Rund um das Kulturzentrum Reitschule in Bern kommt es immer wieder zu massiven Ausschreitungen.
  (Bild: zVg)
Gesellschaft

Rund um das Kulturzentrum Reitschule in Bern kommt es immer wieder zu massiven Ausschreitungen.   (Bild: zVg)

In der Reitschule gibt's Randale – im Sedel kracht einzig die Musik

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Immer wieder liefern sich Linksautonome und Polizisten rund um die Reitschule Bern wilde Schlachten. Mit dem Sedel hat Luzern ein Kulturhaus, das seine Wurzeln ebenfalls in der Jugendbewegung der 80er-Jahre hat. Anders als in Bern gibt es im Sedel nie Radau. Das hat mit der abgelegenen Lage zu tun – aber nicht nur, sagen zwei Szenenkenner.

Nach der Räumung eines besetzten Hauses ist es in Bern im Gebiet um die Reithalle kürzlich zu wüsten Krawallen gekommen. Es ist nicht das erste Mal. Rund um das Kulturhaus «chlepft» es seit Jahren immer wieder aus.

Angezettelt werden die Auseinandersetzungen und Demonstrationen vorwiegend von der linksautonomen Szene, nicht selten beteiligen sich auswärtige «Krawallbrüder». Resultat: Brennende Container, Barrikaden, eingeschlagene Schaufenster, vermummte Linksautonome und Polizisten in Kampfmontur. Bern im Ausnahmezustand.

Bericht aus der Tagesschau zu den Ausschreitungen rund um die Reithalle am 26. Februar.

«Das ist extrem mühsam und wiederholt sich wirklich ständig», sagt eine Anwohnerin der Reitschule, die sich über die Ausschreitungen nervt. Sie ist damit nicht alleine. Die letzten Vorfälle werden derzeit hitzig diskutiert. Neu ist: Kritischen Voten kommen nicht mehr nur aus dem bürgerlichen Lager, auch linke Politiker sind zunehmend skeptisch. Alles in allem ist man in der Hauptstadt jedoch ratlos, wie mit der Problematik umzugehen ist. 

Hier die Einschätzung von zwei Fachleuten (Quelle: Echo der Zeit/SRF):

Keine Krawalle weit und breit

Ganz anders und geradezu idyllisch präsentiert sich die Situation im Sedel Luzern: Die Vöglein pfeifen auf dem Hügel über dem Rotsee, tagsüber trommelt es aus den 60 Proberäumen, die von mehr als 100 Musikerinnen und Musikern bespielt werden, und nachts wummern die Bässe friedlich und satt aus dem Club.

«Im Sedel ist die Stimmung wunderbar, weit und breit sind keine Konflikte in Sicht.»
Martin Gössi, Szenenkenner und ehemaliger Sedel-Abwart

«Es gibt nichts Negatives zu berichten: Im Sedel ist die Stimmung wunderbar, weit und breit sind keine Konflikte in Sicht», sagt Martin Gössi. Als Punk der ersten Stunde und Frontmann der Möped Lads kennt er den Sedel seit seinen Anfangszeiten in den frühen 80ern. Zudem war der heute 51-Jährige von 1989 bis 1993 Abwart im Musikhaus, zu dem das ehemalige Gefängnis 1981 umfunktioniert wurde.

Der Sedel liegt ab vom Schuss auf dem Hügel über dem Rotsee.
Der Sedel liegt ab vom Schuss auf dem Hügel über dem Rotsee. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Dezentrale Lage auf dem Hügel

Im Sedel gibt es keine Auseinandersetzungen wie in Bern. Da stellt sich die Frage: Was macht Bern falsch beziehungsweise was machen die Luzerner besser? «Die Ausgangslage der beiden Häuser ist komplett unterschiedlich, auch wenn sie aus der gleichen Bewegung hervorgegangen sind», sagt Gössi. Einer der Hauptgründe, dass es im Sedel so friedlich ist, hat vor allem mit der Lage etwas ausserhalb der Stadt zu tun. «In den Sedel kommen nur Leute, die entweder einen Übungsraum haben oder sich für ein Konzert interessieren.»

«Wäre der Sedel direkt beim Bahnhof, würde es auch in Luzern anders aussehen.»
Boris Rossi

Die Reithalle in Bern hingegen ist mitten im Kuchen und mit ihrer besprayten und wilden Fassade nicht nur eine Provokation für viele Bürgerliche, sondern auch ein Magnet für unterschiedlichste Gruppierungen aus der linken Szene, die ihre Interessen und Ansprüche bekunden. «Es ist völlig logisch, dass an diesem Hotspot gesellschaftliche und soziale Probleme sichtbar werden und teils aufeinandertreffen», sagt Gössi. Das sieht auch Boris Rossi, Sedel-Wirt und Koordinator so: «Wäre der Sedel direkt beim Bahnhof, würde es auch in Luzern anders aussehen.»

Rund um die Reitschule bei der Schützenmatte in Bern kommt es immer wieder zu teils heftigen Auseinandersetzungen.
Rund um die Reitschule bei der Schützenmatte in Bern kommt es immer wieder zu teils heftigen Auseinandersetzungen. (Bild: Sam Buchli)

Keine Politik im Musikhaus

Nebst der Lage ortet Martin Gössi einen weiteren wichtigen Unterschied der zwei Häuser in einer klaren Ansage der Sedel-Leute, die bis heute gilt: «Keine Politik! Im Sedel ging es von Anfang an einzig um Musik.» Zwar stehen Punk und Rock ebenfalls für eine alternative Gesellschafts- und Lebensform. Aber anders als in Bern wurde das nie ausgeschlachtet. Im Sedel gab und gibt es keine politischen Arbeitsgruppen, die grossangelegte Aktionen planen.

«Hier sind individuelle Macher am Werk, die auch mal ein Konzert auf die Beine stellen. In der Reithalle hingegen gibt es mehrere basisdemokratische Interessengruppen, die sich für Sachen wie Klassenkampf oder Antikapitalismus einsetzen», sagt Gössi.

Ganz apolitisch geht es allerdings auch im Sedel nicht zu und her: Sowohl das Konzerthaus Schüür als auch die Boa-Nova hatten ihren Ursprung im Kulturhaus auf dem Hügel, in den 90er-Jahren gab es Auseinandersetzungen mit der rechten Szene. «Das zeigt, dass der Sedel unterschwellig schon politisch ist», sagt Rossi. «Linke Ideen und Aktivisten hatten und haben hier Platz, aber die Szene ist viel kleiner als in Bern.»

Züri brännt, Lozärn nöd

Auch die Entstehungsgeschichte unterscheidet sich, das zeigt ein Blick zurück. Reithalle, Sedel und Rote Fabrik haben ihre Wurzeln alle in der gleichen Bewegung. Sie gehören zu jenen autonomen Jugendhäusern, die Anfang der 80er-Jahre aus dem Boden geschossen sind und bis heute überstanden haben. Zwar mit unterschiedlichen Ausrichtungen, aber einer grossen Gemeinsamkeit: Sie sind wichtige Räume für Alternativkultur und nicht mehr wegzudenken. Erobert wurden sie von jungen Leuten, die nach Freiraum und Freiheit dürsteten. Dabei flogen die Fetzen und es ging zünftig die Post ab.

Eines von zahllosen Videos zu «Züri brännt» aus dem Jahr 1980:


Luzerner Politik in Angst und Schrecken

Profitiert von den teils gewalttätigen Auseinandersetzungen in Zürich (AJZ) und Bern (Zaffaraya) hat man in Luzern. «Hier war die Behörde netter oder schlauer oder hinterhältiger: Sie schenkte der Jugend ein Gefängnis, das als solches ausgedient hatte», schrieb Erika Keil im Sedel-Buch. Zwar gab es auch hier eine Jugendbewegung, die Freiraum forderte – allerdings etwas verzögert zu den grossen Städten. Das reichte aus, um die hiesige Politik in Schrecken zu versetzen: Man hatte gesehen, was da alles in die Brüche gehen kann, und wollte ein gleiches Szenario in Luzern verhindern.

«Punks hatten fast überall Lokalverbot und wurden in der Altstadt regelmässig von der Polizei eingesammelt.»
Martin Gössi

Darum gab man sich kompromissbereit, als die Forderungen nach einem Ersatz für das 1980 abgebrannte «Kriegerhaus» laut und lauter wurden. Dort hatten 13 Bands ihre Proberäume und die waren nach dem Brand obdachlos. Auch die Punk-Szene organisierte sich und trieb die Lösung für Raumprobleme voran. «Damals gab es für Punks kaum Treffpunkte», erzählt Martin Gössi. «Punks hatten fast überall Lokalverbot und wurden in der Altstadt regelmässig von der Polizei eingesammelt.»

«Zudem hatte man das Bedürfnis, laute Musik zu machen, und da war eben kein bezahlbarer Raum vorhanden.» Darum sollte der Sedel her. Als Musikhaus mit Proberäumen und Treffpunkt für die Szene. Der Kanton hatte für das ehemalige Gefängnis jedoch andere Pläne und lehnte ab.

«... sonst sehen wir uns in der Altstadt die Schaufenster genauer an!»
Flyer-Text zur Demoankündigung 1981

Um Druck auf die Behörden zu machen, wurde von der Musikszene, die sich unterdessen in einem Verein formiert hatte, eine Kundgebung angekündigt. Der Flyer hatte es in sich, denn da stand: «... sonst sehen wir uns in der Altstadt die Schaufenster genauer an!». Die Kampfansage jagte den Behörden einen solchen Schrecken ein, dass in kurzer Zeit ein Kompromiss auf dem Tisch lag: Stadt und Kanton erklärten sich bereit, einen Teil des Sedels zur Verfügung zu stellen. Aus der Kundgebung wurde eine Art Dankes-Fest und am 15. April 1981 hatte die Musik- und Punkszene das, was sie wollte: Den Schlüssel im Sack für den Sedel.

Unzählige Musikerinnen und Bands sind im Sedel gross geworden. So wie Vera Kaa 1983. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
Unzählige Musikerinnen und Bands sind im Sedel gross geworden. So wie Vera Kaa 1983. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Abwart als Hausvater

Der Sedel schaffte es, anders als damals das AJZ in Zürich oder das Zaffaraya in Bern, sich Strukturen zu geben. Die Interessengemeinschaft Luzerner Musiker (ILM) wurde gegründet und dessen Vorstand vertritt bis heute die Interessen gegenüber den Behörden. Clever war auch eine andere Idee: Ausgerechnet die wilden Punks setzten auf ein Sinnbild der Biederkeit: Einen Abwart. Dass nicht ein Bünzli durch die Gänge schlurfte und für Ordnung sorgte, versteht sich von selbst – aber die Funktion des Abwarts wurde dennoch wahrgenommen.

«Eine durchstrukturierte Institution sind wir nicht: Der Sedel bleibt unangepasst.»
Boris Rossi, Sedel-Wirt und Koordinator

Den Anfang machte Werni Heller, der diesen Posten für das Haus überhaupt erfunden hatte. Das war 1981 bis 1983. Seither haben Dutzende Abwarte – darunter auch der legendäre Hösli, der Sänger Urs Knüsel oder Hannibal, der Drummer der Kultpunkband Crazy – dafür gesorgt, dass es im Sedel rund läuft. «Eine durchstrukturierte Institution wie die Rote Fabrik sind wir jedoch nicht. Und das ist gut so: Der Sedel bleibt unangepasst», sagt Rossi und verortet das Musikhaus in der Mitte zwischen Reithalle und Roter Fabrik.  

Martin Gössi ist Frontmann der Band Möped Lads und war von 1989 bis 1993 Sedel-Abwart.
Martin Gössi ist Frontmann der Band Möped Lads und war von 1989 bis 1993 Sedel-Abwart. (Bild: Christine Weber)

Solidarisch mit der Reithalle

Dezentrale Lage, keine Politik und einfache Strukturen sind also Gründe, wieso es im Luzerner Sedel friedlich zu- und hergeht. Dass die Reitschule in Bern andere Voraussetzungen hat, leuchtet ein. Inhaltlich und von der Haltung hat man jedoch eine ähnliche Ausrichtung. Im Sedel ist man denn auch solidarisch mit den Betreibern der Reithalle und schaut genau, was abgeht. 

Eine Lösung für die gewalttätigen Auseinandersetzungen, die dort vorwiegend auf dem Vorplatz der Reitschule stattfinden, hat jedoch auch Martin Gössi nicht. «Es ist zu einfach zu sagen: Sie sollten sich mehr abgrenzen. Nur wie? Und von was genau? Das ist kaum möglich», sagt Gössi. «Die Reithalle ist ja auch nicht verantwortlich für alle Probleme – von Wohnungsnot bis zur Drogenszene –, die es in der Stadt Bern gibt», sagt auch Rossi. 

Sonnenklar ist hingegen für beide, dass die Reitschule eine einmalige Sache ist und auf jeden Fall erhalten bleiben soll. «Die Reithalle ist in der Schweiz einer der wichtigsten Orte für Alternativkultur. Dass dies kein Auslaufmodell ist, zeigt ja schon die Frequentierung ganz klar auf.»

Und hier geht es zu einem Kurzporträt des Sedels von Thomas Gibbons:

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