Dieser Putzroboter ist eine Kreation aus dem Tüftelwerk. (Bild: Mirjam Oertli)
Gesellschaft

Dieser Putzroboter ist eine Kreation aus dem Tüftelwerk. (Bild: Mirjam Oertli)

Angriff des spinnenförmigen Putz-Roboters

9min Lesezeit

Ein Paradies für Daniel Düsentriebe: Im Luzerner Tüftelwerk hat die Fantasie freie Bahn. Weil dabei oft Aludosen & Co. Verwendung finden, erhielt die Universalwerkstatt vor Kurzem einen Recycling-Preis. zentralplus besuchte den Ort, wo eine Menge Gegenstände eine Zweitkarriere im Namen der Kreativität machen.

Mirjam Oertli

Auf dem Tisch steht ein kleines rotes Spielzeugauto. Hier eine Fernbedienung einbauen: «Das wär’ was!», muss sich Adriel gedacht haben. Stirnrunzelnd schaut sich der Junge das Auto von allen Seiten an und weiss doch nicht recht, wie er es angehen soll. Er ist eines von rund zehn Kindern, die diesen Nachmittag ins Tüftelwerk gekommen sind, um – nun ja – zu tüfteln und werken.

Tüftelwerk, schon der Name weckt ja irgendwie Lust, sich gleich selbst an einen der vielen Arbeitsplätze in dem grossen, hellen Raum an der Unterlachenstrasse 5 zu setzen und – eben – an irgendeiner verrückten Erfindung herumzubasteln. Ursprünglich wurde das Projekt der Albert Koechlin Stiftung zwar als «Freizeit-Universalwerkstatt für Kinder ab neun Jahren» konzipiert. Mittlerweile ist die Werkstatt aber auch für Erwachsene offen. Sie können zu bestimmten Zeiten für jeweils zehn Franken an eigenen Projekten werkeln. Alle zwei Wochen gibt es zudem neu «Flickwerk»-Anlässe. Hier wird repariert statt weggeworfen. Von kaputten Kaffeemaschinen bis zu defekten Föhns: Mit der Hilfe von ehrenamtlichen Reparier-Experten können alltägliche Haushaltsgeräte wieder zum Laufen gebracht werden.

Andrea Erzinger leitet das Tüftelwerk. (Bild: Mirjam Oertli)
Andrea Erzinger leitet das Tüftelwerk. (Bild: Mirjam Oertli)

Da schlagen Tüftlerherzen höher

Diesen Nachmittag aber gehört das Tüftelwerk den Kindern, wie stets mittwochs und samstags. Auf den Tischen stehen Behälter mit Stiften und Scheren, an den Wänden hängen, schön sortiert, Holz- und Metallwerkzeuge, in Regalen sind Schnittmuster und Stoffe zu finden. Bedingungen, die kindliche Tüftlerherzen höher schlagen lassen dürften. Ein Einführungskurs von zweimal zwei Stunden sei die einzige Bedingung, erklärt Leiterin Andrea Erzinger. Danach können die Kinder kommen und sich ihren Ideen widmen, wie und wann sie möchten. Seit der Eröffnung vor zweieinhalb Jahren haben rund 240 kleine Erfinderinnen und Erfinder die Einführung besucht und sind angemeldet.

An einem Tisch sitzen einige Buben, alle um die zehn Jahre alt, und zeichnen Pläne von ihren Ideen. Niklas will Schuhe mit ausfahrbaren Rädern bauen. Gino werkelt an einer Barriere. Und Patrick plant eine Apparatur, mit der sich unter Wasser atmen lässt. «Es gibt ja Schnorchel für so was», sagt Erzinger. «Aber wie ich Patrick kenne, wird das komplexer.» Er sei der Obertüftler, ein Stammgast, sozusagen. Auch schon habe er ein halbes Jahr lang intensiv an einem Kickboard mit Motor gearbeitet. In genau 29 Tagen, so sagt der kleine Tüftler selbst, werde er elf. Und spricht anschliessend von Turbinen, Druckaufbau und Kompressoren wie ein Profi, als er sein Vorhaben erklärt.

Patrick gilt als Obertüftler. (Bild: Mirjam Oertli)
Patrick gilt als Obertüftler. (Bild: Mirjam Oertli)

Helfen, wo Hilfe gefragt ist

Mehrheitlich sind es Buben, die das Tüftelwerk besuchen. Doch auch zwei Mädchen sind heute da, Milou und Lisette, beide zehn Jahre alt. «Wir achten darauf, dass wir auch Mädchen ansprechen», so Erzinger. Zum Beispiel mit Kursen, die im Tüftelwerk ebenfalls angeboten werden. Ein Buchbinde- und ein Glasperlen-Kurs seien kürzlich von ausschliesslich Mädchen besucht worden. Inzwischen machen sie rund 30 Prozent aus. Milou und Lisette beugen sich grade über Schnittmuster und Stoffreste. Sie wollen sich Miniröcke schneidern. «Ihr müsst etwa 1,5 Zentimeter zusätzlich berechnen für den Saum», sagt Erzinger.

Erzinger hilft zwei Mädchen beim Zuschneiden des Stoffes. (Bild: Mirjam Oertli)
Erzinger hilft zwei Mädchen beim Zuschneiden des Stoffes. (Bild: Mirjam Oertli)

Sie hilft, wo Hilfe gefragt ist. Als ehemalige Dekorationsgestalterin bringt sie viel handwerkliches Know-how mit. «Allerdings kann ich natürlich nicht alle Bereiche abdecken.» Wenn es etwa um Elektronik gehe, sei sie froh um ihre zwei Mitarbeitenden und die zwölf ehrenamtlichen Helfer. An den Mittwoch- und Samstagnachmittagen sind – mit ihr – stets mindestens zwei Erwachsene vor Ort.

«Viele haben Mühe damit, selbstbestimmt etwas zu erfinden.»

Andrea Erzinger, Leiterin des Tüftelwerks

Manfred Roosens, einer von Erzingers Mitarbeitenden, ist inzwischen zusammen mit Adriel zur Erkenntnis gelangt, dass die Sache mit dem ferngesteuerten Spielzeugauto eine Nummer zu gross ist. «Wir versuchen, die Kinder Schritt für Schritt selbst darauf zu bringen, wenn etwas zu schwierig ist», sagt Erzinger. Etwas enttäuscht überlegt der Zwölfjährige sich nun, was er stattdessen machen soll. Die Kinder dürfen und sollen zwar mit ihren eigenen Vorstellungen kommen. Nicht immer aber funktioniere das gleich gut. «Zu Beginn waren wir davon ausgegangen, dass die Ideen sprudeln. Doch viele haben Mühe damit, selbstbestimmt etwas zu erfinden», sagt Erzinger. So stehen nun auch Anleitungen für Znünibeutel, Beispiele für kleine Roboter oder eben Schnittmuster und Ähnliches als Anregungen zur Verfügung.

Inspiration aus defekten Geräten

Inzwischen bohrt Roosens Löcher in einen Eimer. Er will die hauseigene Popcorn-Maschine reparieren. Zwei Knaben hat das auf die Idee gebracht, selbst eine von Grund auf neu zu konstruieren. Auch sie hantieren, wie es scheint, ziemlich professionell, mit einem Bohrer und einer Metallschale. Alle Maschinen – von Bohrern über Metallschneidemaschine bis Drehbank – sind mit Farben gekennzeichnet. Ist etwas rot markiert, heisst dies, dass die Kinder es nicht ohne eine erwachsene Person benutzen dürfen. Aus Sicherheitsgründen.

«Wir wollen die Kinder mit dem Tüftelwerk ja auch für Recycling und einen schonenden Umgang mit Ressourcen sensibilisieren.»

Andrea Erzinger, Leiterin des Tüftelwerks

Die Luft füllt sich mit Metallgeruch. Es riecht förmlich nach kreativem Geist. «Inspiration bietet auch unser Materiallager», sagt Erzinger und führt in einen kleinen Nebenraum. Hier türmen sich alte Autoradios, ausgediente Pauken, Einzelteile von Kickboards, eine Rolle Maschendrahtzaun, ein kaputtes Keyboard, ein Föhn und und und. Vieles davon stammt aus Materialspenden von Firmen oder auch Privaten. Für ihre Projekte können die Kinder daraus kleine Lüftungen, Schalter oder Motoren ausbauen und für eigene Zwecke wieder verwenden. Teilweise kauft das Tüftelwerk auch Materialien ein. Diese werden den Kindern berechnet. Ansonsten ist alles kostenlos.

Manfred Roosen repariert gerade die Popcorn-Maschine. (Bild: Mirjam Oertli)
Manfred Roosen repariert gerade die Popcorn-Maschine. (Bild: Mirjam Oertli)

Recycling-Preis als schöne Anerkennung

Auf einer Ablage stehen farbenfrohe Apparaturen aus Zahn- und anderen Bürsten, Pfeifenputzern, Lockenwicklern und Aludosen. «Das sind unsere Putzroboter», erklärt Erzinger und drückt bei einem spinnförmigen Gebilde auf den Schalter. Das Ding surrt tatsächlich putzend über die Tischfläche. Es waren Arbeiten wie diese, die dem Tüftelwerk kürzlich den Prix Metal Recycling der beiden Recyclingorganisationen IGORA und Ferro Recycling bescherten: Für die Wiederverwertung von gebrauchten Metallverpackungen, wie hier die Aludosen. Der Preis ist mit tausend Franken dotiert.

Eine schöne Anerkennung sei dies gewesen, sagt Erzinger. «Wir wollen die Kinder mit dem Tüftelwerk ja auch für Recycling und einen schonenden Umgang mit Ressourcen sensibilisieren.» Darüber hinaus, so die Ziele des Tüftelwerks, sollen Kinder an das Handwerkliche und an Arbeitsweisen von Wissenschaft, Gestaltung und Technik herangeführt werden. Spielerisch und ganz ohne Lernplan.

Popcorn-Duft steigt einem in die Nase. Roosens probiert gemeinsam mit einer weiteren ehrenamtlichen Helferin, die geflickte Maschine aus. Es scheint zu funktionieren und lockt die Kinder an. Bei einem kleinen Popcorn-Zvieri gönnen sie sich eine gemeinsame Pause, bevor frisch gestärkt weitergetüftelt wird.

In unserer Bildergalerie finden Sie mehr Impressionen aus dem Tüftelwerk:

 

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