Die hundertjährige Kirche von Cham: lieblich und heimelig, innen aber auch schmucklos und nüchtern. (Bild: Remo Wiegand)
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Die hundertjährige Kirche von Cham: lieblich und heimelig, innen aber auch schmucklos und nüchtern. (Bild: Remo Wiegand)

Die Reformierten und die schöne Pfarrerin

9min Lesezeit 3 Kommentare

Entgegen anderslautender Gerüchte existieren sie auch in der tiefkatholischen Innerschweiz: Die Reformierten. In Cham erlebten wir den Gottesdienst von Neo-Pfarrerin Rahel Albrecht. Eine Begegnung mit Gottes Schönheit, die noch nicht wirklich aus sich herauskommt.

Remo Wiegand

Beginnen wir mit dem harmlosesten Teil, dem Kirchenkaffee: Es gibt Wasser, Grapefruitsaft, Kaffee und sogar Wein, auf den Tischen stehen Weihnachtsguetzli. Fast die Hälfte der Gottesdienstbesucher ist dabei beim geselligen Après-Church. Man tuschelt leise, doch, doch, sie macht das gut, die neue Pfarrerin.

Diese stösst hinzu, lächelt, schüttelt Hände: «Ich bin Rahel». Ein Gottesdienstkritiker? «Ach, zum Glück wusste ich das nicht vorher, ich wäre noch nervöser gewesen.» Der Journalist will seinen Besuch rechtfertigen, sie beschwichtigt: Schon gut, das sei mein gutes Recht, das sei eben wie Theaterkritik, nur jetzt halt für Gottesdienste. Äh… genau.

Im Gemeindesaal, im Erdgeschoss unter der Kirche, wirkt Rahel Albrecht bodenständig, distanziert freundlich, angenehm normal. Man könnte sie sich in ihrem eleganten Business-Suit auch als Bankangestellte oder als Stewardess vorstellen. Letzteres war sie nicht, aber fast: Albrecht arbeitete während ihres Theologie-Studiums in der Passagierabfertigung am Flughafen, wie man seit der Predigt weiss («Ein Lächeln am Flughafen wirkt oft Wunder»). Jetzt ist Rahel Albrecht in der Kirche gelandet. In Cham steht die frisch ordinierte Pfarrerin gerade mal ihrem zweiten Gottesdienst vor.

Der Kirchenkaffee im Gemeindesaal: gesellig und integrierend.
Der Kirchenkaffee im Gemeindesaal: gesellig und integrierend. (Bild: Remo Wiegand)

Die reformierte Kirche Cham: Im Hintergrund rauchen die Schlote der Papierfabrik. Davor steht ein schnuggeliges, hundertjähriges Kirchlein. Drinnen ist es ausgesprochen heimelig, aber auch nüchtern und schmucklos. Reformiert halt. Die diskrete Architektur rückt die Menschen ins Zentrum: Zum Beispiel die 37 Besucher in den Bänken, die vor Gottesdienstbeginn noch lässig miteinander plaudern.

Die Pfarrerin wird zum dominanten Bild

Vor allem aber die Pfarrerin: Als sie nach den ersten Orgeltönen aus der ersten Reihe tanzt und nach vorne zum Mikrofon strebt, gehört die Bühne nur noch ihr. Das haben sie eben davon, die reformierten Bilderstürmer: Ohne Heiligenfiguren und Kruzifixe wird die Pfarrperson selber zum dominanten Bild. Ihr fliegen hier fromme Fragen und die Sehnsucht nach Antworten zu. Jetzt kommt halt dazu, dass Frau Albrecht eine gut aussehende Frau ist. Hier und heute ist sie damit auch: Ein Bild für Gott.

 

Mangels Heiligenfiguren und Kruzifixe steht Pfarrerin Rahel Albrecht in der reformierten Kirche im Zentrum.
Mangels Heiligenfiguren und Kruzifixe steht Pfarrerin Rahel Albrecht in der reformierten Kirche im Zentrum. (Bild: Remo Wiegand)

Rahel Albrecht weiss, dass sie gesehen wird. Und es ist ihr offenkundig nicht ganz wohl dabei. Man merkt es daran, dass sie etwas zu schnell spricht, zu zackig läuft, dass sie dort möglichst rasch wieder weg will, wo sie im Zentrum steht und Gott repräsentiert. Natürlich ist man damit überfordert – zumal am Anfang einer Pfarrkarriere.

Und dennoch: Für die Zukunft wünscht man Rahel Albrecht mehr Souveränität, mehr «So what?». Du scannst mich nach Gott ab? Mach nur, viel Glück!

Der Gottesdienst

  • Ort: Reformierte Kirche Cham
  • Zeit: Sonntag, 11. Dezember 2016, 10.00 Uhr
  • Länge: 50 Minuten
  • Team: Pfarrerin Rahel Albrecht (sichtbar), Organistin Mi-Sun Weber und Sigrist Stefan Gubler (unsichtbar)
  • Volk: 37 Personen
  • Thema: Licht im Dunkel

Ja, Gott hat irgendetwas mit Schönheit zu schaffen, Rahel Albrecht zeugt davon.Wird Schönheit – die äussere wie die innere – im geschützten Raum des Göttlichen hingegen selbstbewusst inszeniert, kann sie sich verbreiten. Sie transzendiert, wird zum Licht für alle.

Sauber und korrekt, nicht mehr, nicht weniger

«Licht» ist übrigens auch das Thema des Tages. Ein keckes Mädchen entzündet im Gottesdienst anfangs die dritte Adventskerze. Die Lektorin verkündet Jesaias Prophezeiungen aus dem Alten Testament, in denen Christen Jesus angekündigt sehen («Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker… Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht…»).

Fast die Hälfte der Gottesdienstbesucher nimmt am gemütlichen Après-Church im Erdgeschoss unter der Kirche teil.
Fast die Hälfte der Gottesdienstbesucher nimmt am gemütlichen Après-Church im Erdgeschoss unter der Kirche teil. (Bild: Remo Wiegand)

Rahel Albrecht predigt über Licht und Schatten, übrigens nicht von der Kanzel, wo die ganze Zeit erwartungsfroh eine Leselampe brennt. Spannend ihr Exkurs in biblische Zeiten: Israel ist von den Assyrern bedroht, die Elite des Landes deportiert. Viel Kriegsdunkel zu Zeiten des Jesaia. Da tritt dieser begnadete Motivator auf, prophezeit eine strahlende Zukunft und fordert sein Volk zugleich auf, selber etwas dafür zu tun. Muntere Adventsgesänge umrahmen Albrechts Predigt. Der Gottesdienst ist sauber und korrekt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Kurzbewertung

Predigt:

Vieles wird angetippt, kaum etwas vertieft. Die Pfarrerin spricht flüssig und klar, aber zu schnell.
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Persönlichkeit (Pfarrerin): 

Under construction. Könnte der Talar, das reformierte Pfarrersgewand, helfen, in die noch fremde Rolle zu schlüpfen? 
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Musik: 

Grundsolide, teilweise beschwingte Orgelmusik.
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Feierlichkeit: 

Ein rasantes Advents-Ritual zu Beginn, dann eher wortlastig. Schöne, einfache Worte bei den Gebeten, aber eher vorgetragen als gebetet.
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Kirchenraum:

Herzige Kirche. Kleinräumigkeit und viel Holz schaffen Geborgenheit 
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Integrationsfaktor: 

Persönliche Begrüssung durch den Sigrist. Kirchenkaffee mit alles. Top!

Gesamterlebnis:
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Auch eine Spielecke für die Kleinsten ist in Cham vorhanden.
Auch eine Spielecke für die Kleinsten ist in Cham vorhanden. (Bild: Remo Wiegand)

Hinweis: Mehr zu den Gottesdienst-Kritiken von zentralplus lesen Sie hier. Die ersten beiden Folge der Serie aus der Hofkirche Luzern: «Apokalypse now!» mit Donald Trump und der Pfarrkirche Willisau: Ein fast perfektes Paar


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