Co-Präsident Urs Häner stellt im Sentitreff verschiedene Projekte vor.
 
  (Bild: giw)
Gesellschaft Immigration

Co-Präsident Urs Häner stellt im Sentitreff verschiedene Projekte vor.     (Bild: giw)

Der Sentitreff – die beste Medizin gegen Rassismus

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Die Albert-Koechlin-Stiftung würdigt die Arbeit des Sentitreffs mit dem diesjährigen Anerkennungspreis. Der Verein engagiert sich seit über 30 Jahren für die Integration der Menschen in Luzern. Das Erfolgsgeheimnis des Treffs: Zeit und Gemeinschaft.

Grosse Ehre für den Verein Sentitreff an der Baselstrasse: Er wird von der Albert-Koechlin-Stiftung mit dem Anerkennungspreis gewürdigt. Die Auszeichnung geht mit einem Preisgeld über 50’000 Franken einher (zentralplus berichtete).

1983 gegründet, engagiert sich der Verein seither für Menschen an der Baselstrasse, unter anderem für die Integration der zahlreichen Migranten, die im BaBeL-Quartier wohnen. Von einer Handvoll Freiwilligen ins Leben gerufen, hat sich der Verein in den vergangenen Jahren zum Pionier der Quartierarbeit mit 12 Mitarbeitenden entwickelt.

Die beiden Vertreterinnen des Vereins Sentitreff, Heidi Rast, Koordinatorin (zweite von links) und Co-Präsidentin Nadja R. Buser bei der Preisübergabe durch die Albert Koechlin Stiftung.
Die beiden Vertreterinnen des Vereins Sentitreff, Koordinatorin Heidi Rast (Zweite von links) und Co-Präsidentin Nadja R. Buser (Zweite von rechts) bei der Preisübergabe durch die Albert-Koechlin-Stiftung. (Bild: Roland Stalder)

Wertschätzung für das langjährige Engagement

60 Prozent der Baselstrasse-Bewohner haben keinen Schweizer Pass, aktuell leben über 70 Nationen entlang der Strasse. «Das BaBeL ist ein AAA-Quartier, hier leben überdurchschnittlich viele Arme, Ausländer, Arbeitslose», stellt Urs Häner, Co-Präsident des Vereins Sentitreff in nüchternem Ton fest. Häner kennt das BaBeL sehr gut, er lebt hier und führt seit Jahren Menschen als «UntergRundgänger» durch das Quartier (zentralplus berichtete).

«Dort, wo Menschen miteinander in Berührung kommen, werden Vorurteile über Bord geworfen.»

Urs Häner, Co-Präsident Verein Sentitreff

Der Sentitreff bemüht sich seit der Gründung um die Integration der Menschen an diesem multikulturellen Hotspot der Stadt. Häner freut sich sichtlich: «Der Preis ist eine Wertschätzung für das langjährige Engagement der rund 100 Freiwilligen und der 12 Mitarbeitenden.»

Unter Integration versteht Häner aber weit mehr als Migranten in die Schweizer Kultur einzuführen: «Wir fördern die Integration von Menschen aus verschiedenen sozialen Milieus, unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund.»

Für zahlreiche Menschen ist das Café International am Freitagnachmittag ein Ort für den Austausch und gemeinsames Lernen.
Für zahlreiche Menschen ist das Café International am Freitagnachmittag ein Ort für den Austausch und gemeinsames Lernen. (Bild: Archiv Sentitreff)

Integration durch Begegnung

Die Angebote des Sentitreffs richten sich daher an Schweizerinnen und Schweizer genauso wie an die Migrationsbevölkerung. Die Endung «Treff» ist dabei kein Zufall, sondern Programm: Der Sentitreff bietet zahlreiche Veranstaltungen, die alle etwas mit Austausch und Gemeinschaft zu tun haben: Zwei Mittagstische am Dienstag und am Donnerstag, am Freitagvormittag ein Café International, am Samstag ein «Quartierzmorgen». Am Mittwoch ist der Kindernachmittag, der im Winter im Sentitreff selbst und im Sommer im Dammgärtli stattfindet. Und einmal im Monat gibt es einen Planungsabend, der allen offen steht.

Häner betont: «Unsere Tür steht allen offen», und lädt uns ebenfalls zum nächsten Mittagstisch ein. Für Häner ist die beste Medizin gegen Vorurteile und Rassismus die Begegnung: «Dort wo Menschen miteinander in Berührung kommen, werden Vorurteile über Bord geworfen.»

«Es war damals ein Lottergebäude»

Die Baselstrasse ist seit jeher mit einem schlechten Ruf gestraft, und es liegt eine gewisse Ironie darin, dass just der Verein, der sich für deren Aufwertung einsetzt, im Siechenhaus des historischen Luzern Platz fand. Tatsächlich sind die Räumlichkeiten im Alten Sentispital eher Produkt des historischen Zufalls: «Die Colonia Libera Italiana hat uns in den 80er-Jahren das Gastrecht angeboten», erklärt Häner.

Der damalige Besitzer investierte keinen Rappen mehr in das Gebäude. Es bildet aber ein historisches Ensemble, und die Stadt kaufte die Immobilie – und schloss sie erst einmal aus Sicherheitsgründen. «Es war damals ein Lottergebäude», so Häner. Nach einer Renovationsphase zieht der Verein im Herbst 1989 in die Gemäuer ein. Seitdem teilt der Sentitreff die Räume mit der Colonia. «Da das Gebäude im Besitz der Stadt ist, haben wir hier eine langfristige Perspektive und können gut planen», so Häner.

Aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer an einem ungewohnten Ort – im Rahmen des Projekts «Generationen im Museum».
Aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer an einem ungewohnten Ort – im Rahmen des Projekts «Generationen im Museum» besuchen die Sentikids das Richard Wagner Museum (Bild: Archiv Sentitreff)

«We shall overcome» berührt Gesangsgrupppe

Der Verein organisiert pro Jahr zwischen 60 bis 70 Veranstaltungen – neben dem festen Wochenprogramm. Inwiefern der Sentitreff einen tatsächlichen Beitrag zur Integration leistet, erklärt Häner am Beispiel «offenes Singen»: «Viele unserer Stammbesucher waren das letzte Mal verhindert. Stattdessen kamen neun Afghanen, zwei Iraner und eine tamilische Frau.» Die Männer aus Afghanistan sprachen kaum Deutsch, trotzdem wurde schnell klar, dass sie nicht gemeinsam singen würden. Stattdessen erklärten sie, in Afghanistan sei es üblich, dass man einzeln ein Stück der Gruppe vortrage.

«Diese Auszeichnung freut uns natürlich sehr.»

Sibylle Stolz, Fachstelle Integration Stadt Luzern

«Wir haben das dann so probiert. Der Abend ist ganz anders als üblich verlaufen, war herausfordernd und zeitintensiv.» Als man dann zum Abschluss «We shall overcome» und «Die Gedanken sind frei» sang, habe das auch die Gruppe aus Afghanistan sehr berührt. «Die beiden Lieder drückten aus, weshalb sie in die Schweiz gekommen sind: für ein Leben in Freiheit.»

Urs Häner, langjähriger Co-Präsident des Sentitreff, im Interview mit zentralplus.
Urs Häner, langjähriger Co-Präsident des Sentitreff, im Interview mit zentralplus. (Bild: giw)

«Der Anerkennungspreis ist auch eine Bestätigung für unsere Arbeit.»

Die Stadt Luzern unterstützt die Arbeit des Vereins, sie erhöhte den Beitrag an den Sentitreff im Rahmen der Leistungsvereinbarung jüngst um 15’000 auf 95’000 Franken, die Katholische Kirche zahlt einen jährlichen Beitrag von 70’000, weiter sind der Kanton und weitere Organisationen beteiligt. Weil an der Baselstrasse viele Menschen ohne Schweizerpass leben, erhält der Sentitreff von der Stadt einen Beitrag für seine Integrationsarbeit.

«Der Sentitreff bietet Menschen, die neu hier leben, einen Platz zum Sein.»

Sibylle Stolz, Fachstelle Integration Stadt Luzern

Sibylle Stolz von der Fachstelle Integration der Stadt Luzern ist verantwortlich für die Leistungsvereinbarung mit dem Sentitreff und arbeitet eng mit dem Verein zusammen. «Diese Auszeichnung freut uns natürlich sehr. Der Sentitreff ist ein wichtiger Akteur, insbesondere in der Integrationsarbeit mit Kindern und Eltern», so Stolz. Die Fachstelle Integration hat unter anderem die Aufgabe, Integrationsprojekte von Dritten in Luzern zu unterstützen und zu fördern. «Der Anerkennungspreis ist auch eine Bestätigung für unsere Arbeit.»

Grosse Kontinuität bewährt sich

Stolz gibt zu bedenken, dass die Baselstrasse immer ein belastetes Quartier bleibe, das liege unter anderem am Verkehr, aber auch an der schattigen Lage. «Der Sentitreff bietet Menschen, die neu hier leben, einen Platz zum Sein.»

«Freiwilligenarbeit ist quasi ein Supplément: Erst, wenn daheim die grundlegenden Probleme gelöst sind, hat man Freiräume dafür.»

Urs Häner, Co-Präsident Sentitreff

Die Albert-Koechlin-Stiftung hat den Sentitreff ausgewählt, weil er seit über 30 Jahren einen wichtigen Beitrag zur Integration der einheimischen und ausländischen Bevölkerung in die lokale Gemeinschaft leistet. Weiter schreibt die Stiftung: «Für sehr viele Menschen ist der Sentitreff ein Ort der Heimat.»

Laut Stolz sei die Arbeit des Sentitreffs deshalb so wichtig, weil er eine hohe Kontinuität biete: «Das langjährige Engagement in Kombination mit den regelmässig neuen Impulsen ist äusserst wertvoll für die Integrationsarbeit.» Das bleibt nicht ohne Folgen: «Der Sentitreff ist der einzige Quartiertreff, der mit der Stadt eine Leistungsvereinbarung hat.»

«Wir sind keine politische Organisation»

Trotzdem ist nicht alles rosig. Der Kanton und die Stadt müssen sparen, auch bei der Quartierarbeit und der Integration. Das ist Häner ein Dorn im Auge. Er ärgert sich über die Sparmassnahmen bei der Quartierarbeit, gegen die er sich gemeinsam mit anderen Quartierorganisationen und den linken Parteien per Referendum stark gemacht hat (zentralplus berichtete). «Wir sind keine politische Organisation, aber wenn es die Quartiere betrifft, engagieren wir uns», erklärt Häner. 

Das freiwillige Engagement erachtet Häner nicht als Selbstverständlichkeit: «Wir sind hier nicht im Wesmelin oder Bellerive-Quartier. Viele Menschen arbeiten im Niedriglohn-Sektor und sind damit beschäftigt, genug Geld zusammenzubekommen, um den Alltag zu bestreiten. Freiwilligenarbeit ist quasi ein Supplément: Erst, wenn daheim die grundlegenden Probleme gelöst sind, hat man Freiräume dafür. Es ist deshalb doppelt schön, wenn Menschen kommen und mithelfen oder unsere Angebote nutzen.»

Der Kindernachmittag im Sentitreff findet jeden Mittwochnachmittag statt.
Der Kindernachmittag im Sentitreff findet jeden Mittwochnachmittag statt. (Bild: Archiv Sentitreff)

Häner wünscht sich buntes Quartier

Während die Megatrends des 21. Jahrhunderts, Individualismus und Ökonomisierung, die ganze Gesellschaft durchdringen, wirkt das vielseitige und niederschwellige Angebot des Sentitreffs beinahe aus einem anderen Zeitalter. Ist die Freiwiligenarbeit und die davon abhängige Vereinsarbeit nicht zum Aussterben verdammt? «Auf keinen Fall. Ich denke unsere Arbeit ist umso wichtiger in diesen Zeiten. Die Menschen sehnen sich nach Gemeinschaft und Geborgenheit», so Häner.

«Das letzte aktive Gründungsmitglied ist nun 70 Jahre alt, ich selbst bin 60 geworden. Jetzt müssen die Jungen ran.»

Urs Häner, Co-Präsident Sentitreff

«Die 21’000 Fahrten pro Tag sind mehr als genug»

Und wie sieht die Zukunft des Vereins aus? «Das nächste grosse Projekt für den Sentitreff heisst Generationenwechsel», so Häner. Er möchte seinen Posten in naher Zukunft übergeben. «Das letzte aktive Gründungsmitglied ist nun 70 Jahre alt, ich selbst bin 60 geworden. Jetzt müssen die Jungen ran.»

Der ruhige und bedachte Häner wünscht sich für die Zukunft der Baselstrasse vor allem eines: «Weniger Verkehr: Die 21’000 Fahrten pro Tag sind mehr als genug.» Gleichzeitig fürchtet er die Gentrifizierung des Quartiers, es ist ihm ein Anliegen, dass es sich weiterhin alle leisten können, hier zu leben. «Es ist toll, dass hier so viele verschiedene Menschen aus derart unterschiedlichen Ländern zusammen leben.»

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