Manu Seitz wurde als Junge geboren, fühlt sich jedoch als Frau, wie sie im «Living Library»-Gespräch erklärt. (Bild: wia)
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Manu Seitz wurde als Junge geboren, fühlt sich jedoch als Frau, wie sie im «Living Library»-Gespräch erklärt. (Bild: wia)

«Die Gesellschaft mag halt ihre Schubladen»

7min Lesezeit

Wie hält es ein Transmensch aus, wenn er angefeindet wird? Schleifen Fahrende immer noch Messer? Und wie fühlt sich die russische Expat? Wir haben in Zug die Premiere einer «Living Library»-Veranstaltung genutzt und uns mit drei lebendigen Büchern unterhalten.

Manu und ich sitzen an einem kleinen Tisch in einem Winkel der Zuger Bibliothek und haben eine halbe Stunde Zeit, bis der Gong ertönt. Dann geht’s weiter, zum nächsten «lebendigen Buch», wie es die Veranstalter des Anlasses «Living Library» nennen. Nun sitzt mir also mein erstes «Buch» gegenüber. Manu ist 22-jährig, wuchs als Kind in einem munzigen Berner Dorf auf und fühlt sich seit ihrer Pubertät als nichtbinäre Frau (Menschen mit einer nichtbinären Identität streben geschlechtliche Neutralität an).

«Im Arbeitsalltag ziehe ich es vor, mit der weiblichen Form angesprochen zu werden. Auch, wenn ich diese Definitionen grundsätzlich für unnötig halte», sagt sie. «Warum heiss oder kalt? Warum kann nicht ‹lauwarm› mein aktuelles Endergebnis sein?» Sie überlegt kurz, trinkt einen Schluck und sagt lakonisch: «Die Gesellschaft mag halt ihre Schubladen.» Nur mag Manu diese Schubladen nicht.

«Meist hilft es, dass ich 1,83 m gross bin, auch mal laut werden kann und meist ziemlich selbstsicher auftrete.»

Manu Seitz, Transmensch

Manu bestätigt, dass sie zwischendurch auch in der Öffentlichkeit verbal angegriffen werde. «Da hilft es jedoch meist, dass ich 1,83 Meter gross bin, auch mal laut werden kann und meist ziemlich selbstsicher auftrete.» Überhaupt sei das alles viel leichter zu ertragen, sobald man wisse, was man wolle. «Dann macht dir das alles viel weniger Angst», erklärt Manu. Der Gong erklingt. Wir verabschieden uns. Und ich ziehe einen Tisch weiter.

Von Moskau nach Unterägeri

Ich lande bei Olga M., einer russischen Expat, die vor drei Jahren mit ihrem Mann von Russland nach Zug kam. Ihr Deutsch ist zwar durchaus verständlich, doch immer wieder wechselt sie während des Gesprächs ins Englische.

Wenn Bücher sprechen können

Im Rahmen der Aktionswoche gegen Rassismus veranstaltet die Bibliothek Zug zwei «Living Library»-Anlässe. Dabei können Menschen – wie Bücher – für eine halbe Stunde «ausgeliehen» werden. Für ein Gespräch. Die Events werden von der kantonalen Fachstelle Integration organisiert und sollen dabei helfen, eigene Vorurteile zu beseitigen. Haben Sie den Anlass verpasst? Am Samstag, 25. März, findet eine weitere «Living Library»-Veranstaltung statt. Mit dabei: eine Care-Migrantin, ein ehemaliger Sans-Papier, eine Muslima, eine Nonne, ein Sterbebegleiter und eine Thailänderin, die mit einem Schweizer verheiratet ist. Infos dazu finden Sie hier.

Ihr Mann arbeitet für einen russischen Rohstoffhändler und wurde vor drei Jahren nach Zug geholt. Olga arbeitete vor der Geburt ihres ersten Kindes beim selben Konzern, reiste in der Welt herum. Kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes wurde sie jedoch entlassen. Nun wohnt die Familie in Unterägeri, Olga ist mittlerweile Vollzeit-Hausfrau. «Ich möchte unbedingt wieder arbeiten», erklärt sie. Nur sei das ziemlich schwierig. «Auch das mit der Kinderbetreuung ist nicht ganz so einfach.»

«Die Zukunft? Die darf ich mir gar nicht zu genau vorstellen, sonst werde ich irr.»

Olga M., russische Expat

Wie sie sich denn ihre Zukunft vorstelle, will ich wissen. Und sie wird etwas unruhig. «Das darf ich mir gar nicht zu genau vorstellen, sonst werde ich irr», sagt sie. «Falls mein Mann entlassen wird, müssen wir zurück nach Russland. Ich kann mir zwar ein Leben überall vorstellen, bin diesbezüglich überhaupt nicht konservativ, doch meine Kinder möchten auf keinen Fall weg von hier.» Der Gong erklingt, weiter geht’s. Und ich setze mich an einen Tisch, an dem eine jenische Dame sitzt.

Die Russin Olga K. hat eine Matrjoschka-Puppe zum Gespräch mitgebracht.
Die Russin Olga K. hat eine Matrjoschka-Puppe zum Gespräch mitgebracht. (Bild: wia)

Im Wohnwagen wird man geboren, im Wohnwagen stirbt man

Etwas verlegen frage ich sie, wie ich mir das Leben einer Jenischen denn vorstellen müsse, weiss ich doch so gar wenig über dieses Volk. Und Jris Graf beschreibt das Leben der Fahrenden wie folgt: «Während des Winters sind wir an einem fixen Platz, im Sommer machen wir uns auf die Reise. Sobald die ersten Vögel singen, fangen die ersten Fahrenden bereits an zu packen, so eilig haben sie es, wieder auf die Strasse zu kommen.»

Graf sitzt im Verwaltungsrat der Interessengemeinschaft des fahrenden Volkes in der Schweiz. Und sie kennt nur das Leben als Fahrende. «Die meisten von uns werden im Wohnwagen geboren und sterben auch dort», sagt sie. Die Kinder besuchen während des Winters die Schule, im Sommerhalbjahr werden die Schulaufgaben vom Lehrer mitgegeben, alle zwei Wochen holen die Familie neue Aufgaben beim Lehrer. «Das klappt ganz gut. Als meine Kinder schulpflichtig waren, habe ich mich immer so über den Stoff informiert, dass ich helfen konnte. Und wenn nicht ich, dann weiss sicher jemand anders von uns Rat», sagt die 59-Jährige.

Nicht nur Scherenschleifer, auch Kaderangestellte

Auf den Wagenplätzen seien immer etwa dreissig Familien beieinander. Andere fahrende Völker wie etwa Roma oder Sinti treffe man auf diesen Plätzen hingegen kaum an. Das Klischee, dass alle Fahrenden Scherenschleifer und Pfannenflicker seien, stimme bei Weitem nicht mehr, erklärt Graf. «Wir haben bei uns Kaderfrauen, Leute, die bei der Spitex arbeiten, oder auch Ärzte. Erstere geht eher während der Ferienzeit auf Reise, die Spitex-Angestellte arbeitet von der Reise aus.

«Es ist zwar gut, wenn neues Blut reinkommt, doch heiraten wir wenn möglich jenisch.»

Jris Graf, Jenische

Und auch wenn sich das Leben der Jenische im Lauf der Zeit verändert, so sei es dennoch die Norm, dass man innerhalb der Gruppe heirate. «Mein Bruder hat zwar eine Sesshafte geheiratet und ist glücklich verheiratet. Es ist zwar gut, wenn neues Blut reinkommt, doch heiraten wir wenn möglich jenisch. Es ist uns wichtig, dass wir unsere Kultur weiterhin beibehalten können.»

Von wegen: «Lustig ist das Zigeunerleben»

Wie steht es denn heute um die Vorurteile gegenüber Fahrenden? «Das wurde etwas besser», sagt Graf. Und erklärt: «Seit mehr Ausländer in der Schweiz sind, sind nicht mehr wir die Bösen.» Ausserdem würden viele die Fahrenden der Schmarotzerei bezichtigen. «Man sagt, wir würden keine Steuern zahlen. Das stimmt aber gar nicht. Wir zahlen Steuern und AHV-Beiträge, ausserdem machen unsere Männer alle das Militär.» Das Lied «Lustig ist das Zigeunerleben» treffe ganz und gar nicht zu. Ich wundere mich, warum man denn nicht einfach sesshaft wird. Und Graf sagt: «Ganz einfach. Weil wir todunglücklich wären, wenn wir immer am gleichen Ort bleiben müssten.»

 

Jris Graf (links) ist mit ihrer Cousine und ihrer Tochter zum Anlass gekommen.
Jris Graf (links) ist mit ihrer Cousine und ihrer Tochter zum Anlass gekommen. (Bild: wia)

 

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