«Selten war ich so unsicher, ob ich hier rein darf»: Tür in die Pauluskirche. (Bild: Remo Wiegand)
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«Selten war ich so unsicher, ob ich hier rein darf»: Tür in die Pauluskirche. (Bild: Remo Wiegand)

Das Ritual mit der wunderlichen Wirkung

9min Lesezeit

Pfarrer Kaiser lädt zur Krankensalbung in die Luzerner Pauluskirche. Gibt es heute Wunderheilungen? Werden Lahme wieder gehen und Blinde wieder sehen? Unser Gottesdiensttester erlebt ein starkes Vorspiel und eine heilsame Enttäuschung.

Remo Wiegand

Bin ich krank? Na ja, ein bisschen. Ich habe Neurodermitis. Diesen Winter war es besonders schlimm. Ich bin 40, die Haut meiner Hände sieht gefühlte 20 Jahre älter aus.

Mein kleines Gebrechen gilt mir als Eintrittsticket in den Krankensalbungs-Gottesdienst in der Luzerner Pauluskirche. Selten war ich so unsicher, ob ich hier rein darf. Und ebenso neugierig. Die Krankensalbung ist ein Sakrament der katholischen Kirche, mit der junge und mittelalterliche Menschen kaum in Berührung kommen. Lange hiess sie auch «Letzte Ölung» und galt als Stärkung für Sterbende.

Harry-Potter-Heiligkeit

Es ist 15 Uhr in der Pauluskirche. Um diese Zeit finden sonst nur am Karfreitag-Gottesdienste statt. Draussen luftet ein Frühlingssturm. Die Kirche durchweht Melancholie und leichte Morbidität, der Jugendstilbau verströmt eine schaurige Harry-Potter-Heiligkeit. Der Zauberer heisst hier Leopold Kaiser, 70-jähriger Pfarrer im Vor- und Unruhestand. Der ehemalige Balletttänzer schwingt sich mit seinem Co-Priester und dem Sakristan in den Chor. Kaisers Präsenz: eindrücklich.

Der Gottesdienst

  • Ort: Pauluskirche Luzern
  • Zeit: 5. März, 15 Uhr
  • Länge: 1 Stunde 7 Minuten
  • Team: Pfarrer Leopold Kaiser, Priester Burkhard Zürcher, Sakristan Stefan Isler
  • Volk: ca. 90 Personen
  • Thema: «Satis est» (Es ist genug)

Das Kirchenvolk: Alte Menschen ja, aber auf den ersten Blick auch eher alltags- als todkrank. Da kann ich mithalten. Kaisers erste Worte kramen das Kranksein aus der Agglo des Lebens hervor und stellen es ins Zentrum: Kennen wir es nicht alle, dass «uns das eine oder andere Mal die Kraft zum Leben fehlt»? Ja, doch. Heute sind wir zusammengekommen, um «der Krankheit die Hand und die Stirn zu bieten». Sehr schön.

Krank ist okay

Kaiser kann Poesie, er kann Lehrer und er kann Latein. «Satis est», seufzt er in der frei gehaltenen Predigt stellvertretend für alle zeitweise Lebensmüden. Es ist genug! Wir hier hätten verstanden, dass wir nicht mehr in jeder Lebenslage ein «Mir geht es blendend!» heucheln müssten. Wir hier sind «nicht mehr in die Lüge hineinverstrickt, sondern auferstanden in die Ehrlichkeit». Eine wohlige Kuschelatmosphäre umhüllt uns Kranke. Einmal durchbricht sie Kaiser: «Schimpfen Sie nicht immer mit Ihrem Arzt!», fordert er neckisch von seinen Schäfchen. Gibt der gute Heiler denn nicht stets sein Bestes?

Der Krankheit die Hand bieten: Hände nach dem Krankensalbungs-Gottesdienst in der Luzerner Pauluskirche.
Der Krankheit die Hand bieten: Hände nach dem Krankensalbungs-Gottesdienst in der Luzerner Pauluskirche. (Bild: Remo Wiegand)

Jede zweite Reihe in der Pauluskirche ist mit Seilen abgesperrt. Nun erfahren wir, warum. Die eine Sitzreihe ist jeweils die Gasse, in der sich nun die zwei Priester zum Volk bewegen. Kann es sein, dass das Stammvolk genau weiss, dass Kaiser die linke Kirchenhälfte bedient? Zwei Drittel der Besucher stehen empfangsbereit dort. Kaiser schaut sie zärtlich an, während er die Salbung ausführt.

Zurückhaltung vs. Vereinnahmung

Unsere Kirchenhälfte wartet auf Burkhard Zürcher, den stillen Gegenpol Kaisers. Ist der Ortspfarrer immer zugewandt und festlich bis zur Vereinnahmung, besteht Zürchers Standing aus wackliger Zurückhaltung. Bei mir angekommen, flüstert der freundliche Herr: «Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei in der Kraft des Heiligen Geistes. Der Herr, der dich von deinen Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf.» Amen.

Die Pauluskirche in Luzern, sonntags um 15 Uhr.
Die Pauluskirche in Luzern, sonntags kurz nach der Messe. (Bild: Remo Wiegand)

Die Salbe auf Stirn und Hand riecht etwas penetrant. Ich weiss nicht so recht, ob ich jetzt hoffen soll, dass die Hautprobleme weggehen oder dass ich Juckreiz und Co. besser aushalte. Wie wäre die Krankensalbung gemeint? Im Evangelium ging es selbstredend um ein Heilungswunder Jesu. Die Theologie aber spricht von «Symbolhandlung», «Verbindung mit dem Leiden Christi» und davon, dass ein «magisches Verständnis der Salbung ausgeschlossen» sei. Ich bin leicht verwirrt. War ja auch mein erstes Mal.

Warum immer Eucharistie?

Definitiv nicht zum ersten Mal erlebe ich dann Eucharistie. Ketzerische Frage: Muss das noch sein? Die Spannung ist nach dem Salbungsritual draussen. Wieso gibt’s bei uns Katholiken eigentlich immer Kommunion? Kaum ein Gottesdienst vergeht ohne das Standardritual mit dem heiligen Brot. Alternativen wären vorhanden, Abwechslung täte gut. Man gewöhnt sich so sehr an die Eucharistie, dass man vergisst, was man isst. Das machen die evangelischen Christen besser: Abendmahl ist dort ein selteneres, dafür dann ein richtiges Fest.

Auch diese Hände wurden im Gottesdienst gesalbt.
Auch diese Hände wurden im Gottesdienst gesalbt. (Bild: Remo Wiegand)

Die Krankensalbung weckt meine kritische Distanz. Ist das bei mir die Instant-Wirkung der heiligen Salbung? Auf jeden Fall irritieren mich nun plötzlich diverse Dinge: Die Riesen-Hostie, die durch eine Lichtquelle aus dem Altar pathetisch angestrahlt wird. Die esoterische Klangschale, die bei der Wandlung ertönt. Überhaupt der wilde Kunst-Kitsch-Mix in der Pauluskirche, die der Tiefe dieses Raumes unnötig Konkurrenz macht.

Ich gehe nicht zur Kommunion, so bringt das grad nichts. Die Messe ist um, draussen ist es winterlich geworden. Meine Hände jucken. Ein bisschen Abkühlung wird mir gut tun. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen es ausserhalb der Kirche kein Heil gab.

Kurzbewertung (1 bis 5)

Predigt:

Viel Wissen, das leicht und bekömmlich präsentiert wird. Frei und auf Hochdeutsch gehalten.
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Persönlichkeit (Pfarrer Leopold Kaiser, Priester Burkhard Zürcher): 

Der quirlige Pfarrer kommt einem nahe – manchmal so nahe, dass man etwas Distanz braucht. Priester Zürcher wirkt im Gegensatz dazu eher scheu. Dafür hat er das farbigere Priestergewand und schöne, grosse Hände mit Sommersprossen (Altersflecken).
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Musik: 

Orgel mit Panflöte. Vor allem während der Krankensalbung zieht einen der sehnsuchtsvolle Panflöten-Klang in seinen Bann.
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Feierlichkeit: 

Eher zu viel als zu wenig. Ein Moment der Stille, um sich auf die Salbung einzustimmen, wäre wohltuend gewesen.
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Kirchenraum:

Tolle, leicht gespenstische Kirche. Eine fastenzeitliche Entrümpelung täte ihr gut.
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Integrationsfaktor: 

Pfarrer und Priester «haben’s gut miteinander», erfahren wir am Ende. Das ist schön. In den Kirchenbänken gibt’s kein Miteinander. Könnte man sich die Krankensalbung eigentlich auch gegenseitig spenden? Oder wäre das zu peinlich?
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Gesamterlebnis:
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