichst billig diese Strasse teeren wollte», merkt Huber an.

Ein Gameboy aus Holz

Nach knapp einer Stunde erreichen wir die Spielhölle Vektor 3000 in der Industriestrasse. Im Trickfilm-Atelier hat sich Martin Waespe, passionierter Gamer und Nostalgiker, eingenistet. Aus alten Computern, Abfallholz und «Raspberry Pis» – programmierbare Open-Source-Mikrochips – baut er Spielkonsolen. «Das meiste hab ich gratis bekommen oder für einen Franken auf Ricardo ersteigert», erzählt er. «Da die analogen Sender bald abgeschaltet wurden, werden einem alte Fernsehgeräte praktisch nachgeworfen», so Waespe.

«Mit den heutigen Mitteln sind mir keine Grenzen gesetzt.»

Martin Waespe, passionierter Gamer und Tüftler

Besonders stolz sei er auf seine Spielkonsole, die er an einen alten Funkfernseher angeschlossen hat. «Damit das funktioniert, musste ich aus einem alten Videorekorder den Funkempfänger ausbauen, um so dem Fernseher vorzugaukeln, dass er tatsächlich ein Signal empfängt», erklärt er und zeigt auf ein kleines schwarzes Gerät mit Bildschirm. «Es funktioniert aber nicht alles, vermutlich sendet das Gerät keine europäischen Frequenzen.»

Die Röhrenbildschirme pfeifen und flackern und die Wanderer vergnügen sich mit alten Atari- und Nintendo-Games. «Auf diesem Gerät sind etwa 10’000 Spiele», sagt Waespe und zeigt auf einen aus Holz gebauten Gameboy. «Mit den heutigen Mitteln sind mir da keine Grenzen gesetzt.» Er öffnet das Gerät und zeigt auf die vielen Drähte, einen Raspberry-Pi-Computer und eine angeschlossene 8-GB-Speicherkarte.

Martin Waespe in der «Spielhölle3000».
Martin Waespe in der «Spielhölle3000». (Bild: Laura Livers)

Wie funktioniert das mit diesem LED-Licht?

Zum Schluss landet die Wander-Gesellschaft im Labor Luzern. 2011 aus dem Kulturbüro Luzern entstanden, ist der Verein im Luzerner Kulturleben bestens verankert. Im Eingang stehen aufeinander gestapelt alte Waschmaschinen, die fürs Comix-Festival Fumetto umgebaut werden. «Das Labor ist ein Ort zum Experimentieren», erzählt Livia Müller in ihrer Einführung.

«Das Büro ist grundsätzlich jedem offen, um Neues auszuprobieren oder mit einem konkreten Problem vorbeizuschauen. Insbesondere mittwochs um 20 Uhr, während des ‹Open Hackspace›. Wir versuchen, die Leute so anzuleiten, dass sie im Endeffekt selbst auf ihre Lösung kommen.» Die alte Lagerhalle ist bis unters Dach mit Elektroschrott, Löt-Stationen und allerlei Krimskrams gefüllt.

Auf dem Balkon an der Güterstrasse 6 wird ein Grill eingeheizt und die Wanderer, erschöpft vom Weg, setzen sich mit einem Bier in der Hand an den Tisch und stellen all die Fragen, die sich angesammelt haben. Etwa, wie denn nun LED genau funktioniert. Die Antwort: Durch das Zuführen von Spannung an die Halbleiterdiode wandern Elektronen von der einen Seite zur anderen und wieder zurück. Diese «Rekombination» setzt Energie frei, meist in Form von Photonen, also Licht. Die wenigsten verstehen die Antwort, aber so tragisch ist das nicht.

Die grosse Erkenntnis dieser Wanderung soll ja auch sein: Wenn jeder sein Wissen im Sinne des Open-Source-Prinzips zur Verfügung stellt, kann der menschliche Hive-Mind sich in ungeahnte Gefilde denken. Oder um Elon Musk, einen grossen Verfechter des Open Source, zu zitieren: «Really, the only thing that makes sense is to strive for greater collective enlightenment.»

Ein Besuch im Trickfilmatelier an der Industriestrasse.
Ein Besuch im Trickfilmatelier an der Industriestrasse. (Bild: Laura Livers)

 

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