Von der Reussbrücke aus ist die Schmiererei nicht zu übersehen.  (Bild: Stefano Schröter)
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Von der Reussbrücke aus ist die Schmiererei nicht zu übersehen.  (Bild: Stefano Schröter)

War’s der Gondoliere? Sprayer beschäftigt Gaffer

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An der Kramgasse in der Luzerner Altstadt steht ein geschütztes Haus aus dem 17. Jahrhundert. Das hat einen Sprayer nicht davon abgehalten, eine ganze Sandsteinmauer zu verschmieren. Kommt hinzu, dass die Stelle nur vom Wasser aus zugänglich ist. Die Reinigung dürfte teuer werden.

Immer wieder bleiben Passanten auf der Reussbrücke in Luzern stehen, beugen sich übers Geländer und schauen hinunter. Sie sehen dort keine Fische, sondern ein knalliges Graffiti. Drei grosse silberne Buchstaben, verziert mit Rot und Blau, prangen knapp über dem Wasser an der Hauswand.

Welcher Sprayer hat da nasse Füsse in Kauf genommen für dieses Werk?  (Bild: Stefano Schröter)
Welcher Sprayer hat da nasse Füsse in Kauf genommen für dieses Werk?  (Bild: Stefano Schröter)

Es handelt sich nicht um irgendeine Hauswand: Sie gehört zum «Sonnenberghaus im Zöpfli», ein Haus, das im kantonalen Denkmalverzeichnis eingetragen und also besonders schutzwürdig ist. In seiner heutigen Form stammt es von 1662, seit 1968 steht es unter Denkmalschutz und 1978 wurde es restauriert. Von der Brücke aus sieht man das Graffiti gut, es sticht förmlich aus dem historischen Altstadtensemble heraus.

Anzeige ist eingereicht

Das Graffiti an der Kramgasse 1 prangt also auf einem historischen Haus und auf einer sensiblen Sandsteinwand – das macht es doppelt ärgerlich. Und wie der Sprayer dorthin kam, ohne Schwimmeinlage, bleibt wohl sein Geheimnis. Einen Zugang zu Fuss gibt es nicht.

Bei der Bäckerei Koch, die dort eingemietet ist, hat man das Graffiti bis jetzt noch nicht gesehen. Die Verwaltung hingegen, die das Haus im Auftrag einer grösseren Erbengemeinschaft betreut, schon – und da ist man wenig amüsiert über das Werk. Von einer grossen Respektlosigkeit ist die Rede.

Die Sprayerei prangt auf dem historischen Gebäude.  (Bild: Stefano Schröter)
Die Sprayerei prangt auf dem historischen Gebäude.  (Bild: Stefano Schröter)

Die Verwaltung hat eine Anzeige gegen Unbekannt bei der Polizei eingereicht – und man möchte die Sprayerei natürlich möglichst schnell wieder weghaben. Doch das ist gar nicht so einfach: Weil das Gebäude alt ist, die Mauer aus Sandstein und weil man nur vom Wasser her zukommt. Laut Verwaltung steht das Graffiti schon einige Wochen dort.

Besondere Herausforderung

Erfahrung mit solchen Fällen hat man bei der Aktion Sprayfrei. Ein Projekt, bei dem die Luzernermaler – so heisst der Malerunternehmerverband Luzern und Umgebung – mit der Stadt Luzern und der Gemeinde Emmen kooperieren. Sie empfehlen auf ihrer Webseite, solche Schmierereien bei der Polizei anzuzeigen und schnell entfernen zu lassen. Die Luzernermaler betreiben dazu eine Hotline – und sie entfernen Graffitis in der Regel innert 48 Stunden, wenn es das Wetter zulässt.

Normalerweise geht's einfach und schnell: Malerin der Aktion Sprayfrei übermalt ein Graffiti im Würzenbach.  (Bild: Stefano Schröter)
Normalerweise geht's einfach und schnell: Malerin der Aktion Sprayfrei übermalt ein Graffiti im Würzenbach.  (Bild: Stefano Schröter)

Doch das Haus in der Kramgasse 1 ist nicht die Regel: Graffitis auf Sandsteinmauern sind viel aufwändiger und teurer zu entfernen als solche auf einer normalen Betonmauer. Bei Letzteren kann man mit Hochdruck reinigen und anschliessend übermalen, weiss Gerold Michel, Präsident der Luzernermaler. «Doch Sandsteinmauern sind für uns Maler eine grosse Herausforderung.»

Bei Natursteinmauern sei es immer ein Ausprobieren und es hänge von der Grösse des Graffitis und vom verwendeten Spray ab. «Manchmal kriegen wir die Farbe mit Löser einigermassen weg und können mit Farblasuren nachretuschieren. Doch je nach Spray dringt die Farbe tief in den Stein ein, so dass man diesen nicht mehr sauber kriegt», sagt Michel. Dann könne auch der Maler nicht mehr viel ausrichten – der Steinmetz muss dahinter und die Mauer abschleifen und behandeln. «Dann wird es viel aufwändiger und teurer», sagt Michel.

Graffitis in der Altstadt sind selten

Für die normale Reinigung einer Natursteinmauer müsse man – je nach Grösse des Graffitis – schnell mit Kosten von 1600 Franken rechnen. Die Luzernermaler entfernen im Jahr rund 25 Graffitis in Luzern und Umgebung – aber natürlich wird nicht alles gemeldet. Schmierereien an Altstadtgebäuden kommen zwar immer wieder vor, aber seltener als früher. «Wir merken, dass ein gewisser Respekt der Sprayer vorhanden ist», sagt Michel. Mehr im Einsatz sind die Maler dort, wo eher Junge unterwegs sind: Baselstrasse, Dammstrasse, Tribschenquartier. «Dort, wo’s gesehen wird, wird auch gesprayt», sagt Michel.

Laut der Aktion Sprayfrei beträgt der Sanierungsbedarf von bestehenden Sprayereien an Gebäuden in der Stadt und Region Luzern mindestens eine Million Franken. Hinzu kommen, so schätzen Fachleute, jährlich neue Sprayerschäden von mehreren 100’000 Franken.

Was will er uns mitteilen?

Ob der Sprayer vom «Sonnenberghaus im Zöpfli» je gefasst wird, ist ungewiss. Eine Chance bestehe aber durchaus, sagt Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Polizei. «Wir können mit unserem System Graffitis regelmässig aufklären.» Die Aufklärungsrate bei Sachbeschädigungen aller Art lag im letzten Jahr bei rund 20 Prozent, eine eigene Statistik über Graffitis führt die Polizei aber nicht.

Bleibt noch die Frage: Was will uns der Sprayer mit dem Werk mitteilen? Wofür stehen die Ziffern «DEG»? Und wofür steht «International Anti Colonia»? «Anti Colonia» ist ein beliebtes Sujet bei Fortuna-Düsseldorf-Fans – aber was das in der Luzerner Altstadt zu suchen hat, bleibt ein Rätsel.

Nachtrag: «DEG» steht für Düsseldorfer Eislauf-Gemeinschaft. Der Traditionsclub spielte diesen August in Sursee Vorbereitungsspiele gegen den EV Zug und Ambri Piotta. Danke für die Hinweise aus der Leserschaft!

Den Schwan kümmert's nicht, aber für die Hausbesitzer ist die Schmiererei ärgerlich.  (Bild: Stefano Schröter)
Den Schwan kümmert's nicht, aber für die Hausbesitzer ist die Schmiererei ärgerlich.  (Bild: Stefano Schröter)

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