Ruth Kocherhans, Geschäftsführerin von Winterhilfe Luzern, erfährt viel Dankbarkeit. (Bild: Natalie Ehrenzweig)
Gesellschaft Armut Sozialhilfe

Ruth Kocherhans, Geschäftsführerin von Winterhilfe Luzern, erfährt viel Dankbarkeit. (Bild: Natalie Ehrenzweig)

«Armut ist im Winter viel prekärer»

7min Lesezeit

Nachhilfe, Kleider oder Essen: Vielen Menschen fehlt es an alltäglichen Dingen. Die Zahl der Gesuche bei der Winterhilfe Luzern hat sich in den letzten 14 Jahren verzehnfacht. Nun sammelt die Organisation speziell für Kinder und Jugendliche – obwohl die Konkurrenz bei den Spenden vor Weihnachten grösser ist.

6427 Franken beträgt der Medianlohn in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik. Das bedeutet, dass die eine Hälfte der Bevölkerung mehr und die andere weniger verdient. Im Kanton Luzern liegt er leicht unter dem Schweizer Wert. Trotzdem gibt es im Kanton über 8500 Personen, die mit wirtschaftlicher Sozialhilfe unterstützt werden müssen – das sind 2,2 Prozent der Bevölkerung.

Viele von ihnen können sich an die Winterhilfe wenden, eine Organisation, welche die Armut in der Schweiz lindern will. Auf Funders sammelt die Winterhilfe Luzern nun Geld für notleidende Kinder und Jugendliche.

Hilfe im Winter wichtiger

Die Vorweihnachtszeit nutzen viele Organisationen, um Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln. Wäre nicht ein anderer Sammeltermin sinnvoller? «Die Winterhilfe unterstützt zwar schon lange Hilfsbedürftige das ganze Jahr. Aber Armut ist im Winter noch spürbarer als im Sommer», erläutert Geschäftsführerin Ruth Kocherhans.

«Im Winter friert man ohne Kleider. Und man wird fast daheim eingesperrt.»

Ruth Kocherhans, Geschäftsführerin Winterhilfe Luzern

Wer im Sommer keine Kleider habe, könne einfach abends ein Top waschen und es am nächsten Tag wieder tragen. Oder wer kein Geld für Freizeitaktivitäten habe, könne sich in einen Park setzen. «Doch im Winter friert man ohne Kleider. Und man wird fast daheim eingesperrt. Darum ist die Hilfe im Winter noch wichtiger», sagt die Geschäftsführerin. Von Oktober bis Mitte Januar bekomme sie extrem viele Gesuche. So viele, dass sie persönlich kaum Zeit für die Familie oder zum Guetzle habe, so Kocherhans.

Insbesondere die Zahl der Alleinstehenden und Familien, die Sozialhilfe benötigen, ist gestiegen. (Grafik: Lustat)
Insbesondere die Zahl der Alleinstehenden und Familien, die Sozialhilfe benötigen, ist gestiegen. (Grafik: Lustat)

Wer Unterstützung von der Winterhilfe braucht, muss ein Gesuch ausfüllen und einen Steuernachweis einreichen. In der Regel entscheidet Ruth Kocherhans innerhalb kurzer Zeit darüber, ob die Winterhilfe einspringen kann. Ein wichtiger Teil ist die Verteilung von Kleidern. «Wer Kleiderhilfe erhält, kann sich bei der Caritas in Waldibrücke für einen bestimmten Betrag auf unsere Kosten etwas Sinnvolles, Saisongerechtes auswählen», sagt sie.

Ein Laptop, Musikunterricht oder Nachhilfe

In den 14 Jahren, in denen Ruth Kocherhans bei der Winterhilfe ist, sind die jährlichen Gesuche von anfangs etwa 70 auf über 730 im letzten Jahr gestiegen. «Viele Menschen sind knapp unter oder über dem Existenzminimum. Da muss nur noch eine Nebenkostenabrechnung oder eine Zahnarztrechnung ins Haus flattern, mit der man nicht gerechnet hat, und schon rutscht man in die Schulden», schildert die ehemalige Sozialvorsteherin von Gisikon. Die Gemeinden seien immer restriktiver und rechnen mit den Hilfswerken.

«Viele, die als Kinder von der Winterhilfe profitierten, vergessen das nie und denken im Alter an uns.»

Ruth Kocherhans, Geschäftsführerin Winterhilfe Luzern

Die Gesuchsteller haben nicht nur Hunger. Mit dem Geld, das die Winterhilfe über Funders sammelt, werden Kinder und Jugendliche unterstützt. «Jugendliche, die in die Oberstufe eintreten, brauchen einen Laptop, den sich die Familien oft aber nicht leisten können», betont Ruth Kocherhans. Hier kann die Winterhilfe einspringen. Oder etwa, wenn es um Nachhilfe, Sportaktivitäten oder Musikunterricht geht. «In den 391 Familien, denen wir im letzten Jahr geholfen haben, waren 1363 Kinder betroffen.» 

Die Sozialhilfequote im Kanton Luzern ist nach einem leichten Rückgang zuletzt wieder gestiegen. (Grafik: Lustat)
Die Sozialhilfequote im Kanton Luzern ist nach einem leichten Rückgang zuletzt wieder gestiegen. (Grafik: Lustat)

Die Winterhilfe hat neben der Nothilfe zwei Steckenpferde: Einerseits sind die Kleiderpäckli wichtig. Im letzten Jahr wurden allein im Kanton Luzern über 400 verteilt. Andererseits stellt die Winterhilfe auch Betten zur Verfügung: 2015 waren es laut Kocherhans 13 Kinderbetten, 38 Erwachsenenbetten und 71 Matratzen. Wenn ein Gesuch bei der Geschäftsführerin eintrifft, kann sie – bis zu 1000 Franken – selber, rasch und unbürokratisch entscheiden. «Über höhere Beträge entscheidet der Vorstand.»

Seit der Zwischenkriegszeit

Die Winterhilfe Schweiz ist eine Organisation, die seit der Zwischenkriegszeit existiert. «1936 gab es sehr viele Arbeitslose, die in bitterer Not lebten. Einige Politiker organisierten deshalb die Winterhilfe im Kanton Zürich», erklärt Ruth Kocherhans von der Geschäftsstelle der Winterhilfe Luzern.

Was für ein Jahr gedacht war, wurde weitergeführt und ist heute eine nationale Organisation, wobei die Kantone zum Teil unterschiedlich organisiert sind. In Luzern handelt es sich um einen Verein mit einem ehrenamtlichen Vorstand.

Rührende Briefe

Die Winterhilfe finanziert sich durch Spenden, Stiftungen oder auch Legate. «Viele Menschen, die zum Beispiel als Kinder von der Winterhilfe profitierten, vergessen das nie und denken im Alter an uns», erklärt Ruth Kocherhans. Die Dankbarkeit, die sie von vielen Unterstützten erfährt, gibt der Geschäftsführerin denn auch die Energie und Freude, die viele Arbeit über so lange Zeit zu leisten: «Gerade habe ich einen rührenden Brief einer 16-Jährigen erhalten, die von uns ein Bett bekommen hat.»

Ablehnen muss Ruth Kocherhans etwa zehn Prozent der Gesuche. «Meist sind wir nicht zuständig, also der Gesuchsteller wohnt nicht im Kanton Luzern. Oder er oder sie ist nicht berechtigt beziehungsweise die Unterlagen sind nicht vollständig eingereicht.»

«Für Kinder und Jugendliche ist es nicht wichtig, alles zu haben, sondern bei ‹normalen› Sachen wie Sport und Musik mitmachen zu können.»

Ruth Kocherhans, Geschäftsführerin Winterhilfe Luzern

Gerade in der Weihnachtszeit leiden Kinder und Jugendliche, wenn sie sehen, wie viel sich Gleichaltrige leisten können. «Für Kinder und Jugendliche ist es nicht wichtig, alles zu haben, aber es ist von Belang, in der Gesellschaft integriert zu sein und bei ‹normalen› Sachen wie Sport und Musik mitmachen zu können», sagt Ruth Kocherhans. Statt vielen ausgefallenen Gegenleistungen ist den Funder-Unterstützern vor allem das Gefühl gewiss, mit der Unterstützung Gutes zu tun. Die drei ersten Unterstützer haben bereits über 10’000 Franken gespendet. Die Aktion dauert noch bis Ende Januar.

Hinweis: zentralplus ist Medienpartner von Funders.

Hinweis: Die Caritas bietet hier einen Test, mit dem man sein Existenzminimum errechnen kann.

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