Matthew Emmons schoss sich mit einer Champions-Brille an Olympia schon einmal zum Titel. (Bild: Youtube/Olympics)
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Matthew Emmons schoss sich mit einer Champions-Brille an Olympia schon einmal zum Titel. (Bild: Youtube/Olympics)

Der Champion-Macher aus Baar

7min Lesezeit

Brillen lassen Sportschützen nicht nur wie «Robocops» aussehen, sie machen offenbar auch Olympia-Champions aus ihnen. Der ‹Ziehvater› der Championbrille, der Baarer Rudolf Baumann, konnte auch dieses Jahr wieder zuschauen, wie seine Brille in Rio mehrfach Gold holte.

1979 wurde in Zug die laut Herstellerangaben leichteste Schiessbrille überhaupt entwickelt: die «World Champion», nur 29 Gramm schwer, mit Materialien aus der Raumfahrt gebaut und mit hochpräzisen Verstellmöglichkeiten für den treffsicheren Schuss. Anfangs hatte der damals 34-jährige Rudolf Baumann, als ambitionierter Tüftler und gelernter Schlosser, die Brille im Geheimen entwickelt, in Zusammenarbeit mit Optikern und Schiessprofis. Von Erfolg gekrönt, verkaufte der Baarer seine Firma «Champion» 2007 schliesslich an seine Produzenten in Grenchen.

«Es war mein Baby und hat mich durch das halbe Leben und die Welt begleitet.»

Rudolf Baumann

Robocops lötende Lehrlinge

Rudolf Baumann, heute Verwaltungsrat
Rudolf Baumann, heute Verwaltungsrat (Bild: zVg)
Die grosse Mehrheit der Schützen mit Brille tragen heute Champions Hochpräzisions-Schiesszubehör. Oder Hochpräzisionswaffen, ist man fast versucht zu sagen. Die Träger der Schweizer Brille wirken auf den ersten Blick einem futuristischen Science-Fiction-Film à la «Robocop» entnommen.

Für den Preis der Topmodelle könnte man sich auch eine italienische Designerbrille kaufen. Im Vergleich mit den früher von den meisten Optikern für den Militärdienst selbst gebastelten Brillen sehen die Champion-Brillen wesentlich professioneller aus, weiss Baumann: «Der eine oder andere Augenoptiker liess früher schon einmal den Lehrling die Brille zusammenlöten.»

Eine ganze Sammlung solcher Brillen behielt er als leidenschaftlicher Sportkaufmann bis heute zuhause. Aber nur aus Nostalgiegründen, denn die Erstlingsbrille von Rudolf Baumann war 1979 schon so gut konzipiert, dass sie bis heute nur in Details modifiziert werden musste und bis heute Marktleader blieb.

«In Rio trugen die meisten Medaillengewinner, die eine Sehhilfe benötigen, Produkte von Champion.»

Rudolf Baumann

 

Selbst gebastelt ist nur halb gewonnen

1990 brachte Rudolf Baumann die «Olympic Champion» auf den Markt: Diese Brille wurde ihrem Namen gerecht und tut es heute noch als «Superolympic Champion». Heidi Diethelm Gerber, Bronzemedaillengewinnerin in Rio, sowie die beiden Erstplatzierten schossen sich mit einer solchen Brille zum Erfolg, erfahren wir beim heutigen Eigentümer der Firma, der Madec AG. Ebenso Matt Emmons, die Welt-Nr. 1 im 3x40-Schiessen. Fast alle Spitzen-Athleten in der Schweiz tragen heute eine Brille des offiziellen Ausrüsters der Schweizer Nationalmannschaft.

Das Magazin Schiessen Schweiz zeigt eine Champion-Brille.
Das Magazin Schiessen Schweiz zeigt eine Champion-Brille. (Bild: Schiessen Schweiz)

Er habe viel Zeit an Schiess-Wettkämpfen, auch an Olympischen Spielen, verbracht, um eng mit den Sportlern an Verbesserungen zu arbeiten und Sponsorings zu pflegen, so Baumann: «Es war natürlich auch mein Baby und hat mich durch das halbe Leben und die Welt begleitet.» Dieses Jahr ist Baumann aber nicht mehr an die Olympischen Spiele gefahren. Nun könne er sich zurücklehnen und müsse nicht mehr so frenetisch mitfiebern bei Wettkämpfen. Stolz sei er bei Siegen aber immer noch: «Ich habe zwar viel Zeit mit der Entwicklung der Brille verbracht, aber wenn es die Brille in 20 Jahren nicht mehr gäbe, wäre das für mich nicht schlimm. Ich freue mich aber natürlich nach wie vor, dass die Brillen so viele Medaillen holen an Wettkämpfen weltweit.» In seiner Stimme liegt die stolze Bescheidenheit eines erfolgreichen Sport-Kaufmanns.

Trotz der Hightech-Teile stellt man mit Erstaunen fest, wie individuell gebastelt die Sehhilfen der Schützen aussehen. Mit Klebeband und zugeschnittenen Plastikteilen werden die Brillen je nach Geschmack angepasst und ‹verschönert›. Vielleicht mit ein Grund, weshalb die auf Hundertstel Millimeter genau konstruierten Brillen von Champion erfolgreicher sind als sonstige Produkte.

 

Zukunft ist nicht digital

Auch wenn es heute digitale Hightech-Brillen in den USA geben soll, die eher für Militärfreaks und Jäger konzipiert sind, lässt sich der erfahrene Baarer nicht beeindrucken: Er überlege sich zwar, in Zukunft digitale Steuerungen mit Mikromotoren mitzuentwickeln, aber «ganz digital wird die Zukunft der Schiessbrillen nicht werden», ist sich der Champion-Macher sicher.

Wie bei einem Lego-Technik-Baukasten kann der Träger bei der Champion-Brille selber Hand anlegen, Schraubenzieher inklusive.
Wie bei einem Lego-Technik-Baukasten kann der Träger bei der Champion-Brille selber Hand anlegen, Schraubenzieher inklusive. (Bild: Champion)

Die sehr jungen chinesischen Olympia-Schützen wären da schon eher eine mehr oder weniger ernstzunehmende Konkurrenz, da diese aufgrund ihres Alters auf seine Brille nicht angewiesen sind. Dies dürfte Baumann aber wenig sorgen, er konnte nach dem Verkauf der Firma ganz entspannt zuschauen, wie seine Brille Gold holte.

Die Brille, die wie in einem Baukastensystem mit Köfferchen gekauft werden kann, hat heute ihren Hauptsitz immer noch im Kanton Zug, zufälligerweise einen Steinwurf vom Sitz von Lego entfernt – ob der dänische Spielzeughersteller damals wohl als Inspirationsquelle gedient haben könnte für die Brillenbaukästen? Fakt ist: Beides wurde zum Welterfolg.

Tells Erbschaft

Die Schweiz mit ihrem Milizsystem, als System der Landesverteidigung, zwingt im Unterschied zu anderen Ländern wie Frankreich oder Deutschland seine Bürger zu jährlichen Wehrübungen statt nur einem einmaligen Wehrdienst.

Dazu gehört auch eine fundierte Schiessausbildung. Aus vaterländischer Pflicht zur Sicherung einer ständigen Bereitschaft zur Verteidigung wurde so öfter als anderswo ein neues Hobby. Neben regelmässigen Schiessübungen wurde das Pflegen und Aufbewahren eines privaten Mini-Arsenals für zuhause immer wichtiger, und dazu gehörte eben auch eine fachgerechte Brille. Zufall ist es also nicht, wenn die weltweit erfolgreiche Brille in der Schweiz erfunden wurde.

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