Harry van der Meijs und Barbara Bitterli von der Baugenossenschaft Wohnwerk in ihrem Büro an der Industriestrasse. (Bild: Christine Weber)
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Harry van der Meijs und Barbara Bitterli von der Baugenossenschaft Wohnwerk in ihrem Büro an der Industriestrasse. (Bild: Christine Weber)

Ausgenudelt: Die Teiggi bekommt eine neue Vision

10min Lesezeit

Nach 40 Jahren ist Schluss mit der Zwischennutzung der alten Teigwarenfabrik in Kriens. Das wird mit einer Aktionswoche gewürdigt. Im Anschluss ist Baubeginn für die neue Siedlung, die von der Baugenossenschaft Wohnwerk realisiert wird. Hinter dem Projekt steckt auch die Philosophie: Mehr Lebensqualität, dank weniger Luxus.

Früher stand auf dem Areal an bester Lage in Kriens die Teigwarenfabrik. Im Volksmund «Teiggi» genannt. 1967 wurde die Produktion von Nudeln eingestellt, zehn Jahre später kaufte die Gemeinde die Liegenschaft. Seither werden die Gebäude zwischengenutzt. Untergebracht sind etwa Ateliers und Übungsräume, eine Kinderkrippe und ein Jugendtreff oder der Boulderraum und der Kunstraum Teiggi. Entfaltet hat sich auf dem Areal über die Jahrzehnte ein kreatives Labor mit gutem Mix (zentralplus berichtete).

Visionäres Projekt aus alternativem Umfeld

Jetzt ist Schluss damit: Die Kreativen ziehen Ende September grösstenteils aus und machen Platz. Und zwar für ein ebenfalls visionäres Projekt aus dem alternativen Umfeld. Die gemeinnützige Baugenossenschaft Wohnwerk realisiert dort zusammen mit der Stiftung Abendrot eine Siedlung der etwas anderen Art. Baubeginn ist Anfang diesen Oktober, die Abbruch- und Räumungsarbeiten beginnen im Anschluss an die «Abschlusswoche Teiggi» (siehe Box). Bezugsbereit sollen die Wohnungen, Ateliers und Gewerberäume im Spätsommer 2018 sein.

«Es soll ein bunter Mix an unterschiedlichsten Leuten und Generationen sein, die hier leben.»
Harry van der Meijs, Präsident der Baugenossenschaft Wohnwerk Luzern

Die entstehende Genossenschaftssiedlung «Wohnwerk Teiggi» wird 88 Wohnungen und 25 Ateliers/Gewerberäume beinhalten. Einquartieren können sich Familien, Singles und Wohngemeinschaften genauso wie Kleingewerbler, Handwerker und Kunstschaffende. 17 Wohnungen und sechs Ateliers werden im Stockwerkeigentum vergeben, die anderen an Genossenschafter vermietet. Die Mietkosten bewegen sich in einem eher günstigen Segment, eine 3,5-Zimmer-Wohnung kostet etwa um die 1700 Franken. «Es soll ein bunter Mix an unterschiedlichsten Leuten und Generationen sein, die hier leben und teilweise auch arbeiten», sagt Harry van der Meijs, Präsident der Baugenossenschaft Wohnwerk Luzern.

Zum Teiggi–Areal gehören auch Grünflächen. Diese sollen teils erhalten bleiben.
Zum Teiggi-Areal gehören auch Grünflächen. Diese sollen teilweise erhalten bleiben.

Baulich und architektonisch gibt es jedoch keine Tabula rasa, es werden nicht alle Gebäude abgerissen und neu gebaut. «Die zwei ältesten Gebäude bleiben erhalten und werden saniert», sagt van der Meijs. So können die aktuellen Mieter an der Degenstrasse 3 – unter anderem ein Theaterraum und die Pizzeria da Marcello – auch während der Bauphase bleiben. Mit der Integration der zwei alten Fabrikgebäude in den Neubau soll der industrielle Charme des Areals erhalten bleiben.

Auch sonst wird die Siedlung nicht ganz alltäglich sein, wie van der Meijs bei einem Besuch in seinem Büro erklärt. Dieses ist an der Industriestrasse in einem ebenfalls ehemaligen Fabrikgebäude untergebracht und spiegelt die Lebendigkeit und Kreativität, wie sie eben auch für das Teiggi-Wohnen geplant ist: Grosszügige Räume, aber einfacher Ausbaustandard und somit günstig zu bewohnen und beleben. 

Verknüpft mit der Industriestrasse-Geschichte

Dass sich die Geschäftsstelle Wohnwerk an der Industriestrasse befindet, ist kein Zufall: Hier wurde die Idee zur Baugenossenschaft Wohnwerk vor rund zehn Jahren geboren. Damals ging es darum, das Areal Industriestrasse zu erhalten und dafür zu sorgen, dass das Gelände nicht an Bucherer & Co oder sonstige Grossinvestoren abgegeben wird und es für die Bewohner heisst: Aus der Traum von einem gemeinschaftlichen Leben.

Das Teiggi–Areal im Zentrum von Kriens, auf dem die Genossenschafts–Siedlung Wohnwerk Teiggi entsteht.
Das Teiggi–Areal im Zentrum von Kriens, auf dem die Genossenschafts–Siedlung Wohnwerk Teiggi entsteht.

Viele engagierte Industriesträsseler – darunter auch van der Meijs – setzten sich unter anderem politisch dafür ein, dass der alternative Lebensraum bei einer Neugestaltung des Areals erhalten bleibt. Einfach war das nicht. «Die ganze Thematik gipfelte in der von uns lancierten Initiative 'Ja zu einer lebendigen Industriestrasse', die ja dann 2012 auch prompt angenommen wurde», sagt van der Meijs. So ist es gelungen, dass das Projekt Industriestrasse von der Kooperation Industriestrasse Luzern – bestehend aus fünf Genossenschaften – geplant und gestaltet wird. Dazu gehört neben der abl, GWI, LBG und WOGENO auch das Wohnwerk.

«Die Behörden von Kriens haben in unserem Projekt sofort die Chance für Kriens gesehen.»
Harry van der Meijs

«In dieser Zeit haben wir unglaublich viele Ideen und Erfahrungen zur Gestaltung von Siedlungen und Lebensräumen gemacht», sagt van der Meijs. Diese sind denn auch zu einem grossen Teil in die Planung für das Projekt für das Wohnwerk Teiggi in Kriens geflossen. Und haben offensichtlich auch die Politiker von links bis rechts überzeugt. «Die Behörden von Kriens haben in unserem Projekt sofort die Chance für Kriens gesehen, dass hier ein toller Lebensraum mitten im Zentrum entstehen kann.»

Dieser Support habe auch mitgeholfen, dass sich das Projekt Wohnwerk bei einem Bieterverfahren gegen andere Investoren durchsetzen konnte. Realisert wird die Siedlung gemeinsam mit der Basler Pensionskasse Stiftung Abendrot, die vor allem finanziell und mit ihrer Erfahrung in der Entwicklung von Industriearealen den Background stellt. «Nach der Fertigstellung gehören 80 Prozent der Stiftung Abendrot und 20 Prozent den Genossenschaftern», sagt van der Meijs.

Baubewilligung erteilt, Vermietung startet

Ciao Teiggi! Schlussfest

Vom Dienstag, 20. September, bis Sonntag, 25. September, wird in der Teiggi in Kriens Abschluss von 40 Jahren Zwischennutzung gefeiert. Radio 3Fach ist live vor Ort und sendet tagsüber aus der ehemaligen Teigwarenfabrik. Am Wochenende gibt es nebst Barbetrieb ein vielfältiges Programm mit Führungen, Garagen-Flohmarkt, Brunch, Konzerten und vielem mehr. Programm: www.teiggi-kriens.ch.

Aktuell wird die Baubewilligung in den nächsten Tagen durch die Gemeinde Kriens erteilt, dem Baustart steht somit nichts mehr im Weg. Das nimmt Wohnwerk auch zum Anlass, die Wohnungen jetzt konkret zum Kauf oder zur Miete anzubieten. Bewerben können sich Genossenschafter und diese werden dann so unter die Lupe genommen, dass der Mix stimmt. «Das Interesse ist bereits gross, aktuell haben wir über 200 Genossenschafter.» Die Wohnwerkler sind überzeugt, dass noch viele mehr dazukommen. «Jetzt, wo das Projekt so konkret ist und in absehbarer Zeit realisiert ist, nimmt das Interesse stetig zu.»

«Das Wohnwerk Teiggi soll Raum für Entschleunigung sein und damit mehr Lebensqualität bieten als eine anonyme Stadtsiedlung», sagt Harry van der Meijs. Das tönt gut. Aber auch andere Siedlungen schreiben sich das heutzutage auf ihre Fahnen: Das Motto «Wohnen und Arbeiten» ist im Trend. Was will das Wohnwerk Teiggi anders machen, wie diese Vision tatsächlich umsetzen?

Dörfliche Struktur versus Anonymität

Statt auf die gängige Strukturentwicklung – mehr Wohnfläche, mehr Luxus, mehr Mobilität – zu setzen, will man gerade den umgekehrten Weg einschlagen. «Weniger, aber bewussteren Konsum, kürzere Wege, weniger unnötiger Luxus. Damit werden Geld und Zeit gespart, was dafür auf dem Konto Lebensqualität verbucht werden kann», sagt van der Meijs, der überzeugt ist, dass immer mehr Leute genau das leben möchten.

Visualisierung aus der druckfrischen Broschüre zum Wohnwerk Teiggi in Kriens.
Visualisierung aus der druckfrischen Broschüre zum Wohnwerk Teiggi in Kriens. (Bild: Lukas Murer)

«Es ist eine Art Gegenbewegung zur Konsumhaltung und Anonymität in Städten. Diese soll eine Chance bekommen.» Die Wohnungen sind so ein- und aufgeteilt, dass mehrere Generationen und Menschen mit unterschiedlichen Lebensformen sich den Raum teilen können. Geplant sind auch Gemeinschaftsräume und -gärten oder ein «Konsumdepot», das wie ein kleiner Lebensmittelladen funktioniert. Und die Ausgestaltung der Wohnungen sei einfach, aber funktional und praktisch.

Inspiriert von Amsterdam und Science Fiction

Der 56-jährige Architekt van der Meijs selbst ist in der holländischen Philips-Stadt Eindhoven aufgewachsen, auch das habe seine Ideen zum gemeinnützigen Siedlungsbau geprägt. «Das Quartier in der Stadt hatte dörfliche Strukturen. Es gab alles, was man brauchte, in nächster Umgebung und Nachbarschaftshilfe war eine Selbstverständlichkeit.»

«Mit engagierten Leuten ist es wie in der Punk-Musik: Sie stecken ein und legen los.»
Harry van der Meijs

Seine Ideen von Zusammenleben seien zudem massgeblich durch den Science-Fiction-Autor P. M. geprägt, der in seinen Büchern utopische Gemeinschaften beschreibt. «Das Industriestrassen-Umfeld hat mich auch  inspiriert und bestätigt, dass eine solche Lebensform funktionieren kann, wenn die Leute wirklich engagiert sind.»

Im Umfeld Industriestrasse, der ehemaligen Boa oder Wogeno sei genau dieser Typus unterwegs. «Leute, die anpacken und tatkräftig etwas bewirken statt nur zu motzen.» Van der Meijs, der selber auch gerne mal im Sedel unterwegs ist, macht einen Vergleich: «Mit engagierten Leuten ist es wie in der Punk-Musik: Sie stecken ein und legen los.» Ob das im Wohnwerk Teiggi auch gelingt, zeigt sich in den nächsten Wochen und Monaten: Ab sofort kann man Genossenschafterin oder Genossenschafter werden und sich für Wohnungen bewerben.

Die «Teiggi» heute: Das Gebäude  in der Mitte bleibt erhalten und wird in den Neubau integriert.
Die «Teiggi» heute: Das Gebäude  in der Mitte bleibt erhalten und wird in den Neubau integriert. (Bild: Marc Benedetti)


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