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Al Imfeld – Erotische Gedichte zum Abschied

6min Lesezeit

Mitte Februar wurde Al Imfeld beerdigt. Von einer «engherzigen Abdankung» ist die Rede. Von «Beweihräucherung» seiner Person in den sozialen Medien. Was sicher ist: Al Imfeld provoziert weiterhin – auch mit seinem letzten Buch, das nur wenige Tage vor seinem Tod erschienen ist.

Theologie und Gassenarbeit – diese zwei Dinge gehen oft Hand in Hand. Doch wie passen erotische Gedichte dazu? Bei Al Imfeld taten sie das. 

 

SIE
kam zu mir
schloss mich mit dem Handtuch
ins bitterkalte Nass
«komm mit mir
in den dunklen Wald»
gefolgt von einem Zungenkuss
und war weg

Erotische Gedichte aus dem Alltag eines Gassenarbeiters

Der Luzerner Theologe, Publizist und Gassenarbeiter hat lange mit Prostituierten – vor allem aus Afrika – gearbeitet. Ab 1976 war Imfeld im Zürcher Langstrassenquartier tätig. Ganze drei Jahrzehnte lang. Seine erotischen Gedichte wurden dabei zu einer Form von Reflexion. Eine Auswahl dieser Gedichte ist nun, als letztes Werk von Al Imfeld, im Offizin Verlag erschienen. «Ich habe mich ein Leben lang mit Sexualität und Erotik auseinandergesetzt», schrieb Imfeld als ersten Satz im Vorwort seines Buches. «Ich habe versucht, Szenen in Worten festzuhalten.» Szenen aus dem Alltag der Prostituierten und ihrer Freier. «Die Gesellschaft im Grossen und Ganzen meint, das darf ein Schreibender nicht; darüber schweigt er, davon spricht man nicht.» Nicht so Al Imfeld – offensichtlich.

Ein Querdenker und Netzwerker sei Imfeld gewesen, sagen seine Bewunderer. Ein schwarzes Schaf war er unter seinen Kirchenbrüdern – nicht erst seit seiner Exkommunikation. Seine Arbeit auf der Gasse, mit den Prostituierten und sein Umgang mit ihnen gefiel nicht allen. «Auch wenn es nicht leicht war, ich habe Ehrfurcht und Scham nie verloren; ich hatte einen grossen Respekt vor ihrer schwierigen Arbeit, die sehr oft sogar von Behörden hämisch und verhöhnend betrachtet wurde», sagte Imfeld selbst.

Nur wenige Tage vor seinem Tod am 14. Februar 2017 ist «Po-Po-Poesie» erschienen. Imfeld – in Luzern aufgewachsen – wurde 82 Jahre alt. Er hat die Veröffentlichung seiner Gedichte noch erlebt – nicht so Werner Schmid, der Künstler, welcher die Illustrationen zu Imfelds Gedichtband beitrug. Er verstarb im Spätherbst 2016.

im Nightclub

mit dem roten dünnen
String am schwarzen Körper
wie ein Festgeschenk
verschnürt

sie lüftet den String
schwingt ihn
er wird zur Geissel
kommt von der Bühne
und macht Männer blind

Abschied genommen wurde von Al Imfeld in der Schweizer Presse und den sozialen Medien mit vielen Worten.

Der Autor Pirmin Meier schrieb in seinem Nachruf: «Mit Alois Johannes Imfeld hat die christliche und – nicht zu vergessen – auch die nicht-christ­liche Schweiz den wohl eigen­willigsten und weltläufigsten Gottesmann der Gegenwart verloren. Er war – als Priester, Autor und engagierter Publizist – mutmasslich ein Jahrhundertmensch und in seinem Profil durch niemanden zu ersetzen.» Und Meier schliesst mit den Worten: «Darüber hinaus aber gilt, selbst wenn er kein Heiliger war: ecce homo – welch ein Mensch!»

Auch der Redaktionsleiter des Kulturmagazins 041 Ivan Schnyder aka Pablo Haller nimmt mit ein paar Worten Abschied von Imfeld:

Andere kritisieren die lobenden Nachrufe, die Al Imfeld nach seinem Tod beschreiben. Der Luzerner SVP-Kantonsrat Pirmin Müller zum Beispiel teilte auf Facebook die sehr kritischen Abschiedsworte von Weltwoche-Redakteur Alex Baur über Imfeld:

Eine «engherzige» Abdankung

Delf Bucher, Historiker und Blogger in unserem Damals-Blog, nahm nach der Abdankung von Imfeld die gespaltene Stimmung ebenfalls in seinem Artikel auf. «Mehr als 200 Menschen aus Kultur, Hilfswerken und Politik nahmen in Immensee Abschied vom Schriftsteller und Visionär Al Imfeld. Die Abdankung war nicht frei von Nebengeräuschen», beschreibt er die Abschiedsfeier.

Es sei deutlich spürbar gewesen: «Auch im Tode haben sich einige der noch lebenden Missionsbrüder mit dem verlorenen Sohn nicht versöhnen können. Schon die Trauerzirkulare in den Korridoren des Missionshauses kündeten davon.» Dort habe man lesen können: «Als unorthodox Denkender legte er sich nicht nur bei einigen seiner Mitbrüder an.»

Ein weit gespanntes Spektrum von Menschen habe man aber bei seiner Beerdigung angetroffen: «Agnostische Kulturschaffende, Drittweltbewegte, Hilfswerkvertreter, Publizisten, Journalisten und Zürcher Freunde. Hier wurde nochmals klar: Al Imfeld war ein grosser Netzwerker, der an seinem Küchentisch in der Konradstrasse 23 in Zürich bis zum Schluss die unterschiedlichsten Milieus miteinander ins Gespräch brachte.»

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