Antonia Röllin, Performance-Künstlerin, kehrte nach dreieinhalb Jahren in Griechenland zurück in die Schweiz. (Bild: slam)
Gesellschaft Kunst

Antonia Röllin, Performance-Künstlerin, kehrte nach dreieinhalb Jahren in Griechenland zurück in die Schweiz. (Bild: slam)

Auch Nomaden verspüren Heimweh

7min Lesezeit

Die Zuger Künstlerin Antonia Röllin ist Mitglied im «Atelier 63». In ihrer Heimat vermisst sie nicht nur subkulturelles Leben und das Meer. Sie will Action, die nicht auf einseitigen Meinungen basiert. Warum Kunst, Theater, aber vor allem Flüchtlinge in Griechenland einen schweren Stand haben, sagt sie im Interview.

Vor Kurzem ist die junge Zuger Künstlerin aus Griechenland, wo sie auf einer Insel der Zykladen-Gruppe, Syros, lebte und arbeitete, in die Schweiz zurückgekehrt. Die junge Mutter lebt hin- und hergerissen zwischen der berauschenden Inselwelt am ägäischen Meer und ihrer Heimat Zug. Erst kürzlich sorgte sie mit einer Performance für Aufsehen. Dabei stieg sie in ein mit kaltem Wasser gefülltes Aquarium, mit Rettungsweste, während anwesende Zuschauer dramatischen Geschichten und Gedanken von Flüchtlingen lauschen konnten (zentralplus berichtete).

zentralplus: Antonia Röllin, dreieinhalb Jahre haben sie in Griechenland gelebt, was trieb sie ans Mittelmeer?

Antonia Röllin: Ich habe meinen Partner mit griechischem Familienhintergrund vor sechs Jahren kennengelernt und er hatte sich in Griechenland ein Haus gekauft. Also beschlossen wir, uns eine Existenz zwischen den beiden Ländern aufzubauen. Die Ästhetik auf den Zykladen war derart berauschend, dass ich dort bleiben wollte. Unterdessen haben wir einen Sohn, der dort zur Welt kam, was mich noch mehr mit dem Ort verbindet.

zentralplus: Wie empfinden sie ihre alte Heimat, jetzt, wo sie wieder da sind?

Röllin: Zug ist sehr ruhig geworden. Gestern war ich mit meinem Kind am See, man spürt die Veränderung, die meisten sprachen eine fremde Sprache. Auf der früher rege bevölkerten Rössliwiese waren nur noch wenige Jugendliche zu sehen. Viele Zuger Künstler wandern aus diesen Gründen ab, ich glaube, die meisten von ihnen ziehen wohl auch nicht mehr zurück. Zumindest von meinen Bekannten. Eine kleine Stadt braucht wenigstens ein kleines subkulturelles Netz, um für Künstler interessant zu bleiben. In Luzern gibt es das schon eher.

zentralplus: Sie sind weit herumgekommen und wohnen in einem Bauwagen. Fühlen sie sich als Nomadin?

Röllin: Ja, ich bin eine Nomadin, aber keine Einzelgängerin. Man muss offen sein, sich auf verschiedene Kulturen und Lebensformen einlassen. Die Freundschaften, die ich habe, sind nicht an den Alltag gebunden. Sie sind mir sehr wichtig, aber sie leiden nicht unter meinem Dasein, darüber freue ich mich sehr.

<p>Mit einer solchen Rettungsweste müssen viele Flüchtlinge ums Überleben kämpfen, wenn sie von der Türkei nach Griechenland flüchten. Sie hält oft keine 3 Stunden über Wasser.</p> (Bild: slam)

zentralplus: Sie sind auch bei der Theatergruppe «Rostfrei» aktiv. Wie ist es, in Griechenland Kunst oder Theater zu machen?

Röllin: Es ist auf Syros nicht so einfach, künstlerisch aktiv zu sein. Theater und Kunst werden als erste Priorität oft anders gelebt, weil Freunde und andere alltägliche Annehmlichkeiten genauso wichtig sind. Man kann bei Terminen mal erscheinen oder auch nicht. Dinge werden oft nur diskutiert, aber nicht umgesetzt, es fehlt die direkte Aktion. Ich finde toll, dass das Gemeinschafts-«Atelier 63» an Events wie der Kunstpause zugänglich gemacht wird, die Vernetzungsarbeit funktioniert hier wirklich gut.

«Sie verlieren so Drei- bis Fünftausend Franken, die sie für die mörderische Reise bezahlt haben.»

Antonia Röllin

zentralplus: Herrscht auf den Zykladen nicht so reger Austausch?

Röllin: Doch, es kommen viel mehr Leute vorbei im Gemeinschaftsatelier, das gleichzeitig eine Werkstatt für Schreiner oder auch Goldschmiede ist. Die Zusammenarbeit ist zwar chaotischer, aber auch freier dort, ohne so viele Regeln wie hier. Die Studenten der Uni für Industriedesign haben keine eigenen Werkstätten und deshalb kommen Studenten auch ins Atelier zu uns. Für viele junge Griechen ist das Angebot an Workshops enorm wichtig und spektakulär, da es keine Berufslehren wie in der Schweiz gibt. Aber auch sonst kommen Leute vorbei, um Lampen, Öfen oder anderes zu flicken. Hier im Atelier apelliere ich deshalb für mehr Vertrauen in die Vernunft, statt Regeln zu definieren, die oft nur Einzelne betreffen. Dass man keinen Kaffee kocht, weil jemand dann ein ganzes Menü kochen könnte, beispielsweise. (lacht)

zentralplus: Wie hält man sich dort als Künstler über Wasser?

Röllin: Hier hat man sicher mehr Chancen, seine Kunst zu verkaufen, die Leute widmen sich in ihrer Freizeit mehr der Kultur, bezahlen für Museen, Ausstellungen und so weiter. Viele gute Ausstellungen in Griechenland sind darauf spezialisiert, kleine Dinge, die geschenktauglich sind, zu verkaufen. Es sind gleichzeitig auch Kunstbasare.

zentralplus: An der Kunstpause sind sie bei der Performance «Ligos Choros – wenig, knapper Platz» (λίγο χώρο) in ein Aquarium mit kaltem Meereswasser gestiegen. Woher kam die Idee?

Röllin: Das blaue Wasser symbolisierte für mich die Ägäis. Ich habe Informationen und Geschichten von Leuten, die flüchten mussten, und die ich kennengelernt habe, gesammelt und im Werk wiedergegeben. Die Leute hier sind sehr einseitig informiert und emotional eingestellt. Ich war irritiert, wie starke Meinungen sich trotz der Distanz zu den Flüchtlingsproblemen bei den Menschen hier gebildet hatten.

zentralplus: Was bekommt man dort an der Küste Griechenlands davon mit?

Röllin: Zwei meiner Freunde halfen bei einer Nichtprofitorganisation auf Mytilini, oder Lesbos, den ankommenden Flüchtlingen, die von Ayvalik oder Izmir aus der Türkei kamen. Die Überfahrt mit den 8–14 Meter grossen Schiffen dauert rund 4 Stunden und sie transportieren oft über 50 Personen. Viele Familien machen oft wieder kehrt, wenn sie beim Abfahrttermin den schlecht bemessenen Platz beim Ansturm auf die kleinen Schiffe sehen. Sie verlieren so Drei- bis Fünftausend Franken, die sie für die mörderische Reise bezahlt haben. Die Chancen von 20–30%, in Griechenland an Land zu kommen, sind ihnen einfach zu klein.

<p>Nicht allzuweit von der Türkei entfernt und von der Hauptstadt entfernt liegt Syros</p> (Bild: Google)

<p>Das Gemeinschafts-Atelier 63 an der Hofstrasse in Zug</p> (Bild: slam)

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