Reto Bernhard von Improphil erklärt im Radiostudio, wie die Menschen im Bunker im Ernstfall unterhalten worden wären. (Bild: les)
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Reto Bernhard von Improphil erklärt im Radiostudio, wie die Menschen im Bunker im Ernstfall unterhalten worden wären. (Bild: les)

Spielend durch den Bunker im Sonnenberg

8min Lesezeit

40 Jahre Zivilschutzanlage Sonnenberg: Zu diesem Anlass werden im Bunker improvisierte Theater organisiert. Statt sich – wie im Ernstfall – mit 767 anderen die Toilette teilen zu müssen, wird dabei jeder Besucher Zeuge einer einmaligen Show. zentralplus war dabei.

Jeder Luzerner kennt den Sonnenbergtunnel und ist bestimmt schon x-fach hindurch gefahren. Auch der Sonnenberg gilt als beliebtes Ausflugsziel. Doch dazwischen befindet sich nicht einfach Gestein, nein, der Sonnenberg beheimatet einen gigantischen Zivilschutzbunker. Dieser kann auf geführten Rundgängen besichtigt werden. Bisher fanden zuFussTouren, SegwayTouren, KinderTouren, EnglishTours oder HalbtagesTouren statt.

Jetzt präsentiert «unterirdisch überleben» eine ganz neue Führung: die ImproTheaterTour (siehe Box am Ende des Artikels). Diesen Mittwoch waren Medienschaffende eingeladen, vorab die historische Zeitreise zurück in die 70er-Jahre zu besuchen, untermalt vom Improvisationstheater von «Improphil». Als Guides amteten Projektleiterin Andrea Huwyler sowie der bekannte Improvisationskünstler Reto Bernhard, Kopf hinter dem Theater Improphil.

«Dieses einmalige Bauwerk regt die Menschen zum Denken und Interagieren an. Das ist genau das, was wir uns als Improvisationskünstler wünschen.»

Reto Bernhard, Improvisationskünstler

«Jede Tour ist einzigartig»

«Seit 2008 führen wir nun Führungen durch den Bunker für Interessierte durch. Und sie sind ein grosser Erfolg – im letzten Jahr durften wir 6000 Besucher begrüssen», erklärt Projektleiterin Andrea Huwyler. Eröffnet wurde der Sonnenbergbunker 1976, also vor 40 Jahren. Deshalb hat sich Huwyler zum Jubiläum etwas Spezielles einfallen lassen. «Dank der Zusammenarbeit mit Improphil können wir sowohl den historisch Interessierten wie auch kulturaffinen Personen etwas bieten.» Und dabei sei keine Führung gleich: «Jede Tour entsteht im Moment mithilfe von Inputs seitens der Besucher und ist deshalb einzigartig.»

Der Zivilschutzbunker Sonnenberg heute

Mit der Redimensionierung der Anlage von 2006 bis 2008 wurden die Autobahntunnels als Schutzraum aufgehoben und dienen seither nur noch dem Strassenverkehr. Früher wäre geplant gewesen, die Tunnels zu sperren und den Platz für die Anlage zu nutzen. Heute fänden im Ernstfall noch 2000 Personen Schutz im Sonnenberg und zwar in der siebenstöckigen, unterirdischen Kaverne über der Tunnelmitte.

«Das macht genau die Faszination des Improvisationstheaters aus», sagt auch Bernhard. Und die Räume im Bunker seien dazu ideal. «Die Besucher bekommen Aufgaben gestellt, sich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, wie es wäre, im Bunker zu wohnen.» In gewissen Situationen würden die Menschen die gleichen Emotionen und Gedanken aufbringen, in anderen allerdings total verschiedene. «Dieses einmalige Bauwerk regt die Menschen zum Denken und Interagieren an. Das ist genau das, was wir uns als Improvisationskünstler wünschen.»

Andrea Huwyler, Projektleiterin von «unterirdisch überleben», und Reto Bernhard vom Theater Improphil organisieren gemeinsam die ImproTheaterTour in der Zivilschutzanlage Sonnenberg.
Andrea Huwyler, Projektleiterin von «unterirdisch überleben», und Reto Bernhard vom Theater Improphil organisieren gemeinsam die ImproTheaterTour in der Zivilschutzanlage Sonnenberg. (Bild: les)

 

Platz für 20’000 Menschen

Was darf der Besucher erwarten? Spannende historische Zahlen und Eindrücke aus der Zeit des Kalten Krieges. Im Ernstfall wären auf der Fahrbahn der heutigen Tunnelröhren 20’000 Menschen einquartiert worden. Das ist zwar nie passiert, aber vorbereitet wäre man gewesen. In einem siebenstöckigen, unterirdischen Gebäude befinden sich auch ein Kommandoposten, ein Notspital mit Operationssälen, Küche, Waschküche und vielem mehr.

Das alles mag altbacken und langweilig tönen. Doch die Führung vermag einen spannenden Einblick zu liefern. Die langen Gänge und die Dimension des Bunkers sind erstaunlich. Dies alles unter Tonnen von Gestein.

Sehen Sie im Zeitraffer einen Rundgang durch einen Teil des Bunkers:

 

Besucherinputs führen zu Improvisationen

Die eingeladenen Besucher folgen bei der Show-Führung den Guides. Immer wieder wird die Führung angehalten. Etwa dort, wo sich ein Massenschlag inklusive sanitärer Anlagen befindet. Den Besuchern ist erlaubt, in die rund 90 Zentimeter breiten Betten Probe zu liegen oder auf einer WC-Schüssel Platz zu nehmen. Eine solche müsste man sich im Ernstfall übrigens mit 767 anderen Eingebunkerten teilen. Dies alles wird in kurzen Filmbeiträgen erklärt.

Und dann folgt der Auftritt des Improvisationskünstlers Bernhard. «Welche Gegenstände würden Sie mit in den Bunker nehmen?», fragt er die Besucher. Bücher, Handys oder persönliche medizinische Notwendigkeiten lauten die Antworten. Ein Buch töne toll, meint Bernhard und will sogleich einen fiktiven Buchtitel hören. «Dicke Luft im Bunker», schlägt eine Besucherin vor. Und Bernhard beginnt zu improvisieren und gibt den Inhalt des Buches wieder.

Im Video erfindet Bernhard kurzerhand ein Buch:

 

Oder in der Küche: Da kann der Besucher sehen, wovon sich die Menschen damals ernähren mussten. Ziemlich trocken, die Lebensmittel – sie müssen ja lange haltbar sein. Konserven, Zwieback, Schokolade oder Fleischpasteten. Noch immer stehen Büchsen mit chemischen Nahrungsergänzungsmitteln herum, jedoch nicht mehr so viele wie anno dazumal. Der Kanton Luzern hat die Konserven bei einem Hilfsprojekt in den 90er-Jahren in die damalige Sowjetunion geschickt. Und erneut improvisiert Bernhard, diesmal gemeinsam mit einer ausgewählten Person aus dem Publikum.

Im Video sehen Sie, wie Bernhard mit einem Besucher ein Menü entwirft:

 

Eine Frage, die sich wohl bei 20’000 Menschen relativ schnell stellen würde, ist die nach dem Lager- respektive Bunkerkoller. Was ist zu tun, damit sich die «eingesperrten» Menschen nicht gegenseitig den Kopf einschlagen? Unterhaltung lautet das Stichwort. Und dazu richtete man eigens im Bunker eine Radiostation ein. Darüber wurden wichtige Informationen vermittelt, aber auch viel Musik gespielt. Rock, Hip-Hop, Schlager? Naja. Ganz im Sinne der Geistigen Landesverteidigung hätte man Lieder gespielt, die das Gefühl der nationalen Einheit stärken sollten. Ja, auch die Landeshymne – ohne dass man über die Textzeilen zu diskutieren hatte.

Improvisationskünstler Bernhard hat allerdings keine Lust auf diese Art der Musik. Kurzum entwirft er einen Song und gibt ihn zum Besten. «Das ist eine Premiere und eine Derniere», lachte er.

Nicht ganz – zentralplus hielt das Ganze auf Video fest:

 

Leben im Bunker heute?

Möglichst viele sollen in den Bunker kommen und sich Gedanken über das Leben unter dem Boden machen, wünschen sich die Organisatoren. Auf der Werbekarte steht denn auch als Anregung: «Kalter Krieg! Kalter Kaffee?». 27 Jahre sind seit dem Mauerfall in Berlin vergangen – vor sechs Jahren wurde die Zivilschutzanlage Sonnenberg redimensioniert (siehe Box). Alles in Butter also? Ist es absolut ausgeschlossen, dass ein Leben im Bunker je wieder aktuell wird? Nein, sagen die Veranstalter und erinnern an die Krimkrise. Es gebe weitere Ereignisse, die deutlich aufzeigen würden, dass es notwendig sei, die Geschichte des Sonnenbergs in die Gegenwart zu holen.

Gerade diesen Mittwoch war eine Nachricht aus Deutschland in den Medien zu lesen. Im nördlichen Nachbarland hat man nämlich eine neue Zivilschutzstrategie beschlossen. Unter anderem empfiehlt man der Bevölkerung, einen Wasservorrat anzulegen für den Fall der Fälle. In der Schweiz läuft’s derzeit in dieser Hinsicht ruhig. Doch vielleicht kehrt auch im Sonnenberg plötzlich wieder Leben ein.

 

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