Die Fachklasse Grafik ist an der Rössligasse 12 in der Altstadt untergebracht. (Bild: jwy)
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Die Fachklasse Grafik ist an der Rössligasse 12 in der Altstadt untergebracht. (Bild: jwy)

Fachklasse Grafik: Zukunft schon wieder ungewiss

7min Lesezeit

Nach heftigen Protesten wurde die Fachklasse Grafik 2015 gerettet. Der Kanton fasste damals den Auftrag, Alternativen zur Finanzierung zu prüfen. Doch nun zeigt sich: Niemand kann in die Bresche springen. Und die Branchenverbände halten eine Idee der Regierung für unrealistisch.

Sie wurde zum Sinnbild der Sparwut und der Empörung der Bevölkerung: die renommierte Luzerner Fachklasse Grafik. 2015 hagelte es Proteste und zahlreiche Unterschriften, als der Regierungsrat sie aufgeben wollte. Der Ausgang ist bekannt: Die Schliessung wurde abgewendet, die Grafiker konnten aufatmen (zentralplus berichtete). Zumindest vorerst.

Denn zugleich hatte der Kantonsrat beschlossen, dass mit Branchenverbänden nach anderen Möglichkeiten gesucht werden soll. Konkret ging es um die Frage: Können andere Geldgeber oder gar eine neue Trägerschaft gefunden werden? Und kann die Branche nicht selber mehr Grafiker ausbilden?

Branche erachtet es als Kantonsaufgabe

Nun zeigt sich: Eine alternative Finanzierung und Trägerschaft für die Fachklasse Grafik zu finden, gestaltet sich schwieriger, als manch einer gedacht haben dürfte. Denn die Mittel der zwei nationalen Verbände – Schweizer Grafiker Verband (SGV) und Swiss Graphic Designers (SGD) – sind beschränkt.

«Wir können eine solche Schule nicht stemmen – und es ist auch nicht unsere Aufgabe.»

Susann Mäusli, Geschäftsführerin Schweizer Grafiker Verband

Angesprochen auf eine mögliche Trägerschaft durch den Verband, sagt SGV-Geschäftsführerin Susann Mäusli klar: «Wir können eine solche Schule nicht stemmen – und es ist auch nicht unsere Aufgabe.» Ähnlich äussert sich Ursula Heilig, Präsidentin des Verbandes SGD. Dass die Branche die Fachklassen finanzieren oder als Trägerschaft auftreten könnte, hält sie für keine realistische Idee. Es sei letztlich der Entscheid jedes einzelnen Kantons, ob er den Wert einer Fachklasse Grafik anerkenne oder nicht – und sie entsprechend finanziere.

Geld für Luzern? Sicher nicht direkt

In Luzern ist die Botschaft angekommen. Der Regierungsrat räumt auf eine Anfrage aus dem Kantonsrat ein, dass den beiden Verbänden sowohl die Strukturen als auch das Geld für eine Trägerschaft fehle. Er setzt seine Hoffnungen deshalb in den nationalen Berufsbildungsfonds.

«Bei diesem Fonds geht es definitiv nicht um Luzern, sondern um ein nationales Projekt.»

Ursula Heilig, Präsidentin Swiss Graphic Designers

Ähnlich wie in anderen Branchen soll auch bei den Grafikern ein Topf geschaffen werden, in den die Betriebe je nach Kriterien unterschiedlich viel Geld einzahlen – das anschliessend der Berufsbildung zugute kommt (zentralplus berichtete). Mit einem solchen Fonds wäre eine «finanzielle Beteiligung an der Ausbildung möglich», hält der Regierungsrat in der am Dienstag publizierten Antwort auf die Anfrage fest.

Die Fachklasse Grafik

Kaum eine Ausbildungsstätte dürfte in Luzern so bekannt sein wie die Fachklasse Grafik. Die drohende Streichung 2015 machte sie über Nacht auch in bildungsfernen Kreisen bekannt. Die Schule hat internationales Renommee. Wer die Aufnahmeprüfung besteht, wird in vier Jahren zum Grafiker mit Berufsmatura ausgebildet. Einsteigen kann man direkt nach der obligatorischen Schulzeit, also ohne Matura.

Bei Swiss Graphic Designers klingt es etwas anders. «Bei diesem Fonds geht es definitiv nicht um Luzern, sondern um ein nationales Projekt», sagt SGD-Präsidentin Ursula Heilig. Die Aussage der Regierung, dass mit dem Fonds eine finanzielle Beteiligung an der Fachklasse Grafik möglich wäre, weist sie entsprechend klar zurück. «Wir finanzieren sicher nicht eine einzelne Fachklasse aus dem Fonds», sagt die Verbandspräsidentin.

Die Beiträge müssten schweizweit allen Betrieben der Branche zugute kommen – beispielweise für die Finanzierung von Lehrmitteln, das Lehrstellenmarketing oder die Weiterbildung. Wie viel Geld dereinst tatsächlich in den Fonds fliesst und wofür es verwendet wird, ist aber noch nicht öffentlich.

Klar ist aber bereits jetzt: Ein direkter Beitrag für die Luzerner Fachklasse Grafik hätte laut Heilig keine Rechtfertigung und käme bei den Berufsbildnern und übrigen Fachklassen schlecht an. Man könne sich höchstens überlegen, die überbetrieblichen Kurse mitzufinanzieren – was den Schulen auch zugute käme. «So könnte Luzern davon profitieren – genauso wie die restlichen Grafik-Fachklassen in der Schweiz», sagt Mäusli. 

Im letzten November: Protest für die Fachklasse Grafik in der Luzerner Bahnhofstrasse.
An der Luzerner Bahnhofstrasse wurde im Herbst 2015 für die Fachklasse Grafik gekämpft. (Bild: zVg)

Sowieso: Bis ein solcher Fonds Geld ausschüttet, dauert es noch mehrere Jahre. Denn dazu braucht es einerseits die Zustimmung der Betriebe, andererseits eine Bewilligung durch den Bundesrat. Diesen Frühling werden die Mitglieder des SGD den Entwurf für den Fonds diskutieren, der SGV hat ihn bereits gutgeheissen. Anschliessend muss sich der Bund damit befassen. Heilig rechnet mit rund fünf Jahren, bis der Fonds tatsächlich abgesegnet und Geld vorhanden ist.

Idee vom Tisch? Nicht beim Kanton

In Luzern hält man trotzdem an der Fonds-Idee fest. Das hat auch mit den fehlenden Alternativen zu tun. «Nebst den Branchenorganisationen und dem Staat gibt es keine Körperschaft, die auf Sek-II-Stufe sinnvollerweise Verantwortung für eine solche Ausbildung übernehmen kann», sagt Christof Spöring, Leiter Dienststelle Berufs- und Weiterbildung.

«Wir gehen nicht davon aus, dass das scheitert.»

Christof Spöring, Leiter Dienststelle Berufs- und Weiterbildung

Doch was bedeutet es für die Zukunft der Fachklasse Grafik, wenn keine alternative Finanzierung und Trägerschaft zustande kommt? Beim Kanton will man keineswegs den Teufel an die Wand malen und bleibt optimistisch: «Wir gehen nicht davon aus, dass das scheitert», sagt Spöring.

Grafikbüros bilden kaum aus

Um die Fachklasse Grafik zu entlasten, gibt es noch einen anderen Weg: zusätzliche Lehrstellen. Würden die Betriebe mehr Grafiker ausbilden, könnte man bei der Fachklasse zurückfahren, so der Grundgedanke. Dass sich die Branche darum bemüht, mehr Lehrbetriebe zu gewinnen, bestätigt Ursula Heilig. Doch das Ergebnis lässt zu wünschen übrig. «Wir haben rund 80 Betriebe in der ganzen Zentralschweiz persönlich zu einer Infoveranstaltung eingeladen – aber bis auf zwei, drei ist niemand gekommen», sagt sie ernüchtert.

«Der Verband kann nichts machen. Junge Berufsleute auszubilden, ist freiwillig.»

Ursula Heilig, Präsidentin Swiss Graphic Designers

Trotzdem konnten im laufenden Jahr laut Kanton zwei neue Lehrstellen geschaffen werden, für das kommende voraussichtlich eine weitere. Das ist angesichts der insgesamt nur acht Grafiker-Lehrstellen im Kanton Luzern beachtlich. Anders als in Zürich mit den grossen Werbeagenturen ist es für die tendenziell kleinen Grafikbüros der Zentralschweiz schwieriger, Grafiker auszubilden.

Das weiss man auch beim Kanton: Es gebe in Luzern viele Kleinstbetriebe, die nicht in einem Verband organisiert sind – und nicht das personelle oder finanzielle Potential hätten, um eine Grafikerlehre vollumfänglich durchzuführen, so Spöring von der zuständigen Dienststelle. Beim SGD verweist man auf den fehlenden Einfluss seitens der Branche. Der Verband könne da nichts machen, «junge Berufsleute auszubilden, ist freiwillig», so Ursula Heilig.

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