Im Parterre-Zimmer in der Zuger Altstadt finden Schweizerdeutsch-Kurse statt. Für Ambiente ist schon mal gesorgt.
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Im Parterre-Zimmer in der Zuger Altstadt finden Schweizerdeutsch-Kurse statt. Für Ambiente ist schon mal gesorgt.

Ist «huere» eine Steigerung oder eine Prostituierte?

7min Lesezeit

Fremdsprachige lernen in einem Zuger Kurs Schweizerdeutsch. Wer das lustig findet, hat sich noch nie ernsthaft Gedanken über flexible Grammatik oder zusammengezogene Modalverben gemacht.

Überall im Raum hängen farbige Postkarten mit Mundart-Aufdrucken. «Heb d Ohre stiif», «So härzig» oder «Wie häsches?». Kursleiterin Gaby Eugster musste sie nicht selber basteln, die Karten gibt’s an Kiosken und in Papeterien zuhauf. Schweizer lieben ihre Mundart und das «Buuredütsch» wird zumindest im Kanton Zug gerade zur Gretchenfrage, wenn es um Integration und Schweizer-Sein geht.

 

Voci büffeln und Modalverben lernen

Gabi Eugster bietet Schweizerdeutschkurse in Zug an. Komplett mit Voci büffeln, Aussprachetraining und sogar solch unheimlichen Themen wie zusammengezogenen Modalverben.

Ihr Angebot stösst auf Interesse. Gabi Eugster führt mehrere Kurse mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Momentan streifen zwei Kursteilnehmende durch den Gewölberaum der Zuger Altstadt und lachen über die Sprüche auf den farbigen Karten. Manchmal runzeln sie auch bloss die Stirn und gehen weiter.

Trotz Duzen den Respekt nicht verlieren

Frank kommt aus Deutschland, trägt einen grauen Schnurrbart im Johnny-Depp-Stil und blitzt mit wachen Augen hinter seiner blauen Brille hervor. Er wolle den Leuten aufs Maul schauen, sagt er, deswegen die Schweizerdeutsch-Lektionen. «In der Schweiz wechselt man viel schneller von Sie auf Du als in Deutschland.» Und dann trotzdem einen respektvollen Ton zu treffen, sei nicht ganz einfach, gerade bei informellen Gesprächen.

«Integration funktioniert vor allem über Sprache.»

Sandra, Kursteilnehmerin

Für Sandra ist die Motivation etwas grundsätzlicher. Sie kommt aus Kanada und kennt das Theater um lokale Dialekte von Quebec. Da müsse man auch nicht bloss Französisch können, um dazuzugehören, sondern eben den lokalen Dialekt beherrschen. «Integration funktioniert vor allem über Sprache», sagt sie und nickt langsam. Ohne die richtige Sprache bleibe eine Barriere. (Da kann man auch anderer Meinung sein: Der zentralplus-Faktencheck zum Thema)

Für die einen eine Steigerung, für die andern eine Prostituierte

Frank und Sandra schlendern durch den Raum und betrachten die Karten. Auf einer steht «huereguet». «Ist das nicht schlimm?», fragt Sandra. «Ach nein», antwortet Gabi Eugster. Das gehöre halt dazu, das sei bloss eine Steigerung. «Also die Kindergärtnerin hat das meinen Kindern verboten ...», murmelt sie.

Das mag sein. Was für die einen eine gängige Steigerung ist, so nennen andere eine Prostituierte. Doch die feinen Unterschiede gehen noch weiter. Wie schreibt man eigentlich auf Schweizerdeutsch?

Alles ist richtig, nur nicht überall

Zwäi? Zwoi? Zwöi? Zwai?

Die Frage ist weniger das Wie, schon eher das Wo. Alles ist richtig, nur nicht überall. Vollkommen willkürlich kann man die Vokale dann aber doch nicht einsetzen, oder hat jemand schon etwas wie «zwui» gehört? Eher nicht. Das ist typisch föderalistische Schweiz: Von Kanton zu Kanton unterschiedliche Regeln. Was den Sprung über die Sprachbarrieren nicht einfacher macht.

Wie soll’s denn bitte sein? Arrogant oder lächerlich?

Noch verwirrender wird es, sobald man über eine phonetisch korrekte Schreibweise nachdenkt. «Nünefüfzg» hat zwei «ü» drin, die aber zweimal anders ausgesprochen werden. Wer genau hinhört, merkt, dass das zweite «ü» ganz sachte in Richtung «ö» tendiert. Dafür gibt’s nicht mal einen Buchstaben, wer das aber falsch ausspricht, wird von Schweizern gnadenlos als Fremdsprachler entlarvt. Worauf die Reaktionen nicht immer gleich tolerant sind.

Das kennen Schweizer aus dem grossen Kanton aus eigener Erfahrung: Deutsche, die keine Mundart sprechen, wirken arrogant. Deutsche, die Mundart sprechen, lacht man aus. Eine Zwickmühle. Bei Franzosen oder Italienern verzeiht man die holprigen Feinheiten. «Da hört man oft, es habe halt Charme», sagt Gabi Eugster.

Es heisst nicht «wänd mer», sondern «wämmer»

Thema der heutigen Lektion sind zusammengezogene Modalverben. Es heisst nämlich nicht: «Chönd mier es Glace ha?», sondern «Chömmer es Glace ha?». Es heisst nicht «Wänd mer», sondern «Wämmer din Geburi hüt fiire oder morn?». Und damit gleich zum nächsten Problem, denn Schweizerdeutsch verfügt über betonte wie auch unbetonte Zahlen.

«Wie ist das jetzt eigentlich mit diesem «i» nach den Zahlen?», fragt Sandra. Wenn jemand sagt, «Mir träffed eus um füf», dann klingt das für Schweizer wie Nägelkratzen auf einer Wandtafel, denn «Am füfi» ist eben ein solcher Fall für betonte Zahlen. Das –i wird für die Uhrzeit, die Schuhgrösse, das Alter eingesetzt.

Wie damals, im Frühfranzösisch

Und dann folgt zur Auflockerung ganz klassisch die gestellte Szene im Restaurant. Ein wenig wie damals im Frühfranzösisch in der Primarschule. «Guten Tag, die Herrschaften», beginnt Frank, der den Kellner mimt, und erntet dafür ein Seufzen von Sandra. «Das ist zu deutsch», korrigiert Gabi Eugster und verbessert: «Grüezi mitenand.» Frank lacht und seine Augen blitzen schalkhaft hinter der Brille hervor.

Mit viel guter Laune arbeitet sich Gabi Eugster mit den Zweien durch die Szene. Erst jetzt fällt auf, was für eigenartige Floskeln und Wörter Schweizerdeutsch beinhaltet. Vom «Grüezi mitenand» über «en Stange und es Plättli bitte» bis zum «Isch guet gsi?» anstatt dem sonst üblichen «Hat’s geschmeckt?»; es lauern einige Stolperfallen.

Mundart: Das schweizerische Freistellmerkmal

Wenn es um ihren Dialekt geht, wiederholen Deutschschweizer gerne: «Eigentlich kann man das gar nicht lernen, Schweizerdeutsch hat gar keine Grammatik oder Rechtschreibung», dann folgt meist ein tiefer Seufzer, der nur halbherzig den Stolz auf das sprachliche Gütezeichen der Deutschschweizer kaschieren soll.

«Die Aussage, dass Schweizerdeutsch weder Grammatik noch Rechtschreibung hat, ist ein Märchen», stellt Gabi Eugster klar. Unsere Mundart verfüge sehr wohl über eine Grammatik. «Gewisse Dinge sind flexibler, verglichen mit Hochdeutsch, wie zum Beispiel die Syntax. Trotzdem gibt’s Strukturen, die eingehalten werden müssen.» Was wiederum bedeutet, dass nur gewisse Strukturen richtig sind. Flexibel heisst nicht einfach – flexibel ist der Albtraum aller, die es lernen wollen. Trotzdem ist Gabi Eugster überzeugt: «Es braucht viel Motivation und Wille, macht aber auch richtig Spass, aber letztlich ist es genauso lernbar wie jede andere Sprache.» Lernbar ja, doch vom Aufwand her eine Zweitsprache.

«Hoi, wie häsches?» und «Heb d Ohre stiif»

Frank und Sandra haben sich ihre Lieblingssprüche aus den farbigen Karten ausgesucht. Franks Favorit ist «Hoi, wie häsches?» Sandra dreht die rosa Karte mit «Heb d Ohre stiif» in der Hand. Offenheit und Durchhaltewille. Zwei Grundsätze, die symbolisch für den Kurs stehen könnten.

 

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