Flüchtlinge halten im Kloster Wesemlin den Garten in Schuss. (Bild: Christine Weber)
Gesellschaft Asyl

Flüchtlinge halten im Kloster Wesemlin den Garten in Schuss. (Bild: Christine Weber)

Von der Schuhfabrik in den Klostergarten

7min Lesezeit

«Es ist gerade heiss und staubig. Aber die Arbeit ist gut», sagt der Syrer Aabid und wischt sich den Schweiss von der Stirn. «Schreiben Sie unbedingt, dass wir Arbeit suchen!», ruft sein Kollege über das Feld. Die beiden bewirtschaften im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms einen Teil des Gartens im Kapuzinerkloster Wesemlin. Dort wird auch sonst noch einiges umgestaltet.

Vor ein paar Wochen haben die fünf Männer den Kürbis gepflanzt, jetzt jäten sie das Unkraut, das sich frischfröhlich verbreitet. Die Flüchtlinge machen mit bei einem Beschäftigungsprogramm des Schweizerischen Arbeitshilfswerks (SAH) und arbeiten an drei Nachmittagen in der Woche im Garten des Klosters Wesemlin.

Sie haben Zwiebeln, Tomaten, Gurken und andere Sachen angepflanzt. Jetzt kann bereits zünftig geerntet werden. «Einen Teil verkaufen wir. Was übrig ist, können die Teilnehmer selber mit nach Hause nehmen», sagt Annemarie Sonderegger, die vorübergehend die Leitung des Gartenprojekts übernommen hat. 

«Es leben noch 13 Brüder im Kloster. Wir können im Garten Unterstützung brauchen.»
Bruder Marc, Kloster Wesemlin

Später in der Zvieripause sitzen alle rund um den Tisch im Garten. Bruder Marc vom Kloster hat eine Schale mit Früchten und Getränken parat gemacht. «Das Projekt ist eine gute Sache!», sagt der 38-Jährige, der mit Abstand der jüngste Bruder im Kloster Wesemlin ist. «Es leben noch 13 Brüder im Kloster. Das ist nicht sehr viel und wir können im Garten Unterstützung brauchen.» So war es denn auch das Kloster, das mit der Idee auf die SAH zugegangen ist. «Bruder Paul ist bei uns für den Garten verantwortlich. Er hatte die Idee, dass wir mit Flüchtlingen zusammenspannen und so auch einen Beitrag zur Integration leisten könnten.»

Die Gartenarbeit bringt Struktur

Gesagt, getan: Die Kapuzinerbrüder sind beim SAH Zentralschweiz auf offene Ohren gestossen. Das Projekt startete im Frühling. Acht Monate dauert das Programm für die jeweils sechs bis acht Teilnehmenden. «Einerseits haben sie so eine Tagesstruktur, anderseits erweitern sie ihre Deutschkenntnisse», sagt Sonderegger. Wer mitmacht, ist im Schnitt etwa seit fünf Jahren in der Schweiz und kann sich auf Deutsch verständigen.

Der Klostergarten ist riesig und von einer Mauer umgeben. Nicht nur die Flüchtlinge arbeiten hier im Garten. «Ein weiterer Teil wird von Anwohnern bewirtschaftet. Auch das gibt Gelegenheiten für einen Austausch», meint Sonderegger. Noch habe man sich allerdings selten getroffen. «Bei diesen Temperaturen arbeiten die meisten frühmorgens in ihren Beeten.»

Auf dem Feld wachsen Kürbisse und jetzt gerade viel Unkraut.
Auf dem Feld wachsen Kürbisse und jetzt gerade viel Unkraut.

Gartenarbeit ist hier keinem fremd

Kunzang* kommt aus dem Tibet und kennt sich aus mit der Feld- und Gartenarbeit. Er hatte früher selber einen kleinen Hof, baute Gemüse an und kümmerte sich um die Schafe. Auch Haile aus Eritrea ist es nicht fremd, Gemüse anzubauen und zu ernten. «In Eritrea hatten wir aber einen Pflug und spannten Kühe davor. Wir machten nicht alles von Hand wie hier», sagt er. Geerntet habe er auch dort Tomaten, wie hier in der Schweiz. «Damit wird die Sauce für ‹Injera› gemacht, eines der beliebtesten Gerichte bei uns. Mit Tomaten, Fleisch, Eiern und einem säuerlichen Fladenteig», erklärt er mit den paar Brocken Deutsch, die er in den letzten Monaten hier gelernt hat. 

«Schwierig ist die Arbeit ja nicht. Für uns ist es gut, etwas zu tun zu haben.»
Teilnehmer des Beschäftigungsprogramms SAH Zentralschweiz

Auch die beiden Afghanen Tjark und Walid legen motiviert Hand an. «Schwierig ist die Arbeit ja nicht. Für uns ist es gut, etwas zu tun zu haben», sind sich alle Männer einig. Den ganzen Tag herumsitzen will keiner von ihnen und «richtige» Arbeit finden ist schwierig für die Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen. «Ich habe sehr viele Bewerbungen geschrieben. Alles ohne Erfolg», erzählt einer und reihum nicken alle.

Kein Job trotz vieler Bewerbungen

Die Männer machen die gleichen Erfahrungen, das frustriert sie und trotzdem bleiben sie dran und legen sich jetzt hier motiviert ins Zeug. Wer weiss: Vielleicht klappt es ja doch früher oder später mit einer richtigen Anstellung. «In Syrien hatte ich eine Schuhfabrik mit Angestellten und allem, was dazugehört. Jetzt ist dort alles kaputt», erzählt Aabid. Jeder hier hat seine Geschichte und hatte seine Arbeit in der früheren Heimat. Tjark arbeitete in Afghanistan als Schneider und flickte in seiner Werkstatt auch Velos. «Hier haben alle neue Velos, gute Velos», sagt er und lacht.

Bruder Marc räumt den Tisch ab, das Zvieri ist vorbei. Die Sonne brennt heiss herunter, am Himmel sind schwarze Wolken zu sehen. «Bald regnet es. Dann brauchen wir die Pflanzen heute nicht mehr zu giessen», meint Aabid. Zu tun gibt es an diesem Nachmittag auch so genug in dem grossen, schönen Garten. Die Männer gehen zurück zum Kürbisfeld und gehen wieder dem Unkraut an den Kragen.

Der Kapuzinergarten ist eine Oase der Ruhe und Besinnlichkeit. (Bild: Jutta Vogel für SAH Zentralschweiz)
Der Kapuzinergarten ist eine Oase der Ruhe und Besinnlichkeit. (Bild: Jutta Vogel für SAH Zentralschweiz)

Gartenumgestaltung und 6-stöckiger Neubau

In Zukunft soll ein Teil des grossen Gartens öffentlich zugänglich werden. Durch die Umgestaltung soll der besinnliche und spirituelle Charakter des Kapuzinergartens hervorgehoben werden und zur geistigen Erholung und Anregung dienen. Das ist allerdings ein kleiner Teil von grossen Neuerungen: Gebaut wird im Garten des Klosters Wesemlin nämlich auch ein sechsstöckiger Neubau mit Wohn- und Arbeitsräumen, die auch gemietet werden können. Beide Massnahmen sind Teil des Projekts «Lebensraum Klostergarten», das zusammen mit dem Seelsorgeprojekt Oase-W für einen recht frischen Wind sorgen soll. Die Kapuziner reagieren damit darauf, dass ihr Orden immer kleiner wird, und wollen so Möglichkeiten schaffen, sich – auch finanziell – den neuen Bedürfnissen anzupassen.

 

*Namen von der Redaktion geändert

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