Die Kids sind heiter vergnügt, fahrig verspielt und singen mehr oder weniger falsch. (Bild: Remo Wiegand)
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Die Kids sind heiter vergnügt, fahrig verspielt und singen mehr oder weniger falsch. (Bild: Remo Wiegand)

Lebendiges Wasser toppt abgestandene Cola

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In Zug finden zwei Gottesdienste in einem statt: Eine energiegeladene Katechetin gestaltet einen Familiengottesdienst, daneben verwaltet der Pfarrer den Glauben und liest eine katholisch korrekte Messe. Ein Mischmasch ohne Melange.

Remo Wiegand

An Tagen wie diesen möchte man sich in der Kirche verkriechen. Es ist nasskalt, an der Baarerstrasse fliesst der Verkehr spritzig und abweisend. Unter die gesichtslosen Betonblöcke und Gewerbebauten mischt sich unauffällig die moderne Zuger Gut-Hirt-Kirche. Vor dem Eingang verbreitet die blaue Schafherde eines Künstlers witzige Willkommensstimmung, die wohltuend mit dem Grauschwarz des Wetters kontrastiert. Im besten Fall setzt sich der blaue Himmel im Innern der Kirche fort: Ein Familiengottesdienst kündet kindliche Lebendigkeit an.

«Yes we can»-Glaube

Tatsächlich: Es hat ein paar Familien in der Kirche. Ich zähle zehn Kinder. Acht davon bilden einen kleinen Kinderchor, der zu Beginn den Kinderkirchenschlager «Und überall isch Gott» intoniert. Die Kids sind heiter vergnügt, fahrig verspielt und singen mehr oder weniger falsch. Ob sie freiwillig auf den Treppen zum Chor stehen, darf zumindest bezweifelt werden. Katechetin Karen Curjel gibt alles, um die Kinderschar im Zaum zu halten. Sie orchestriert, erzieht mit strengem Blick und klaren Handzeichen und lächelt dazwischen ihren Kindern aufmunternd zu.

Der Gottesdienst

  • Ort: Gut-Hirt-Kirche Zug
  • Zeit: 18. März, 17.30 (Vorabendgottesdienst)
  • Länge: 54 Minuten
  • Team: Pfarrer Urs Steiner, Katechetin Karen Curjel, zwei Ministranten
  • Volk: ca. 130 Personen
  • Thema: «Lebendiges Wasser»

Karen Curjel macht eine gute Falle. Sie trägt ein enges schwarzes Kleid, tiefschwarze Haare und tigert geschäftig im heiligen Raum hin und her. Die Schweiz-Amerikanerin, die auch englischsprachigen Expats seelsorgerlich beisteht, lebt einen kecken «Yes we can»-Glauben vor, versprüht eine mütterliche Macherenergie, die wohl überall ansteckend wirken würde. Nur nicht hier in Zug Gut Hirt.

Die Kirche Gut Hirt: An diesem Sonntag grau in grau.
Die Kirche Gut Hirt: an diesem Sonntag grau in grau. (Bild: Remo Wiegand)

Cola oder «lebendiges Wasser»?

Nach den beiden Bibellesungen heisst Curjel alle Kinder nach vorne kommen. Auf den Stufen zum Altar sitzend hören sie der Predigt ihrer Lehrerin zu, die in wunderbarem Zugerdialekt-Amerikanisch zu ihnen spricht. Dem Volk wendet sie derweil – etwas seltsam – den Rücken zu. «Was trinkt ihr gerne? Cola? Red Bull? Ice Tea?», fragt Curjel die Kinder und führt sie auf die Spur des Themas «lebendiges Wasser». Dieses verspricht Jesus im Evangelium einer fremdländischen Frau, die anfänglich am Brunnen nur ihren Durst stillen wollte. Die Frau sei «e biz durenand» und begreife erst allmählich, dass sie eigentlich Sehnsucht nach mehr, nach Gotteserkenntnis und Sündenvergebung habe. Curjel schlägt noch den Bogen zur drohenden Hungersnot in Afrika, in der wir nun aufgefordert seien, wie Jesus zu helfen.

Die Predigt fliesst nicht gerade über vor Fantasie, aber sie ist kindergerecht und nett. Die Reaktion der Kinder können wir frontal auf ihren Gesichtern ablesen: Sie starren wie begossene Pudel ins Leere. Die müden Kids sind nicht die einzige Front, an der die Curjel-Energie in Zug mehr oder minder abprallt. Schon anfänglich spielt sich eine bezeichnende Szene ab: Die Katechetin ist dabei, eine Geschichte aus dem Alten Testament zu verkünden, da schlurfen parallel die beiden mässig motivierten Ministranten los und hantieren hinter ihrem Rücken mit Kerzen herum, mit welchen sie im nächsten Akt bei der Lesung des Evangeliums den Pfarrer flankieren. Es ist, als ob Curjel die Show gestohlen werden soll.

Der Pfarrer muss auch noch predigen

Und es kommt noch dicker: Curjels Predigt reicht nicht aus. Pfarrer Urs Steiner muss noch eine zweite, eine richtige Predigt für die Erwachsenen halten. «Jesus und die Frau reden aneinander vorbei», beginnt Steiner nochmals von vorn – und sagt dabei einiges über den Gottesdienst aus. Steiners Auftritt ist durchaus professionell, er wirkt sympathisch seriös wie Ex-Nachrichtensprecher Charles Clerc. Doch seine zusätzlichen Worte sind überflüssig. Sein «lebendiges Wasser» wird am Ende zur moralgetränkten Aufzählung, was man als Christ in dieser Fastenzeit noch alles machen solle: beten, Bibel lesen, Bussgottesdienst … Ist ja gut!

Die knallblauen Schafe bilden einen hübschen Kontrast zum tristen Wetter.
Die knallblauen Schafe bilden einen hübschen Kontrast zum tristen Wetter.

Vielleicht ist es nicht einmal Pfarrer Steiners Schuld, dass er Curjels Predigt noch überbieten muss und insgesamt die Familientauglichkeit des Familiengottesdienstes eher dürftig ist. Die älteren Stammgäste sind in der Mehrzahl in der Gut-Hirt-Kirche. Sie dürften vor allem nach dem dürsten, was zum katholischen Standardrepertoire gehört. Dazu gehört eine gültige Pfarrerspredigt, dazu gehört selbstredend auch die Eucharistie. Nach dieser verschwinden einige Personen gleich direkt. Das alleinseligmachende Brot ist erfolgreich eingenommen, der Rest sowieso nur Beigemüse. Sie verpassen das Schlusslied mit der heute ziemlich passenden Frage «Wo isch Gott?».

Konservatives Stammpublikum

In Zug Gut Hirt scheinen sich ein konservatives Stammpublikum und der auf Formentreue bedachte Pfarrer in eine Symbiose geritten haben, die kaum Raum für gradlinige Alternativgottesdienste lässt. Caren Kurjel ist zu wünschen, dass ihr «lebendiges Wasser» anderswo besser ankommt.

Kurzbewertung (1 bis 5)

Predigt:

Welche? Die Predigt der Katechetin war zumindest lebhaft, jene des Pfarrers geistlos und schlicht eine zu viel.

††

Persönlichkeit (Pfarrer Urs Steiner, Katechetin Karen Curjel):

Curjels Energie und Eleganz sind eindrücklich. Pfarrer Steiner steht stramm da, redet laut und klar, aber verbreitet eine Heiterkeit, die etwas gemacht wirkt.

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Musik:

Der kleine Kinderchor hat seine grosse Zukunft noch vor sich.

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Feierlichkeit:

Auf Normalniveau einer katholischen Messe. Ausnahme: Die Gabenbereitung, bei der alle Kinder zur Hand gehen (und sich fast darum balgen, wer was tragen darf), die ist herzig.

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Kirchenraum:

Das grosse Kruzifix mit beschwingtem Jesus vorne im Chor fällt auf. Sonst betont nüchtern. Die Holzdecke stiftet Geborgenheit.

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Integrationsfaktor:

Spürbare Vereinzelung im Gottesdienst. Im Anschluss an die Messe lädt Pfarrer Steiner zur Fastensuppe ein, mit «verschiedenen Suppen, die sich zu übertreffen versuchen».

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Gesamterlebnis:

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