Beat Dietschy wird neuer Leiter vom Comundo, der Organisation, die im Luzerner Romero-Haus zu Hause ist. (Bild: Montage les)
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Beat Dietschy wird neuer Leiter vom Comundo, der Organisation, die im Luzerner Romero-Haus zu Hause ist. (Bild: Montage les)

«Entwicklungszusammenarbeit stützt zu oft Diktatoren»

12min Lesezeit

Bei der Entwicklungsorganisation Comundo begann am Samstag eine neue Ära. Die Bethlehem Mission Immensee (BMI) verschwindet als Marke und Verein, der neue Verein Comundo erhält mit Beat Dietschy seinen ersten Präsidenten. Der Theologe lobt seine Organisation als Labor der Verschiedenheiten, spricht über den umkämpften Spendenmarkt und die Zukunft des Luzerner Romero-Hauses.

Remo Wiegand

zentralplus: Wo sehen Sie die kommenden Herausforderungen für Comundo?

Beat Dietschy: Comundo ist eine Organisation, die eine gute Grösse hat, aber doch eine kleine ist. Im schwierigen Schweizer Spendenmarkt ist es nicht einfach, mit dieser Grösse zu bestehen.

zentralplus: Das klingt kritisch.

Zur Person

Beat Dietschy (66) ist eine Kapazität in der Hilfswerks-Branche. Der Philosoph und reformierte Theologe verbrachte mehrere Jahre als Entwicklungsexperte in Peru und Nicaragua. Er leitete die Arbeitsstelle für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit (OeME) in St. Gallen und das kirchliche Tagungszentrum Leuenberg, er war Bereichs- und Geschäftsleiter bei Brot für alle und Präsident der Erklärung von Bern. Dietschy arbeitete zwischenzeitlich auch als Journalist für Schweizer Radio DRS. Nach seiner Pensionierung wird der gebürtige Basler erster Präsident des neuen Trägervereins der Entwicklungs-Allianz Comundo. Er tritt in die Fussstapfen der Ex-CVP-Nationalrätin Rosmarie Dormann, die den Vorläuferverein präsidierte. Comundo beschäftigt fast 200 Mitarbeitende, davon sind gegen hundert Fachpersonen in elf Einsatzländern in Lateinamerika, Afrika und Asien tätig.

Dietschy: Nein, das nicht. Comundo hat eine ideale Grösse für seinen Markenkern, die Personelle Entwicklungszusammenarbeit (PEZA). Aber im Spendenmarkt heute zählt einfach Bekanntheitsgrad, Einschaltquote, jeden Tag bei den Leuten zu sein. Da haben die grossen Player einen grossen Vorteil. Es ist nicht ganz einfach, über die treuen Mittragenden hinaus Spender zu erreichen und die Begeisterung der Einsatzleistenden, die reiche Erfahrungen aus dem Süden zurückbringen, über einen engeren Kreis von Sympathisanten hinauszutragen.

zentralplus: Es gibt viele Comundos, die alle irgendwie ein Eigenleben zu führen scheinen: Die eigentliche Entwicklungszusammenarbeit, die PR-Abteilung, das Bildungshaus Romero-Haus, die Zeitschrift Wendekreis, die Vorläuferorganisationen Bethlehem Mission Immensee (BMI) und Missionsgesellschaft Bethlehem (SMB). Leidet Comundo an einem zu schwammigen Profil?

Dietschy: Nein. Die Organisation steht seit den Anfängen in der SMB für Interkulturalität. Der Name Co-mundo bringt es auf den Punkt: gemeinsam eine Welt sein. Das gilt auch im Innern: Wir können auf eine lange Tradition zurückblicken, Menschen mit verschiedenen Weltbildern und aus mehreren Generationen zusammenzubringen. Das ist nicht einfach, aber eine grosse Chance. Und wichtig für das Gelingen einer gerechteren Welt.

«Die Menschen, die in Entwicklungsländern Beziehungen gestalten, sind unsere Hauptbotschafter, das ist unsere ausgesprochene Stärke.»

zentralplus: Das Romero-Haus in Luzern zieht mit seinen Veranstaltungen eine überschaubare, ältere Fangemeinde an und kostet Comundo viel. Wird es das Romero-Haus weiterhin geben?

Dietschy: Diese Frage kann man stellen. Aber es ist ein Glücksfall, dass das Romero-Haus existiert. Was wünscht man sich mehr, als einen festen Standort zu haben für politische und kulturelle Themen, die aus der weiten Welt kommen? Interkulturelle Lernprozesse sollen ja nicht nur im Süden stattfinden, unsere Arbeit ist keine Einbahnstrasse. Es sollen auch hier intensive Begegnungen stattfinden, die Veränderungen anstossen. Ein Ort, in dem das sichtbar wird, der dazu mit seiner Atmosphäre einlädt, ist eine ausgezeichnete Voraussetzung dafür.

zentralplus: Comundo steckt in einem Reformprozess. Man versucht sich neue Spendermärkte zu erschliessen, Kommunikation und Fundraising sind wichtiger geworden. Es kam zu einigen personellen Abgängen, vorab von Theologen. Ein Alarmsignal?

Dietschy: Grundsätzlich bin ich noch zu wenig nahe dran, um das zu beurteilen. Dass es Auseinandersetzungen gegeben hat, muss aber nichts Schlechtes sein. Personelle Wechsel während eines Reformprozesses sind zwar schmerzlich, eine lebendige Organisation zeichnet sich aber immer auch durch Wandel aus.

Beat Dietschy: neuer Präsident von Comundo.
Beat Dietschy: neuer Präsident von Comundo. (Bild: zvg)

zentralplus: Die Abgänge hatten auch mit der ungelösten Frage nach dem religiösen Profil von Comundo zu tun. Gretchenfrage: Hat Comundo noch einen christlichen Charakter?

Dietschy: Ich muss da persönlich antworten: Für mich ist die Auseinandersetzung mit der christlichen Tradition, mit der Bibel, mit der ökumenischen Bewegung, auch mit anderen Religionen die stärkste Inspirationsquelle, die ich kenne. Wenn Sie nach Lateinamerika gehen, ist das nicht wegzudenken. Aber hier leben wir in einer Gesellschaft, in der viele Menschen andere Sprachen bevorzugen als die kirchliche. Ich bin auch immer darum bemüht, mich kritisch zum Christentum und zu meinen eigenen Überzeugungen befragen zu lassen. Ich bin nicht nur Theologe, ich bin auch Philosoph. Ich trage also, wenn Sie wollen, beide Seiten mit mir.

zentralplus: Das heisst, Sie wollen die Tendenz zur Säkularisierung, die bei Comundo spürbar ist, aufhalten? Solche Hoffnungen werden mit Ihnen verbunden.

Dietschy: Das war jetzt bewusst eine persönliche Antwort. Ich habe das nicht als Präsident in spe gesagt und werde als Präsident auch nicht sagen: Da geht es lang, los! Ich sehe meine Rolle darin, die richtigen Fragen zu stellen und zusammen mit dem Vorstand Richtungen anzugeben. Eingeschlagen werden sie ohnehin auf operativer Ebene, von der Geschäftsleitung.

«Ich bin sehr kritisch gegenüber einer Entwicklungszusammenarbeit, die mit der grossen Kelle anrichtet und dauernd Erfolge verkauft.»

zentralplus: Zurück auf die Erde: Der Spendenmarkt ist umkämpft, PR-Abteilungen gewinnen bei allen Hilfswerken an Gewicht. Ist das der zu akzeptierende Gang der Dinge oder bedroht es Inhalte?

Dietschy: Schon Paulus hat mit allen Mitteln Geld gesammelt für die Gemeinde in Jerusalem (schmunzelt). Professionelles Marketing beachtet die Kernanliegen einer Organisation und arbeitet gerne mit prägnanten Inhalten, nicht mit keinen. Aber es ist auch klar, dass verschiedene Spenderkreise auf verschiedene Weisen angesprochen werden müssen.

zentralplus: Warum glauben Sie, wird Comundo dabei weiterhin Erfolg haben?

Dietschy: Weil es für etwas Einzigartiges in der Schweiz steht, für die auf menschlichen Beziehungen basierende personelle Entwicklungszusammenarbeit. Da haben wir spezifische Kompetenzen. Die Menschen, die in Entwicklungsländern Beziehungen gestalten, sind unsere Hauptbotschafter, das ist unsere ausgesprochene Stärke.

zentralplus: Zugleich ist der Beziehungsfokus eine Schwäche: Sie können nie einen neuen Brunnen, eine neue Schule oder fröhliche Patenkinder als sichtbare Resultate Ihrer Arbeit präsentieren.

Dietschy: Ich bin sehr kritisch gegenüber einer Entwicklungszusammenarbeit, die mit der grossen Kelle anrichtet und dauernd Erfolge verkauft. Das ist zu oft reiner Export unserer Ideen, unserer Güter und unserer Hilfe. So ist Entwicklung auf Augenhöhe kaum möglich, ja es ist eines der Haupthindernisse, weil es Menschen an der Entfaltung ihrer Möglichkeiten hindert, Abhängigkeiten zementiert und oft Diktatoren stützt. Wir arbeiten eher im Kleinen mit Menschen zusammen. Small ist zwar nicht immer beautiful, es gibt auch viel gut Gemeintes, aber gut gemachte Beziehungsarbeit ist das Geheimnis geglückter Projekte.

«Es ist beeindruckend, wie Menschen dort in schwierigsten Situationen neue und kreative Lösungen finden.»

zentralplus: Ein Beispiel?

Dietschy: Ich erinnere mich an meine Zeit in Nicaragua. Ich habe extrem arme Bauerngemeinden neben reichen Grossgrundbesitzern kennengelernt. Ihr Pfarrer predigte immer, das sei normal, er berief sich auf die Bibel. Die Bauern fingen an, ihm zu misstrauen. Sie initiierten eine eigene Bildungsarbeit, um lesen und schreiben zu lernen und zu lesen, was in der Bibel wirklich steht. Eine Dynamik, eine Basisbewegung entstand, eine Selbstermächtigung, die von unten ausging und Beistand holte, wenn sie ihn brauchte.

zentralplus: Zum Schluss: Was kann die Schweiz von Lateinamerika lernen?

Dietschy: Es ist beeindruckend, wie Menschen dort in schwierigsten Situationen neue und kreative Lösungen finden. Ich denke an das Wiederaufleben des «Buen vivir» der indigenen Völker oder an das Konzept der solidarischen Ökonomie, das aus Brasilien stammt. Dabei geht es im Kern darum, wie wir in Netzwerken von Unternehmen, Basisgruppen und alternativen Unis gemeinsam neue Lösungen für die Bedürfnisse der Menschen finden können – jenseits von Wohlstandsmaximierung.

30 Jahre Romero-Haus

In einem auffälligen Gebäude im Luzerner Quartier Würzenbach befindet sich das Romero-Haus. Namensgeber war Erzbischof Oscar Arnulfo Romero von San Salvador, der 1980 wegen seines Engagements für sozial Randständige und seine entschiedene Haltung gegen Ungerechtigkeit und Gewalt von der Militärjunta umgebracht worden war. Grund genug für die Missionsgesellschaft Bethlehem Immensee, unter diesem Namen eine Ausbildungs- und Weiterbildungsstätte zu errichten.

Doch für das Provisorium Missionsseminar Schöneck oberhalb des Gütsch musste eine definitive Lösung gefunden werden, weshalb die Idee des Romero-Hauses genau recht kam. Der geplante Bezug 1981 war allerdings zu knapp: Bis dahin dauerte es noch einmal fünf Jahre, erzählt Justin Rechsteiner. Der heute 80-Jährige erinnert sich, wie man im Jahreswechsel 1985 auf 1986 ins «Missionarische Bildungszentrum» an der Kreuzbuchstrasse – so hiess die Institution damals – einzog.

Das RomeroHaus im Bau im Jahr 1985.
Das Romero-Haus im Bau im Jahr 1985. (Bild: Missionsgesellschaft Bethlehem (SMB))

Strukturen haben sich gewandelt

Nach den Erzählungen des rüstigen Mannes hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. So kam es 2013 zu einem grossen Wechsel, als das Romero-Haus seinen Besitzer wechselte, nämlich von der SMB zu Comundo. Doch das Fundament ist gleich geblieben: Wie zur ersten Stunde bildet das Romero-Haus Fachkräfte für einen Einsatz in Übersee aus.

Justin Rechsteiner
Justin Rechsteiner (Bild: Kaufmann Marcel)
Gesellschaftsbedingt hat sich das Haus in den Strukturen gewandelt. War das missionarische Bildungszentrum in den Anfängen vornehmlich auch ein Wohnhaus für Missionare und Studenten, ist es jetzt mehr ein Veranstaltungsort für Themen der Entwicklungszusammenarbeit geworden, es finden in regelmässigen Abständen Vorträge mit namhaften Personen aus verschiedensten Bereichen statt. Heute beherbergt das Haus auch nicht mehr Studierende, sondern bietet Caritas-Wohnungen für anerkannte Flüchtlinge sowie für die Praxis Schmerzmedizin Luzern.

Der Wechsel von der SMB zu Comundo brachte es auch mit sich, dass das Romero-Haus aktiv mit dem DEZA zusammenarbeitet, das die Entwicklungszusammenarbeit finanziell unterstützt. Ohne diese finanzielle Hilfe sähe es im Unterschied zu früher schlecht aus, als auch Gelder der SMB zur Verfügung standen, erzählt Rechsteiner. Das Romero-Haus sieht sich heute auch nicht mehr als «Missionarsstätte», sondern als ein Kompetenzzentrum für die Personelle Entwicklungszusammenarbeit. Doch der Grundanker, die Vermittlung zwischen Erster und Dritter Welt, die Ausrichtung auf Nord-Süd-Themen und entwicklungspolitische Fragen – das sei geblieben.

Rechsteiner selbst war elf Jahre Leiter des Hauses. Er erinnert sich gut an die Anfangszeit, in der alles etwas chaotisch war: «Als wir einzogen, war das Haus noch nicht ganz fertig gebaut – bitterkalt war’s», erzählt er schmunzelnd. Auch in der Stadt gab es argwöhnische Stimmen. Nicht zuletzt war das Haus für das diözesane Priesterseminar ein Dorn im Auge – denn einige Studenten wanderten von dort ins Romero-Haus ab. Rechsteiner, der nach seiner Amtszeit Pfarrer in der Franziskanerkirche war und heute im Stift der Chorherren der Hofkirche tätig ist, ist aber trotz dieser bewegten Zeit sichtlich zufrieden mit der Etablierung des Hauses. Ein kleines Fazit seinerseits? «Ein Dank für die Vergangenheit und ein Ja für die Zukunft.»

Das Romerohaus hat eine bewegte Geschichte hinter sich.
Das Romero-Haus hat eine bewegte Geschichte hinter sich. (Bild: Remo Wiegand)

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