Das «Ship of Tolerance» wird heuer in Zug gebaut – mit unverhofft erhoffter Unterstützung. (Bild: pbu)
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Das «Ship of Tolerance» wird heuer in Zug gebaut – mit unverhofft erhoffter Unterstützung. (Bild: pbu)

Falscher Handwerker baut «Ship of Tolerance»

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Im Zuger Hafen wird zurzeit emsig gehämmert, gebohrt und gesägt. Jeder ist eingeladen, am Bau des Kunstprojekts «Ship of Tolerance» mitzutun. Diese Offenheit zieht allerdings auch mal die falschen Leute an.

Schon früh morgens treffen David Harold und seine Mannen beim Yacht-Club am Zuger Hafen ein. Ihre Mission: Innerhalb von gut zwei Wochen ein Schiff von Grund auf zu bauen. Das Skelett steht bereits. Jetzt geht es daran, dieses mit Holzlatten zu verkleiden. 18 Meter lang und rund 5,5 Meter breit werden dessen Dimensionen dereinst umfassen. Getauft ist es bereits, ganz ohne berstende Champagnerflasche, auf den Namen «Ship of Tolerance.»

«I need some more nails», ruft Harold einem Kollegen zu, während er sich mit dem Handrücken über die schweissnasse Stirn streicht. Er ist so etwas wie der Bauleiter des «Ship of Tolerance» und sich die warmen Temperaturen frühmorgens nicht gewöhnt. Kommen er und sein Team doch aus dem kühlen Norden Englands, aus Manchester. Sechs Mal haben sie das Schiff nach Vorlage des Künstlerpaares Ilya und Emilia Kabakov bereits gebaut – in Zug entsteht gerade die neunte Ausgabe.

18 Meter lang, 5,5 Meter breit: das «Ship of Tolerance» am Zuger Hafen.
18 Meter lang, 5,5 Meter breit: das «Ship of Tolerance» am Zuger Hafen. (Bild: pbu)

Ein Teilhabe-Projekt im öffentlichen Raum

Ilya und Emilia Kabakov aus New York sind nach mehreren Kooperationen mit dem Kunsthaus Zug keine Unbekannten in der Region. Für das «Ship of Tolerance» kommen sie erneut nach Zug. In einer schwierigen weltpolitischen Lage wolle das Künstlerpaar aus der ehemaligen Sowjetunion Menschen verschiedener Kontinente, Kulturen und Ideen verbinden.

Im September und Oktober ist das «Ship of Tolerance» auf dem Zugersee und danach als Sonderschau an der Zuger Messe zu sehen. Im Rahmen des Projektes haben rund 115 Klassen öffentlicher und privater Schulen aus dem Kanton Zug das Thema Toleranz im Unterricht diskutiert und behandelt. Kinder, Jugendliche und Erwachsene visualisierten ihre Botschaften zu Toleranz und Respekt in gemalten Segelbildern. 120 davon bilden das Segel des Schiffes. In der Stadt, am Kunsthaus und in anderen Gemeinden des Kantons werden rund 800 weitere Segelbilder in grossen Installationen gezeigt. Als Informationszentrum dient das Kunsthaus Zug mobil.

Zudem realisiert der New Yorker Künstler Marko Remec die für das Projekt «Ship of Tolerance» geschaffene Arbeit «Once Upon a Time (Ship Totem)» im Villette Park in Cham (wir berichteten).

Verirrte Handwerker im Schiffsbauch

New York, Ägypten, Venedig, Moskau, Miami, St. Moritz, Kuba, Arabische Emirate. An vielen Orten der Welt wurde das Segel des «Ship of Tolerance» bereits gehisst. Ein Segel, das eigentlich aus 120 Segeln besteht, die heuer unter der Schirmherrschaft des Kunsthauses Zug mit Toleranz-Botschaften von über 100 Schulklassen aus dem ganzen Kanton bemalt wurden. «Die Idee ist, dass es sich beim Schiff um ein Mitmach-Projekt handelt. Es entsteht im öffentlichen Raum und soll mit der Öffentlichkeit zusammen entstehen», erklärt Max Arnold, Projektassistent beim Kunsthaus. «Jeder kann sich am Bau beteiligen.»

Das kann allerdings schon mal zu grotesken Szenen führen, wie Arnold erzählt: «Während des Baus ist morgens mal jemand gekommen. Er sagte, er sei hier, um mitzuhelfen. Ok, dachte sich Bauleiter David Harold und sagte ihm, womit er behilflich sein könne.» Einen ganzen Morgen lang habe diese Person die Schiffsbauer bei ihrer Arbeit tatkräftig unterstützt.

Erst am Mittag stellte sich heraus, dass der Chef des Unbekannten ihn nicht zum Yacht-Club, sondern zum See-Club beordert hatte. «Der Herr hat einen halben Tag lang mitgearbeitet, obwohl er bei uns gar nichts zu suchen hatte und eigentlich ganz woanders hätte sein sollen», sagt Arnold und kann sich ein Grinsen dabei nicht verkneifen.

Mit Sonnenbrand im Schmelztiegel

Währenddessen heizt die Sonne den Asphalt am Hafen unerbittlich auf. «Ich bin nicht ganz sicher, ob das momentane Wetterhoch für die Engländer eher Fluch oder Segen ist», sagt Arnold und schmunzelt. Tatsächlich erblickt man hie und da Sonnenbrände auf den Schultern der Handwerker. «Auf der anderen Seite», fügt Arnold an, «lockt die Sonne viele Leute in die Umgebung des Hafens. So sind seit Baubeginn bereits einige spannende Gespräche entstanden.»

Damit gewährt uns der Oberaufseher über den Schiffsbau die Gelegenheit, eine Brücke zum Essentiellen zu schlagen. Denn beim Kunstprojekt «Ship of Tolerance» geht es um weit mehr als um den Bau eines Schiffes. «Es geht um Respekt gegenüber anderen», erklärt Arnold. «Das gemeinsame Tun steht bei diesem weltumspannenden Projekt sicher im Vordergrund. Das Schiff an sich dient als Symbol für diese gemeinsame Arbeit und als Botschaft für Toleranz.»

Trotz Sonnenbrand wird eifrig gebaut – unter dem wachsamen Auge von Bauleiter David Harold (rechts).
Trotz Sonnenbrand wird eifrig gebaut – unter dem wachsamen Auge von Bauleiter David Harold (rechts). (Bild: pbu)

Auch deshalb passe das «Ship of Tolerance» gut nach Zug, diesem «Schmelztiegel von ganz vielen Nationen», wie Raffaella Manferdini, die administrative Leiterin des Kunsthauses Zug, sich ausdrückt. Man sei für die Realisierung des Projekts schon länger im Gespräch mit den Kabakovs. «Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsproblematik ist der Zeitpunkt dafür gegeben», konstatiert Manferdini.

Bis zum Untergang

Wie der Vorgesetzte des Kuckucksarbeiters auf dessen Fremdgehen reagiert hat, ist indessen nicht bekannt. Ebenso ungewiss ist zurzeit die ferne Zukunft des Zuger Toleranz-Schiffs. Vom 10. September bis 13. Oktober wird das «Ship of Tolerance» vor der Seeuferpromenade unterhalb der Rössliwiese ankern. Vom 22. bis 30. Oktober wird es an der Zuger Messe zu sehen sein. «Wir hoffen danach auf einen definitiven Standort», sagt Raffaella Manferdini. «Das heisst für so lange, wie die Holzkonstruktion erhalten bleibt, also ungefähr fünf Jahre.»

Ein Standort in Seenähe wäre dabei wünschenswert, wie Max Arnold ausführt: «Das ist wichtig, damit es den Bezug zum See nicht verliert. Zudem soll es ein Standort sein, wo die Leute etwas davon haben. Ein Begegnungsort und nicht ein einsames Monument irgendwo in einer Ecke.»

Max Arnold, Projektassistenz vom Kunsthaus Zug.
Max Arnold, Projektassistenz vom Kunsthaus Zug. (Bild: pbu)

Platz schaffen auf dem Zugersee

Angst vor Vandalenakten kennen die beiden Vertreter des Kunsthauses nicht. Manferdini verweist auf die guten Erfahrungen, die man bisher mit öffentlicher Kunst in Zug gemacht habe. Und für Arnold ist klar, dass der Anreiz, ein öffentliches Kunstwerk zu beschädigen, viel kleiner ist, wenn die Leute tatsächlich etwas davon haben. «Weil sie sich damit selber schaden würden.»

Sobald es einmal an Land installiert ist, wird sich das Schiff in einen Ausstellungsraum verwandeln. «Die Besucher können dann ins Innere des Kahns steigen», erklärt Manferdini. «Es wird sein wie in einer Galerie, nur dass dort keine gerahmten Bilder an den Wänden hängen, sondern Segeltücher.»

Vorerst wird das Gefährt jedoch wassertüchtig gezimmert. Hochseetauglich wird es zwar nicht sein, aber auf einem Ponton montiert hält es dem Wellengang des Zugersees spielend stand. So passt es doch ausgezeichnet, dass sich gerade in diesem Moment, noch bevor David Harold und seine Mannen zur Mittagspause schreiten, ein Geländewagen mit Schiffsanhänger in Position bringt. Ein Hobbykapitän bringt sein Motorboot ins Trockene. Dem Stapellauf des Holzkahns steht damit definitiv nichts mehr im Weg.

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