Joachim Eder gab einen sehr persönlichen Einblick in sein Engagement für die Wiedergutmachung in Bundesbern. In der Hand hält er eine Neujahrskarte von Simonetta Sommaruga. (Bild: mbe)
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Joachim Eder gab einen sehr persönlichen Einblick in sein Engagement für die Wiedergutmachung in Bundesbern. In der Hand hält er eine Neujahrskarte von Simonetta Sommaruga. (Bild: mbe)

«Der Kanton soll mir nicht kommen, er habe kein Geld»

8min Lesezeit

In der Regel vertritt ein Ständerat seinen Kanton in Bern. Nun aber gehen die Forderungen in die andere Richtung. FDP-Ständerat Joachim Eder verlangt von seinem Heimatkanton Geld für frühere Heim- und Verdingkinder. Zuvor habe er auch den Bundesrat, Bauern und die SVP ins Boot geholt.

An der First-Friday-Veranstaltung «Versorgt, verwahrt, verdingt» in der Bibliothek Zug Zug wurde ein historischer Überblick sowie ein politischer Einblick in die Debatte rund um das Thema der Verdingkinder geboten. Referenten waren René Stalder, Dozent und Projektleiter Hochschule Luzern im Bereich soziale Arbeit sowie Joachim Eder, Zuger FDP-Ständerat aus Unterägeri und Mitglied des Kern-Komitees der Wiedergutmachungsinitiative.

Stalder gab einen eindrücklichen und zuweilen erschütternden Überblick über die Leiden der Opfer, die seit dem 1. Januar 2017 Anrecht auf eine finanzielle Genugtuung haben (zentralplus berichtete).

Es ist noch nicht so lange her, als Kinder in der Innerschweiz wie Vieh – oder eher Sklaven – behandelt wurden. «Luzerner Bauern aus dem Hinterland kamen nach Rathausen und suchten sich dort wie auf einem Markt Kinder aus», erklärte Stalder. Zur Illustration zeigte er ein Foto, auf dem ein Bauer einem Mädchen den Mund öffnet, um dessen Zähne zu begutachten.

Verdingkinder gab es bis 1960

So lange liegt die staatliche Willkür gar nicht zurück: «Verdingkinder» gab es laut dem HSLU-Professor bis 1960, den Fahrenden wurden sogar bis 1972 noch die Kinder weggenommen. Dazu kamen die fremdplatzierten Heimkinder. Und ebenso Kinder, die man ohne ihr Einverständnis sterilisierte oder kastrierte, weil man ihre Fortpflanzung verhindern wollte.

«Der Kanton Luzern hat seine Heimgeschichte aufgearbeitet und sich offiziell bei den Opfern entschuldigt.»
Professor René Stalder, Hochschule Luzern – Soziale Arbeit

Laut René Stalder ging es bei den staatlichen Massnahmen um die Durchsetzung bürgerlicher Vorstellungen von Familienleben und Hygiene. Wer nicht den Normen entsprach, oft aufgrund von Armut, galt rasch einmal als «verwahrlost». Kinder wurden den Eltern von Behörden weggenommen. Wer sich auflehnte, wurde bestraft.

Der Kanton Luzern hat sein düsteres Kapitel aufgearbeitet …

Im Kanton Luzern gab es besonders viele von Nonnen und Priestern geführte Heime. Im Zug der Diskussionen um die Wiedergutmachungsinitiative geschah dann Folgendes: «Der Kanton Luzern hat seine Heimgeschichte aufgearbeitet und sich offiziell bei den Opfern entschuldigt», hob der Professor hervor. Stalder verwies auf den wissenschaftlichen Bericht von 2012 über die Kinderheime im Kanton Luzern im Zeitraum 1930 bis 1970.

«Ich finde es wichtig, dass der Kanton zu seiner Verantwortung steht. Man kann damit nicht aus der Welt schaffen, was passiert ist. Aber man kann das Bewusstsein schaffen, dass das nicht mehr passiert», sagte René Stalder.

Versorgt, verwahrt, verdingt: Betroffene auf dem Bundesplatz. Stehend, im blauen Anzug, Guido Fluri aus Cham; im Hintergrund der Zuger Ständerat Joachim Eder.
«Versorgt, verwahrt, verdingt»: Betroffene auf dem Bundesplatz. Stehend, im blauen Anzug, Guido Fluri aus Cham; im Hintergrund der Zuger Ständerat Joachim Eder.

… der Kanton Zug noch nicht

Der Zuger FDP-Ständerat Joachim Eder wünscht sich eine wissenschaftliche Aufarbeitung, wie sie Luzern vorgemacht hat, auch für den Kanton Zug. «Doch die Zuger Regierung ist noch nicht so weit», sagt Eder. Er sei auch im Regierungsrat gewesen und wolle seinen Nachfolgern nicht zu nahe treten. Aber er finde diese Vergangenheitsbewältigung wichtig.

Ausserdem wünsche er sich, dass Zug sich finanziell an den 300 Millionen Franken beteilige, welche Bund und Kantone zusammen aufbringen wollen. «Der Zuger Beitrag sollte meiner Meinung nicht aus dem Lotteriefonds entnommen werden. Er sollte ruhig Steuergelder enthalten», fand Joachim Eder. Der Kanton solle ihm nicht erzählen, dass er kein Geld dafür habe. Eder regte zudem an, dass Zuger Kantonsräte einen Vorstoss dazu machen könnten, um das Ganze voranzubringen.

Brief an FDP-Bundesräte geschrieben

Eder setzte sich als erster bürgerlicher Ständerat für die Wiedergutmachungsinitiative ein. Das sei kein Thema im Links-Rechts-Schema, sagte der ehemalige Gesundheitsdirektor und Lehrer. Die Leitung der nationalen FDP, erklärte Eder, habe ihm die Freiheit gegeben für sein ethisch-moralisches Engagement. Aber gleichzeitig klargemacht, dass er nicht mit (finanzieller) Unterstützung rechnen könne.

«Ich habe das erste und einzige Mal in meiner politischen Karriere Bundesräten einen Brief geschrieben.»
Joachim Eder, Zuger Ständerat

Zudem plauderte der Zuger Ständerat aus dem Nähkästchen und verriet, dass er den Bundesratsentscheid mit dem Gegenvorschlag über 300 Millionen Franken ein wenig beeinflusst habe. «Ich habe das erste Mal in meiner politischen Karriere Bundesräten einen Brief geschrieben», erzählte Eder. Er habe die zwei FDP-Vertreter Schneider-Ammann und Burkhalter gebeten, doch dem Kompromiss zuzustimmen – ansonsten auch dieser wohl gescheitert wäre.

Sommaruga habe sich gewundert, dass die Abstimmung positiv verlief. «Was hast du gemacht, fragte sie mich erstaunt.» Er habe aber auch die Bauern, welche am Anfang aus verständlichen Gründen ebenfalls nichts zu tun haben wollten mit der Wiedergutmachung, sowie die SVP, ins Boot geholt. Dort lief es über Kontakte zu Nationalräten wie Hansjörg Walter.

Ohne Guido Fluri keine Chance

Eder hob auch die Rolle des Chamers Guido Fluri hervor, der sich zuvorderst für die Wiedergutmachungsinitiative engagierte. Fluri war selbst oft in Heimen, heute ist er Unternehmer und Millionär. Ohne sein finanzielles und ideelles Engagement wäre die Wiedergutmachung nie zustande gekommen, waren sich Eder und auch René Stalder einig. Die Lobbyarbeit und die ganze Kampagne waren sehr professionell, kostete aber auch viel Geld. «Entscheidend war auch, dass es keine Kampagne gegen die Täter war», sagte der Ständerat.

«Behördenwillkür sollte es nicht geben, aber ich habe es anders erlebt.»
Eine Besucherin

An der Veranstaltung in der Bibliothek, die von rund 40 Personen besucht wurde, kam man auch auf die heutige Zeit – und insbesondere die KESB – zu sprechen, deren Entscheide immer wieder für Kritik sorgen. Eder meinte, jeder Fall sei persönlich und individuell zu betrachten. Doch es gebe heute keine Behördenwillkür mehr wie damals. Dem widersprach eine Besucherin. «Das sollte es nicht geben, aber ich habe es anders erlebt», sagte die Frau, deren Sohn im Gefängnis ist.

Wort Schadenersatz nicht verwenden

Ein Mann aus Steinhausen schilderte ein Problem mit seinem fürsorgerischen Freiheitsentzug in der psychiatrischen Klinik in Oberwil. «Kann ich jetzt auch einen Schadenersatz fordern?», wollte er von Joachim Eder wissen. Dieser riet ihm, dieses Wort lieber nicht zu benützen, sondern sich auf die «Wiedergutmachung» zu berufen und das Gespräch mit einer Person in der Gemeinde zu suchen.

Die Neujahrs-Karte von Justizministerin Simonetta Sommaruga wurde im Publikum herumgereicht.
Die Neujahrs-Karte von Justizministerin Simonetta Sommaruga wurde im Publikum herumgereicht.

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