Familie Bourquin mit Kindermädchen (Mitte) vor ihrem mobilen Wohngefährt beim Schausteller–Wagenpark in Luzern. (Bilder: Christine Weber)
Gesellschaft

Familie Bourquin mit Kindermädchen (Mitte) vor ihrem mobilen Wohngefährt beim Schausteller–Wagenpark in Luzern. (Bilder: Christine Weber)

Homestory: zwischen Riesenrad und Wohnwagen

11min Lesezeit

Der Familie Bourquin gehört das Riesenrad, das noch bis Ende Woche auf der Määs dreht. Während zehn Monaten im Jahr tourt sie durch die Schweiz. Und lebt mit Kind und Kegel grösstenteils auf den jeweiligen Chilbi-Geländen. Die Schausteller haben die Türen ihres Wagens aufgemacht und zeigen, wie so ein Leben unterwegs aussieht. Und dass es ihr Spezial-Wohnwagen fast schon mit James Bond aufnehmen kann.

Mit an Bord im Wagenpark sind nebst den Eltern Anja und René Bourquin auch das Kindermädchen Melinda und die Kinder Jeremy (4) und René junior (14). Noch kann René junior erst die Wochenenden und Ferien im Wohnwagen verbringen. Unter der Woche heisst es: Ab in die Schule in Bassersdorf (ZH). Dort hat die Familie ihren Fixpunkt und verbringt die wenige Zeit im eigenen Haus, wenn es im Winter etwas ruhiger ist. Ansonsten sind sie unterwegs mit Sack und Pack, mit Riesenrad und Auto-Scooter.

«Wie sich das anfühlt? Super! Die Määs ist das Leben!»
René Bourquin junior (14)

Mit vier Lastwagen und neun Mitarbeitern geht es von Messeplatz zu Messeplatz durch die Schweiz; von Zürich über Genf bis eben nach Luzern, wo das Riesenrad zu den Hauptattraktionen der Määs gehört. Für die Schaustellerfamilie heisst das: Viel Arbeit und fast immer unterwegs an anderen Orten. «Wie sich das anfühlt? Super! Die Määs ist das Leben!», sagt der Bourquin-Spross begeistert.

Heute betreiben Anja und René Bourquin das Riesenrad und eine Auto–Scooter–Bahn.
Heute betreiben Anja und René Bourquin das Riesenrad und eine Auto–Scooter–Bahn. (Bild: Christine Weber)

Spezieller Alltag auf kleinstem Raum

Das Privatleben spielt sich auf den jeweiligen Geländen der Standorte ab, in Luzern ist der Schausteller-Parkplatz bei der Ufschötti. Hier, direkt am Seeufer, sind die Wohnwagen der Familie Bourquin geparkt. Ein Familienwagen, einer für die Kinder und dazu noch vier für die Mitarbeiter. Der Begriff «Wohnwagen» trifft es allerdings nicht ganz beziehungsweise ist untertrieben: Das mobile Daheim der Bourquins ist imposant, extrem praktisch eingerichtet und dazu auch noch gemütlich.

Hier geht es ja auch nicht um ein lustiges Ferienerlebnis, sondern darum, den speziellen Alltag auf kleinem Raum optimal zu organisieren. Wenn die gesamte vierköpfige Familie und das Kindermädchen auf dem Platz sind, wird es eng. «Wir leben schon sehr nahe aufeinander. Umso wichtiger ist die platzsparende Einrichtung», sagt Anja Bourquin.

Eine praktische Spezialanfertigung aus den USA: Anja Bourquin vor ihrem Wohnmobil.
Eine praktische Spezialanfertigung aus den USA: Anja Bourquin vor ihrem Wohnmobil. (Bild: Christine Weber)

James Bond lässt grüssen

Der Wagen ist eine Spezialanfertigung aus den USA, 13 Meter lang und fünf breit. Per Knopfdruck lässt sich die Einrichtung – Schränke, Küche, Wohnwand usw. – so «einfahren», dass er für die Fahrt nur noch halb so breit ist: 2,5 Meter. «Innerhalb einer halben Stunde sind wir dadurch abfahrtbereit und können mitsamt Lastwagenanhänger losfahren», erklärt René Bourquin senior. James Bond lässt grüssen.

Überhaupt ist alles so konzipiert, dass es möglichst wenig Raum dafür braucht: Statt eines Staubsaugers gibt es zum Beispiel einen Schlitz, in den der Schlauch gesteckt und der Staub so gegen aussen abgesogen wird. Die Waschmaschine ist clever im Aussenbereich eingebaut, die Schlafzimmer ähneln einer Schiffskoje. Das einzig wirklich Grosse im Wagen sind der TV–Bildschirm und der Kühlschrank. «Typisch Amerika!», sagt René Bourquin und lacht.

«Schon als Knirps lebte ich nur im Wohnwagen und musste anpacken, als ich im gleichen Alter wie mein Junior jetzt war.»
René Bourquin senior, Schausteller

Gegessen werden übrigens nicht Popcorn und Hotdogs, wie das Kinder an der Määs so gerne tun. «Melinda macht immer ein richtiges Essen, das wir wenn möglich zusammen am Tisch einnehmen», sagt Anja Bourquin. Das Kindermädchen gehöre sozusagen zur Familie, seit vier Jahren kümmert sich die junge Frau schon um die Kinder, kocht und ist überall dabei, wo es eine helfende Hand braucht. «Sie ist Gold wert für uns!», sagt Powerfrau und Betriebsökonomin Bourquin, die hinter den Kulissen für alles Wichtige wie Administration, Organisation und Familienmanagement sorgt.

Den Eltern ist es wichtig, dass die Kids ein möglichst normales Leben im Trubel haben. «Bei mir war das anders: Schon als Knirps lebte ich nur im Wohnwagen und musste anpacken, als ich im gleichen Alter wie mein Junior jetzt war», sagt Bourquin, der aus einer Schausteller–Sippe kommt und das Unternehmen in fünfter Generation führt.

Wenn die ganze Familie im Wohnzimmer sitzt, wird es ganz schön eng.
Wenn die ganze Familie im Wohnzimmer sitzt, wird es ganz schön eng. (Bild: Christine Weber)

Vom Coca-Cola-Automaten zum Riesenrad

Nach einer Lehre als Konstruktionsschlosser ist der heute 47-Jährige zuerst ins Auto-Scooter-Geschäft seines Vaters eingestiegen. Und hat sich danach langsam und stetig voran gearbeitet. Heute betreiben die Bourquins das Riesenrad und einen Auto-Scooter. Das Unternehmen ist gewachsen, regelmässige Investitionen wurden und werden getätigt und der Wagenpark lässt sich sehen. «Angefangen haben wir zusammen sehr bescheiden: Unser erstes eigenes Geschäft war ein Coca-Cola-Automat», erinnern sich die beiden lachend.

«Das Schausteller-Geschäft ist Knochenarbeit und ein knallhartes Business, an dem du immer dranbleiben musst», sagt René senior. Die Infrastruktur ist in der Anschaffung und im Unterhalt teuer. Ein Riesenrad gibt es ab zwei Millionen, und dazu kommen ständig neue Investitionen. «So haben wir neu etwa eine rollstuhlgängige Gondel und eine wunderschöne Beleuchtung.»

«Kennengelernt haben wir uns vor 31 Jahren. Natürlich auf der Chilbi, wo sonst?»
Anja Bourquin, Schaustellerin und Betriebsökonomin

Die beiden lernten sich schon als Jugendliche kennen. «Kennengelernt haben wir uns vor 31 Jahren. Natürlich auf der Chilbi, wo sonst?», sagt Anja Bourquin, die schnell ins ungewöhnliche Schausteller-Leben hineingewachsen ist und es längst nicht mehr missen möchte. «Anfangs war es schon sehr ungewöhnlich. Aber wir waren von Beginn an ein Power-Team, das hat sich bewährt und ist bis heute so geblieben.» Dass bei beiden das Herz für den Määs-Betrieb schlägt, ist unabdingbar bei so einer zeitintensiven Berufstätigkeit, die sich nicht vom Privatleben trennen lässt. «Diese Leidenschaft braucht es. Wir wollen dem Publikum etwas Schönes präsentieren, das sie freut und die Augen zum Glänzen bringt.»

Gemütlich trotz wenig Platz: Anja Bourquin und Sohn Jeremy am Esstisch.
Gemütlich trotz wenig Platz: Anja Bourquin und Sohn Jeremy am Esstisch. (Bild: Christine Weber)

Familien-Support und Teamwork

Wenn andere sich vergnügen und ihre Freizeit auskosten, geht für die Schausteller auf der Määs die Post ab. «Teils machen wir fast einen 24-Stunden-Job. Ohne gutes Team-Work und viel Familiensupport wäre das nicht möglich», sagt Bourquin. Mit zur Crew gehören denn auch seine Mutter und die Tante, die unter anderem im Kassenhäuschen aushelfen.

An Wochenenden und abends fast immer arbeiten und ständig in anderen Städten und Dörfern stationiert sein – was heisst das für das Sozialleben? Gibt es das bei der Familie Bourquin überhaupt? «Das läuft natürlich schon komplizierter als bei den meisten Leuten», sagt Anja Bourquin. «Schön ist, dass wir an jedem Platz auch Freundschaften haben und immer neue Bekanntschaften machen.» Ausserdem kenne man sich auf den Plätzen und habe guten Kontakt zu den anderen Schausteller-Leuten und sei teils sogar verwandt.

Die ganze Familie hilft mit. Auch Mutter Bourquin (links) und ihre Schwester.
Die ganze Familie hilft mit. Auch Mutter Bourquin (links) und ihre Schwester. (Bild: Christine Weber)

Kein Problem mit dem vielen Herumziehen hat auch René junior, der übrigens noch am gleichen Tag Geburtstag hat wie sein Vater. Unterdessen darf er nach der Schule alleine im Zug auf den jeweiligen Standplatz fahren, um die Wochenenden dort zu verbringen. «Darauf plange ich die ganze Woche», sagt er. Wenn die Chilbi an seinem Wohnort in Bassersdorf stattfindet, ist der 14-Jährige ein beliebter Kumpel bei den Schulkollegen. «Dann wollen alle mit mir gratis auf dem Riesenrad fahren.»

Sein bester Freund kommt ihn manchmal besuchen und kann dann auch im Kinder-Wohnwagen übernachten. Dieser ist ebenfalls praktisch und gemütlich eingerichtet und mit Funk zum Familienwagen verbunden. Der kleine Jeremy schläft allerdings noch nicht dort, sein Bettchen ist im Familienwagen platziert.

Für andere Kids ein Freizeit-Traum: Die beiden Jungs leben oft im Schausteller-Wagen.
Für andere Kids ein Freizeit-Traum: Die beiden Jungs leben oft im Schausteller-Wagen. (Bild: Christine Weber)

Das Schausteller-Gen ist vererbt

Für René junior ist schon jetzt klar: «Nach der Schule mache ich eine Lastwagenmechaniker-Lehre und dann will ich auch Schausteller sein.» Die Bourquins freuen sich zwar, dass das Schausteller-Gen offensichtlich an ihren Sohn vererbt ist. «In unserer Branche fehlt der Nachwuchs. Da wollen viele der Jungen nicht mehr einsteigen», sagen sie. Trotzdem ist es den Eltern wichtig, dass die Kinder selber entscheiden. Und zuerst die üblichen Stationen eines Jugendlichen durchmachen. «Eine Lehre, ein Chef und die Rekrutenschule – dabei lernt man viel fürs Leben», sagt René Bourquin.

Die Määs dauert noch bis zum 16. Oktober. Hier gibt es mehr Fotos der Familie Bourquin und ihrer aussergewöhnlichen Wohnsituation:

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